So
22
Mai
2011
Sombar, 16.05.11
Nach einem ganz normal-anstrengenden Montag mit den Jungs in den unteren Klassen, fanden nach der Schule auch noch Junior und Senior-Orchestra Proben statt.
Mit den Juniors beschlossen wir am kommenden Freitag im Konzert nur ein Stück zu spielen, so konnten wir uns in den verbleibenden zwei Proben wirklich darauf konzentrieren.
Nach einer gelungenen Probe kamen dann um halb fünf Uhr auch schon die Seniors. Erst probten wir etwas in der Gesamtbesetzung, dann teilte ich sie ein letztes Mal in Register auf, damit wir „Pieds-en-l’air“ nochmals getrennt auseinander nehmen konnten.
Ich übernahm die Cello-Gruppe, weil Regina wieder einmal beim Zahnarzt war. Erst bereiteten mir diese sechs Jungs echt Kopfzerbrechen. Sie schafften es einfach nicht, bei diesem 9/4 Takt im Tempo zu bleiben. Erst als mir klar wurde, dass wirkliche alle jeden Viertel zählen, konnte ich das Problem einigermassen lösen.
Ich liess sie jede 3er-Gruppe mit einem Strich bezeichnen und anschliessend spielten sie viel fliessender, weil sie das grössere Bild sahen und in grösseren Einheiten dachten und zählten.
Nach der Probe traf ich Brother und Mrs. McCoull in der Halle. Sie wollten noch ein letztes Mal miteinander tanzen, bevor Brother morgen nach Siliguri fährt und Mrs. McCoull am Samstag zurück nach England fährt. Valerie hatte ihren Laptop mit heruntergebracht und so schallte bald Walzermusik durch die grosse Halle. Jan und ich tanzten dann auch noch einen schnellen Wienerwalzer bis uns wirklich schwindlig war.
Danach war plötzlich der Strom weg, so dass wir diese gemütliche Tanzstunde abrupt beenden mussten.
Mangalbar, 17.05.11
Heute habe ich mit den „Jungs“ wieder einmal für Pembas Assembly geübt. Die Jungs sind Pemba, Kamal und Jan, die gemeinsam ein Lied singen werden an Pembas Assembly. Weil bei dem Stück auch ein kleines Violine-Solo mit dabei ist, haben sie mich zur Gruppe dazugenommen. Es macht Spass mit ihnen zusammen zu spielen und so langsam tönt es auch richtig nach was. Pemba spielt Gitarre, Jan Kontrabass und ich begleite auf der Geige, manchmal auch mit Rhythmusgeräuschen. Die drei singen wirklich gut zusammen und ich freue mich schon auf nächste Woche, wenn wir den Song den Schülern präsentieren.
Nach der Schule stellten wir dann in der Halle die Stühle fürs Orchester schon so auf, wie wir am Freitag im Konzert spielen werden. Wir haben beschlossen, die Geigen nicht auf die Bühne zu setzen, es ist einfach zu wenig Platz da für ungefähr 50 Leute. So werden nur die Bratschen und die Celli auf der Bühne sitzen, während die 1. und 2.Geigen unten arrangiert werden.
Ich habe dann auch noch gemerkt, dass ich besser etwas höher stehen sollte, damit mich alle gut sehen. Als „Dirigentenpult“ gab es allerdings nur ein ziemlich hohes Tischchen aus dem Kindergarten. Darauf kam ich mir schon etwas ausgestellt vor und so benutzte ich es nur ab und zu. Die Probe verlief sehr gut und konzentriert, nur fehlten leider vor allem in der 1.Geige einige.
Dies zum Teil deshalb, weil die Buddhisten heute den Geburtstag von Buddha feiern und so einige Schüler nicht in die Schule gekommen sind.
Buddhabar, 18.05.11
Heute war, wie jeden Mittwoch, ein sehr gemütlicher Tag. Drei Stunden Unterricht mit den Jüngeren, danach den ganzen Tag frei bis auf die Junior-Orchestra Probe.
Ich bin zwischendurch kurz in die Stadt gefahren um einige Mails zu verschicken, war aber schon bald wieder zurück.
Vorher hatte ich in der Teepause noch gefragt, ob nun morgen ein Feiertag ist oder nicht. Es hat nämlich das Gerücht gegeben, dass morgen alle Schulen ausfallen sollten, weil die Partei den Wahlsieg feiern möchte. Father Patel hatte mir dann aber gesagt, es sei nun doch nichts und es würde normal Schule stattfinden.
Als ich am Nachmittag von der Stadt zurück kam und zum Workshop hinunter ging um mit Pemba, Kamal und Jan zu proben, sagte mir da Regina, es sei nun doch morgen schulfrei.
Das wäre super, weil wir so in aller Ruhe nochmals mit dem Orchester proben könnten!
Mit den Juniors haben wir dann ganz seriös nochmals das Stück geprobt, dass sie am Freitag spielen werden und ausserdem haben wir geprobt, wie sie herein laufen sollen, sich verbeugen, hinsetzen, Geige und Bogen halten, etc.
Es war anstrengend, aber auch immer wieder sehr amüsant.
Nach der Probe kam dann Raam, ein Cellospieler aus dem Senior-Orchestra, in der Halle vorbei und kündigte an, dass morgen doch kein Feiertag sei. Anscheinend ist ein Mitglied der Partei gestorben und so wollen und können sie morgen keinen Tag zum Feiern ausrufen.
Das ist natürlich sehr schade, weil wir so viel weniger Zeit zum Proben haben und die Schüler nach der Schule immer so müde sind, wenn sie dann ins Orchester kommen…
Gegen sechs Uhr abends machten wir Volunteers uns auf zum Parrish. Dort sollten wir die beiden Fathers sowie John und Mrs. McCoull treffen und mit ihnen ein gemütliches Abendessen einnehmen. Als wir ankamen, packte Father Patel einen Frisbee aus und so spielten wir alle zusammen eine Runde.
Danach erfuhren wir noch eine überraschende Neuigkeit, die wieder einmal einfach nur Kopfschütteln auslösen kann:
Jetzt war doch heute den ganzen Tag ein Hin und Her gewesen wegen dem Feiertag morgen. Erst hat es geheissen es sei Schulfrei, dann wieder nicht und jetzt hiess es, es sei doch frei, sogar Banda. Dies deshalb, weil der Tod dieses Parteimitgliedes anscheinend nicht natürlich gewesen sei, sondern ein Attentat. So würde nun für morgen Streik ausgerufen. Das ist einfach „incredible India“!!!
Später gab es leckeren Salat und Momos und wir gaben uns auch alle Mühe mit dem Unterhaltungsprogramm. Erst sangen nämlich Valerie, Jan und ich zwei französische Lieder, dann gaben Father Paul und Mrs. McCoull zwei Lieder zum Besten und anschliessend sangen die beiden Fathers gemeinsam ein Lied. Dann gab es noch etwas ausgelassenen Tanz und um ca. 10 Uhr, gerade, als es anfing leicht zu regnen, machten wir uns auf den Heimweg zur Schule.
Bihibar, 19.05.11
Trotz dem Freitag heute, musste ich heute normal früh aufstehen. Ich hatte nämlich das Junior-Orchestra um acht Uhr für eine kurze Probe bestellt. Diese tat dem Orchester auch ganz gut, auch wenn einige zwanzig Minuten zu spät kamen und so nur noch die letzten paar Minuten der Probe miterlebten.
Danach sollte dann eigentlich um neun Uhr Probe mit den Seniors sein. Kurz nach 9 waren aber noch sehr wenige Schüler da und ich befürchtete schon, dass nicht mehr viel mehr kommen würden.
Aber zum Glück waren dann gegen halb zehn Uhr fast alle da.
Wir konnten in aller Ruhe nochmals alle Stücke für das morgige Konzert durchproben und es lief wirklich ganz gut. Die Schüler waren konzentrierter als sonst, ziemlich aufmerksam und störten auch nicht so häufig zwischendurch.
Ich habe mich jetzt schon an mein Podest gewöhnt und werde wohl auch morgen von da „oben herab“ dirigieren. Die Schüler reagieren nämlich viel schneller und präziser, wenn sie mich so besser sehen können.
Kurz nach 12 Uhr beendeten wir dann die Probe, wir Volunteers gingen essen und danach hatten wir noch den ganzen Nachmittag und Abend frei zur Verfügung.
Schon bald fanden wir uns dann aber alle in der Küche wieder, weil wir den neuen Backofen nun definitiv einmal ausprobieren wollten. Ich hatte von meiner Mutter ein „Gugelhopf“ Rezept geschickt gekriegt und rührte nun alle nötigen Zutaten in einem grossen Topf zusammen. Währenddessen studierten die Anderen die Gebrauchsanleitung, so dass wir schon bald den Kuchen in den Ofen reinschieben konnten.
Da wir auch noch Lasagne zubereiten wollten, mussten wir uns erst noch auf die Suche nach Butter machen, da ich leider die ganze Butter für den Kuchen aufgebraucht hatte…
Gar kein leichtes Unterfangen, zumal es in den kleinen Läden hierherum meist keinen Kühlschrank und somit keine Frischprodukte gibt und ausserdem war ja auch noch wegen Streik theoretisch alles geschlossen.
Schliesslich lief Jan zum Parrish und kam mit etwas Ghee zurück, das stark nach Parmesan roch.
Nach einem Schnelllauf im Gemüseschnipseln und nachdem Valerie und Jan die Formen mit den verschiedenen Schichten schön sorgfältig ausgelegt hatten, konnten wir uns gemütlich vor den Ofen setzen und zuschauen, wie die gut gelungenen Lasagnes sich langsam drehten und sich langsam kochend in ein Festessen verwandelten. J
Der Kuchen war inzwischen natürlich schon fertig gebacken. Er liess sich sogar relativ leicht aus der Form lösen und duftete himmlisch!
Ja, diese 5 Stunden in der Küche hatten sich schliesslich wirklich sehr gelohnt. Wir bekamen ein Festessen mit Gurkensalat, Lasagne und Kuchen zum Nachtisch. Auch Father Patel und Mrs. McCoull hat es sehr geschmeckt und so wurde unser Ofen feierlich eingeweiht.
Sukrabar, 20.05.11
Heute findet das Konzert statt!
Und ich habe heute Morgen beinahe verschlafen… mein Wecker hat zwar frühzeitig geklingelt, aber danach habe ich mich nochmals umgedreht und bin wohl nochmals tief eingeschlafen.
Nach den drei ersten Lektionen, die wie im Flug vergangen sind, bekamen wir im Lehrerzimmer Kuchen und Tee zum Abschied von Mrs. McCoull. Danach hatte ich mit den Jungs für das Assembly von Pemba nochmals eine Probe und dann verzog ich mich für einige Zeit in meiner Zimmer um mich in aller Ruhe für das Konzert frisch zu machen.
Nachdem ich geduscht und eine schöne Kurta angezogen hatte, nahm ich alle meine Sachen und ging nach unten.
Leider hatte es keinen Strom und so konnte ich mir zum Lunch nicht die Überreste von der Lasagne warm machen.
Nach einem schnellen Mittagessen sorgte ich dann in der Halle dafür, dass nach und nach alle Stühle hergeschafft wurden und diese dann in der richtigen Anordnung aufgestellt wurden.
Zwischenzeitlich gab es noch etwas Tumult, weil die Boarders ankamen, sie noch nichts gegessen hatten und für sie kein Essen eingeplant war. Irgendwie liess sich dann aber auch dieses Problem lösen.
Irgendwann schaffte ich es dann, alle Seniors in der Halle zu versammeln, damit wir schauen konnten, ob alle ihren Platz hatten. Wir probten das Hereinkommen, Aufstellen und Hinausgehen und spielten die ersten paar Töne von den Stücken.
Danach mussten auch noch die Juniors gruppiert werden und es war schon beinahe Zeit fürs Konzert. Dann hiess es noch alle Geigen nochmals einigermassen durch zu stimmen und dann waren wir endlich bereit. Was für ein Stress!!
Jan und Kamal probten noch schnell ihre Ansagen auf Englisch und Nepali und dann konnte das Konzert tatsächlich ziemlich pünktlich um halb 3 Uhr beginnen. Die Halle war voll mit Schülern und Eltern, manche mussten sogar zuhinterst stehen.
Nach einer kurzen Ansprache hatten die Juniors ihren Auftritt und machten das ganz ausgezeichnet. Sie waren sehr konzentriert, spielten ihr Stück ohne grosse Zwischenfälle und schafften es sogar ab und zu mich anzugrinsen.
Auch der Auftritt der Seniors mit ihren sieben Stücken verlief zum grössten Teil reibungslos. Natürlich gab es für mich immer wieder kritische Augenblicke, wo ich ein wenig ins Schwitzen kam. Aber am Schluss konnte ich einfach nur stolz sein, auf die Leistung die die Schülern und wir Volunteers vollbracht hatten. Obwohl das Publikum nicht sehr klatschfreudig war, hat es ihnen glaube ich sehr gut gefallen.
Am Ende hat Father Patel noch einiges in Nepali gesagt uns gratuliert und jeder Schüler bekam noch eine Blume geschenkt.
Nach dem Konzert waren alle in guter Stimmung und ich wäre am liebsten irgendwo hingegangen um wirklich zu feiern. Nur gibt es hier halt nicht so viele Möglichkeiten.
Stattdessen haben wir dann mit Gästen, die eigentlich zum Konzert kommen wollten, aber zu spät waren, Tee getrunken. Danach hat Father Paul vorgeschlagen, dass wir ein Huhn kaufen sollten und so ein feines Essen zubereiten könnten.
Father Patel ist dann losgedüst und hat an der 7th Mile ein zweieinhalb Kilo schweres Tier erstanden. Regina und Valerie hatten nicht gross Interesse Chicken zu essen, geschweige denn zuzubereiten. So haben Jan und ich dann etwas herumexperimentiert und eine Marinade gemacht. Dann musste der Vogel auch noch irgendwie zusammen gebunden werden. Schliesslich hat Jan mit Zahnstochern wahre Schneiderkünste entwickelt, während ich assistiert habe.
Das Riesentier hat dann fast nicht in den Ofen gepasst, irgendwie ging’s dann aber doch und geschmeckt hat es anschliessend ausgezeichnet!!
Sanibar, 21.05.11
Nach den zwei Tagen Festessen und der Aufregung vom Konzert habe ich nicht allzu gut geschlafen. Trotzdem bin ich im acht Uhr nach draussen gestolpert, damit ich Mrs. McCoull noch auf Wiedersehen sagen konnte.
Danach haben Regina, Jan und ich beim Frühstück besprochen, was wir heute unternehmen wollten. Irgendwie lag das ganze Wochenende so leer vor uns, echt eine Seltenheit…
Wir riefen Ajay an, um nach Kalpanas Nummer zu fragen. Und tatsächlich konnte er uns weiterhelfen und so hatten wir schon bald Kalpana am Apparat und sie freute sich, dass wir sie fragten, ob sie mit uns in die Stadt kommen könnte.
Beim Parrish Fest hatte sie eben ein so schönes Buthia-Kleid angehabt und Regina und ich wollten nun schauen, ob wir auch so eins schneidern lassen könnten.
Jan wollte nach Saristoff schauen und eventuell Stoff für einen Anzug kaufen.
So machten wir uns dann um halb elf Uhr auf den Weg. Valerie kam mit uns bis in die Stadt mit, ging dann aber ihren eigenen Weg. Es dauerte ziemlich, bis wir ein Taxi bekamen, auch weil wir 5 Leute waren. Die Sonne brannte heiss und wir trafen bei der Brücke einige Schüler und Schülerinnen aus Gandhi Ashram.
In der Stadt führte uns Kalpana dann in die Strasse wo es viele buddhistische Läden gibt. In einem kleinen Shop schauten wir uns dann alle möglichen glänzenden Stoffe an. Ich entschied mich schon sehr bald für einen weinroten Stoff mit goldenen Mustern. Regina brauchte etwas länger um sich zu entscheiden, wählte dann aber einen leuchtendblauen Stoff mit dem gleichen Muster wie mein Stoff. Für die Bluse nahmen wir beide einen leicht cremefarbenen Stoff.
Mit je einem dicken Stoffbündel aus 5m farbigem Stoff und 1.5m weissem Stoff liefen wir dann weiter die Strasse entlang zu dem Schneider, welcher der Verkäufer Kalpana empfohlen hatte. Schon am Donnerstag können wir unser neues Kleid abholen, ich bin ja schon so gespannt, wie dieser ganz andere Kleiderstil an mir aussehen wird!
Danach machten wir uns auf die Suche nach schönen Saristoffen und schon bald erstand Jan einen sehr schönen, leichten roten Stoff mit feinem Muster.
Danach versuchten wir drei Girls ihn beim Anzugstoff kaufen zu beraten, was aber gar nicht so leicht war. Einerseits wussten wir überhaupt nichts von Männerkleiderstoffen und Jan hatte auch sehr klare Vorstellungen.
So gaben wir schliesslich auf und gingen zum Lunch. Weil der „Chinagarden“ voll war, suchten wir uns einen Platz im „Annapurna“ und mussten wieder einmal elend lange warten.
Das Essen war aber gut und wir unterhielten uns zu viert auch ganz angenehm.
Später begleiteten wir Jan noch zum Schneider, wo wir es schafften ein Sarioberteil in Auftrag zu geben, ohne dass die Person, die es anziehen wird anwesend war. Gar nicht so leicht, weil doch ziemlich viele Massangaben nötig sind.
Nachdem wir dann Jan beim Coiffure zurück gelassen hatten, machten wir Mädels uns auf den Rückweg. Es war ein langer aber sehr erfolgreicher und schöner Ausflug in die Stadt gewesen.
Zurück daheim ruhte ich mich erst einmal ein wenig aus, ging dann aber bald wieder in die Küche runter um einen Kuchen für Johns Geburtstag morgen zu backen.
Regina und Jan waren auch da und so teilten wir uns die Arbeit dann etwas auf: Jan putzte den Ofen, der vom Grillhähnchen gestern noch dreckig war, ich rührte den Kuchenteig an und Regina machte einen Zopfteig für das Frühstück morgen.
Leider ist der Kuchen dieses Mal nicht ganz so gelungen wie beim ersten Mal. Jetzt spät am Abend ist Regina in den Sinn gekommen, woran das liegen könnte. Wir hatten vergessen das Gitter in den Ofen zu stellen und so bekam der Kuchen trotz Umluft nicht genug Hitze von unten! Wieder was gelernt…
So
15
Mai
2011
Es ist schon fast nicht mehr zu glauben, wie lange ich nicht mehr geschrieben habe…
Mehr als ein Monat ist vergangen und seither ist hier so viel passiert! Heute, am Freitag dem 13.April, habe ich endlich wieder einmal Zeit zu schreiben. Heute werden nämlich die Wahlergebnisse ausgezählt und die Schule fällt aus, weil die Befürchtung besteht, dass es nach der Verkündung der Ergebnisse zu Unruhen kommen könnte. Wollen wir nur hoffen, dass es nicht wieder Streik gibt!
Hier also eine Zusammenfassung, was inzwischen passiert ist:
Am Samstag 09.April, Father Pauls Geburtstag, bin ich frühmorgens aufgebrochen, um nach Bagdogra runter zu fahren. Jerome Sir hatte mir ein Taxi organisiert, das mich zum Flughafen bringen sollte. Weil es auf der Strecke gerade einige Baustellen gab, rechnete ich mehr als genug Zeit ein, damit ich sicher frühzeitig am Flughafen sein würde.
Was ich nicht mit einberechnet hatte war, dass der Taxifahrer extrem schnell fahren würde.
Er raste so schnell die enge Bergstrasse hinunter, dass ich in jeder Kurve von einer Seite der Sitzbank auf die andere geschleudert wurde. Und auch bei Bodenwellen drosselte er keineswegs das Tempo, so dass ich regelmässig aufhüpfte und mir den Kopf am niedrigen Autodach anstiess.
Nach einigen abenteuerlichen Überholmanövern kamen wir dann schon sehr bald in die Plains runter und hier wurde es erst richtig lustig. Weder der Fahrer noch sein Kollege, den er mitgenommen hatte, waren jemals bis nach Siliguri, geschweige denn bis zum Flughafen gekommen. So hielten sie alle paar Meter an, um wieder nach dem Weg zu fragen.
Ausserdem fuhren sie unter ständigem Hupen durch die Strassen, weil sie damit die vielen Fahrradfahrer verscheuchen wollten, die hier herumfahren. Dabei ist ihnen wohl entgangen, dass sonst niemand so oft hupt…
Viel zu früh kamen wir dann am Flughafen an und der Fahrer schaffte es noch in eine verbotene Zufahrt einzubiegen, aus der er dann von einem bewaffneten Wachmann wieder hinausgeleitet wurde.
Nachdem ich die Beiden bezahlt hatte, suchte ich mir eine gemütliche Ecke, wo ich darauf wartete, dass ich für meinen Flug einchecken konnte.
Als ich dann mein Gepäck aufgeben wollte, schickte mich der Angestellte erst nochmals weg, weil man hier in Bagdogra das Gepäck erst durchleuchten lassen muss, bevor es versiegelt eingecheckt werden kann. Als dann auch das glatt abgelaufen war, verlief alles reibungslos und schon bald kam ich nach einem ruhigen Flug in Delhi an, wo ich erst einmal das total neue Flughafengebäude bewunderte.
Letzten August, als ich hier ankam, war das Terminal für Domestic Flights noch nicht fertig gewesen, jetzt glänzte alles und die Böden waren spiegelglatt.
Draussen erwartete mich schwüle Hitze und ich hielt Ausschau nach meinem Abholdienst, der mich zum Flughafen-Hotel bringen sollte. Unter all denn wartenden Fahrern fand ich schliesslich das Schild mit meinem Namen drauf, aber von einem Fahrer war weit und breit nichts zu sehen. So wartete ich dann bei dem Schild und nach einigen Minuten tauchte der Fahrer auf. Wir schlängelten uns durch die Menge und dann tauchte auch schon das Auto auf, das mich nach kurzer Fahrt beim Hotel absetzte.
Bei der Reservierung hatte das Hotel ja ganz angenehm geklungen, doch das Zimmer war eine wahre Enttäuschung: wahnsinnig klein, ohne Fenster und mit durchdringendem Rauchgestank, der zum Schneiden dick in der Luft lag. Hier sollte ich also den ganzen Abend und die Nacht verbringen… und für den Preis hätte ich in den Hills eine ganze Woche in einer schönen Unterkunft wohnen können!
Ich verbrachte dann einige Zeit mit Lesen und ging dann hinunter ins Restaurant, wo ich als einziger Gast unter den Augen von 4 Kellnern mein „Fried Rice“ ass und dann gleich wieder ins Zimmer verschwand.
Trotz der etwas unangenehmen Atmosphäre schlief ich bald ein und wachte erst wieder mit meinem Wecker auf.
Aitabar, 10.04.11
Ziemlich aufgeregt packte ich morgens um kurz nach 6 Uhr meine Tasche und wurde pünktlich um halb sieben von einem Taxi abgeholt, das mich zum Flughafen bringen würde.
Auf der extrem kurzen Fahrt musste ich dem Fahrer dann noch verständlich machen, dass ich zum Arrival Terminal muss und nicht abfliegen werde.
Dort stand ich dann schon um zwanzig vor 7 und der Flug der Anderen würde erst um kurz nach 7 landen.
Um diese frühe Uhrzeit standen am Flughafen nur vereinzelt Leute, die Gäste abholen wollten und einige Fahrer von Taxis und Touristenunternehmen.
Kurz vor 7 Uhr sah ich dann auf dem Bildschirm, dass das Flugzeug aus München gelandet war. Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern… ich war erfüllt mit einem nervösen Kribbeln und in meinem Bauch schienen etliche Schmetterlinge eingesperrt zu sein. J
Plötzlich spazierte dann ein Fahrer mit einem Schild vor mir durch, auf dem René Landolt stand, der Name meines Vaters. Ich sprach den Mann an und erklärte ihm, dass ich zu dieser Reisegruppe gehöre und die anderen jeden Moment auch auftauchen würden.
Er wollte sich dann unbedingt mit mir unterhalten und hat mich mit Fragen bombardiert, weil es ihm sehr speziell vorkam, dass ich hier in Indien auf Schweizer Gäste wartete und ausserdem noch eine Kurta trug. Ich erklärte ihm abgelenkt wie es dazu kam, war aber nicht einmal halbwegs mit den Gedanken dabei, weil ich die ganze Zeit den Ausgang beobachtete.
Schliesslich rief ich sogar Papa auf dem Handy an, weil ich sicher gehen wollte, dass sie wirklich gelandet sind. Sie mussten noch aufs Gepäck warten, und wirklich schon bald danach entdeckte ich sie in der grossen Ankunftshalle.
Überglücklich umarmte ich dann der Reihe nach meine Eltern, meinen Bruder und schliesslich auch Christoph. Ich konnte es fast nicht glauben, dass sie nun wirklich hier bei mir in Indien waren und irgendwie waren wir alle ziemlich aufgeregt.
Der Fahrer lotste uns dann zu seinem Auto, wo die Fahrtroute besprochen wurde. Es sollte heute noch nach Agra gehen, dem ersten Stopp unserer einwöchigen Rundreise.
Im Auto hatten wir uns dann allerlei zu erzählen, meine Gäste waren auch überwältigt vom Blick aus dem Autofenster und für mich war es spannend zu sehen, was sie entdeckten. Oft waren es nämlich Dinge, die mir schon ganz alltäglich vorkamen.
Nach einigen Stunden wurden dann aber alle müde und so verschliefen wir einen Teil unserer Reise.
Erst kurz vor Agra erwachten wir so nach und nach und schliesslich hielt der Fahrer bei einer Sehenswürdigkeit. Es war das Grab von Akbar, dem mächtigsten aller Mogul-Herrscher.
Das majästetische Bauwerk aus dunkelrotem Sandstein und hellem Marmor wirkt sehr imposant und der Garten, im Inneren der Anlage ist eine friedliche Oase, in der sich Streifenhörnchen und Hirschziegenantilopen tummeln. Es war ziemlich heiss, trotzdem wanderten wir durch den ganzen Park uns sahen uns das Mausoleum von Näherem an.
Zurück beim Auto, beschlossen wir, erst zum Hotel zu fahren, bevor wir uns Agra und vor allem das Taj Mahal ansehen würden.
Wie alle unsere Hotels, die wir im Laufe der Woche sahen, war dieses hier schön, komfortabel und ziemlich luxuriös im Vergleich zum dem, was ich mir hier in Indien gewöhnt war. Während der ganzen Woche war ich immer wieder hin- und hergerissen. Auf der einen Seite empfand ich diese „Touristenwoche“ als Überfluss und „just too much…“, auf der anderen Seite genoss ich es aber sehr, wieder einmal in richtig weichen Betten mit echter Bettwäsche schlafen zu dürfen und abwechslungsreiches Essen geniessen zu können!
Nachdem wir uns ausgeruht und frisch gemacht hatten, machten wir uns am späteren Nachmittag auf zum Taj Mahal.
Nachdem wir die Tickets für den Eintritt gekauft hatten, brachte uns ein Elekromobil nahe an den Eingang. Durch ein Tor konnten wir das cremeweiss-glänzende Monument schon sehen. Von Weitem war gut zu sehen, dass die vier Minarette an den Ecken leicht schräg nach aussen driften. Wir standen lange beim Tor, bewunderten das Taj von Weitem und schossen duzende von Fotos.
Dann bewegten wir uns durch die vielen anderen Touristen hindurch näher zum Taj hin. Bevor wir die grosse Plattform betreten konnten, auf dem das Taj und die zwei Nebengebäude stehen, mussten wir die Schuhe ausziehen. Der Marmorboden war, trotzdem dass er weiss ist, ziemlich aufgeheizt von der Sonne.
Erst wendeten wir uns zur linken Seite, wo sich die Moschee in dem einen Nebenbau aus rotem Sandstein befindet. Eine Insektenart, wahrscheinlich Bienen oder Hornissen, hatte riesige schwarze Waben in die hohen Kuppeln gebaut. Von hier aus hatten wir wieder einen ganz anderen Blick auf das Hauptgebäude.
Ich wurde von einigen jungen Indern angesprochen und sollte mit ihnen für ein Foto posieren. Erst stimmte ich zu, doch schon nach ein- zwei Fotos wurde es mir zu aufdringlich und ich lief ihnen davon.
Wir stellten uns dann in die Schlange, um das Innere zu besichtigen und trotz der immer noch grossen Touristenmassen, die sich durch den Raum schleusten, war es einfach beeindruckend, die Verzierungen im Marmor zu sehen und die geniale Akustik des Kuppelraums zu erleben. Allerdings verschlug es einem von dem Trillerpfeifengedröhn der Wächter fast die Ohren. Diese setzten ihre lauten Instrumente immer dann ein, wenn jemand verbotenerweise fotografierte, was leider fast die ganze Zeit der Fall war…
Als wir wieder ins Freie traten, war die Sonne schon ein ganzes Stück tiefer gesunken und tauchte das Gelände in ein golden-rosiges Licht. Nach einiger Zeit auf der anderen Seite, des quadratischen Platzes, wo man einen schönen Blick auf den Fluss hat, wandten wir uns zum Gehen, blieben aber immer wieder Stehen um zurück zu schauen.
Die Touristen waren auch schon weniger geworden und so konnten wir das Taj nochmals in seiner ganzen Pracht geniessen.
Zurück beim Hotel speisten meine Gäste dann das erste Mal richtig Indisch und ich konnte ihnen einige Empfehlungen machen. Das Essen war ausgesprochen lecker, trotzdem mochten wir nicht alles aufessen, es war einfach viel zu viel!
Zum Essen spielten zwei Musiker auf einer kleinen Bühne Sithar und Tabla, eine schöne Untermalung.
Sombar, 11.04.11
Am Morgen genoss ich ein erfrischendes Bad im Hotelpool. Während ein Affe auf der Mauer herumspazierte, die Streifenhörnchen sich im Efeu jagten und grüne Papageien meckernd von Baum zu Baum flatterten, fühlte ich mich wie im Paradies. Endlich mal wieder Schwimmen!!
Das Frühstück war ausgezeichnet, danach verliessen wir aber Agra schon wieder, mit Ziel Jaipur.
Auf den Strassen war schon einiges los: Fahrräder, Autos, Rikschas, Elefanten, Dromedare, Kühe, Ziegen, Lastwagen, Traktore, Ochsenwagen... jeder kämpfte um seinen Platz.
Es gab so viel zu sehen, dass es uns nie langweilig wurde. Für mich war auch ganz spannend zu sehen, wie anders hier die Landschaft ist, wie die Häuser gebaut sind, wie Dinge transportiert werden.
Auf grossen Feldern wurde gerade Weizen geerntet und so waren viele Mähmaschinen unterwegs und auch Transporter, die in überdimensionalen Säcken, völlig überladen das geschrotete Korn transportierten. Wie schon erwähnt kamen wir auch an vielen Karren vorbei, die von Dromedaren gezogen wurden. So was hatte ich bisher auch noch nie erlebt.
Und dann immer wieder Elefanten, die Holzstapel transportierten oder einfach so geführt von einem Mann, der hinter ihren Ohren auf dem Rücken sass, gemütlich schaukelnd der Strasse entlang trotteten. Viele waren mit Blumen und fantasievoll-verschlungenen Linien bemalt, was sie aber nicht zu stören schien.
Irgendwo auf der Strecke zwischen Agra und Jaipur besichtigen wir dann noch eine eindrückliche Anlage von Grabdenkmälern. Hier machte meine Mutter dann auch ihre erste Begegnung mit hartnäckigen Händlern, auf die sie prompt hereinfiel. Ich finde die aufdringlichen Händler einfach nur lästig und wimmle sie immer so schnell wie möglich ab. Sie hatte da mit ihrem gutmütigen Charakter einige Mühe…J
Nachdem wir die ganze Anlage besichtigt hatten, zeigte uns unser Fahrer, der mitgekommen war, einen Turm, ein Stück weiter unten auf dem Gelände. Dieser Turm hatte rundherum hervortretende Spitzen, eingefügte Elfenbein-Stosszähne. Das Spezielle an diesem Turm sei, dass er Paaren viel Glück bringe. Wenn das Paar den Turm sieben Mal umrundete, werde es ewig glücklich zusammen bleiben, wenn es heiratete.
Wir spazierten alle gemeinsam zum Turm herunter und… (ja Christoph und ich haben den Turm wirklich ganze sieben Mal umrundet).
Als wir dann aus der Hitze zurück ins Auto stiegen, erwartete uns hier ein wahrer Backofen. Doch dank der Klimaanlage wurde die Luft bald angenehmer kühl.
Bevor wir Jaipur erreichten, entführte uns der Fahrer noch in ein abgelegenes Dorf, wo er uns etwas ganz Spezielles zeigen wollte. Irgendwo im Nichts, wo gerade eine Art Markt/Volksfest stattfand, liess er uns dann aussteigen und sagte, wir sollten zum Tempel gehen. Schon nach einigen Schritten waren wir von Kindern umringt, die sich an uns hängten, auf uns einschwatzten oder uns einfach berühren wollten. Sie schienen sich überhaupt nicht gewöhnt zu sein, Touristen zu sehen.
Sie verfolgten uns durch das dichte Gedränge bis zum Tempel. Dort stiegen wir die Steinstufen herauf und liefen rund um die Anlage. Die ganze Plattform und die niedrigen Mäuerchen darum waren zusammengestückelt aus mit verschiedenen Mustern gemeisselten Steinbrocken. Dieses Durcheinander hat seinen ganz eigenen Charme und ich machte einige Fotos verschiedener Steinmetzkunstwerke. Immer mit dabei war eine Traube Kinder, die uns immer wieder zuriefen, „Please Mam, 1 Rupee… please take photo…“
Irgendwie schlugen wir uns schon bald wieder zum Auto durch und waren auch ganz froh, als wir wieder drin sassen. Draussen drängten sich immer noch die Kinder, klopften an die Scheiben, lachten und riefen uns Dinge zu.
Mama hat das gar nicht gefallen, dieses unfreiwillige Bad in der Menge und auch ich musste zugeben, dass das schon ein wenig krass gewesen war.
Nach diesem Spektakel, genossen wir lieber wieder die Landschaft aus dem Auto heraus, bis wir schliesslich die Hügel vor Jaipur passierten und uns plötzlich wie am Rande einer Wüste vorkamen, so trocken und karg war die Landschaft plötzlich, verglichen mit den wogenden Weizenfeldern von vorhin.
In unserem Hotel spazierten schillernde Pfauen majestätisch auf grünen Rasenflächen herum und der Pool lockte mit seinem klaren, kühlen Wasser.
So entspannten wir dann im Wasser planschend von der langen Autofahrt und assen später im Hotelgarten ein wieder einmal ausgezeichnetes Mahl. Dazu unterhielt uns eine Gruppe aus zwei Tänzerinnen und einigen Musikern, die traditionelle Musik und Tanz aus Rajasthan präsentierten. Nach ihrer guten Darbietung war der Puppenspieler der danach seinen Auftritt hatte, nur noch lächerlich. Zur immer gleichen Musik liess er verschiedene Puppen tanzen, die aber immer gleich herumwackelten.
Müde von der Reise und vom leckeren Essen, genossen wir danach die Nachtruhe in den grossen, weichen Himmelbetten und die Ruhe wurde nur ab und zu von den Schreien der Pfauen unterbrochen.
Mangalbar, 12.04.11
Heute machten wir uns relativ früh auf den Weg, um die Morgensonne auf der Fassade des Hawa Mahal (Palast der Winde) bewundern zu können. Dieser Palast ist an der Frontseite mit 593 vergitterten Fenstern bestückt. Natürlich habe ich die nicht alle gezählt, sondern es gerade eben im Reiseführer nachgelesen… J
Das Gebäude sieht ein wenig wie eine grosse, weiss-rosa-orange-farbene Bienenwabe aus. Was ausserdem auffällt ist, dass es wirklich praktisch nur Fassade ist, das heisst, es ist meist nur ein Zimmer tief.
Längere Zeit standen wir einfach vor dem Gebäude, bewunderten die Architektur, sowie auch das Treiben auf der Strasse. Was mich ein wenig wunderte ist, warum die Stadt „Pink City“ genannt wird. Ja, die Farbe ist speziell, aber als rosa-farben würde ich die Gebäude nun wirklich nicht bezeichnen. Dafür haben sie zu sehr einen Stich ins orange-goldene…
Dann chauffierte uns der Fahrer zum Seeufer, wo sich mitten im See die ehemalige Sommerresidenz des Maharajas erhebt. So ein Schloss inmitten eines Sees ist wirklich nicht schlecht, um sich im heissen Sommer abzukühlen.
Der quadratisch angelegte Bau spiegelte sich klar im Wasser, einfach ein schöner Anblick!
Von da aus folgten wir im Auto der Strasse, die sich um enge Kurven durch zwei Hügel hindurch schlängelte. Am einen Hang war noch die alte pompöse Verteidigungsmauer zu sehen. Und kaum waren wir zwischen den Hügeln hindurch, konnten wir an den nächsten Berghängen einige Burgen ausmachen. Diese Bauten sind alle Sandfarbig und sind so ziemlich gut getarnt.
In der Ebene unten hielten wir kurz, um das Amber Fort richtig bestaunen zu können. Mama unterhielt sich mit zwei Schlangenbeschwörern und wir schossen ein paar Fotos, als sie mit Turban und Flöte die Schlangen bezirzte. Das lustige daran ist, dass Schlangen taub sind. Sie reagieren also gar nicht auf die Musik, sondern mehr auf die Bewegung der Schlangenbeschwörer. Diesen Kobras hier wurden die Giftzähne gezogen, aber die zwei Männer hatten sie nicht allzu gut im Griff und konnten sie nur mit Mühe wieder in den Körben verstauen, nachdem sie einmal „aufgestiegen“ waren.
Weiter ging unsere Fahrt durch das Dorf Amber hindurch und eine steile Strasse zum Fort hoch. Normalerweise kann man auf der Frontseite der Anlage mit Elefanten hoch reiten. Weil aber heute ein spezieller Feiertag für die Hindus war und viele zur Tempel hoch pilgerten, waren Elefantenritte an diesem Tag verboten.
Oben angekommen betraten wir das Fort quasi vom Ausgang her. So konnten wir aber den Massen von Pilgern ausweichen und ganz gemütlich durch die riesige Anlage schlendern. Auf den Zinnengängen und in den kleinen verzierten Türmchen kam ich mir wirklich ein bisschen wie eine Maharani vor, zumal ich auch wieder eine Kurta trug. In einem Innenhof mit Garten hat mich sogar eine Frau in blauem Sari auf meine indische Kleidung angesprochen. Sie gehörte zum Putzpersonal und hat mir ein paar Mal „ramro…ramro kurta“ zugerufen und gestrahlt.
Nachdem wir ausgiebig die engen Gänge und schönen Plätze erkundet hatten, suchten wir auf dem Parkplatz unseren Fahrer und fuhren zurück in Richtung Jaipur.
In einem Restaurant tranken wir ein Lassi und besprachen, was wir heute noch unternehmen sollten.
Ein bisschen Shoppen fanden wir nicht schlecht und der Fahrer wollte uns etwas aus Jaipur heraus zu einem Gebiet bringen, wo es schönen Stoff, Teppiche und andere Textilien zu kaufen gab. So fuhren wir dann quer durch Jaipur und sahen auf der anderen Seite der Stadt fast futuristisch anmutende Wolkenkratzer aus Glas und Stahl. Irgendwie schräg für diese Gegend…
Nach einer Weile kamen wir ins Gebiet, wo diese Stoffgeschäfte hätten sein müssen. Ein paar Mal fuhr der Fahrer im Kreis, immer wieder durch die gleichen Strassen. Anscheinend gab es die Geschäfte nicht mehr. Sehr wahrscheinlich waren sie in den letzten Jahren weiter nach Jaipur hinein versetzt worden. Frustriert kehrte der Fahrer um und wollte uns nun zu einem anderen Geheimtipp bringen.
In einer Wohngegend suchte er wieder etwas herum und hielt schliesslich vor einem ganz gewöhnlich aussehenden Haus. Wir stiegen einige Stufen ins Untergeschoss hinunter, wo uns der Geschäftsführer empfing und uns die „Werkstatt“ zeigte. In einem kleinen Raum sassen zwei Männer an niedrigen Tischen am Boden und schweissten Silber zusammen und formten es zu Ringen, Ohrringen und Ketten.
Danach wurden wir durch eine Sperrholztür hindurch in den Verkaufsraum geführt. Unglaublich, was uns da erwartete. Hinter der schäbigen Tür tat sich ein mit Teppichen ausgelegter Raum voller Glasvitrinen auf, hinter denen es von Gold, Silber und verschiedenen Edelsteinen nur so funkelte. Wir waren fast ein bisschen überrannt. Ausserdem wollte eigentlich niemand von uns teuren Schmuck kaufen.
So schauten wir uns die Auslagen einfach ein wenig an und kauften schliesslich ein, zwei kleinere Dinge.
Unser Fahrer war ganz erstaunt, dass wir so wenig gekauft hatten und wollte uns noch zu anderen Schmuck- und Edelsteingeschäften führen. Wir versuchten ihm zu erklären, dass wir keinen Schmuck kaufen wollten, was er aber gar nicht verstehen konnte.
Schliesslich stiegen wir beim Citypalast aus und schlenderten noch etwas an den Souvenir-Geschäften entlang. Danach wollten wir eigentlich zurück zum Hotel, aber der Fahrer hatte noch eine andere Station geplant. Er brachte uns zu einem Geschäft, wo Teppiche geknüpft werden und Stoffe bedruckt werden. Und das alles von Hand.
Wir waren baff, wie schnell diese Leute hier ganz präzise den Stempel immer und immer wieder aufdrücken und so in Sekundenschnelle eine lange Stoffbahn kunstvoll verzieren.
Und dann die Teppichknüpfer: mit unglaublichem Geschick und in einem Wahnsinnstempo knüpfen sie Knoten um Knoten in zum Teil sehr komplizierten Mustern. Eine riesige Arbeit, die oft Monate dauert für einen Teppich!!
Drin in den Showrooms wurden uns dann einige Teppiche vorgeführt und schliesslich im oberen Stockwerk auch noch verschiedene Stoffe, Bettüberwürfe, Schale, etc.
Am Schluss war ich ziemlich kaputt und war sehr froh, als wir dann endlich zum Hotel zurückfuhren. Einkaufen, mit all diesen Händlern, die einem ständig an den Fersen kleben ist soooo anstrengend!!
Am Abend im Hotelgarten, wurde uns zum Essen nochmals dasselbe Programm wie schon gestern geboten, aber heute waren mehr Gäste da. Einer der Kellner hatte irgendwie besonders Gefallen an uns gefunden. Er brachte uns Spezialgetränke und empfahl uns gewisse Speisen aus der Karte. Ausserdem holte er seine Kollegen heran, sie setzten den Männern ihre Turbane auf und wollten einige Fotos zusammen schiessen.
Es war ein ganz netter Abend, wiederum mit einfach ausgezeichnetem Essen. Das muss ich immer wieder betonen, weil ich das so genoss!!! J
Buddhabar, 13.04.11
Heute stand noch die Besichtigung des City-Palace sowie des Jantar Mantar auf dem Plan, bevor die Reise dann zurück nach Delhi gehen würde.
Der City-Palace ist über und über verziert, ein Teil ist in sattem Rot mit weissen Verzierungen bemalt und in einem Innenhof gibt es vier Tore, die alle mit unterschiedlichen Farben, Mustern und Figuren verziert sind.
In einem weiteren Innenhof steht das aus Marmor gefertigte Mubarak Mahal. Dieser Palast beherbergt heute eine Ausstellung von alten Kleidern aus der Zeit der Maharadscha-Familie, was sehr interessant zu sehen war.
Eigentlich wollten wir gleich vom City-Palast aus zum Jantar Mantar laufen, aber irgendwie fanden wir das richtige Tor nicht. So kehrten wir um und liessen uns vom Fahrer nochmals zeigen, wo wir hinlaufen sollten.
Durch ein Tor hindurch und um einige Ecken herum fanden wir dann den Eingang zu der Anlage, wo der Maharadscha Jai Singh II, der Hobbyastronome gewesen war, 18 Instrumente aufstellen liess, die er zum Teil selbst ausgeklügelt hat. Mit einigen dieser grossen Instrumente lassen sich Positionen und Bewegungen von Sternen beobachten, das imposanteste aber ist die riesige Sonnenuhr (27m hoch) mit der sich die Zeit auf zwei Minuten genau berechnen und ablesen lässt!!
Nach diesen interessanten Eindrücken verliessen wir Jaipur. Die Fahrt verlief relativ unspektakulär, bis wir uns Delhi näherten und das Hotel finden mussten.
Mit ziemlicher Präzision fuhr unser Fahrer in den richtigen Strassenbezirk, aber hier sah es überhaupt nicht so aus, als gäbe es ein einigermassen akzeptables Hotel! Die Strassen wurden immer enger, bis wir schliesslich in einer engen Gasse landeten, wo uns der Weg durch einen Kleinbus und Pferdekutschen versperrt war. Bis wir überhaupt soweit gekommen sind, waren wir sogar schon durch einen brennenden Müllhaufen am Strassenrand gefahren.
Vor uns waren einige magere Pferde angebunden, hinter uns rauchte immer noch der Müllhaufen, wir konnten nicht weiter.
Samuel und Papa stiegen aus und wollten weiter vorne schauen, ob sie das Hotel finden konnten. Wir anderen sassen im Auto, fragten uns, wo wir da hin geraten waren und warteten auf den Fahrer des Kleinbusses, der dann auch wirklich aufgetrieben werden konnte. Er manövrierte sein Auto etwas auf die Seite, so dass wir haarscharf zwischen Kutsche und Auto durchzirkeln konnten.
Keine 10 Meter weiter vorne tauchte dann wirklich auf der rechten Seite unser Hotel auf. Und was für eine Überraschung: trotz der ziemlich heruntergekommenen Umgebung strahlte es innen einen ganz eigenen Charme aus, die Zimmer waren richtig schön und die Dachterrasse mit Restaurant sogar ziemlich spektakulär.
Von hier oben hatte man einen super Überblick über einen Grossteil von Delhi und konnte ausserdem etwas das Leben rundherum beobachten.
Mama, Christoph und ich wagten uns sogar nochmals nach draussen, bevor es dunkel wurde und liefen eine Runde um den Block. Die Gegend war schon eher ärmlich, aber doch auch wieder auf eine Art touristisch. Uns begegneten nämlich einige Weisse und an einer Ecke fanden wir eine German Bakery.
In einer angenehm kühlen Abendbrise assen wir dann später allerlei Köstlichkeiten auf der Dachterrasse und ruhten uns für die morgige lange Reise zum Corbett National Park aus.
Bihibar, 14.04.11
Am Morgen erwartete uns ein neuer Fahrer vor dem Hotel. Anscheinend war dem anderen etwas Dringendes dazwischen gekommen und so löste ihn nun ein junger Kollege ab.
Dieser Fahrer führte uns bei den Pausen auf der langen Fahrt mal zur Abwechslung nicht in schicke Touristenlokale, sondern wir tranken an einer einfachen Raststätte zu normalen Preisen etwas. Die Landschaft änderte sich langsam von üppigen Weizenfeldern erst zu etwas kargerer Landschaft. Dann passierten wir eine Gegend, wo es sehr viele Industrieanlagen hatte, unter anderem auch eine Glühbirnenfabrik. Hier sah alles etwas schmutzig aus. Überall lag grau-schwarzer Staub herum, der so aussah, als sei er aus den nahen Fabrikkaminen in alle Winde verstreut worden.
Nachdem wir dann diesen etwas trostlosen Streifen hinter uns gelassen hatten, wurde die Landschaft immer grüner. Es tauchten Wälder an den Strassenrändern auf, die Bewohnungen wurden rustikaler und die Menschen sahen auch anders aus, dunkler in der Hautfarbe und viel mehr Leute waren auf den Feldern oder auf Fahrrädern unterwegs.
Gegen zwei Uhr nachmittags erreichten wir dann die letzte Stadt vor dem Nationalpark und jetzt musste unser Fahrer Ausschau nach unserer Lodge halten. Wir wussten nämlich alle nicht so genau, wo sie sich befinden sollte. Nun reihten sich Lodge an Lodge, hier gibt es eigentlich nichts anderes als den Park und die Unterkünfte für die Touristen.
Bald fanden wir dann das Tiger Resort, wo man uns erst mal ein süss-klebriges Erfrischungsgetränk anbot und wir den ganzen Anmeldepapierkram einzeln von Hand ausfüllen mussten. Danach wurden wir in schöne, grosse Zimmer geführt und dann gleich wieder abgeholt, damit wir noch einen späten Lunch essen konnten.
Hier im Resort gab es immer Buffet, sehr vielfältig und ausgesprochen gut.
Nach dem Essen ruhten wir uns aus, heute war sowieso nicht mehr allzu viel zu machen. Später liefen wir den schmalen Pfad bis zum Fluss, wo wir dann auch an den Unterkünften der Arbeiter vorbeikamen. Ein extrem krasser Gegensatz: Wir wohnten in klimatisierten Räumen, sie dagegen hatten als Schutz vor dem Wetter und der Hitze nichts als notdürftige Zelte aus schwarzer Plane!
Ein paar Kinder kauerten zwischen den Steinen und spielten mit Streichhölzern herum. Als wir dann wieder zurück liefen, waren sie gerade dabei ihr Werk in Wasser zu ertränken und spielten stattdessen nun mit dem Schlamm. Auf unser „Hello, Namaste“ strahlten sie uns an, und sobald wir vorbei waren riefen sie dann doch auch noch „Hello, hello“.
Vor dem Abendessen sahen wir uns einen interessanten Tierfilm über die Tiger im Park an.
Dann speisten wir in der grossen, runden, stroh-gedeckten Hütte, die nach alle Seiten luftig offen war unter all den anderen Gästen, die zum grössten Teil Inder waren.
Sukrabar, 15.04.11
Heute hiess es früh aufstehen, weil wir um 05.30 von einem Jeep abgeholt werden sollten und eine Safari im Park machen würden.
Pünktlich stand unser Fahrzeug dann auch da und wir waren die Ersten, die das Parktor um 06.00 Uhr passieren durften. Unser Führer sagte zwar, dass wir alle Fragen stellen könnten, die wir wollten, er selbst erklärte aber nicht allzu viel und verstand auch nicht so viel Englisch. Es war noch sehr frisch und kühl und ich hatte mir zu wenig angezogen, bekam dann aber den Schal von Mama. Etwas später ging dann die Sonne auf und fing an erste wärmende Strahlen zu verbreiten.
Beim ersten Zwischenhalt im Park, wo der Fahrer sich noch irgendwo eintragen lassen musste, stellten Fahrer und Führer fest, dass irgendwas an unserem Jeep nicht stimmte. So musste also so schnell wie möglich ein neues Fahrzeug heran geschafft werden. Gar nicht so leicht, weil wir sicher schon eine gute halbe Stunde gefahren waren, bis wir zu diesem Zwischencamp gekommen waren.
Wir nutzen die Zeit und schlenderten etwas herum, beobachteten, wie eine Gruppe Touristen gerade auf einen Elefanten heraufkletterten, mit dem sie wohl eine Safari unternehmen würden.
Danach sassen wir unter einem Baum und sahen den vielen anderen Jeeps zu die kamen und gingen. Nach und nach kamen immer mehr Fahrzeuge und plötzlich waren wir dann von ganz vielen indischen Touristen umringt. Der Grund: wir waren die einzigen Weissen und irgendjemand hatte uns gefragt, ob wir ein Foto mit ihm machen würden. Und so sahen uns plötzliche alle als Attraktion, kamen nach und nach zu uns und wir sind jetzt wohl in einigen Fotoalben verewigt. Es war lustig und irgendwie fühlten wir uns auch ein bisschen wie eine besonders seltene Tierart dieses Parks. J
Nach einiger Zeit kam dann auch endlich ein neuer Jeep für uns, wir winkten unseren neuen Bekannten ein letztes Mal zu, dann brauste unser Auto auch schon davon. Unser Führer war nun natürlich sehr darauf erpicht uns möglichst viel zu bieten. Doch Tiger haben wir leider an diesem Tag nicht gesehen, obwohl wir relativ frische Spuren entdecken konnten.
Dafür gab es einiges Anderes zu sehen: verschiedene Hirscharten, Vögel, Pfaue, wilde Hühner und Hähne und einen Mungo, der uns auf der Rückfahrt noch kurz vor dem Ausgang über den Weg lief.
Und ausserdem war es einfach schön, wieder mal frische Luft atmen zu können. Im etwas dichteren Wald roch es auch so köstlich nach allerlei Blüten und als wir einmal ganz still standen und einfach so den Wald um uns herum genossen, hörte sich das fallen der vielen kleinen Blüten von einer Baumsorte wie leicht fallender Regen an. Einfach schön!!
Zurück bei der Lodge konnten wir noch ein spätes Frühstück geniessen. Anschliessend waren wir dann einfach ein bisschen faul, wuschen unsere Wäsche, die in der vergangenen Woche angefallen war, assen zu Mittag, dösten wieder etwas und machten uns dann am späteren Nachmittag auf zum Pool, den wir entdeckt hatten.
Dazu mussten wir ein ganzes Stück weit laufen, auf ein anderes Gelände, aber es lohnte sich, weil das Wasser eine schöne Erfrischung war und wir nach Lust und Laune herumplanschen konnten.
Sanibar, 16.04.11
Schon wieder früh aufstehen, und zwar noch früher als gestern. Heute ging es nämlich schon um 05.00 Uhr mit einer Elefanten-Safari los.
Wir folgten einem Angestellten der Lodge durch die noch ziemlich dunkle Nacht und fanden bald den kleinen Platz, wo wir auf die Elefanten aufsteigen konnten. Papa fiel noch beinahe in den Strassengraben, der in der Dunkelheit kaum zu sehen war. Zum Glück konnte ihn jemand aber noch festhalten. Wir stiegen der Reihe nach eine steile Leiter zu einer kleinen Plattform hinauf, von wo wir dann bequem auf der Höhe des Elefantenrückens waren und so nur auf den „Sattel“ rutschen mussten und schon ging’s auch schon los.
Mama und Papa waren auf dem ersten Elefanten unterwegs, Samuel, Christoph und ich folgten auf dem Zweiten.
Erst ging es durch eine Art Park zum Fluss hinunter, den wir dann durchquerten. Unser Elefant hatte es dann ganz plötzlich sehr eilig, stiess ein lautes Trompeten aus, das der andere sofort erwiderte.
So auf einem Elefanten durch die Gegend zu spazieren hat wirklich etwas für sich. Man wird ein bisschen durchgeschaukelt, sieht die Welt mal von einer anderen Höhe aus und in der morgendlichen Stille war es wunderbar, durch das niedrige Buschland zu streifen.
Wir sahen wieder einige Hirsche und dann Tigerpfoten-Abdrücke. Die zwei Elefantenführer berieten sich, dann beschlossen sie, dass wir auf Tigerjagd gehen würden.
Die Elefanten wurden umgedreht und nun gingen wir etwas schneller voran. Plötzlich reagierten die Tiere dann ziemlich angespannt, zitterten und grollten.
Vor uns im Unterholz erspähten der Elefantenführer, Samuel und Christoph auch wirklich den Tiger. Ich hatte irgendwie Pech und wusste nicht genau, wo ich hinschauen musste und schon war der König des Dschungels auch schon verschwunden.
Die beiden Elefanten liefen nun in unterschiedliche Richtung und später berichteten dann auch Mama und Papa, dass sie ihn noch gesehen hätten.
Eine erfolgreiche Safari also! Und nach diesem Highlight kehrten wir dann auch wieder um, durchquerten wieder den Fluss und schossen beim Unterstand der Elefanten noch ein paar letzte Fotos von den salutierenden Elefanten. Ich durfte noch die Rüssel streicheln. Ein lustiges Gefühl: die Haut ist so dick und überall sind schwarze Stoppelhaare, die ziemlich kratzen.
Der Tag erstreckte sich dann noch ganz schön lange vor uns, es war nämlich erst 7 Uhr morgens. Wir spielten eine Runde Karten und gingen dann Frühstücken.
Und wieder wurde es ein gemütlicher Tag mit Nichtstun, Schwimmen und gutem Essen.
Abends schauten wir uns wieder einen Tierfilm an, diesmal einen Film über Elefanten, was ich super-spannend fand.
Weil wir morgen schon wieder abreisen sollten, die heutige Elefantensafari aber so gut gewesen war, beschlossen wir morgen in aller Frühe nochmals auf die grauen Dickhäuter zu steigen, bevor wir dann die lange Autofahrt zurück nach Delhi antreten würden.
Aitabar, 17.04.11
Heute hatten wir weniger Glück mit dem Wetter, als wir zur Elefantentour aufbrachen.
Wieder hatten wir die gleichen zwei Tiere und die gleichen zwei Führer.
Als wir dann den Fluss überquert hatten, fing es bald leicht an zu regnen. Die Führer sprachen miteinander und meinten dann in sehr gebrochenem Englisch, wir müssten umkehren, wegen Monsun…. J Sie wussten wohl das Wort für Regen nicht und benutzten dann gleich das ganz starke Wort. Wie Monsun kam uns das allerdings überhaupt nicht vor, die paar Tropfen waren wirklich nicht schlimm. Das meinte dann auch der eine Führer und so trotteten wir weiter.
Die grauen Riesen pflückten sich immer mal wieder Blätter von den Bäumen, rissen ganze Äste ab oder spielten mit dem Sand, den sie durch den Rüssel aufsogen und gleich wieder raus liessen. Unser Elefant hatte immer ein Stöckchen in seinen Rüssel eingeklemmt, mit dem er herumspielte.
Einen Tiger sahen wir heute nicht mehr, Spuren allerdings schon. Und ich entdeckte Affen und eine Eule, zu der uns der Führer dann auch noch näher heranbrachte.
Insgesamt waren es einfach nochmals zwei schöne Stunden in der Natur und auf meinen geliebten, gutmütigen Riesen.
Später ging es dann zurück, wir verliessen die schöne „beinahe unberührte Natur“ und näherten uns wieder eher städtischem Gebiet. Die Fahrt dauerte unendlich lange, vor allem weil wir noch in einen Stau kamen, wo wir wohl mehr als eine Stunde fast nicht vom Fleck kamen. Davon habe ich aber das Meiste verschlafen.
Nach einer angenehmen Nacht, ging es dann am nächsten Morgen mit einer halsbrecherischen Fahrt zum Flughafen.
Der Flug war angenehm kurz und so kamen wir pünktlich um 13.00 Uhr in Bagdogra an. Die Luft war zum Schneiden dick und es war heiss. Weil wir nicht im Flughafengebäude bleiben konnten, warteten wir dann über zwei Stunden draussen auf Regina, die mit einem Flug aus Kolkata um 3 Uhr ankommen sollte. Wir spielten Karten und wurden dabei von den Indern neugierig beobachtet.
Schliesslich landete das Flugzeug von Regina dann endlich und wir konnten zum Jeep gehen, wo Ladup schon lange gewartet hatte.
Die Fahrt nach Kalimpong hoch war unterhaltsam, weil es für meine Gäste sooo viel zu sehen gab und ausserdem Regina viel aus Goa zu erzählen hatte.
Bei der Schule tranken wir dann erst mit Father Patel und Brother einen Tee, dann begleiteten Christoph und ich die anderen Drei zum Holumba.
Anschliessen gab es in Gandhi Ashram auch schon Dinner und nun sind wir eine ganz schön grosse Truppe. In der Zwischenzeit ist nämlich Jan angekommen, ein Geigenbauer, der für zwei Monate hier Regina unterstützen wird. Und ausserdem ist auch noch Valeries Schwester Magdalena hier zu Besuch.
Am nächsten Tag nahm ich dann gleich wieder alle Musikstunden in Angriff. Mit den Kleinen funktionierte es ganz gut. Sie hatten Spass, dass jetzt so viele Gäste da sind, die mitmachen und fotografieren. Und meine Celloschüler hatten fleissig die Theorieaufgaben beantwortet und die Stücke geübt, so wie ich es ihnen aufgeschrieben hatte.
Die nächsten zwei Wochen, wo meine Gäste noch hier waren, verschwimmen für mich zu einem einzigen Glücksnebel. Ich weiss nicht mehr so genau, wann wir was unternommen haben… Es war einfach eine sehr schöne Zeit! Ich konnte meinen Lieben endlich zeigen, was wir hier an der Schule so alles machen, wie alles abläuft und was es hier und in der Umgebung zu sehen gibt.
Ich glaube, auch für sie war es ein sehr bereicherndes Erlebnis und sie haben in den drei Wochen Indien überwältigend viel erleben können!
Nun noch Einiges aus dem Schulalltag:
Das Konzert mit klassischer Musik rückt stetig näher und es gab noch einige Hürden zu überwinden. Langsam formt es sich aber und wir sind nun eigentlich alle zuversichtlich, dass es ein tolles Erlebnis werden wird.
Regina und Jan haben wie die Verrückten gearbeitet und sehr viele Bögen und Geigen auf Vordermann gebracht, zusammen haben wir auch die Noten für das gesamte Orchester gut bezeichnet und ich versuche, meine Dirigierkünste stetig zu verbessern. Die Proben sind mal überraschend produktiv, dann wieder zäh, wegen Hitze und Müdigkeit, es ist ein ständiges Auf und Ab. Das gehört aber bestimmt einfach dazu und insgesamt freue ich mich einfach jedes Mal über die kleinen Teilerfolge die zu sehen sind!
Als ich letzthin in der Halle auf das Junior Orchestra gewartet habe, haben mich Subbash und Majesh in Beschlag genommen. Subbash hatte ein ganz tolles Spielzeug dabei: aus einem Deckel einer PET-Flasche hatte er einen Kreisel gebastelt. Der Deckel war in der Mitte durchbohrt und mit einem kleinen Holzstift bestückt. Ausserdem gehört dazu noch eine alte Hülle eines Kugelschreibers und ein Stück Faden. Nun wird der Faden sorgfältig ein Stück weit um den Holzstift am Deckel gewickelt und der Stift wird dann in das Loch der Kugelschreiber hülle gesetzt. Nun zieht man an der Schnur, der Faden wird so schnell abgewickelt, der Kreisel hüpft davon und dreht sich unglaublich schnell um sich selbst. Eine geniale Erfindung!!
Ein weiteres Erlebnis: Ich habe meinen neuen grün-blauen Sari nun schon zweimal getragen. Das erste Mal als Christoph noch hier war und wir zusammen zwei Stücke auf der Geige und der Klarinette im Assembly gespielt haben. Die Kinder haben interessiert dieses neue Instrument angeschaut und aufmerksam zugehört und in der Pause liess Christoph dann alle, die wollten, ein paar Töne blasen. Die Meisten haben ziemlich bald ganz annehmbare Töne herausgekriegt und waren begeistert, mal etwas Anderes ausprobieren zu dürfen!
Das zweite Mal hatte ich dann meinen Sari an einem Sonntag an, wo Kirchenfest gefeiert wurde. Beim ersten Mal hatten mir Stella und Anusha, zwei Schülerinnen geholfen, nun gingen Valerie und ich zur Nachbarin in den kleinen Shop und sie wickelte uns fachgerecht in die Saris. Dabei zog sie das Band des Unterrocks so fest zusammen, dass ich zwar das Gefühl hatte, nun könne er auf keinen Fall aufgehen oder herunterrutschen, aber ich konnte auch fast nicht mehr atmen damit.
Der Tag war dann sehr schön, es gab Essen, Musik und ein bisschen Tanz, aber es war so heiss und sonnig, dass wir alle am Abend wie gerädert waren und einige, darunter auch ich, sich einen ganz schönen Sonnenbrand geholt haben!
Nun noch ein letzter Eintrag: Wie ich ganz am Anfang dieses Berichtes geschrieben hatte, war am 13.April keine Schule, weil die Leute in Kalimpong befürchtet hatten, dass mit dem Ausgang der Wahlen wieder Tumult und Radau herrschen könnten. Die Befürchtungen waren anscheinend unbegründet, es gab keine Unruhen und auch heute, am Samstag war es ruhig in der Stadt.
Heute hatten wir dann auch noch Besuch von einem jungen Deutschen. Er arbeitet gerade für 4 Monate in verschiedenen Projekten der Jesuiten und wird dann noch ein halbes Jahr in Indien und Sri Lanka herumreisen und mit verschiedenen Teehändlern in Kontakt sein. Er hat nämlich gerade seine Ausbildung als Teekaufmann beendet und konnte uns sehr viel Interessantes über das Teepflücken, -verarbeiten und Testen erzählen. Vielleicht werden wir ihn in zwei, drei Wochen nochmals in Siliguri besuchen, wo er dann gerade in einem Spital mithelfen wird.
Es ist schon immer wieder spannend, was für interessanten Leuten man hier begegnet!
Do
21
Apr
2011
Mi
23
Mär
2011
Pünklich mit der Fastenzeit hat sich für uns hier an der Schule auch eine Unannehmlichkeit ergeben, die uns ein wenig leiden liess… J
Deshalb schreibe ich auch erst jetzt wieder.
Am Mittwoch 09.03.11 war ein gemütlicher Tag, den Valerie und ich grösstenteils in der Stadt verbracht haben. Obwohl gerade dann die Fastenzeit begonnen hatte, liessen wir uns das Chowmein im China-Garden schmecken und dachten überhaupt nicht ans Fasten.
Dafür sind wir dann um 4 Uhr zur Kirche gegangen und haben uns ein Kreuz aus Asche auf die Stirn malen lassen. Ansonsten war an dem Tag nicht mehr viel los. Ich habe lange noch mit Ulf und Rieke geplaudert, die von ihrem Trekking zurück gekommen waren.
Ich glaube, es war dann am Donnerstagnachmittag: Ich sass gerade mit Valerie in ihrem Zimmer und plötzlich hat es einen grossen Knall gegeben. Wir dachten erst, da hätte ein Lastwagen eine Fehlzündung gehabt, aber es war etwas Anderes. Der Generator vor unserem Haus ist explodiert und nun gab es mal definitiv keinen Strom mehr.
Das Problem konnte nur dadurch gelöst werden, dass ein neuer Generator installiert wurde und bis das geschah, dauerte es einige Tage. Insgesamt hatten wir gute 8 Tage überhaupt keinen Strom. Das alleine wäre ja keine grosse Tragödie, aber weil wir im obersten Stock wohnen und das Wasser per elektronische Pumpe hoch gepumpt wird, ergaben sich bald andere Unannehmlichkeiten. Wir mussten viel Wasser für Toilette, Händewaschen und Duschen schleppen und weil wir nun auch wieder kein sauberes Trinkwasser hatten und alles abkochen mussten wurde unser Leben für kurze Zeit ziemlich unhygienisch und Gesundheits- gefährdend. Valerie wurde dann auch prompt wieder krank und lag mit Bauchkrämpfen und Durchfall mehrere Tage im Bett.
Erst heute, am Montag 21.März hat sie wieder angefangen etwas mehr zu essen und ist wieder zum Unterrichten gekommen.
Weil ich in dieser Zeit also keinen Strom hatte, mein Laptop aber nur noch läuft, wenn er ans Stromnetz angeschlossen ist, konnte ich die ganze Zeit nicht schreiben. Nun weiss ich nicht mehr alles in chronologischer Reihenfolge und werde einfach ein paar Highlights beschreiben.
Da war zum Beispiel noch mein Besuch im Spital. Ich hatte mir ja in Nepal ziemlich böse den Fuss verstaucht, dann dachte ich, das sei jetzt besser geworden und habe nicht mehr so sehr darauf geachtet. Aber durch das viele Spielen mit den kleineren Kindern (Plumpsack und so…) wurde mein Knöchel wohl wieder zu sehr belastet. Dazu kam, dass ich noch ein paar Mal umgeknickt bin auf dem steilen Gelände hier. Auf jeden Fall pochte der Knöchel wieder, schmerzte und war geschwollen und heiss. Also liess ich mir einen Termin in einer der „Nurserys“ der Stadt geben und bin dann am Freitag 11.März mit der Schoolnurse Christina, Brother und Regina hingefahren. Erst musste ich mich registrieren, was aber schnell ging, weil sie nur den Vornamen wissen wollten. Dann wurde ich zum Röntgen geschickt.
Was für ein Erlebnis!! Ich musste in den Keller runtersteigen, wo es modrig roch und eiskalt war. In einem schäbigen Raum, wo der Schimmer an den Wänden fröhlich vor sich hin wucherte stand ein Röntgengerät das aussah, als hätte es schon im zweiten Weltkrieg gedient. Klapprig und einfach unbeschreiblich. Ich musste meinen Knöchel auf den Holztisch packen und dann drückte der Angestellte auch schon auf den Auslöser für das Röntgenbild. Von Schutzanzügen haben sie hier wohl noch nie etwas gehört….
Ich wurde dann wieder hochgeschickt, wo wir in einem sehr schmalen, zugigen Gang warten mussten. Ein paar Minuten später kam der „Röntgen-Mensch“ auch hoch, mein frisch entwickeltes Bild, das noch seine Fingerabdrücke als Zierde hatte, bei sich.
Etwas später wurde ich dann zum Arzt vorgelassen, der mich innerhalb von 5min. dann auch schon wieder entliess. Den grössten Teil der Zeit verbrachten wir damit, meinen Namen korrekt auf das Patientenblatt zu schreiben. Es gab da so einige Verständigungsprobleme mit d und t…
Schliesslich schaute er sich den Knöchel an, drückte heftig daran herum und riss ihn in alle möglichen Richtungen. „Does this hurt…“? Und ich konnte mir den Schmerzenslaut fast nicht verkneifen.
Naja, er meinte dann, dem Fuss ginge es soweit ganz gut, es seien wohl einfach die Bänder etwas geknickt.
Verschrieben bekam ich ein abschwellendes Schmerzmittel und Vitamine. Und damit war ich dann auch entlassen. Im Schwesternzimmer bezahlte ich 150 Rupien für die Arztvisite und 100 Rupien für das Röntgenbild, das ich als Souvenir mitnehmen durfte. In der Apotheke nebenan bekam ich die genau abgezählte Anzahl verschriebener Pillen ausgehändigt und danach fuhren wir schnell wieder zur Schule runter, weil Ram anschliessend mit dem Schulbus die Boarders abholen musste.
Was es sonst noch zu erzählen gibt? Ich habe momentan die Leitung des Senior-Orchestras übernommen. Meine Idee von einem Konzert im Mai ist auf viel Interesse gestossen und ich muss jetzt aber auch die gesamte Leitung und Vorbereitung machen oder zumindest gut planen, damit ich auch gewisse Dinge delegieren kann. Am letzten Donnerstag habe ich dann die erste offizielle Probe für dieses Konzert geleitet. Wichtig sind mir auch Technikübungen und Tonleitertraining, das ich von nun an in die Probe integrieren möchte.
So haben wir mit einigen Tonleitern angefangen und dann langsam mit dem 1.Satz aus „Aus Hohlbergs Zeit“ von Edward Grieg begonnen. Was ich nicht haben kann, ist Unaufmerksamkeit und störende Nebengeräusche. Disziplin ist in einer Orchesterprobe einfach essentiell! So beharre ich jetzt auch darauf, dass nicht zwischen jedem Spielen geschwatzt wird, oder jeder vor sich hinfiddelt. Das ist sonst einfach zu viel Belastung für meine Nerven. J
Und ausserdem habe ich angefangen, erst zu starten, wenn wirklich alle den Bogen auf den Saiten haben. Es ist nämlich unglaublich, wie lange (wie viele Takte) es sonst dauert, bis auch der Letzte gemerkt hat, dass das Stück schon begonnen hat.
Einige Schüler waren sichtlich etwas genervt von dieser strengen Art, die ich jetzt durchziehe, aber es muss sein und ich glaube, die Schüler können so sehr profitieren.
Weil sie dann doch im Grossen und Ganzen sehr gut und konzentriert mitgemacht hatten, habe ich sie schon nach etwas mehr als einer Stunde gehen lassen.
Rudra und Kamal haben mir zu der guten Probe gratuliert und ich habe wieder einmal gemerkt, wie gerne ich eigentlich Gruppen leite. Es ist so toll zu sehen, was entstehen kann, wenn man als Leiter eine gute Vorstellung davon hat, wie etwas werden soll und wie man das Ziel erreichen möchte!
Jetzt zu ganz was Anderem: In letzter Zeit war es oft sehr windig hier. Das Wetter ist im Moment ziemlich speziell. Oft ist es sehr heiss und sonnig, manchmal dann aber auch wieder extrem bewölkt und ab und zu gibt es auch Gewitter. Die meiste Zeit aber weht ein starker Wind. An solchen Tagen kann man die Kinder in der Pause beobachten, wie sie sich aus trockenen Blättern und kleinen Holzstäbchen Propeller basteln. Dann rennen duzende Kinder über die Wiese und vor ihnen her tragen sie die Propeller, die sich wie irre im Wind drehen.
Mir zaubert das immer wieder ein Lächeln aufs Gesicht. Sie sehen dann so glücklich aus, mit ihren einfachen und doch so originellen Spielzeugen!!
Mi
09
Mär
2011
Mangalbar, 01.03.2011
Dieser Morgen war bedeutend anstrengender als der gestrige Morgen. Nun hatten wir alle Jungsgruppen nacheinander. Die kleinen 1.Klässler haben sich als ziemlich lebhaft und zum Teil sogar recht frech herausgestellt. Dazu kam dann unsere ehemalige 1.Klasse, die sich nach den zwei Monaten Pause wieder so ungebändigt und quirlig verhielt wie ganz zu Beginn im August…
Naja, irgendwie haben wir die Stunden überlebt und uns fest vorgenommen, dass sich sehr bald etwas ändern muss.
Und dann hatte ich meine erste Bratschenstunde mit meinen zwei neuen Schülerinnen. Ranjana und Laxana waren ganz begeistert, dass sie nun eine ganze Stunde mit
mir alleine verbringen durften. Ich liess sie die Unterschiede zwischen Geige und Bratsche entdecken und dann lernten sie die leeren Saiten und ihren neuen Platz im Notensystem. Anschliessend
haben sie abwechslungsweise ein paar Strichübungen gemacht. Abwechslungsweise deshalb, weil es im Moment nur eine kleine Bratsche gibt. Regina hat mir aber versprochen, dass sie bald eine Geige
zur Bratsche ummodeln wird.
Die restlichen Unterrichtsstunden sind schon wieder ganz normal und eingespielt abgelaufen, enttäuscht war ich dann nur von der Senior Orchester Probe.
Im Moment befinden sich eben auch noch zwei Filmleute hier in Gandhi Ashram. Eine der beiden Frauen kommt aus Mumbai und hat schon bei mehreren Bollywoodfilmen bei der Produktion mitgeholfen. Die andere stammt ursprünglich aus New York, wohnt aber in London und ist Dokumentarfilmerin. Durch verschiedene Kontakte ist es nun zustande gekommen, dass die Beiden hier eine Woche lang Material für einen Dokumentarfilm suchen.
Später habe ich dann Regina zwei Bögen in die Werkstatt gebracht, die dringend neu behaart werden müssen . Im Gespräch sind wir dann darauf gekommen, dass es eigentlich ganz toll wäre, ein Konzert zu organisieren für Mitte/Ende Mai, wo nur klassische Musik gespielt würde. Ich machte mich gleich daran, Noten zu suchen und war sogleich mit Begeisterung erfüllt.
Wenn wir dieses Konzert auf die Beine stellen, könnte ich nämlich auch wieder dirigieren und zumindest einen Teil des Programms dann gut beeinflussen. Erst einmal suche ich jetzt eine gute Auswahl an Stücken zusammen und präsentiere dann unsere Idee Father Patel und den Musiklehrern. Ich hoffe, dass ich da auf offene Ohren stosse, es täte den Kindern nämlich gut, wieder einmal mit guter klassischer Musik in Kontakt zu kommen. Und mir würde es grossen Spass machen, ihnen ein bisschen tieferes Wissen über gewisse Eigenheiten der Klassischen Musik beizubringen.
Buddhabar, 02.03.2011
Heute ist Valerie mit ihren Eltern für einen Tag nach Darjeeling gefahren.
Deshalb habe ich in den Klassen 1 bis 3 die Mädchengruppen alleine unterrichtet. Das lief erstaunlich gut. Ich war zwar bis zur Pause beinahe heiser, vom vielen Reden und Singen, aber die Kinder haben gut mitgemacht. Ich habe in zwei Klassen ein neues Lied eingeführt, das vor allem die Mädchen der dritten Klasse auf Anhieb toll fanden und gleich lautstark mitgesungen haben.
Danach hatte ich den ganzen Tag frei. Wie letztes Jahr auch schon finden nämlich nun immer mittwochs die Theoriestunden für die Klassen 4 bis 8 statt.
Nach dem Lunch gab es aber noch einen speziellen Anlass. Es mussten die neuen „Class-Monitors“ gewählt und vereidigt werden. Dies wurde recht pompös zelebriert. Einer der Lehrer hatte Plakate mit den „Hausnamen“ gemalt und ein Schulwappen kreiert, das sehr hübsch aussieht. Darauf sind die Berge zu sehen, sowie ein Buch, eine Violine und eine Lampe (das Licht des Wissens).
Die neuen Klassensprecher mussten einen Eid schwören, die Kleinste aus Klasse 1 hat nicht so recht gewusst, was sie machen sollte und einfach nichts gesagt, alle anderen aber haben feierlich die Hand aufs Herz gelegt und geschworen, dass sie für die Schule und ihre Klassenkameraden verantwortlich sein werden und ihren Aufgaben nach bester Möglichkeit nachkommen werden.
Danach habe ich mich auf der Suche nach neuem gutem Notenmaterial für die Orchester durch die Schränke gewühlt. Ich bin auch fündig geworden und habe eine bunte Auswahl an klassischer Musik zusammengetragen.
Sobald wie möglich werde ich nun also Father Patel und den Musiklehrern meine Idee des Konzerts präsentieren und ich hoffe sehr auf offene Ohren zu stossen.
Übrigens sind kurz vor dem Lunch noch zwei neue Besucher angekommen. Es sind dies Ulf und Rieke aus Deutschland. Ulf war vor vier Jahren Volunteer in der Nähe von Kalkutta und hat in seiner Zeit als Volunteer auch Gandhi Ashram mehrmals besucht. Nun ist er mit seiner Freundin zurück gekommen, um Father Paul zu besuchen und Rieke Indien zu zeigen.
Deshalb gab’s dann am Abend auch wieder angeregte Kniffel-Spiele.
Bihibar, 03.03.11
Die Jungengruppen waren wieder ziemlich anstrengend, aber wir haben uns für die nächste Woche vorgenommen, die Stunden besser zu planen und so wenigstens von unserer Seite her ein festes Konzept zu haben, damit wir uns sicher sind.
Nach dem Teabreak hätten wir eigentlich bis zum Lunch frei gehabt. Aber Father Paul hat ein Lehrer-Meeting einberufen und uns mehr als eine Stunde lang einen Monolog über alles Mögliche gehalten. Eigentlich wollte er am Schluss den Lehrern auch noch Gelegenheit zum Sprechen geben, aber als er endlich aufhörte zu reden, war es schon 10 nach 12 und so erlöste er uns und wir konnten zum Lunch gehen.
Und dann hätten wir am Nachmittag genau noch eine Lektion gehabt, die aber ausfiel, warum war nicht klar. Wir hatten nämlich in der Halle auf die Klasse 7 gewartet, die aber einfach nicht aufgetaucht ist.
Also sind wieder in die Küche gegangen, wo schon eifrig fürs Abendessen vorbereitet wurde. Es sollte heute Abend eben ein ganz spezielles grosses Dinner geben, aus unterschiedlichen Gründen. Zum Einen war es der letzte Abend von Valeries Eltern hier in Kalimpong. Zum Anderen waren Ulf und Rieke neu angekommen und ausserdem war auch der Father schon eingetroffen, der in den kommenden Tagen das Lehrer-Seminar abhalten würde.
So war denn eine grosse Gruppe von uns im Lunch-Room am Momos zubereiten. Ich rollte viele Duzend Teigkügelchen, die dann weiter zu flachen Fladen gerollt wurden, welche anschliessend mit Chicken-/ oder Gemüsemischung gefüllt wurden.
Ausserdem rüsteten wir einige Kilos Kartoffeln, die wir später zu Bratkartoffeln mit Zwiebeln und Ei weiterverarbeiteten.
Es gab also einiges zu tun, aber es machte auch Spass so gemütlich plaudern zu kochen.
Beim Essen hatten wir dann schliesslich eine Gruppe von 15 Leuten zusammen und weil der Strom erst weg war, begannen wir unser Essen bei Kerzenlicht und machten das Licht auch gleich wieder aus, als die Elektrizität doch noch gekommen wäre.
Ich sass mit Ulf und Rieke an einem Tisch und wir hatten einiges zu Reden. Unter anderem kamen wir auch darauf zu sprechen, dass mir schon einige Leute hier gesagt hätten, ich würde Corinne, einer ehemaligen Volunteer gleichen.
Ulf, der Corinne gut kennt, meinte zuerst, das sei wohl einfach weil wir beide Schweizerinnen seien. Nach und nach meinten die Beiden dann aber doch, „das war jetzt genau wie Corinne“ oder „ja, irgendwie seid ihr euch doch ziemlich ähnlich…“. Lustig zu hören!
Sukrabar, Sanibar und Aitabar 04.03.11 – 06.03.11
Eigentlich hatte ich ja dem Seminar eher mit Skepsis entgegen geblickt. Speziell weil Father Patel gesagt hatte, es sei ein Seminar über „Spiritual Counselling“.
Es stellte sich dann aber als wirklich ausgezeichnet heraus und ich hätte keine Minute davon verpassen wollen!!
Valerie nahm heute nicht teil, weil sie ihre Eltern nach Bagdogra zum Flughafen brachte, aber alle anderen Lehrer, inklusive Regina und der Schulschwester waren anwesend.
Als Erstes fiel mir der Father, welcher das Seminar leitete, positiv auf, weil er uns sagte, er würde sich am wohlsten fühlen, wenn wir ihn Joe nennen. Das Father könnten wir weglassen.
Bald zeigte sich aber, dass die Leute hier zu festgefahren sind in ihrer Ansprechkultur und so sagten schliesslich alle immer nur Father zu ihm.
Es war auch ganz spannend zu sehen, wie die Lehrer, die ja sonst ein ganzes Klassenzimmer meistern, hier vor dem offensichtlich Höhergestellten zu scheuen, unterwürfigen Schülern wurden.
Zum Glück wusste Joe damit umzugehen. Er liess uns als Erstes die Tische zur Seite rücken und einen lockeren Kreis mit den Stühlen schliessen. Dann folgte eine erste Gesprächsrunde in wechselnden Zweiergruppen, immer über ein vorgegebenes Thema.
Es war sehr interessant, so die Lehrer mal ein bisschen näher kennen zu lernen. Wir erfuhren Dinge übereinander wie zum Beispiel ein besonders peinliches Erlebnis, ein Augenblick des grossen Zorns in unserem Leben, eine gute Tat, etc.
Weiter ging es mit einigen Theoriebrocken über festgefahrene Verhaltensmuster und Diskussionsteilen.
Für mich war vor allem so eindrücklich zu sehen, dass hier in Indien ein Inder Gedanken aussprach und Denkanstösse gab, die ich nicht erwartet hätte und die mir bisher in dieser Kultur nie begegnet sind.
Vieles war befreiend zu hören. Ich habe gar nicht gemerkt, wie sehr mir in den letzten paar Monaten diese Art von Denken und „Ansätze im Umgang mit anderen Menschen“ gefehlt hatten. Joe liess uns unser eigenes Verhalten reflektieren und gab immer wieder Anstösse, wie wir das auch auf unser Verhalten gegenüber unseren Schülern oder auf das Verhalten der Schüler übertragen können.
Einige der Dinge, welche er sagte, musste für die Lehrer sehr revolutionär geklungen haben und es war äusserst schön zu sehen, dass und wie sie darauf reagiert haben.
Ein Satz ist mir auch besonders geblieben: wir hatten nach ein paar Gesprächsrunden reflektiert, wie es uns geht und einer der Lehrer hat gemeint, es sei schön zu sehen, dass wir Volunteers auch Menschen seien…
Damit hat er gemeint, er hätte durch diese Gespräche erfahren, dass wir eigentlich im Grunde alle mit denselben Problemen zu kämpfen hätten, ähnliche Erlebnisse gehabt hätten in unseren Leben und so im Wesentlichen alle gleich wären.
Ich denke, wenn Joe nicht Inder wäre, wäre es für die hiesigen Lehrer schwieriger gewesen, seine Sichtweisen zu akzeptieren oder näher darüber nachzudenken. So aber hatte er einen guten Draht zu uns allen und wir haben glaube ich in diesen drei Tagen einiges erreicht.
Wenn nur ein Bruchteil dessen hängengeblieben ist, was er uns vermittelt hat, wird sich wohl in Zukunft Einiges ein wenig verändern.
Am Sonntag war dann das Seminar kurz nach 11 Uhr zu Ende. Wir feierten alle gemeinsam noch Messe.
Danach gingen Valerie, Regina und ich in die Stadt. Ich wollte unbedingt ins Internet, letztes Wochenende hatte es ja wegen der Connection nicht geklappt.
So verbrachte ich dann auch fast den ganzen Nachmittag im Internet, kaufte noch einige „Items“ für unsere Frühstücks-„Bar“ und machte mich gemeinsam mit Regina nach fünf Uhr wieder auf den Heimweg.
Abends habe ich mit Valerie noch besprochen, wie wir die Stunden in den Klassen 1 bis 3 durchführen wollten, dann habe ich noch die Hefte für meine Celloschüler der fünften und sechsten Klasse vorbereitet und bin dann müde ins Bett gesunken.
Drei Tage Weiterbildung direkt anschliessend an eine Arbeitswoche sind streng, vor allem weil ja nun gerade wieder eine ganze Woche mit viel Arbeit wartet.
Ich glaube das nächste Wochenende werde ich dann umso mehr geniessen!
Sombar, 07.03.11
Valerie und ich konnten die drei Stunden, die wir gestern Abend geplant hatten genau so durchführen, wie wir es besprochen hatten. Alles lief glatt ab, wir wechselten uns gut ab in unseren aktiven und passiven Rollen und die Mädchen waren mit Begeisterung dabei.
Ich habe jetzt auch schon einige Namen der 1.Klasse-Mädchen gelernt und es sind so süsse kleine Spätze, dass ich mich auf jede weitere Lektion mit ihnen freue.
Danach hatte ich meine Viola-Schülerinnen, die ich nun wirklich gleichzeitig unterrichten kann, weil Regina eine Geige zur Bratsche umgemodelt hat.
Mein Ziel mit ihnen ist es auch, dass sie eine wirklich gute Haltung lernen, die sonst viele Kinder hier eher vernachlässigen.
Meine vier 8.Klasse Cellisten sind im Moment auch sehr fleissig in den Lektionen und so werde ich wohl am Donnerstag mit Kiran im Assembly spielen. Er hat einen schönen, sauberen Klang und ist nun auch dabei Vibrato zu benützen und experimentiert gerade mit vielen verschiedenen Artikulationen und Klangfarben.
Es macht wirklich Spass so unterrichten zu können. Wenn die Schüler merken, dass es eben doch auch noch einen Unterschied gibt zwischen Musik und wirklich musikalisch spielen! J
Meine drei Cellisten der 5.Klasse sind mit Eifer dabei, die von mir gestellten Aufgaben in ihren Heften zu lösen und erfinden manchmal auch ganz kreative, wenn auch nicht immer richtige Resultate…
Mit Anil und Eric aus der 6.Klasse ist es ein beständiger Kampf um meine Nerven. Die Beiden können Einiges, wenn sie wollen. Dauernd bin ich dabei um ihre Aufmerksamkeit zu ringen: „Anil, please look into the the notes… Anil, listen carefully, … Anil, look again, what note is this…. Anil, try again and don’t look out of the window…“ so geht das meist die ganzen 40min lang…
Anstrengend, aber über jeden kleinen Teilerfolg, den sie erzielen bin ich dann umso glücklicher!
Nachmittags konnte ich dann noch eine ganz tolle Stunde mit Kiran alleine proben. Da Sunil mit dem Senior Orchestra für einen Auftritt nächsten Montag probte, trainierte ich Kiran alleine für das Junior Orchestra. Im Moment heisst das einfach Tonleitern üben, Bogenübungen machen, Artikulationen ausprobieren. So haben wir in ständigem Wechselspiel Verschiedenes ausprobiert und es war echt inspirierend für uns beide.
Das Abendessen hat dann heute etwas früher begonnen, weil wir vor dem Essen noch zusammen gesessen sind, Whisky und Saft getrunken haben mit unserem neuen Gast, einem jungen kanadischen Jesuiten, der in Nepal arbeitet und nun für ein paar Tage hier zu Besuch ist.
Mangalbar, 08.03.11
Nicht ganz so erfolgreich wie gestern mit den Mädchengruppen war es heute mit den Jungs.
Unsere jetzige zweite Klasse macht mir immer noch Kopfzerbrechen. Wir unterrichten da 19 Jungs gleichzeitig. Davon sind etwa neun dabei und wollen mitmachen. Die anderen 10 stören aber abwechselnd oder auch gleichzeitig und so ist es praktisch unmöglich sie zu bändigen und etwas Produktives zu machen.
Wir probieren es mit allen möglichen Tricks, bis jetzt haben wir nur immer mal wieder Lichtblicke für 5 Minuten, wo es gut geht, dann versinkt alles wieder in Chaos…
Dafür hat die Stunde mit den 1.Klässern ausgezeichnet funktioniert. Hier heisst das Rezept glaube ich wirklich gute Planung, reibungsloser, dynamischer Ablauf, dann haben wir ihre Aufmerksamkeit und sie machen gut mit.
Ausserdem hatte ich dann heute zum ersten Mal die neuen 4.Klasse Jungs die mit Bratsche spielen beginnen. Es sind zwei nette, aufgeweckte Jungs, die sehr gut mitgemacht haben und bis zum Ende der Stunde schon die Hälfte von Twinkle, twinkle little Star auswendig und ziemlich rein spielen konnten.
Für mich ist es schön, dass ich nun wirklich alle Instrumente unterrichten kann. Das gibt unglaubliche Abwechslung in den Alltag.
In der letzten Stunde hatten wir Musiklehrer ein Meeting mit Father Patel. Es ging um einige kleinere Punkte und ich präsentierte meine Idee von einem Konzert im Mai. Dies wurde gut aufgenommen und wir können nun in die weitere Planung gehen.
Für das kommende Konzert (wieder einmal sehr kurzfristig geplant) am nächsten Montag hat mich Rudra gefragt, ob ich am Samstag eine Probe leiten könne.
Ich habe zugestimmt und muss nun wohl jeden Tag an den Proben teilnehmen, damit ich jetzt schon ein wenig Einfluss nehmen kann.
Vor der heutigen Probe bin ich dann aber noch auf Hausbesuch gegangen. Mayesh und sein Bruder Subbash haben mich damit bedrängt, seit ich aus Nepal zurück bin. Und ich wollte sie auch gerne schon lange einmal besuchen gehen.
Diese zwei Jungs und ihre kleine Schwester Preeti sind nämlich ganz besonders liebe Kinder.
Um drei Uhr habe ich dann also bei der grossen Halle auf sie gewartet. Und wirklich kamen die drei mit breitem Grinsen auf den Gesichtern auf mich zu. Subbash nahm mich an der Hand und Preeti hängte sich an die andere.
Wir liefen der Strasse entlang hoch Richtung Brücke. Preeti drückte immer wieder meinen Arm an sich und rieb meine Hand an ihrer Wange. Sie sieht aus wie eine kleine Pippi Langstrumpf und hat ein bezwingendes Grübchenlächeln.
Etwas oberhalb der Brücke zweigten wir dann auf einen steil nach unten führenden Pfad ab und kamen bald zu einer schmalen Hütte, die direkt an einem recht steil abfallenden Abhang steht. Die Lehmwände sind äusserst dünn, darüber hält eine Konstruktion aus halb zerfallenen Bambusstangen ein rostiges Wellblechdach an seinem Platz. Die Familie lebt also äusserst ärmlich, irgendwie haben sie es aber geschafft Elektrizität in die Hütte zu ziehen und so lief auch der Fernseher.
Die Grossmutter, die auf dem Bett vor dem Fernseher gelegen hatte, begrüsste mich und schickte Subbash gleich los, um einige Tassen zu waschen. Auf dem Weg aus dem Zimmer verschütte er aus Versehen einige Tropfen Tee auf meinen Arm. Er war sehr erschrocken und die Grossmutter reagierte auch gleich recht ungehalten und schimpfte ihn lautstark aus.
Als er dann vom Waschen zurück kam, entschuldigte er sich mehrere Male und meinte „I’m so sorry, I know, I am a naughty boy“. Ich hätte ihn am liebsten umarmt, diesen lieben, aufmerksamen und in keinster Weise „naughty“ boy!! Die drei Geschwister haben mir dann eine schöne Stunde beschert. Sie haben alle gezeichnet, der Fernseher lief, Subbash erklärte mir immer wieder, was gerade lief. Er spricht überhaupt sehr gut English und was mir speziell aufgefallen ist: die Drei unterhalten sich auch untereinander oft in English!
Das war wirklich ein schöner Besuch! Und so bin ich nachher auch ganz erholt zur Orchesterprobe gegangen.
Kamal hat heute dirigiert und ich habe mich auch einige Male eingemischt und die Schüler etwas aufgeweckt. J
Abends sind wir dann um sechs Uhr ins Parrish gegangen. Hier gab es ein besonders leckeres Abendessen, das letzte Mal Fleisch für längere Zeit, weil morgen die Fastenzeit beginnt.
Father Paul hatte eine exzellente Suppe zubereitet und John hat Chicken-Curry mit Kokosnussmilch zubereitet, das super-lecker war. Mir hat es vor allem deshalb so gut geschmeckt, weil für einmal keine Knochen herauszupicken waren…
So
06
Mär
2011
Ich bin mal richtig „lazy“ gewesen und habe beinahe drei Wochen nichts geschrieben.
Deshalb werde ich jetzt auch nur noch ein paar Highlights herausheben und nicht detailgenau jeden vergangenen Tag beschreiben.
Die letzte Woche in Nepal ist ruck-zuck vergangen. Ich habe noch ein paar Mal mit den Kindern im Home gespielt und vor allem das letzte Evening-Ritual war toll. Evelyne und ich haben Schnecken gebastelt, mit denen wir dann Schnecken-Rennen spielen wollten.
Aus Karton und etwas buntem Papier haben wir also vier „Renn-Schnecken“ gebastelt, diese an Schnüre gebunden und Bleistifte daran befestigt.
Dann haben wir auch noch alle Einzelteile in 20facher Ausführung vorbereitet, dass die Kinder auch ihre eigenen Schnecken basteln konnten. Und es war erstaunlich: mit dieser Aktion haben wir bei den Kindern anscheinend direkt ins Schwarze getroffen! Alle waren voller Eifer dabei und haben konzentriert ihre Schnecken zusammengeklebt, manche sind damit im ganzen Zimmer spazieren gegangen und andere haben sich heisse Schneckenrennen geliefert. Es war ein Spass und für einmal waren die Schnecken sogar am nächsten Tag zum grössten Teil noch intakt. Ein wunderbares Erlebnis!!
Einmal haben wir mit den Kleinen auch noch gemalt und zwar nicht vorgefertigte Bilder ausgemalt, sondern einfach frei von der Leber weg gemalt. Aawash hat sich dabei als besonders talentierter kleiner Künstler herausgestellt und ich habe seine Bilder sehr gelobt und er hat über alle Backen gestrahlt und mir seine Zeichnungen geschenkt.
Als ich dann einige Tage später mal nicht zum Spielen gegangen bin, weil es mir mit dem Magen nicht so gut ging, hat Evelyne nochmals mit ihnen gemalt und Aawash hat für mich Bilder gemalt, die er dann am nächsten Abend ganz stolz hervorgeholt hat und mir geschenkt hat.
Dieser ca. 10-jährige Junge mit seinem scheuen Lächeln ist mir in diesen letzten Tagen noch sehr ans Herz gewachsen. Und wie habe ich gestaunt, als er mir an meinem letzten Abend ganz verschämt ein klein zusammen gefaltetes Stück Papier in die Hand gedrückt hat und darauf in einfachem, manchmal auch etwas unverständlichem English ein süsser Brief geschrieben war…
Ja und dann kam also unser Abschied. Da Evelyne am gleichen Tag wie ich ausreisen würde, beschlossen wir, für die Kinder noch ein letztes Abschieds-Tiffin zu machen. Wir schnitten etwa 3 Kilo Äpfel und brieten sie mit Zimt und Zucker. Dann produzierten wir 6 Liter Vanillecrème, was ein richtiges Experiment wurde, weil wir nur einen halben Liter echte Milch hatten und den Rest aus Milchpulver anrühren mussten. Irgendwie klappte es aber gar nicht so schlecht und wir kriegten eine schön gelbe, süss-vanillig-schmeckende Crème hin. Dazu wollten wir den Kindern noch etwas Schlagrahm offerieren, den sie hier nicht so kennen. Wir hatten zwei Liter Rahm gekauft und wollten den dann schlagen. Da er aber eher die Konsistenz von Mascarpone hatte, liessen wir das bald bleiben… uns wurde auch beim Probieren nach einem kleinen Löffelchen schon beinahe schlecht, weil die Sahne schon so dick war.
Das Tiffin wurde zwar mit ein paar skeptischen Blicken von den Kindern betrachtet, aber im Grossen und Ganzen hat es glaube ich fast allen sehr gut geschmeckt.
Nach dem Tiffin haben wir noch ganz viele Fotos mit den Kleinen draussen gemacht, die es lieben, fotografiert zu werden und sich in Pose zu stellen.
Am Mittwochmorgen wurden wir dann in der Morgenmeditation von allen verabschiedet und haben auch noch mal ein paar Worte an die Kinder gerichtet. Mit den Älteren hatte ich ja nicht wirklich viel zu tun gehabt, aber Abschied von den kleinen „Flöhen“ zu nehmen, tat doch etwas weh. Ich werde sie bestimmt vermissen…
Später, nachdem wir noch viel im Guesthouse geputzt hatten, gingen wir ins Home hoch und liessen uns von Tshiring ein Taxi rufen. Erst wollten wir ja mit dem Local Bus bis nach Langdonkhel fahren, aber wir hatten doch sooo viel Gepäck dabei, dass wir uns fürs Taxi entschieden. Als dieses dann da war, wurden wir mit einem Tikka und einem Schal um den Hals von den Wardens verabschiedet und bekamen noch ein kleines Geschenk und eine Karte, wo sich alle Kinder und die Wardens verewigt hatten.
Auf dem Weg runter Richtung Kathmandu schaute ich mir alles nochmals genau an und prägte diese Landschaft, die für zwei Monate Heimat für mich gewesen war, ganz fest in mein Gedächtnis ein.
Irgendwo auf der Strecke blieb dann der Fahrer plötzlich stehen, stieg aus und packte unsere Rucksäcke und Taschen aus dem Kofferraum. Ich fragte mich einen Augenblick was das nun sollte, bis ich merkte, dass er das Ersatzrad auspackte und sich mit dem Wagenheber daran machte, das linke Vorderrad auszuwechseln.
Blitzschnell hatte er das kaputte Rad abgeschraubt und das neue Rad mit einigen kräftigen Hieben in Position gebracht und schon ging die Fahrt weiter…
Wir liessen uns bis nach Thamel hinein fahren und mussten dann nur noch einige Meter bis zum Travellers Inn zu Fuss gehen.
Unser letzter Tag in Thamel: Erst gingen wir im tibetischen Restaurant ein letztes Mal Momos essen und wanderten dann noch etwas durch die Strassen, kauften noch ein paar Kleinigkeiten und machten uns dann einen gemütlichen Abend mit Internet und einem leckeren Essen im Mustang Thakali Chulo Restaurant. Da hatten wir nun schon vier Mal gegessen und die Besitzer wurden mit jedem Mal offener und fragten uns ein wenig aus.
Beim ersten Mal hatten sie uns noch gefragt, ob wir auch wirklich so scharf essen wollten, nun wunderten sie sich schon nicht mehr, dass wir sogar die halb aufgeschnittenen Chilischoten beim grünen Salat mit assen J.
Am nächsten Morgen machten wir uns gegen 11 Uhr gemütlich auf den Weg. Wir fanden schnell ein Taxi, das uns zum Flughafen brachte. Dort liessen wir uns dann zum Domestic Flight Building fahren, wo ich mich dann von Evelyne verabschieden musste.
Sie würde einige Stunden später via Delhi, Mumbai nach Goa fliegen, um noch etwas Sonne zu tanken, bevor sie dann Ende März zurück in die Schweiz fliegen würde.
Ich hoffe, dass wir weiterhin in Kontakt bleiben werden, denn die letzten zwei Monate habe ich ihre Gesellschaft sehr genossen!
Ich habe dann am Eingang zum Flughafengebäude mein Ticket gezeigt und bin zum Check in gegangen. Davor musste ich mich aber noch durchleuchten und abtasten lassen. Beim Check-in gab es dann die gleiche Prozedur wie schon letztes Mal. Man sagte mir, ich könnte noch auf die Passagierliste für den früheren Flug um zwölf , musste nur noch die Flughafentaxen zahlen und konnte mein Gepäck, das laut Waage ziemlich genau zwanzig Kilo wog, ohne Probleme abgeben.
In der Wartehalle war ich dann erst etwas verunsichert, ob ich nun schon durch den zweiten Sicherheitscheck gehen konnte, oder ob mein Flug erst kurz nach Zwölf angekündigt werden würde. Also habe ich mich erkundigt und mir wurde gesagt, dass ich einfach auf die Ansage hören solle. Also habe ich mich hingesetzt und etwas die Leute beobachtet… und diese haben auch mich beobachtet. Ich war nämlich weit und breit die einzige Weisse und ausserdem mit einem komischen Kasten (meine Geige) unterwegs. Einige Leute haben mich gefragt, wo ich denn hinfliegen will. Erst dachte ich, dass sie einfach neugierig seien, doch dann merkte ich, dass jeder mir helfen wollte. Sie konnten sich wohl nicht vorstellen, dass ich die Nepali-Ansprachen verstand (obwohl alles auch noch auf English gesagt wurde) und sie wollten sicher gehen, dass diese weisse Miss ihren Flug nicht verpasst.
Schliesslich war die Zeit für meinen angekündigten Flug schon längst verstrichen und ich stellte mich auf eine lange Wartezeit ein. Einige Flüge hatten, das entnahm ich dem Infobildschirm, schon mehrere Stunden Verspätung. Als es dann 1 Uhr war, nahm ich mir vor, noch bis viertel nach 1 Uhr zu warten und mich dann mal am Infoschalter zu erkundigen.
Das war dann aber nicht mehr nötig, weil punkt 13.10 Uhr mein Flug angekündigt wurde, genau um die Uhrzeit, zu welcher mein Flug ursprünglich gebucht gewesen war.
Weil ich vom letzten Mal noch wusste, dass ich im Flugzeug freie Platzwahl haben würde, setze ich mich auf die linke Seite des kleinen 30 plätzigen Propellerflugzeugs. Hier würde ich die ganze Himalaya-Bergkette ein weiteres Mal schön bewundern können.
Es stellte sich dann heraus, dass es ziemlich bewölkt und diesig war und so die Bergspitzen schwierig auszumachen waren. Trotzdem genoss ich den kurzen Flug, betrachtete nochmals die gebirgige, karge Landschaft unter mir und freute mich auf die grünen Hügel rund um Kalimpong.
Gleich am Flughafen musste ich dann mit viel Durchsetzungskraft die indischen Träger abwimmeln, die mir um jeden Preis mein Gepäck abnehmen wollten und sich nur schwer abschütteln liessen. Ein energisches fünftes Nein, und ein heftiges Ziehen an meiner Tasche liess sie dann endlich verschwinden.
Kaum war ich aus dem Flughafentor draussen, sprach mich eine Mitreisende an. Sie wollte wissen, wohin ich jetzt gehen würde und bald stellte sich heraus, dass sie auch nach Kakarvitta zur Grenze musste. Wir suchten uns dann noch zwei weitere Mitfahrer für ein Taxi und mussten so Jede nur 200 Rupees bezahlen.
Die Fahrt war lang und rumplig und es war ziemlich heiss. Aber es tat gut, wieder die etwas vertraute Umgebung zu sehen.
Nach einer guten Stunde Taxifahrt kamen wir dann im Grenzort an. Der Taxidriver half uns, das Gepäck auszuladen und schon wurde ich wieder bestürmt mit Rikscha- und Trägerangeboten. Ich bahnte mir aber sehr zielbewusst einen Weg durch die Menge und ging gleich zum Reisebüro, wo ich letztes Mal mein Flugticket gebucht hatte. Hier hatte ich eben auch mein indisches Geld in nepalesische Rupees gewechselt, jetzt wollte ich das in umgekehrter Richtung erneut tun. Und schon nach wenigen Augenblicken hatte ich dann auch wirklich alle meine grossen Rupienscheine umgewechselt.
Ich war gerade auf dem Weg zum Immigration Office, als mir auf der Strasse Father Paul, Regina und John entgegen kamen.
Ein breites Lächeln stahl sich auf mein Gesicht und ich umarmte sie der Reihe nach, so glücklich war ich, diese vertrauten Gesichter zu sehen!! Wir erledigten meine Ausreisebestätigung, nahmen uns zwei Rikschas über die Grenzbrücke und dann musste ich mich noch in Indien wieder registrieren lassen.
Als all diese Formalitäten erledigt waren, ging es zügig Richtung nach Hause. Auf der ganzen Fahrt plauderte ich angeregt mit Regina, wir erzählten uns alle möglichen Geschichten, tauschten Neuigkeiten aus und so verging die lange Fahrt von Siliguri nach Kalimpong wie im Flug.
Kurz nach halb sieben erreichten wir dann Gandhi Ashram, es war schon beinahe dunkel, mein Zimmer fand ich aber natürlich auch so…. J
Endlich wieder daheim!! Nur das konnte ich denken, und ich war überglücklich!
Beim Dinner traf ich dann auch Brother und Father Patel wieder, die mich beide herzlich begrüssten. In der Zwischenzeit hat sich hier etwas Grundlegendes verändert. Dies ist mir gleich beim Essen aufgefallen.
Die vier Boarders, ohne Sunam nur noch drei, die bis Weihnachten noch im Dormitory geschlafen und gewohnt hatten, sind jetzt nicht mehr da. Ajay und Dominick machen ihre Abschlussexamen und auch Passang wohnt nicht mehr da.
Anscheinend will Father Patel keine neuen Boarders aufnehmen, was ich sehr schade finde! Gerade durch sie ist das Leben hier in Gandhi Ashram ja erst so familiär und gemütlich geworden…
Jetzt nehmen wir drei Volunteers das Dinner immer im kleinen Rahmen mit Father Patel und Brother Ajay ein.
Allerdings werden bis zum Sommer etliche Besucher da sein, langweilig wird uns also nicht so schnell.
Valerie habe ich dann erst am nächsten Mittag getroffen. Sie war mit ihren Eltern für eine Woche nach Sikkim gefahren und kam erst am Freitag mit dem Taxi wieder.
Ich bin am Freitagmorgen früh ans Tor gestanden und habe wohl um die 150 Mal „Good morning“ gesagt. Es war sooooo wunderbar, all meine Kinder wieder zu sehen!!!
Einige der Älteren sind zu mir her gekommen und haben ein bisschen geplaudert, die Kleineren sind meist nur grinsend an mir vorüber gelaufen oder haben sich an meine Beine geklammert und „Miss, Miss, you’re back!!!“ gerufen. Es war einfach schön.
Beim Assembly dachte ich dann schon, ich würde vor der ganzen Halle sprechen und ich hätte auch nichts dagegen gehabt, nur, Father Patel hat vergessen anzukündigen, dass ich wieder da war. Dabei habe ich während des ganzen Assemblys direkt neben ihm gestanden…
Naja, so habe ich halt persönlich mit ganz vielen Kindern und auch mit fast allen Lehrern ein paar Worte ausgetauscht. Rudra wollte mich gleich wieder ins Alltagsgeschehen einbinden und mich „den Klassen übergeben“. Da habe ich dann aber erst mal Stopp gesagt. Ich musste erst ankommen, meine Sachen auspacken, waschen, mein Zimmer wieder gemütlich einrichten und einfach mal durchatmen.
Bis zum Teabreak hatte ich dann erstaunlicherweise schon beinahe alles erledigt, ich ging ins Lehrerzimmer und habe eine Tasse Tee mitgetrunken und anschliessend habe ich den ganzen Vormittag bei Regina in der Geigenbauwerkstatt verbracht.
Das war sehr interessant! Ich muss unbedingt schauen, dass ich ihr ab und zu über die Schulter schauen kann. Da kann ich sicher viele nützliche Dinge sehen und es fasziniert mich auch ganz einfach, wie geschickt und feinfühlig sie bei der Arbeit ist.
Nach dem Lunch habe ich dann etwas mit Valerie geplaudert und dann meine Geige zu Regina gebracht. Ich hatte nämlich den Verdacht, dass der Staub im Korpus zu modern angefangen hat.
Sie hat dann gleich gesehen, dass die Geige im Begriff war, sich an einer Seite zu öffnen und so liess ich die Violine in guten Händen fürs Erste bei ihr. Weil wir ins Reden gekommen waren, verliess ich die Werkstatt bis ca. halb sechs Uhr gar nicht mehr und schaute ihr einfach zu, wie sie Bögen bearbeitete und mit neuem Pferdehaar bespannte.
Sanibar, 26.02.2011
Heute bin ich mit Valerie und ihren Eltern in die Stadt gefahren. Wir durften mit Mr.Way, der gerade wieder zu Besuch ist, mitfahren und er liess uns dann beim 1.Kreisel aussteigen.
Valeries Eltern hatten ganz viele Postkarten geschrieben, deshalb begann unsere Stadtführung dann auch beim Post Office. Es war wieder mal ein richtiges
Abenteuer. Wir durften nämlich die 60 Briefmarken, welche wir für 20 Postkarten brauchten, eigenhändig aufkleben, es war ein Chaos… Die Briefmarken sind meist nämlich so gross, dass man entweder
einfach sehr wenig schreiben darf, oder die Hälfte des Textes wieder zukleben muss. J
Später liefen wir durch unsere üblichen paar Strassen und gingen erst mal zum Markt. Hier wanderten wir von Stand zu Stand, begutachteten die Gewürze und sogen die verschiedenen Düfte ein. Auch die Ecke mit den Fischen, die in der morgendlichen Wärme schon stark zu riechen begonnen hatten, liessen wir nicht aus. Danach war Stoffkauf angesagt. Wir schlenderten zu den paar Stoffgeschäften, wo wir bis jetzt unsere Kurtastoffe gekauft hatten. Danach ging es weiter zu ein paar anderen Läden, wo wir dann auch plötzlich Brother wieder trafen, mit dem Valeries Vater vorher auf dem Motorrad in die Stadt gefahren war.
Wir beschlossen essen zu gehen und sassen bald darauf im Pizzarestaurant, wo wir dann endlos lange auf die zwei bestellten Riesenpizzas warten mussten. Es schmeckte aber ziemlich gut und so waren schliesslich auch alle satt und zufrieden.
Valerie und ihre Eltern wollten noch mehr Einkäufe erledigen, ich aber wollte noch ins Internet und dann zurück zur Schule fahren. Leider gab es aber gar keine Connection und so drehte ich also verfrüht wieder um und war auch bald wieder zu Hause. Leichte Kopfschmerzen hatten sich eingeschlichen und so schlief ich ein Stündchen, bevor ich wieder fit und munter war.
Am Abend sassen wir dann alle gemütlich beim Dinner und spielten anschliessen ein paar Runden „6 nimmt“. Dieses Spiel könnte das ewige „Kniffel-Fieber“ in
Zukunft etwas mildern, wir werden sehen! J
Aitabar, 27.02.2011
Heute wollten Valeries Eltern etwas von der Umgebung von Kalimpong sehen und sie luden auch Regina und mich ein, mit ihnen den Tag zu verbringen.
So starteten wir dann unseren Tag mit der Messe um 8 Uhr im Parrish. Ich war erstaunt und erfreut zu sehen, dass ich wirklich einiges mehr von der Predigt und Lesung mitbekommen habe, als noch vor Weihnachten. Anscheinend habe ich in Nepal doch so einiges an Nepali gelernt.
Nach einem ausgiebigen Frühstück haben wir uns dann alle an die Strasse gestellt um ein Taxi in die Stadt zu kriegen. Doch es war wie verhext. Es fuhren fast keine Taxis vorbei, und diejenigen die doch fuhren waren entweder voll oder haben einfach nicht angehalten.
Irgendwann beschlossen wir dann ein Stück der Strasse entlang hoch zu laufen und schon nach wenigen Metern hielt plötzlich der Local Bus, der von Siliguri nach Kalimpong hoch fährt, neben uns. Also konnten wir wieder mal ein neues Transportmittel in die Stadt ausprobieren.
Beim Jeep Stand bahnten wir uns dann einen Weg durch die vielen Fahrzeuge und Leute und fanden schnell auf der oberen Strasse einen Taxidriver der gewillt war uns nach Delho und noch zwei weiteren „Touristenattraktionen“ zu fahren. Erst verlangte er 600 Rupien, was wir zu viel fanden. Wir probierten ihn auf 400 runter zu handeln, mussten uns aber schliesslich mit 500 Rupien zufrieden geben. Das erschien uns dann aber für fünf Leute ganz akzeptabel.
Erst fuhren wir rechter Hand aus der Stadt raus und kamen bald zu einer „Nursery“, wo Kakteen gezüchtet werden. Der Fahrer liess uns aussteigen und wartete dann auf uns, bis wir die Gewächshäuser besichtigt hatten.
Da gab es viel zu sehen und es war interessant durch die Vielzahl an unterschiedlichen Kakteen zu wandern. Manche Kakteen hatten auch spektakuläre Blüten oder waren einfach witzig anzuschauen.
Das Gelände ist auch richtig schön gelegen, man hat einen guten Blick auf Kalimpong, so wie ich es bis jetzt noch nie gesehen hatte.
Nach diesem pflanzlichen Highlight fuhren wir in die andere Richtung durch die Stadt und dann auf den höchsten Hügel ausserhalb von Kalimpong. Dort oben befindet sich Delho, ein Park, der mit kleinen Pavillons bestückt ist und eine spektakuläre Aussicht bietet, wenn es nicht allzu dunstig oder bewölkt ist. Eigentlich müssen Foreigners am Eingang je 50 Rupien bezahlen, doch die Frau am Ticketschalter hat uns den Nepali-Preis von je 5 Rupien pro Person berechnet.
Hier war es so unglaublich ruhig und friedlich. Der Lärm der Stadt und vor allem der Lärm der Autos und Lastwagen war hier überhaupt nicht mehr zu hören. Es war richtig warm, die Sonne schien und es war friedlich.
Wir wanderten etwas durch das üppige Grün und versuchten die Schneeberge zu sehen. Aber es gab einige Quellwolken und leichten Dunst, so dass die Himals (die Schneeberge) nur ganz schwach zu erkennen waren. Dafür hatten wir einen guten Blick ins Tal hinunter und von hier oben konnte man ein gutes Stück des Teesta-Rivers sehen.
Beim Runterfahren zweigte unser Fahrer noch auf das Schulgelände der Dr.Graham Homes ab. Hier gehen viele unserer „Boarders“ zur Schule und es war spannend für uns zu sehen, wo das überhaupt ist. Ich wusste zum Beispiel bisher nicht, dass es so weit den Hügel hinauf ist…
Das Schulgelände ist riesig, hier liegen eben neben den Unterrichtsgebäuden auch kleinere Häuser, in denen viele Kinder und Jugendliche wohnen.
Wir liefen bis zur Kirche und schauten in einige Fenster der Gebäude herein.
Danach ging unsere Fahrt zurück nach Kalimpong hinein. Hier entschieden wir uns dann für einen Late Lunch im Chinese Garden. Valerie und ich hatten schon immer mal hier essen gehen wollen und jetzt bekamen wir die Gelegenheit dazu.
Das Lokal ist winzig klein. Nur gerade sechs Tische stehen in einem niedrigen, schmalen Raum. Das Essen wurde sehr schnell serviert und schmeckte ausgezeichnet.
Nach dieser leckeren Stärkung liefen wir dann nochmals rechter Hand aus dem Stadtzentrum hinaus und spazierten am „Silver Oaks“ vorbei zum „Himalayan Inn“, zwei der Spitzenklasse Hotels in Kalimpong.
Bald wurde es dann aber auf dieser Seite Kalimpongs schattig und kühl und so beschlossen wir umzukehren und ein Taxi nach Hause zu nehmen.
Ein wunderbarer Tag mit einigen Sehenswürdigkeiten die wir in all der Zeit, wo wir nun schon hier sind, noch nie gesehen haben!
Sombar, 28.02.2011
Der erste Schultag für Valerie und mich im neuen Schuljahr. Und gleichzeitig auch eine Art echter Schulstart für die Kinder. Die letzte Woche war nämlich laut den Lehrern eher ein langsames Einsteigen gewesen.
Valeries Eltern wurden im Assembly begrüsst und dann hiess es für uns, unsere neuen 1.Klässler begrüssen. Erst einmal gab es aber „Exercises“, wo wir die kleinen Knirpse schon mal in Ruhe in Augenschein nehmen konnten, während Kamal einige Verrenkungen und Aufwärmübungen mit uns und ihnen machte.
Dann riefen Valerie und ich alle Mädchen zu uns und stellten sie hintereinander in einer Reihe auf. Wir zeigten ihnen, dass sie ihren Zeigefinger auf die Lippen legen sollten und dann gingen wir so im Gänsemarsch zum einen Musikzimmer. Dort wurde dann aus der Reihe ein langer Zug, alle hielten sich an den Händen. So bewegten wir uns dann langsam in den Raum und in den Kreis, es dauert, zu erklären, was wir wollten, weil die Kleinen noch sehr sehr wenig Englisch verstehen.
Einmal angekommen im Kreis liessen wir sie dann alle sich hinsetzen. Nun machte ich von jedem Mädchen einzeln ein Foto, während Valerie ihre Namen aufschrieb. Dies dauerte einige Zeit und danach brachten wir ihnen als Erstes unseren Begrüssungs-Song bei. Nach ca. 12maligem Singen hatten einige die Melodie und zum Teil auch schon einige Wörter gut gespeichert und sangen mit uns mit.
Danach begannen wir noch unser Klatsch-Rhythmusspiel und dann war die Stunde auch schon bald vorbei.
In der nächsten Stunde hatten wir dann unsere ehemaligen 1.Klässlerinnen, die nun in der zweiten Klasse sind. Mit ihnen haben wir in dieser ersten Stunde einfach ganz viele Lieder repetiert, die wir im letzten halben Jahr gelernt hatten. Dasselbe machten wir dann auch mit den 3.Klässlerinnen, die nun unsere „Grossen“ sind.
Wir werden nun jeden Tag am Morgen erst die 1, 2, und 3 Klasse haben bis zum Teabreak. Das ist gar nicht schlecht, weil wir so dann meistens am Nachmittag dafür eine Stunde früher frei haben.
In der vierten Klasse mussten dann neue Celloschüler ausgewählt werden. Kamal kam ausserdem mit der Idee zu mir, dass eigentlich auch wieder einmal neue Bratsche-Schüler „gezüchtet“ werden sollten, weil die letzten gerade die achte Klasse verlassen hatten.
Also sprach ich mich mit Regina ab und sie wird nun die neuen Celloschüler in der vierten Klasse übernehmen, während ich in diesen Lektionen Bratsche unterrichten werde.
Rudra wählte je zwei Mädchen und zwei Jungen für Viola/Cello aus, mehr nach dem Grösseprinzip als danach, ob sie überhaupt Lust haben ein anderes Instrument zu lernen. Naja, so läuft das hier also…
Regina und ich haben dann mit unseren Schülern abgemacht, dass die Stunden ab Morgen beginnen würden, weil sie sich noch ein wenig mit mir besprechen wollte, wie sie diese Neuanfänger unterrichten soll.
In den restlichen Unterrichtsstunden habe ich zuerst einmal schauen müssen, wer denn überhaupt noch hier ist von meinen Celloschülern.
In den Winterferien haben sich nämlich anscheinend einige Probleme mit gewissen Schülern ergeben. Ich konnte bis jetzt nicht heraus finden, weshalb genau sie von der Schule geflogen sind. Father Patel gibt keine genaue Auskunft und so weiss ich einfach, dass Jenny (meine sehr talentierte Schülerin aus der nun 5.Klasse) und La Thiring (auch der Beste aus meiner 6.Klasse) beide nicht mehr hier zur Schule kommen.
Das hat mich sehr traurig gestimmt. Vor allem bei Jenny finde ich es ziemlich unbegreiflich. Ich weiss, dass sie sonst in der Schule eher Mühe hatte, aber bei mir im Cellounterricht ist sie richtig aufgeblüht und hat sich sehr angestrengt. An der Jahresprüfung hatte sie ja dann auch die volle Punktzahl nur gerade um 2 Punkte verpasst! Ich muss unbedingt noch genauer in Erfahrung bringen, warum sie nicht mehr kommen darf. Das lässt mich nicht mehr los!
Nach der Schule fand dann auch wie üblich Junior Orchestra statt. Weil aber sehr viele neue Schüler dazu gekommen sind, meinte Kamal, ich solle die zwei
Cellisten des Orchesters erst einmal für eine Weile alleine unterrichten, während er die Violinen fit macht… J
Das war dann eine ganz spannende und gute Lektion für Kiran und Sunil. Wir haben etliche Tonleitern gespielt, Intonationsübungen gemacht und verschiedene Bogenstriche ausprobiert. Ich denke, so
ein Einzeltraining tut den Beiden ganz gut.
Mangalbar, 01.03.2011
Dieser Morgen war bedeutend anstrengender als der gestrige Morgen. Nun hatten wir alle Jungsgruppen nacheinander. Die kleinen 1.Klässler haben sich als ziemlich lebhaft und zum Teil sogar recht frech herausgestellt. Dazu kam dann unsere ehemalige 1.Klasse, die sich nach den zwei Monaten Pause wieder so ungebändigt und quirlig verhielt wie ganz zu Beginn im August…
Naja, irgendwie haben wir die Stunden überlebt und uns fest vorgenommen, dass sich sehr bald etwas ändern muss.
Und dann hatte ich meine erste Bratschenstunde mit meinen zwei neuen Schülerinnen. Ranjana und Laxana waren ganz begeistert, dass sie nun eine ganze Stunde mit
mir alleine verbringen durften. Ich liess sie die Unterschiede zwischen Geige und Bratsche entdecken und dann lernten sie die leeren Saiten und ihren neuen Platz im Notensystem. Anschliessend
haben sie abwechslungsweise ein paar Strichübungen gemacht. Abwechslungsweise deshalb, weil es im Moment nur eine kleine Bratsche gibt. Regina hat mir aber versprochen, dass sie bald eine Geige
zur Bratsche ummodeln wird.
Die restlichen Unterrichtsstunden sind schon wieder ganz normal und eingespielt abgelaufen, enttäuscht war ich dann nur von der Senior Orchester Probe.
Im Moment befinden sich eben auch noch zwei Filmleute hier in Gandhi Ashram. Eine der beiden Frauen kommt aus Mumbai und hat schon bei mehreren Bollywoodfilmen bei der Produktion mitgeholfen. Die andere stammt ursprünglich aus New York, wohnt aber in London und ist Dokumentarfilmerin. Durch verschiedene Kontakte ist es nun zustande gekommen, dass die Beiden hier eine Woche lang Material für einen Dokumentarfilm suchen.
Bei dieser Orchesterprobe hat dann Rudra seine übliche Show abgezogen, immer wieder zu beobachten, wenn Gäste da sind. Er lässt dann das Orchester einfach einige Stücke aus dem Repertoire spielen, geprobt wird eigentlich nicht.
Und ich war so enttäuscht zu hören, was aus den Stücken geworden ist, die ich mit dem Orchester für Mumbai geprobt hatte… gerade ein Stück hatte ich mit ihnen wirklich gut geprobt, sie haben musikalisch zusammen gespielt und auch rhythmisch war damals alles gut im Lot gewesen. Und nun: das Stück klang unrein, verhuddelt und einfach schrecklich!!
Ich habe es fast nicht ausgehalten dem zuzuhören und wusste, es muss etwas geschehen, sonst kann ich in Zukunft nicht mehr an diesen Proben teilnehmen.
Später habe ich dann Regina zwei Bögen in die Werkstatt gebracht, die dringend neu behaart werden müssen und ich habe ihr von der Probe erzählt. Im Gespräch sind wir dann darauf gekommen, dass es eigentlich ganz toll wäre, ein Konzert zu organisieren für Mitte/Ende Mai, wo nur klassische Musik gespielt würde. Ich machte mich gleich daran, Noten zu suchen und war sogleich mit Begeisterung erfüllt.
Wenn wir dieses Konzert auf die Beine stellen, könnte ich nämlich auch wieder dirigieren und zumindest einen Teil des Programms dann gut beeinflussen. Erst einmal suche ich jetzt eine gute Auswahl an Stücken zusammen und präsentiere dann unsere Idee Father Patel und den Musiklehrern. Ich hoffe, dass ich da auf offene Ohren stosse, es täte den Kindern nämlich gut, wieder einmal mit guter klassischer Musik in Kontakt zu kommen. Und mir würde es grossen Spass machen, ihnen ein bisschen tieferes Wissen über gewisse Eigenheiten der Klassischen Musik beizubringen.
Sa
12
Feb
2011
So, nun liefere ich also den fehlenden Bericht über die letzte Woche nach.
Sonntag war ein sehr gemütlicher Tag. Ich bin lange lesend in der Sonne gesessen, habe Wäsche gewaschen und etwas Geige gespielt.
Ab Montag war dann wieder Dentalcamp. Fünf Tage lang, haben die Zahnärzte nochmals geflickt, gebohrt, versiegelt und gezogen was das Zeug hielt. Wie üblich haben wir morgens alles hergerichtet für die Zahnärzte, geschaut, dass genug Trinkwasser zum Mundausspülen vorhanden ist und der Generator draussen angeschlossen wird. Meist gab es zwar nun genug Strom unter Tag und ab und zu konnten die Zahnärzte sogar schon den ganzen Tag arbeiten, ohne dass der Generator gebraucht wurde.
Die Patientenblätter, die wir jeweils morgens an die Kinder verteilt haben, sehen ziemlich zerknittert, ausgefranst und fleckig aus, wenn sie dann endlich mit der Behandlung dran sind, aber sie erfüllen ihren Zweck für die Statistik. Die Kinder turnen während ihrer Wartezeit draussen auf dem Spielplatz herum, die Blätter immer in der Hand, kein Wunder, dass dabei einige nachher aussehen, als hätte sie eine Kuh im Maul gehabt.
Während der Dentalcamp-Zeit hatten wir eine richtige Luxusverpflegung im Home. Gegen halb 1 Uhr gab es jeweils für die Zahnärzte Lunch und Evelyne und ich haben uns dem immer gleich angeschlossen. Das Daal-Baat schmeckte mir um die Mittagszeit herum immer sehr und das spezielle grüne Ajaar, das dazu gereicht wurde war auch ganz exquisit, verfeinert mit Koriander.
Nachmittags nachdem die Zahnärzte auf ihren Motorrädern davon gefahren sind, um den Mund immer noch die Schutzmaske, die nun als Staubfilter für die Heimfahrt nach Kathmandu rein diente, machten Evelyne und ich uns meinst auf den Weg zu einem kurzen Spaziergang nach Chapagaon. Doch immer hatten wir Pech mit dem Internet. Entweder war das Café zu, es gab keinen Strom oder die Verbindung war schlecht.
Gegen Abend sass ich dann meist noch vor dem Guesthouse und genoss die Ruhe. Und jeden Tag ging dabei die Sonne einige Minuten später unter. Ausserdem ist es nun auch schon wieder richtig warm an der Sonne.
Am Freitag war dann ein Feiertag und somit keine Schule. Die Dentists machten zwei Tage frei und erst am Sonntag fand dann noch der allerletzte Treatment-Tag statt. Insgesamt sind in den neun Behandlungstagen 190 Kinder behandelt worden, es wurden über 350 Füllungen gemacht und ca. 50 Zähne gezogen. Eine sehr beachtliche Bilanz finde ich!
Und jetzt noch zu meiner Visa-Story: Am Montag sind Evelyne und ich nach Kathmandu rein gefahren. Diesmal wollten wir eine neue Unterkunft ausprobieren und haben die Fair View Lodge gesucht, die sich in einer Nebenstrasse gleich ausserhalb Thamels versteckt. Wir konnten einen guten Preis aushandeln und bekamen ein kleines Zimmer mit schmalem Doppelbett. Dann sind wir den ganzen Nachmittag und Abend noch durch die Strassen von Thamel geschlendert, haben einige Souvenirs gekauft, eine gute tibetische Suppe (Thukpa) gegessen und sind dann noch ins Internet.
Gegen neun Uhr habe ich mich dann alleine auf den Weg zurück zur Lodge gemacht. Die Strasse ausserhalb Thamels war pechschwarz, Strassenbeleuchtung gibt es nicht, und weil auch die vielen kleinen Shops und Restaurants fehlen, dringt nirgends Licht auf die Strasse. Mir war da schon etwas schummrig zu Mute, als ich verschiedene dunkle Gestalten passierte und dann in die Strasse zur Lodge eingebogen bin, wo ich von der Dunkelheit förmlich verschluckt wurde. Schliesslich musste ich auch noch einige Minuten am Strassenrand warten, bis ein Kleinlaster sich so nahe an die Mauer manövriert hatte, dass ich gerade so vorbei schlüpfen konnte.
Das Zimmer hat sich dann als ziemlich mühsam entpuppt. Im Bad gab es kein Licht, das Bett war sehr hart und hat bei jeder Bewegung geknirscht und geknackt. Und ausserdem hat ein sehr lautes Pärchen im Nebenzimmer die Nachtruhe empfindlich gestört.
Am nächsten Morgen machten wir uns dann ziemlich zeitig auf zur indischen Botschaft. Eigentlich hatten wir uns den Lageplan gut angeschaut und dachten, wir wüssten wo wir hinlaufen müssen. Deshalb sind wir dann im dichten Strassenverkehr lange eine sehr staubige Strasse entlang gelaufen. Als wir dann aber zu einer Brücke kamen und sich dahinter „Slumartige“ Wohngegenden auftaten, wussten wir, dass wir da unmöglich richtig sein konnten. Also sind wir umgedreht und zur nächsten grossen Kreuzung gelaufen, wo wir dann ein Taxi angehalten haben. Der Fahrer hat uns dann durch mehrere kleine Seitengassen zur indischen Botschaft gebracht, die ungefähr in 90Grad unterschiedlicher Himmelsrichtung von unserer zuerst angestrebten Richtung lag…
Vor dem Botschaftsgelände hatte sich schon eine ziemlich lange Schlange aus wartenden Nepalesen/Indern gebildet und wir wollten uns da anstellen. Aber ein Beamter hat uns dann den Seiteneingang gezeigt, wo unter einem Stahlträgerbaldachin festgeschraubte Sitzreihen aufgestellt sind. Davor gibt es einen „Ticketautomaten“ wo man auswählen muss, ob man ein Ticket für den Erstbesuch oder den Zweitbesuch braucht. Am Ende der Sitzreihen wird man dann per Gongsignal zum „Counter“ gerufen, um sein Telexformular abzugeben. Dieses Formular wird dann ans Heimatland geschickt um eine „Unbedenklichkeitserklärung“ zu erhalten. Erst wenn diese eingetroffen ist, was ca. eine Woche dauert, kann man nochmals zur Botschaft gehen, seine Visa-Application-Form abgeben und dann am gleichen Tag sein Visum in Empfang nehmen.
Evelyne und ich haben also die Telex-Formulare ausgefüllt und sind dann, nach ca. einer halben Stunde Wartezeit zum Schalter gerufen worden. Ich habe meine Zettel und meinen Pass durchgeschoben und die Dame hinter Glas hat sich alles sehr genau angeschaut. Auf der Seite mit meinem letzten Indienvisum hat sie gestutzt, sich die Seite ganz genau angesehen und dann abrupt gemeint: „You can’t get a Visa, you already had an Indian Visa… If you want a new Indian Visa, you have to go back to Switzerland and apply there…“
Ich war sehr vor den Kopf gestossen, habe nochmals nachgefragt, ob es wirklich nicht möglich sei, hier in Kathmandu ein neues Visa zu beantragen und sie meinte einfach, nein, es gibt keine Zweitvisa, punkt!!
Evelyne konnte ihr Formular problemlos abgeben und wir haben uns dann auf den Rückweg nach Thamel gemacht. In meinem Kopf haben sich schon die verschiedensten Szenarien abgespielt und ich bin alle Möglichkeiten durchgegangen, die sich mir jetzt bieten…
Für mich war sofort klar, dass sofern nicht noch ein Wunder geschehen würde, ich sofort nach Hause fliegen will, denn für nichts hier noch länger in Nepal „rumhängen“ wollte ich auch nicht mehr. Ich sah mich in Gedanken schon daheim, alle möglichen guten Dinge essen, die ich hier vermisse… Freunde treffen, meine Familie wieder um mich haben… eigentlich eine schöne Vorstellung. Aber was für mich zugleich auch klar war: ich kann jetzt nicht einfach nach Hause fliegen und meinen Aufenthalt in Kalimpong so unfertig und unabgeschlossen lassen. Das würde aber bedeuten, dass ich sobald ich die „Weltreise“ nach Hause gemacht hätte, ich gleich wieder ein Visum beschaffen und dann sobald wie möglich einen Flug zurück nach Kalimpong nehmen müsste. Und das alles nur, weil die indischen Behörden sich so quer stellen…
Ich war frustriert, wusste nicht was machen und habe einfach sofort an alle meine Kontaktpersonen meiner Organisation sowie an meine Familie geschrieben. Irgendetwas musste doch machbar sein… ich glaubte aber im Stillen nicht wirklich daran und habe schon mal die Flugpreise abgecheckt…
Zurück bei der Lodge, beschlossen wir nicht noch eine Nacht zu bleiben und zogen um ins Travellers Inn. Dort musste ich aber gleich die vier Stockwerke wieder runter laufen und mich an der Reception beschweren, weil mein Bettdeckenbezug offensichtlich schmutzig war und nicht gewechselt worden war. Evelyne und ich entschlossen uns dann, nach dem Mittag Richtung Patan zu fahren und in den Fairtradeläden von Kupondol etwas herumzustöbern. Auch beim Saleways Supermarket schauten wir vorbei und dann ging es gegen fünf Uhr per Microtaxi wieder zurück zum Ratnapark.
Im Internet konnte ich dann mit Freude feststellen, dass sich schon etwas getan hatte. Toni Kurmann aus Zürich hat mir gleich zurückgeschrieben und eine E-Mail Adresse so wie den Namen eines Jesuiten aus Kathmandu angegeben, der anscheinend sehr gute Beziehungen hat. Sofort habe ich diesem Herrn geschrieben, mein Problem geschildert und um baldmöglichste Antwort gebeten. Dann konnte ich nicht mehr viel machen ausser hoffen…
Wir gingen noch ins Or2K fein essen, ein orientalisch angehauchtes Restaurant, wo man an niedrigen Tischen auf Sitzkissen am Boden isst und es marokkanische, indische und nepalesische Gerichte gibt. Danach versuchte ich trotz all der Aufregung bald und gut zu schlafen, was aber misslang, weil ich stundenlang mein Visumproblem im Kopf wälzte.
Am Mittwochmorgen hatte ich dann einen Schlachtplan ausgeheckt. Ich wollte erst ins Internet und checken, ob sich vielleicht der Herr, der mir helfen sollte, schon gemeldet hat. Falls dies der Fall sein sollte, würde ich dementsprechend weiterfahren. Wenn er sich aber noch nicht gemeldet haben sollte, wollte ich zuerst zur Schweizer Botschaft fahren und mich dort erkundigen, ob es irgendeine Möglichkeit gäbe, mein Visum mit ihrer Hilfe zu bekommen. Danach würde ich dann zum St.Xavier’s College fahren, wo Father Maniyar wohnt, eben jener Nepalese, der mir eventuell behilflich sein könnte.
Über Nacht hatte es keinen Strom gegeben und so waren die Batterien der meisten Internetcafés leer. Nach einigem Umherirren fand ich aber eines, das offen war, Strom hatte und nicht mal so teuer war. Und welch eine Freude, Mr. Maniyar hatte mir schon eine Mail geschrieben! Darin hiess es, er würde sich gerne heute noch mit mir treffen, weil er nachher für zwei Tage an einer Priesterweihe sei, dann wäre er noch sonntags da und dann für einen Monat weg. Erstaunlich wie sich manchmal solche Zufälle ergeben, dass etwas einfach sein soll, letzte Chance! Vom Café Kaldy aus versuchte ich Lawrence Maniyar also per Telefon zu erreichen. Entweder war das aber eine falsche Nummer, die Verbindung besetzt oder das Netz gerade einfach ganz schlecht. Auf jeden Fall war dieses Unternehmen zwecklos und so beschlossen wir, trotzdem erst in die Botschaft zu fahren und dann ihn direkt am St.Xaviers College zu suchen.
Mit dem Microtaxi fuhren wir also, beladen mit unserem ganzen Gepäck, wieder Richtung Patan. Beim letzten Kreisel vor dem Patanhospital stiegen wir aus und machten uns auf die Suche nach der Schweizer Botschaft. Das stellte sich aber als etwa so schwierig heraus, wie die berühmte Nadel im Heuhaufen zu suchen. An der im Reiseführer angegebenen Stelle war auf jeden Fall nichts zu sehen, auch fünfhundert Meter in jede Richtung von diesem Punkt aus nicht… wir waren müde vom Gepäckschleppen, irritiert, weil wir wirklich nirgends einen Hinweis auf die Botschaft finden konnten und hatten unser Projekt schon fast aufgegeben. Da winkte uns ein Portier eines Hotels zu sich heran, an dem wir schon einige Male vorbeigelaufen waren. Er fragte uns, was wir genau suchten, wir hatten es ihm vorher schon mal erklärt. Nun lief er aber mit uns zur Rezeption des Hotels und die netten Empfangsdamen versuchten für uns herauszufinden, wo die Schweizer Botschaft sein könnte… keine Chance.
Nach einer kurzen Lagebesprechung und einem vergeblichen Anruf auf die angebliche Nummer der Schweizer Botschaft, beschlossen wir stattdessen zum St.Xaviers College zu laufen, das sich da gleich um die Ecke befindet. Das angebliche College entpuppte sich als Schule, riesig und mit imposantem Gebäude. Wir fragten am Tor nach, wo es hiess, Father Lawrence Maniyar sei nicht hier sondern in seinem Büro in einem anderen Stadtteil. Wir könnten aber zur Rezeption gehen und nachfragen. Ein älterer Jesuit, der draussen auf einer Sonnenbank sass zeigte uns dann den Weg zum Infobüro. Dort gab man mir eine Telefonnummer vom St.Xaviers College.
Wieder draussen vor dem Tor versuchte ich mein Glück mit der Nummer. Aber wieder wurde ich nicht durchgestellt. Also beschlossen wir, ein Taxi anzuhalten und uns zum St.Xaviers College fahren zu lassen. Aber keiner der Taxifahrer wusste, wo wir hinwollten und sie fuhren uns einfach davon. Deshalb sind wir dann nochmals zum Tor der St.Xavier School gelaufen und die Wärterin hat für mich nochmals eine andere Telefonnummer sowie den Stadtteil, wo sich Father Lawrences Büro befinden sollte, aufgeschrieben. Aber auch hier versuchte ich vergeblich anzurufen und die Taxifahrer weigerten sich, uns in den Stadtteil zu fahren, weil wir keine genaue Adresse angeben konnten.
Nun wusste ich wirklich nicht mehr was tun, wir standen neben der Schule auf dem Parkplatz, ich versuchte noch mal anzurufen, aber nichts ging. Gerade hatte ich so gut wie alle Hoffnung aufgegeben, da sprach uns ein Nepalese an. Er hätte gehört wir würden nach Father Lawrence suchen… Nach meinem bestätigenden Nicken meinte er nur, er sei Father Lawrence Maniyar! So ein irrsinniger Zufall und genau in dem Moment, wo ich diesen Plan schon abgeschrieben hatte!! Ich konnte mein Glück gar nicht fassen und habe nur genickt, als er sagte, er müsse noch schnell zur Wäscherei, wir sollten am Tor auf ihn warten, dann hätte er gleich Zeit für mich.
Wir folgten ihm dann bis zu seinem Wohnhaus auf dem Schulcampus, bekamen eine heisse Tasse Tee in die Hand gedrückt und dann wollte er wissen, worum es genau geht. Er hat sich meine Geschichte ruhig angehört, noch einige Zwischenfragen gestellt und dann sein I-Phone gezückt. Hier konnte ich nun einen Crashkurs in politischer Diplomatie machen… Mir blieb beim Telefonat, das er mit einem Angestellten der indischen Botschaft führte regelrecht der Mund offen stehen. Er legte so eine perfekte Mischung aus Bitten und Verlangen, aus Schilderungen und ein wenig Übertreibungen hin, dass ihm die Story jeder abgekauft hätte.
Kaum war das Telefonat zu Ende berichtete er mir dann auch, dass alles in Ordnung sei. Ich würde noch heute eine Mitteilung von ihm bekommen, ob ich am selben Tag oder spätestens am nächsten Morgen ein Gespräch in der Botschaft haben würde und dann sei mein Visum so gut wie gemacht. Father Lawrence erzählte uns dann noch einige Geschichten über das Wirken der Jesuiten in Nepal und schliesslich verabschiedeten wir uns von ihm, ich werde meinen persönlichen Schutzengel nie vergessen!
Weil ich ja nun sehr wahrscheinlich einen Tag länger für meine Visageschichte brauchen würde, sind Evelyne und ich gleich zurück nach Thamel gefahren und haben uns wieder im Travelers Inn einquartiert. Weil wir wieder das gleiche Zimmer wie gestern bekamen, hätte es uns auch nicht gar so gestört, bei dem Gedanken, dass die Bettwäsche vielleicht nicht ausgewechselt worden war. Aber beim Duschen machte Evelyne dann doch noch eine ziemlich eklige Entdeckung: Das schön zusammen gefaltete Handtuch war noch leicht feucht, was darauf schliessen lässt, dass die Putzfrauen unsere gestern gebrauchten Handtücher einfach fein säuberlich gefaltet haben, bereit für den nächsten Gast…
Weil noch ein paar Stunden Zeit waren, bis sich Father Lawrence bei mir melden würde, schlenderten wir einfach noch so durch Thamel, schauten ab und zu in einige Laeden herein und liessen uns immer wieder von verschiedenen Hindiklängen berieseln. Ich stöberte noch etwas im Pilgrims Bookstore und entdeckte in der Kinderabteilung ein dünnes Buch mit Nepaligeschichten auf English und Nepali geschrieben. Das musste ich natürlich sofort kaufen!
Kurz vor 4 Uhr erhielt ich dann die ersehnte Nachricht von Father Lawrence. Ich sollte morgen Donnerstag am Morgen zur indischen Botschaft fahren und dort sagen, dass ich mit dem zweiten Sekretär der Botschaft einen Termin hätte. Alles Weitere würde sich dann von selbst regeln. Jippie, ich war sooo erleichtert und auch einfach glücklich, dass ich dieses Mal falsch gelegen hatte und es eben doch manchmal auch für scheinbar unlösbare Probleme eine Lösung gibt!
Donnerstagmorgen wanderten Evelyne und ich die verstaubte Strasse zur indischen Botschaft entlang und standen kurz nach halb Zehn vor dem Tor. Erst wollten uns die Angestellten zur Visa-Sektion schicken, aber mein Zaubername, den mir Father Lawrence übermittelt hatte, öffnete mir im wahrsten Sinn des Wortes Tür und Tor.
So spazierten wir zwei weissen Ladys unter den verwunderten Blicken der in Schlange stehenden Nepalesen durchs Tor aufs Gelände der indischen Botschaft. Da wurden wir kurz durchleuchtet und unsere Taschen leicht durchwühlt und wir wurden zu einem unscheinbaren Gebäude geschickt, wo wir im ersten Stock das Büro des besagten Herrn finden würden. Irgendwie sah das Ganze etwas schäbig aus, aber bald wurde klar, dass dies einfach die Abteilung für Anliegen von Indern und Nepalesen war, untergebracht in einem beinahe baufälligen Gebäude. Wir mussten ein paar Minuten warten, bis ich ins Büro vorgelassen wurde. Hinter dem wuchtigen Schreibtisch thronte eine imposante Persönlichkeit mit einer Strickmütze auf der runden Glatze. Er schaute sich schnell meinen Pass an, dann wurde er durch das Klingeln des Telefons unterbrochen; der Gouverneur fragte nach ihm. Ich sollte wieder nach unten gehen und draussen auf den Stühlen warten. Er käme dann sobald die Angelegenheit mit dem Botschafter geklärt sei.
So warteten Evelyne und ich dann ca. eineinhalb Stunden, beobachteten die anderen Gesuchsteller und wurden selbst beobachtet. Irgendwann kam dann ein Angestellter zu uns heraus und meinte, in einer halben Stunde sei der Herr zurück. Und schon wenige Minuten darauf, tauchte unser Mann ganz gehetzt auf, er schnappte sich meinen Pass, meinte „one moment please“ und verschwand in sein Büro. Wirklich einen Moment später kam er wieder herunter gepoltert, schritt schnell an uns vorbei und sagte im Gehen, bitte folgt mir.
Er schritt schnell aus, hielt meinen knallroten Pass wie eine Fahne vor sich in die Höhe, ging durchs Eingangstor, vorbei an den immer noch wartenden Menschen, direkt zur Visasektion. Dort besprach er sich kurz mit einem Angestellten, zeigte einige Male auf mich und verabschiedete sich dann. Mir wurde gesagt, ich solle die Telexform ausfüllen und dann zum Counter gehen. Ich kam mir vor wie in einem Film bei dem „Rewind“ gedrückt worden war. Wieder stand ich mit der exakt gleich ausgefüllten Telexform vor demselben Counter, hinter Glas die gleiche, mürrisch blickende Dame… und auch ihre Antwort war wie aus dem Buch abgeschrieben. Sie könne mir kein Visum geben, ich müsse zurück in die Schweiz.
Diesmal war ich aber nicht geschockt, sondern nur leicht amüsiert… ich nannte ihr den Namen des Herrn, mit dem ich mich heute besprochen hatte, sie stürmte aus dem Büro, kam zurück und nahm wortlos meine Telexform entgegen… Als diese erste Huerde genommen war, naehrte sich mir ein Mann und erklaerte mir ganz freundlich, wie es nun mit meinem Visum weiterlaufen wuerde. Sie braeuchten die Unbedenklichkeitsinformation aus Bern, die gewoehnlich etwa eine Woche braucht um einzutreffen. Deshalb solle ich am 17.Februar nochmals kommen und dann bekaeme ich, sofern diese Bescheinigung eingetroffen sei, noch am gleichen Tag mein neues Visum fuer fuenf Monate! Mehr als ich mir ertraeumt hatte und einfach perfekt!! Ich dankte dem netten Herrn und schwebte foermlich vom Gelaende der Indian Embassy...
Mi
09
Feb
2011
Fuer einmal geht es mit meinem Bericht nicht ganz chronologisch weiter... das heisst, es fehlt momentan einfach eine ganze Woche.
Dafuer moechte ich an meinen letzten Bericht anknuepfen, wo ich geschrieben habe, dass ich mit dem Bericht hinterherhinken werde...
An diesem genannten Samstag bin ich also mit Evelyne losgelaufen, um ins Internet zu gehen. Wir nahmen den Weg ueber die Treppen und waren gemuetlich am plaudern, als ich ploetzlich ohne Vorwarnung durch die Luft flog. Ich weiss nicht, ob ich einen Stein uebersehen habe oder einfach dumm ausgerutscht bin. Auf jeden Fall sah ich mich in Zeitlupe Kopf voran stuerzen und konnte mich erst drei Treppenstufen weiter unten auf den Haenden abfangen. Die Handflaechen und das linke Knie habe ich mir nur ganz leicht aufgeschuerft, aber mein rechter Knoechel hat hoellisch geschmerzt. Erstmal sass ich also ein paar Minuten im Staub auf der Treppe und habe mir das Bein gehalten.
Ein freundlicher Nepalese hat sich gleich nach meinem Wohl erkundigt und ist besorgt noch ein paar Augenblicke herumgestanden. Und drei Jugendliche haben uns gekreuzt und sind dann aber weitergelaufen.
Keine drei Minuten spaeter waren Sumitra und noch ein Maedchen aus dem Home bei uns. Sie waren auf dem Rueckweg von Chapagaon und haben den Weg ueber die Treppen genommen, weil ihnen die drei Jungs erzaehlt haben, dass da eine weisse Miss verletzt auf der Treppe sitzt.
Ich war also Dorfgespraech. Bin dann aber doch noch nach Chapagaon gelaufen, nur um feststellen zu muessen, dass das Internetcafe zu hat, sowie auch der Einkaufsladen...
Also zurueckhumpeln zum Guesthouse und meinen Knoechel kuehlen, der inzwischen auf Huehnereigroesse angeschwollen war.
Den ganzen Sonntag konnte ich nur unter grossen Schmerzen herumhumpeln, doch gluecklicherweise schien nichts gebrochen zu sein und auch die Baender fuehlten sich nicht angeknackst an.
Nun noch kurz die Story, wie meine Visumsbeschaffung laeuft:
Gestern bin ich zur indischen Botschaft gefahren, um mich fuer ein neues Visum zu bewerben. Dort werden die auslaendischen Gaeste draussen abgefertigt, wo man unter einem Glasdach warten kann, bis man an der Reihe ist, seinen Antrag zu stellen. Die Schalter sehen aus wie Ticketboots fuer Schiffsbillette und man hat genau die Zeit, seinen Pass und sein Telexformular hinzustrecken und auf sein Urteil zu warten. Bei mir hiess dieses: Sie hatten schon ein indisches Visum, Zweitvisas werden nicht vergeben. Sie muessen zurueck in die Schweiz, nur dann koennten sie nochmals ein Visum beantragen.
Tja, was fuer ein Schock! Sollte ich wirklich eine Weltreise machen muessen, damit ich nochmals unentgeltlich ein paar Monate arbeiten kann...?
Fuer den Moment will ich nur sagen, es gibt doch noch Wunder in dieser Welt, und wenn man Beziehungen hat ist anscheinend alles moeglich.
Morgen habe ich eine "Privataudienz" auf der indischen Botschaft und zu 99Prozent ist jetzt sicher dass ich dann gleich mein Visum in der Hand haben werde.
Sobald das geklappt hat, erzaehle ich euch hier die ganze Story. Vorher will ich mein momentanes Glueck nicht noch unnoetig herausfordern :-)
Also drueckt mir die Daumen und bis bald!!
Mi
09
Feb
2011
Sanibar, 22.01.2011
Unausgeschlafen krochen wir drei weiblichen Volunteers an diesem Samstag Morgen aus unserem engen Bett. Die Kinder machten im ganzen Haus einen Heidenlärm und anscheinend gab es kein Frühstück, weil sie nüchtern zum Tempel gehen wollten. Das sei viel frommer und gäbe besseres Karma…
Wir haben dann doch einen Tee bestellt, damit wir nicht halb durchfroren in den eiskalten Bus steigen mussten und wenigstens etwas Warmes im Bauch hatten.
Während der Fahrt turnten dann immer wieder Kinder und auch Wardens im Bus herum, tanzten zur Musik, die wieder sehr laut abgespielt wurde. Die Kinder sangen lauthals mit und es war eine ausgelassenen Stimmung, während der Bus über staubige, holprige und schmale Strassen fuhr.
Schon bald erreichten wir dann ein kleines Dorf, das zum District von Charikot gehört und wo es einen Tempel gibt.
Hier fanden wir dann einen schönen Platz vor, wo wir praktisch den ganzen Tag verbringen würden. Als erstes wurden alle Kochutensilien, Töpfe, Pfannen, Kochlöffel, eine Gasflasche, mehrere Kilos Kartoffeln, Reis und Gemüse aus dem Bus angeschleppt und dann wurde auch gleich Teewasser aufgesetzt.
Anscheinend hatte man sich doch gegen die Vorstellung nüchtern zum Tempel zu gehen entschieden. Denn schon bald wurde allen eine Tasse Tee und eine Packung Kekse ausgehändigt.
Die Gruppe verteilte sich in kleinen Grüppchen auf dem relativ grossen flachen Gelände und alle genossen ihr Frühstück und die nun wärmende Morgensonne.
Danach machten sich einige Gruppen auf zum Tempel, der etwas weiter oben auf dem Hügel thronte. Auch Evelyne und ich machten uns auf die vielen Treppenstufen hoch. Beim Tempel beobachtete ich das Geschehen dann eher von aussen. Wir hätten die Schuhe ausziehen müssen und barfuss dem Tempel betreten müssen, was mir zu kalt war und auch irgendwie unangenehm war, weil es drinnen von all den Tieren, Menschen und so weiter ziemlich schmutzig war. Ausserdem wurden gerade mehrere junge schwarze Ziegenböcke zur Opferung herangeführt und den Anblick dieses Schlachtens inmitten all der Gläubigen die sich drängten, wollte ich mir auch lieber ersparen.
Viel lieber bin ich dann mit Evelyne noch durch das ganze Dorf spaziert, es gab einige schöne typisch nepalesische Gebäude zu sehen, eine kleine Stupa und hier war es so wunderbar ruhig und die Luft auch schön frisch.
Als wir dann gegen elf Uhr wieder beim Picknickplatz waren, gab es gerade Frühstück. Anscheinend waren die Kekse und der Tee nur eine erste kleine Stärkung gewesen, denn nun gab es Toastbrot mit Marmelade, ein gekochtes und dann frittiertes Ei und gebratene Kartoffeln mit Curry. Für alle wurde eine Portion auf einem Stück Zeitungspapier angerichtet und bald waren auch alle friedlich am Essen.
Danach haben wir mit den Kindern einige Spiele gespielt, etwas herumgetobt und als dann die älteren Jungs die Stereoanlage und die Boxen anschleppten, fingen auch bald einige an zu Tanzen. Speziell, dass sie immer und überall diese Musik dabei haben wollen… sogar jetzt im Freien, wo es doch so gemütlich war mal ohne Beschallung!
Die Küchenaunties waren die ganze Zeit ziemlich beschäftigt, denn nach dem zweiten Frühstück machten sie sich gleich ans Kochen des Mittagessens.
Ich döste noch etwas auf einer Steinbank in der Sonne, lange war es aber nicht ruhig und Jaye, der kleine Schlingel, kam mich auskitzeln um zu sehen, ob ich wirklich schlafe… J
Der Lunch war heute ein richtiges Festessen, denn es gab ausnahmsweise auch mal Chicken zu Reis und Gemüse. Der eine Busfahrer hatte es richtig lecker zubereitet! Und es gab Lopsi-Ajaar, eine Köstlichkeit!! Lopsis sind sehr saure Früchte, die dann eingelegt werden und so zu einer scharf-sauren Köstlichkeit heranreifen…. Hmmmm einfach lecker!!
Bald nachdem wir gegessen hatten, machten wir uns wieder auf den Weg. Zurück zum Hotel ging es aber noch nicht, auch wenn ich schon genug müde gewesen wäre. Erst hielten wir auf einem Bergrücken und liefen durch ein Stück Wald zu einer Gedenkstätte für die Göttin der Weisheit. Dort gab es aber eigentlich nichts zu sehen, denn es gab kein Bildnis der Göttin. Der Waldboden war aber mit riesigen Tannennadeln ganz bedeckt und die Kinder tollten etwas darin herum.
Weiter ging es dann mit einem Stopp bei einem Tempel der unter anderem eine Statue Shivas in einem Wasserbecken beherbergte, dann machten wir noch bei einem weiteren Tempel halt. Diese Tempelbesuche erschienen mir immer sehr gehetzt. Raus aus dem Bus, die kurze Strecke zum Tempel laufen, Schuhe ausziehen und reingehen, ein paar Ehrerbietungen vor den jeweiligen Göttern, wieder raus, in den Bus und weiter geht’s…
Schliesslich war es dann schon dunkel, als wir wieder Charikot und somit unser Hotel erreichten. Es war wieder bitterkalt geworden und so verzogen wir uns schnell in Haus, wo es aber natürlich auch nicht viel wärmer war.
Wir Volunteers setzten uns dann in den obersten Stock ins Restaurant um uns bei einem Milchtee etwas aufzuwärmen, Abendessen sollte es erst etwa zwei Stunden später geben.
Ich las etwas, wir unterhielten uns und warteten eigentlich nur darauf, essen zu können und uns dann in unseren Schlafsack zu verziehen.
Das Daal-Baat schmeckte gut und ich ass die ganze Portion auf, vor allem deswegen weil es so schön den Magen wärmte. Danach zwängten wir uns wieder auf unser schmales Bett und ich versuchte zu schlafen. Und ich musste feststellen, dass ich nicht schlafen kann, wenn ich eiskalte Füsse habe…. Naja, und in dem schmalen Bett hatte ich auch keine Chance, mir die Füsse zu wärmen. Max schnarchte, dass die Wände zitterten. Ich weiss nicht, wann ich dann endlich eingeschlafen bin.
Als nächstes, gerade als ich mich so friedlich und warm eingemummelt fühlte, hörte ich: Good morning, wake up, we’re leaving in half an hour…!
Aitabar, 23.01.2011
Nach einem stärkenden Milchtee, verluden wir alles und alle wieder in den Bus und machten uns auf die Heimfahrt. Ich packte mich gut in Jacke, Schal und Mütze ein, zog meine Handschuhe über und schloss die Augen. So lässt sich eine lange Busfahrt gut überstehen…
Zwischendurch bin ich aufgewacht, habe etwas die vorbeiziehende Landschaft betrachtet und bin dann gleich wieder eingenickt. Auf einer Passhöhe haben wir dann angehalten, sind ausgestiegen und mussten uns gleich ein wenig gegen den bissigen Wind stemmen. Dafür hatten wir einen unglaublich schönen Ausblick auf die „Himalis“, die Schneeberge!
Auf diesem ehemaligen Steinbruch haben wir dann auch Kreidestein gefunden und einige kleine Kristalle.
Bald ging die Fahrt dann weiter, immer Richtung Kathmandu. Kurz bevor wir den Ort erreichten, wo wir Lunch haben würden, kippte der Bus plötzlich steil nach rechts. Unser Fahrer hatte die Kurve ein wenig zu eng genommen und nun steckte ein Rad im Strassengraben. Die ganze Vorderseite des Busses war ziemlich steil zur Seite geneigt, Evelyne und ich mussten uns am Sitz festhalten, damit wir nicht nach unten und durch die Türe nach draussen rutschten. Zum Glück waren wir aber zur Bergseite hin schräg… sonst hätte dieses Unglück schlimm ausgehen können. Und ohne dass jemand helfen musste, schaffte es unser Fahrer, den Bus wieder auf die Strasse zu bringen. Ein Glück!
Lunch, Daal-Baat mit Tarkari, war schnell gegessen und statt vor dem kleinen Restaurant auf der Strasse rum zu stehen, wo immer wieder Lastwagen und Busse durchbrausten, nahmen Evelyne und ich die Kleinen mit zurück zum Bus. Dort gab es dann bald Geheul und Tränen, weil wir ihnen nicht erlauben wollten, nochmals nach draussen zu gehen und auf dem steilen Abhang zum Fluss runter zu spielen.
Weil alle anderen, etwas grösseren Kinder, aber draussen waren, stiegen wir dann trotzdem nochmals mit ihnen aus. Ashok hatte es geschafft, beim Steinekicken einen Schuh den Abhang hinunter zu befördern, der jetzt direkt neben dem Fluss lag… einer der grossen Jungs stieg dann das steile Bord hinunter und holte den Schuh zurück, nicht ohne Ashok vorher noch eine kräftige Kopfnuss zu geben.
Die Wardens waren die ganze Zeit, als wir mit den Kindern hier am Fluss waren nirgends zu sehen. Sie hatten uns auch nicht aufgetragen oder uns gefragt, ob wir auf die Kinder aufpassen würden, ziemlich verantwortungslos wie ich fand!
Nach einer guten Stunde kamen sie dann nach und nach zurück zum Bus, sie waren noch etwas shoppen gewesen…
Weiter ging’s bis wir am Rand des Kathmandu-Valleys den letzten Zwischenstopp einlegten. Hier gab es die welthöchste Shiva-Statue zu bewundern, die aus Bronze gefertigt auf einem Hügel hoch über dem Tal aufragt. Erst mussten wir diesen Hügel aber über eine unglaublich staubige Sandstrasse erklimmen. Auch hier verweilten wir wieder nicht lange und schon bald begann der steile Abstieg über eine Abkürzung. Wir kletterten auf kleinen Grasvorsprüngen einen beinahe senkrecht abfallenden Hang herunter, einige unserer Mädchen in Absatzschuhen oder sonstigen ungeeignet zierlichen Schühchen.
Aber alle haben den Bus wieder sicher erreicht und mit voller Musiklautstärke fuhren wir die letzten Kilometer nach Kathmandu. Als wir dann die Ringroad erreicht hatten, waren wir auch bald bei der Ausfahrt nach Chapagaon und erreichten das Home noch vor der Dämmerung.
Erschöpft und erleichtert, dass die lange Fahrt vorüber war, luden wir unsere Rucksäcke aus, schlichen zum Guesthouse und machten an dem Abend nicht mehr viel.
Sombar, 24.01.2011
Heute haben meine Kinder aus Kalimpong das grosse Konzert in Mumbai. Daran habe ich den ganzen Tag gedacht! Ich hoffe, es ist ihnen gut gelungen, sie konnten vor grossem Publikum spielen und sind mit ihrer Performance zufrieden…
Ich habe heute den ganzen Vormittag über gewaschen, es war auch bitter nötig. Das Waschwasser färbt sich hier unweigerlich grau-braun, vom vielen Staub und Dreck, dem wir die ganze Zeit ausgesetzt sind. So reicht ein Waschgang meist nicht und meine Finger sind jeweils nach dem Waschen ganz rot und rissig.
Gegen Mittag bin ich dann nach Chapagaon gelaufen, weil ich ins Internet und Skypen wollten. Glücklicherweise hatte es auch wirklich genug Strom, ich habe dann auch noch Evelyne im Internet Café getroffen, wir haben zusammen noch etwas Gemüse, Früchte und Kartoffeln eingekauft und sind dann zurück spaziert. Auf dem Weg haben wir noch Halt bei der Joghurtfabrik gemacht, wo wir einen Liter Joghurt in einem Plastiksack gekauft haben.
Gegen Abend war ich dann im Home, habe mit den Kindern gespielt und weil sie ziemlich überdreht waren, habe ich sie nach einer halben Stunde Bilder ausmalen lassen. Dies haben sie mit viel Freude gemacht und zum Teil auch richtig sorgfältig und schön.
Mangalbar, 25.01.2011
Seit heute habe ich eine richtige Aufgabe hier! Im Oktober hatte das Dental-Camp angefangen, mit ein paar Zahnbehandlungen hier im Home. Die Vorgeschichte ist lange und nicht ganz so reibungslos verlaufen, wie sie sollte, deshalb hat sich die Geschichte nun hingezogen.
Eigentlich sollten alle Kinder der Shangri-la International School eine Zahnbehandlung bekommen, wo geflickt und gezogen würde, was eben nötig wäre. An den paar Behandlungstagen die bisher stattfanden, wurden aber gerade mal ein paar Duzend Kinder behandelt und so stehen nun noch Behandlungen für ca. 200 Kinder an. Ab heute werden deshalb jeweils zwei nepalesische Zahnärzte mit je einem Assistenten aus einer Zahnklinik in Kathmandu hier sein. Jeden Tag, bis alle Kinder behandelt sind.
Dieses Arbeitsgebiet ist eigentlich Sache von Evelyne, die auch zu Hause im medizinischen Bereich tätig ist. Ich habe mich da jetzt einfach mit drangehängt, helfe wo nötig und erledige, was gerade anfällt.
Morgens und eigentlich auch schon gestern Abend haben wir den einen Study-Room geputzt und eingerichtet mit allem nötigen Zubehör für die Zahnärzte. Dann haben wir die Patientenblätter ausgefüllt und so bald die Kinder da waren, in Listen eingetragen, wer alles heute behandelt werden würde. Ansonsten gibt es eigentlich nicht viel zu tun. Wir müssen einfach da sein, schauen, wie schnell die Zahnärzte voran kommen und gegebenenfalls neue Kinder aus der Schule her bestellen. In der Zwischenzeit haben wir Bücher mit Lernspielen auf English durchgesehen und nach neuen Ideen gesucht für unsere Abendspiele mit den Kindern. Ausserdem haben wir Nepali gelernt, mit den Wardens zu Mittag gegessen und so den ganzen Tag oben im Home verbracht.
Nachdem die ganze Truppe dann um ca. halb vier wieder weg war, mussten wir noch etwas aufräumen, Wasser nachfüllen, die gemachte Arbeit in die Formulare übertragen, dann hatten auch wir Feierabend.
Wir sind noch nach Chapagaon gelaufen um eine Liste auszudrucken, die uns nun einen übersichtlichen Blick auf die getane Arbeit geben wird.
Zurück beim Guesthouse haben Caro, Heidi, Evelyne und ich zum ersten Mal zusammen richtig gekocht. Lecker, endlich mal wieder knackig-frisches Gemüse zu essen, zusammen mit Kartoffeln und ein paar Nudeln gebraten.
Das Ausprobieren der neuen Lernspiele hat dann am Abend ziemlich gut geklappt, wenn auch die Kinder sich nicht sehr lange damit beschäftigen wollten. Ich denke kleine Häppchen sind da besser und dann zur Abwechslung ein einfacheres Spiel.
Bei der Medical Hour ist dann noch einer der grösseren Jungs mit einer bösen Wunde aufgetaucht. Anscheinend hat er diese schon seit über zwei Monaten, hat sie aber nie gezeigt und gemeint es sei ja nichts so schlimm. Nun hat er an der einen Ferse eine offene, geschwollene und eitrige Wunde, die bestimmt sehr schmerzt und weil immer Staub und Dreck reinkommt auch nicht so leicht heilen wird.
Hoffentlich wird das wieder gut, mit täglichem Desinfektionsbad und sterilem Verband…
Buddhabar, 26.01.2011
Schon ein Monat in Nepal! Mir kommt es vor wie zwei Tage oder aber dann auch schon wieder viel länger. Bald werde ich mein neues Visum für Indien beantragen und dann… ja hoffentlich kann ich dann nochmals ein paar Monate zu meinen Geigenkindern nach Kalimpong zurück!
Heute war wieder Treatment Day im Dental-Camp und schon ganz eingespielt und routiniert haben Evelyne und ich zusammen vorbereitet und die Kinder erwartet.
Zwischendurch haben wir noch Plakate gemalt mit Zähnen und Kariesbefallenen Zähnen für das Prevention Camp, das Evelyne und Caro morgen in der Schule durchführen werden.
Und am Nachmittag war ich dann auch eine Zeit lang alleine, weil die beiden zur Vorbesprechung des Prevention-Camps in die Schule liefen. Als ich dann gesehen habe, dass kurz nach zwei nur noch zwei von 21 Kindern zur Behandlung anstanden, habe ich beim Rahjes, dem Zuständigen fürs Camp, angefragt, ob wir nicht noch zwei-drei Schüler kommen lassen könnten.
So hatten die Ärzte dann bis um halb vier Uhr 24 Kinder behandelt, 34 Füllungen gemacht und vier Zähne gezogen… eine ganz ordentliche Bilanz, die sich aber hoffentlich noch etwas steigern lässt, damit wir in zehn Tagen mit dem Camp durch sind…
Als ich heute am Mittag in der Sonne vor der Küche sass, ergab sich noch ein ganz nettes Gespräch mit einer der Köchinnen. Ich war nämlich gerade dabei, Kärtchen für ein Pantomime-Spiel zu basteln. Darauf habe ich auf der einen Seite in English auf der anderen in Nepali Tätigkeiten geschrieben, welche die Kinder dann vormachen können.
Die Köchin hat mir interessiert zugeschaut und dann gefragt, wer Nepali geschrieben hat. Und als ich dann sagte, dass ich es selbst geschrieben habe, war sie ganz erstaunt und hat mich ausgefragt, woher ich denn Nepali könne und wie gut. So haben wir etwas geplaudert, vor allem auf Englisch aber mit einigen Nepali-Wörtern dazwischen, das war richtig nett!
Sie hat mir dann auch noch Tee angeboten und als eine Zehntklässlerin vom Home dazukam und unser „Mann für die Tiere“ hat sie den Beiden gleich erklärt, ich könne Nepali schreiben und verstehen… naja, verstehen ist etwas zu viel gesagt, aus dem Zusammenhang kann ich ab und zu einiges zusammen reimen.
Bihibar, 27.01.2011
Heute habe ich alleine beim Dentalcamp geholfen. Evelyne und Caro waren in der Schule um mit allen Klassen von Klasse 1-8 einen Zahnputzworkshop durchzuführen. Ich bin gegen zehn Uhr zum Home gelaufen, habe einige Formularblätter für die Kinder ausgefüllt und dann gewartet, dass die Zahnärzte und die Kinder kommen.
Erst nach halb elf sind sie dann endlich eingetrudelt und weil wir die ganze Liste mit den zu behandelnden Kinder nochmals umgestellt haben, war es nun etwas stressig, herauszufinden, welche Kinder heute da waren.
Ich ging von Kind zu Kind, versuchte die Namen zu verstehen und musste dann jeden einzelnen Namen auf der Liste mit zweihundert Kindern suchen.
Danach hatte ich einen ruhigen Vormittag. Ich habe für alle noch zu behandelnden Kinder schon mal die Formularblätter vorausgefüllt, zwischendurch bin ich herumgerannt, um für die Zahnärzte neue Stirnlampen zu finden, oder ihre Handyakkus aufzuladen… solche Kleinigkeiten halt. Dazwischen habe ich mich etwas mit den Kindern unterhalten und gegen 1 Uhr gab es dann für mich und die Zahnärzte Lunch.
Ambika, die Köchin, mit der ich mich gestern unterhalten habe, hat mich gleich gesehen und zu sich gerufen. Sie hat sich schon meinen Namen gemerkt und etwas geplaudert.
Gegen zwei Uhr habe ich dann nochmals ein paar weitere Kinder aus der Schule bestellt, weil die Zahnärzte mit den siebzehn anderen schon beinahe fertig wurden.
Und schon kurz nach drei Uhr war dann das Dentalcamp für heute beendet. Wir hatten den Generator, der immer einen Riesenkrach macht und grässliche Benzinabgase verströmt, heute den ganzen Tag nicht gebraucht, weil so langsam wieder mehr Strom da ist.
Die Regierung rationiert den Strom eben deshalb, weil in den Wintermonaten praktisch kein Niederschlag da ist, die Wasserkraftwerke können nur reduziert Strom produzieren und dieser wird dann an erster Stelle an die Industrie gegeben.
Rajesh, der Schulverantwortliche für das Dentalcamp, hat mir noch die neue Liste mit den Schülern gegeben, wo ich dann, an der Sonne vor dem Guesthouse sitzend, noch alle Schüler durchgegangen bin und diejenigen markiert habe, welche schon zur Behandlung da waren.
Am Abend wollte ich mich alleine um die Kleinen kümmern, Caro wollte mit Samjana und Janake English lernen und Evelyne blieb bis zur Medical Hour im Guesthouse.
Doch heute waren die Kleinen sehr unruhig. Sie blieben kaum drei Minuten auf ihrem Platz im Kreis, schrien herum, ärgerten sich gegenseitig, es gab immer wieder prügelnde Streithähne zu trennen… ziemlich anstrengend.
Trotzdem haben wir einige Runden Memory gespielt und auch ein English-Lern-Spiel lief wenigstens einige Minuten lang ganz gut.
Sukrabar, 28.01.2011
Heute werden Caro, Evelyne und ich zum Dentalcamp gehen. Da gibt es heute einiges zu tun mit dem Einordnen der „Patientenblätter“.
Gegen Mittag werden Evelyne und ich uns aber absetzen und auf einen kurzen „Day off“ gehen.
Die anderen drei Volunteers gehen Samstag für ein paar Tage weg. Weil aber Evelyne mit dem Dentalcamp beschäftigt ist und ich angeboten habe ihr da auch weiterhin zu helfen, nehmen wir uns jetzt kurz bis Samstag-Nachmittag frei und sind dann die ganze nächste Woche über non-stopp beschäftigt.
Wir werden nach Thamel fahren, irgendwo lecker indisch essen gehen, im Travellers Inn übernachten und dann wahrscheinlich am Samstag noch einen Abstecher nach Bouddha machen. Es wird sicher gut tun, ein bisschen den Kopf auslüften zu können und einfach mal wieder etwas anderes zu sehen als nur das Guesthouse und das Home.
Freitags haben wir also noch am Morgen beim Dental Camp geholfen. Zuerst mussten alle Patientenblätter neu geordnet werden, weil eine neue Liste erstellt worden war. Dann hat Rajesh doch Kinder aus allen Gruppen gebracht und wir mussten für jeden einzelnen Namen die ganze Liste immer wieder neu durchforsten. Sehr zeitaufwändig!
Danach sassen wir zu dritt an der Sonne, besprachen noch, was weiterhin zu tun wäre für Caro und dann machten Evelyne und ich uns auf den Weg nach Chapagaon.
Evelyne schleppte ein schweres Packet, das sie nach Hause schicken wollte. Wir wechselten uns ein paar Mal ab, und erreichten so den Bus aufgewärmt und froh, mal durchatmen zu können.
In Patan holten wir noch schnell Geld an einem Automaten, der zum Glück auch funktionierte, dann hüpften wir ins nächste Microtaxi um zum Ratna-Park zu kommen. Diese Fahrt war heute ziemlich wacklig und uns war beiden etwas mulmig zu Mute, als wir über die Fussgängerbrücke hoch über der dreispurigen Autostrasse liefen. Weil Evelyne auch so schwer zu schleppen hatte, beschlossen wir, eine Rikscha nach Thamel zu nehmen.
Ein lustiges Erlebnis: wir zwei erhöht auf dem schmalen Sitz, vor uns der Fahrer, der kräftig in die Pedalen trat, so rumpelten wir dahin. Ich kam mir wie eine Erscheinung aus einem anderen Zeitalter vor, während links und rechts Autos, Busse und Motorräder an uns vorbeizischten.
Als wir dann von der Rikscha kletterten, wurden wir gleich von ein paar Händlern umlagert… wer mitten in Thamel aus einem Touristengefährt wie einem Taxi oder einer Rikscha steigt, ist unweigerlich als Goldesel abgestempelt.
Wir haben uns dann schnellstmöglich den Weg aus diesen „Tigerbalm“-, „Smoke“- und „Hotel“-Verkäufern gesucht und sind gleich zum Büro von Basu gelaufen. Dieser Basu ist ein Bekannter des Shangrila Orphanage Home und wir können als Volunteers günstiger in seinem Hotel übernachten und wir können Pakete nach Deutschland oder in die Schweiz zu etwas günstigeren Tarifen verschicken. Hier hat Evelyne dann auch ihr Paket abgegeben und wir sind zum Travelers Inn marschiert, dem Hotel von Basu.
Gleich bekamen wir auch ein Doppelzimmer auf dem zweiten Stock und machten uns, nachdem wir das Gepäck abgeladen hatten sofort wieder auf den Weg um einige Erledigungen zu machen. Wir stöberten in einem Buchladen, wo man auch gelesene Bücher verkaufen kann und viele Bücher aus zweiter Hand erstehen kann. Danach wanderten wir etwas durch die Strassen, schauten uns einmal hier einen besonders hübschen Schal an und dort eine farbige Pluderhose… und schliesslich erstand ich in einem Shop ein paar hübsche Stulpen aus Samt.
Etwas später verhandelte ich mit einem Verkäufer noch über den Preis von Tibetflaggen und wir suchten uns einen Ort zum Essen. Diesmal probierten wir das Yak-Restaurant aus, wo gerade wenige Kunden da waren und wir eine Sitzecke ganz für uns hatten.
Das Palak Paneer schmeckte gut, die Butter Nan waren aber nicht ganz so luftig wie in unserem Tandoori-Restaurant in Patan.
Nach dem guten, scharfen Essen machten wir noch einen Abstecher in die Bäckerei und ich richtete mich danach für einige Zeit im Internet-Café ein.
Dafür ist Thamel richtig gut: egal ob es sonst gerade Stromausfall gibt, in den Internet-Cafés laufen die Computer den ganzen Tag durch einwandfrei. Dafür bezahlt man auch ungefähr das Fünffache vom Preis, der in Chapagaon verlangt wird….
Abends war ich dann richtig schön müde und so froh, wieder einmal in einem Bett mit dicker Matratze und richtiger Decke schlafen zu können, und wer weiss, vielleicht wäre am nächsten Tag auch warmes Wasser zum Duschen da…
Sanibar, 29.01.2011
Leider war am Morgen kein Strom da und so viel auch die warme Dusche ins Wasser.
Trotzdem konnten wir uns auf einen schönen Tag freuen, den wir mit einer feinen Tasse heisser Schokolade im Café Kaldy begannen.
Danach suchten wir uns den Weg nach Bouddha. Durch die noch verschlafenen Gassen von Thamel, wo die Verkäufer gerade dabei waren, ihre Waren nach draussen zu hängen, liefen wir zum Ratna Park und von da noch etwas der breiten Strasse entlang. Hier gab es dann eine kleine Einbuchtung, von wo anscheinend Sammeltaxis Richtung Bouddha fahren. Wir mussten auch gar nicht lange herumfragen und wurden in ein Taxi gewunken und schon ging die Fahrt los. Erst ging’s einmal um den Ratna-Park herum, weil noch nicht genug Fahrgäste für die Fahrt beisammen waren. Dann schaukelten wir durch halb Kathmandu, immer wieder eine eindrückliche Fahrt, durch die echt nepalesischen Viertel!
Nach einer guten halben Stunde winkte uns der Geldeinzieher dann energisch aus dem Auto, wir hatten das Eingangstor von Bouddha erreicht.
Ohne dass wir unsere Volunteersausweise vorweisen mussten, liess man uns ohne Eintrittskarten passieren. Hier empfing uns dann das vertraute Gemisch der verschiedenen Meditationsgesänge, die aus allen Souvenirshops rund um die Stupa erschallen. Wir umrundeten die gigantische, weisse Figur einmal und betraten dann eine Tanka-Malerei, weil wir ein Mandala kaufen wollten. Ein Mann führte uns dann in den oberen Stock, wo einige Mönche auf dem Boden sassen vor grossen halbfertigen Mandalas, und mit grosser Konzentration und sorgfältigen Strichen an der Arbeit waren. Der Verkäufer fragte uns, welche Grösse von Mandala wir kaufen wollten und er rollte auf einem Tisch ein paar verschiedene Exemplare aus. Dann erklärte er uns die Bedeutung und die Ausführung und schliesslich hatten wir unsere Wahl getroffen.
Evelyne wollte zwei Mandalas kaufen, ein blaues und ein blass-oranges, ich hatte mich für ein sattrotes entschieden. Nun hiess es handeln. Der Verkäufer schlug uns als Anfangspreis 19000 Rupien vor, wir handelten ihn dann schliesslich auf 15000 Rupien herunter. Ein guter Preis, der wahrscheinlich auch damit zusammenhängt, dass gerade nicht Hochsaison für Touristen ist, und sie froh sein müssen, wenn sie überhaupt etwas verkaufen…
Zufrieden mit unserem Kauf schlenderten wir dann in der Sonne zum Restaurant „Tibetan Kitchen“, setzten uns im dritten Stock auf die Terrasse und beobachteten das Geschehen rund um die Stupa. Immer wieder flatterte der grosse Taubenschwarm, der sich auf dem Platz versammelt hatte, hoch und bedeckte den sonnengebadeten Pflastersteinplatz mit flimmernden Schatten.
Dann entdeckten wir noch einen Jungen, der sich ein-zweimal verstohlen umschaute und dann halb in einen Abfalleimer hineinkroch und allerlei Dinge daraus hervorwühlte: Altpapier, PET-Flaschen und Kartonstücke. Diese verstaute er dann in einem riesigen Sack, den er sich über die Schulter warf und gebeugt davon schlurfte.
Später verliessen wir Bouddha wieder per Sammeltaxi und fanden uns auch ganz gut beim Ratna-Park zurecht, wo wir mal an einer ganz anderen Ecke ausgesetzt worden waren.
Wir bestiegen ein anderes Microtaxi nach Patan und stiegen aber schon früher als sonst aus. Evelyne wollte mir noch den Supermarkt zeigen und ich war überrumpelt von dem Überfluss den es hier gab….
Reihenweise eingelegte Früchte und Gemüse, tausend verschiedene Bisquit-Sorten, Gestelle voll mit allerlei Gewürzen. In diesem Laden gab es alles zu kaufen!!
Wir erstanden einige Dinge, die in Chapagaon eher schwer zu kriegen sind und nahmen dann nochmals ein Taxi bis zum Busstand von Patan.
Nun waren wir hungrig geworden und so machten wir noch einen Abstecher zum Tandoori-Restaurant, bevor wir den Bus nach Chapagaon nahmen.
So kamen wir dann erst gegen sieben Uhr beim Guesthouse an und freuten uns auf einen gemütlich-ruhigen Abend.
Daraus wurde dann aber leider nichts…
Wir hatten uns schon überlegt, was wir heute mit den Kindern spielen würden, aber als wir ins Home hoch kamen, waren da die anderen Volunteers, die ja eigentlich vorgehabt hatten, am späten Nachmittag auf einen mehrtägigen „Day off“ zu gehen. Sie hatten mehr schlecht als recht ein Programm für das „Evening ritual“ vorbereitet und wollten nun dies auch durchführen.
Dann gab es einige Aufregung und schliesslich malten die Kinder einfach vorgezeichnete Bilder aus, während wir ihnen zuschauten und zum Teil auch mitmalten.
Danach habe ich Evelyne noch bei der Medical Hour geholfen, und anschliessend habe ich mich bald in mein Zimmer verzogen, weil draussen Max, Caro, Stefan, Moritz und zwei Mädels die zu Besuch waren lautstark allerlei ach so tolle Geschichten zum Besten gaben. Darauf hatte ich nun wirklich keine Lust…
Es ist jetzt schon wieder Samstag, der 05.02.2011. Die ganze Woche über hatte es immer wenn ich Zeit gehabt hätte zu schreiben, keinen Strom gegeben. Und nun, da es mal Strom hat, möchte ich nach Chapagaon laufen und sehen, ob das Internet auch funktioniert. Deshalb werde ich mit dem Bericht von dieser Woche noch länger hinterherhinken.
Mo
24
Jan
2011
Aitabar, 16.01.2011
Ein ganz ruhiger Morgen. Ich habe viel Nepali gelernt, ich verschlinge Bücher am Laufmeter und als dann der Strom kam, habe ich noch einige Mails zu Ende geschrieben. Heute wollten wir eigentlich mit den grösseren Kindern einen Tanzworkshop machen. Ich wartete deshalb nur darauf, dass es ein Uhr wurde, und wir beginnen könnten. Aber dann ging Caro nach 12 Uhr noch nach Chapagaon und war nicht rechtzeitig zurück. Sie hatte den Workshop geplant, Evelyne und ich hätten nur geholfen. Wir beiden sind dann trotzdem zum Home hoch gelaufen, um zu sehen, ob vielleicht ein paar der Kleineren Lust hätten mit uns etwas zu spielen. Das Home lag aber wie ausgestorben da. Es waren wohl die meisten Kinder in ihren Zimmern oder sie streunten irgendwo draussen rum. Wir trafen nur gerade Samjana und dann noch Janna, die uns zum Teetrinken in die Küche bestellte. Gerade als wir umdrehten um zurück zum Guesthouse zu gehen, tauchte Caro doch noch auf. Aber sie meinte dann, sie werde mit den Kindern „Handycraft“, vor allem Glasperlengebilde, machen, statt zu tanzen. So beschloss ich dann, nach Chapagaon zu laufen, wer weiss, vielleicht funktioniert ja das Internet mal. Der Weg zum Dorfkern dauert von unserem Haus ungefähr zwanzig Minuten. Zuerst geht es der breiten, staubigen Strasse entlang zur Wasserstelle, ein grosses Becken, wo aber gerade ganz wenig Wasser drin ist. Dann steigt der Weg etwas, die Strasse wird eher schlammig, weil hier gerade neu gebaut wird. Man kommt vorbei an einem kleinen Tempel und ein paar Häusern, wo dicke Büffel vor den Häusern angebunden an Pfähle träge Heu kauen. Hier entscheide ich dann jeweils, ob ich der Strasse weiter folgen will und vorbei an der Joghurtfabrik laufen will, oder ob ich einen Feldweg zwischen den Häusern wähle, der über ein zurzeit brachliegendes Feld führt und dann steil zum Schulgelände hin abfällt. Diesmal habe ich die Strasse gewählt und bin ihr also einige Duzend Kurven gefolgt, an riesig wachsenden Bambusstauden und am Strassenrand aufgetürmten Lehmziegeln, die in der Sonne trocknen vorbei. Nach der Joghurtfabrik geht es nochmals steil einen Hügel hoch dann wieder hinunter und dort bieten sich wieder verschiedene Wege an. Entweder laufe ich weiter der Hauptstrasse entlang oder ich biege auf einen kleinen Feldweg entlang eines Reisfeldes ein, der dann Treppenstufen hochführt und auf einem Hügelrücken zum Dorfkern führt. Ich bin weiter der Strasse gefolgt und habe nun auch ein paar Leute angetroffen, einige Männer mit schweren Lasten auf dem Rücken, ein paar Frauen mit Holzbündeln und ein paar Frauen in schillernden Saris und unpraktischen Absatzschuhen. Schon genial, wie die hier durch den grössten Staub in den unmöglichsten Schuhen laufen… unverständlich für mich! Kurz vor dem grossen Platz, wo immer ein paar Ziegen und Büffel weiden, habe ich noch einige Kinder angetroffen, die auf plattgedrückten PET-Flaschen einen kleinen Hang runter rutschten. Auf dem Platz war heute nicht viel los, ich habe ihn überquert und bin dann auf die geteerte Hauptstrasse getreten. Hier in Chapagaon sind wir Volunteers von Shangrila die einzigen Weissen. Jeder schaut neugierig, manche bleiben sogar stehen um mich zu beobachten und einige grüssen auch mit dem typischen Namaste. Auf der linken Strassenseite bin ich dann, nachdem ich mit einem kleinen Sprung das Schlamm- und Unratbächchen am Strassengraben überquert habe, die steile Treppe zum Internetcafé hochgestiegen und welch eine Freude: das Internet hat funktioniert!! Dies habe ich dann auch ausgiebig ausgenützt und bin sehr gut gelaunt, nach einem kleinen Abstecher in einen der winzigen Shops, ganz glücklich wieder Richtung Guesthouse zurück gelaufen. Die Reisfelder zeigen jetzt schon wieder einen Flaum kräftiges Grün, die Nachmittagssonne hat der staubigen Landschaft einen zauberhaft goldenen Schimmer verliehen und ich habe mich an der Ruhe erfreut, die hier nur durch gelegentliches Motorradknattern oder ein über uns wegfliegendes Flugzeug gestört wird.
Sombar, 17.01.2011
Heute hatte ich endlich mal eine richtige Aufgabe und etwas zu tun. Warum musste das Wetter aber gerade jetzt so trüb und unwirtlich werden… Die Spielplatz Renovation stand an und ich hatte Max ja schon vor einigen Wochen meine Hilfe angeboten. Um ca. 10 Uhr suchte ich dann mit einigen Kindern Holz zusammen, das wir gebrauchen könnten, während Max in die Schule gelaufen ist um Werkzeug zu holen. Narshing, ein ca. 14jähriger Junge, war anfangs mit Feuereifer dabei und hat gemeinsam mit mir auch gleich begonnen ein altes Gestell auseinander zu sägen. Wir hatten zwei verrostete Handsägen zur Verfügung und so war die Arbeit ziemlich anstrengend. Dazu kam, dass die Kleinen auch dabei waren, helfen wollten und oft auch versuchten dazwischen zu gehen. Es war eine echte Herausforderung sie zu beschäftigen, zu schauen, dass sie zwar dabei sein können, aber sich auch nicht ernsthaft in Gefahr bringen. Sie halfen dann aber auch gut mit, Holz vom einen Ende des Geländes zum Spielplatz zu tragen und so hatte irgendwie jeder etwas zu tun. Gemeinsam mit Max und ein paar grösseren Jungs haben wir dann angeschaut, was alles zu tun ist und uns an die Arbeit gemacht. Es stellte sich bald heraus, dass es wirklich harte Arbeit sein würde, weil wir alles von Hand machen mussten. Die einen Bretter waren so dick und aus extrem hartem Holz, dass wir mit unseren Handsägen fast nicht durchkamen und wir hatten auch nicht das richtige Werkzeug, um die Stahlseile aus den Brettern zu hauen. Aber irgendwie ging es doch überall stückchenweise voran. Einzig das Hämmern und Schrauben machte uns Kopfzerbrechen. Mit Nägeln war den guten Brettern, die wir wiederverwenden wollten nicht beizukommen. Die Nägel waren zu schlechte Qualität und die Bretter aus zu gutem, hartem Holz. Also versuchten wir zu schrauben. Dazu hatten wir aber nur einen Handbohrer zur Verfügung. Das hiess dann, dass wir pro halbe Stunde ungefähr einen Zentimeter tief vorbohren konnten. Ein unmögliches Unterfangen! Einige Bohrsätze sind dann auch, sobald wir sie mal ein bisschen tiefer ins Holz gebracht hatten, abgebrochen… es war ein einziger Frust. Also mussten wir uns eine andere Strategie überlegen. Max war schon ziemlich entnervt, hat die Schüler angeschnauzt, auch wenn die gar nichts gemacht haben. Dies hat er zwar auf Deutsch gemacht, aber ich glaube sie haben den Sinn dennoch verstanden. Ich fand das ziemlich daneben, denn die Kinder haben geholfen wo sie konnten, waren neugierig und ich wollte eigentlich so gut es eben ging möglichst jeden mit einbeziehen. Er war aber gereizt, weil es nicht so ging, wie er es sich vorgestellt hatte und er meinte, die Kinder seien ja doch nur im Weg und er könne so nicht arbeiten. Er hat dann eine Pause eingelegt und ich habe in der Zwischenzeit mit einem älteren Jungen versucht, ob wir nicht mit normalen Ästen einiges reparieren konnten. Dies hat sich dann auch als gute Lösung erwiesen und wir haben schliesslich das meiste so geflickt. Weil meine Hände schon geschmerzt haben und ich einige Blasen bekommen habe, nahm ich mir dann auch eine Auszeit und bin mit Evelyne nach Chapagaon gelaufen. Wir wollten sehen, ob unsere Julos (echt nepalesische Jacken) schon fertig seien und haben dies mit einem etwas ausgedehnteren Spaziergang verbunden. Es tat mir auch gut, mit ihr über das Verhalten von Max zu sprechen. Ich konnte und wollte nicht mit ihm darüber reden, weil ich das Gefühl hatte, damit alles nur noch schlimmer zu machen. Aber es hat mich beschäftigt, ich fand es nicht ok und musste es irgendwie loswerden. Über ein riesiges, terrassenförmig abgestuftes Reisfeld sind wir dann durch ein altes Viertel von Chapagaon auf ziemlich direktem Weg zur Schneiderin gekommen. Sie war gerade dabei Evelynes Julo zu nähen. Die Nähmaschine hatte sie auf den Boden gestellt und war gebückt im Schneidersitz ganz konzentriert an der Arbeit. Es war aber klar, dass wir unsere Jacken heute noch nicht abholen konnten und sie meinte dann auch wir sollten bholi-bholi also morgen-morgen wieder kommen. Zurück beim Guesthouse trafen wir auf einen gutgelaunten Max, der wohl noch etwas weiter gearbeitet hatte und sich wieder beruhigt hatte. Für heute haben wir dann aber die Arbeit am Spielplatz ruhen gelassen und uns noch etwas vor dem Gasofen bei wohliger Wärme entspannt.
Mangalbar, 18.01.2011
Nach den gestrigen Erlebnissen auf dem Spielplatz bin ich heute etwas skeptisch an die Arbeit gegangen. Max war aber aussergewöhnlich gut gelaunt und hat sich gleich mit Suman an die Arbeit gemacht, als wäre nichts geschehen. Wir haben noch viele Äste zugesägt, beim grossen Turm ein Geländer angebracht, die neu gebaute Leiter sicher vernagelt, einen Übergang ausgebessert und so den Spielplatz wieder sicher für die Kinder gemacht. Alles in Allem sind wir nun sehr zufrieden mit unserer Arbeit und die Kinder haben dann auch gleich mit grossem Geschrei und sichtlich erfreut dieses Revier wieder in Besitz genommen. Aus einem übriggebliebenen grossen Brett haben sie auch gleich noch eine Schaukel gebastelt, etwas gefährlich für die Kleineren, aber was soll man machen, sie werden es ja sowieso benützen, auch wenn wir es ihnen verbieten… Mit diesen weiteren Arbeiten waren wir also wieder den ganzen Tag beschäftigt und am Abend war ich so richtig erschöpft, aber mit dem guten Gefühl, dass ich wirklich was geleistet habe. Ich habe mir die geschundenen Hände mit Zinkcreme eingerieben und fand meine „Kriegsverletzungen“ eigentlich ganz passend: ein paar Schrammen, ein paar Blasen und viel wund geriebene Haut…
Buddhabar, 19.01.2011
Evelyne und Caro haben sich heute einen Day off genommen und sind nach Patan gefahren. Ich hatte keine Lust nur für einen Tag hin und her zu fahren und bin lieber hier geblieben. Max hatte auch vor, nach einigen zu erledigenden Dingen für zwei Tage weg zu fahren. So war ich dann den grössten Teil des Tages alleine, habe etwas Geige geübt, gelesen, Nepali gelernt und einfach nichts gemacht. Um die Mittagszeit herum bin ich zum Spielplatz hoch, um zu schauen, ob alles noch in Ordnung ist und sich noch keine der Bretter wieder gelöst hatten. Einige Nägel mussten wir nochmals etwas festhämmern, sonst hat alles gut ausgesehen und die Kinder waren auch am Spielen. Janaké hat mich dann zu sich gerufen, ich sollte ihr helfen eine Glasperlenkette zu machen. Gemeinsam mit Samjana und Meena haben wir dann daraus ein richtiges Spiel gemacht. Wer schaffte es am schnellsten seine sechs Perlen aufzureihen… Sogun hat sich mir auf den Schoss gesetzt und mitgeholfen. Eine gemütliche Stunde an der Sonne mit den Kindern! Gegen drei Uhr bin ich dann nach Chapagaon gelaufen, die Schneiderin hatte unsere Julos fertig und meine sieht richtig schick aus: dunkelrot mit blau-goldenen Verzierungen. Am Abend bin ich ins Home mit Moritz, der aus Kathmandu zurück gekommen ist, Daal-Baat essen gegangen und habe dann mit den Kindern noch gespielt. Caro kam dann auch noch dazu und es hat heute gut funktioniert.
Bihibar, 20.01.2011
Ein langweiliger Tag!! Im Home konnten wir nichts tun, weil sie mit den Vorbereitungen für das grosse „Outing“ beschäftigt waren, und hier im Guesthouse gab es auch nichts zu tun. Also wieder lesen, Nepali lernen, lesen… Ausserdem war es heute so kalt, neblig und nie sonnig, dass wir alle mit Mütze, Schal und Handschuhen im Haus herum gelaufen sind. Am Nachmittag haben sich Evelyne, Max und ich dann jeder in sein Zimmer und in den Schlafsack verkrochen, ich habe gelesen, bis es zu dunkel wurde und es war einfach nur ungemütlich kalt… Am Abend wollten wir mit den Kindern spielen, aber die hatten gar keine Zeit, weil sie noch packen mussten, also haben wir uns nur noch schnell angehört, was wir in den drei Tagen vom Outing (Ausflug) machen werden und sind dann schnell zum Guesthouse zurück und bald zu Bett gegangen.
Sukrabar, 21.01.2011
Um 6.15 Uhr sollten wir beim Home bereit stehen und abfahren Richtung Charikot. Wir dachten eigentlich, dass sich die Abfahrt verzögern würde, wie es hier in Nepal eben so ist mit der Pünktlichkeit. Aber um halb sieben waren dann wirklich alle im Bus und die Reise konnte losgehen. Es kamen etwa 23 Kinder, vier Wardens, drei Küchenaunties, die Putzfrau, der Tierehüter, die zwei Busfahrer und wir vier Volunteers mit. Mit all diesen Leuten plus allem Gepäck, Küchenutensilien, Gasflasche, und und und… war der Bus mehr als voll beladen. Aber irgendwie haben alle einen Platz gefunden, einige der Kleineren auf dem Schoss anderer und zwei kleinere Jungs sassen im Mittelgang auf kleinen Hockern. Evelyne und ich hatten eine Sitzbank ganz vorne links erwischt, mussten diesen Platz aber mit der Gasflasche teilen, was sich bald als sehr mühsam heraus stellte. Ausserdem war dies eigentlich der Platz von Sri Krishna, dem Conductor. Seine Aufgabe ist es, den Bus mit Klopfzeichen durch enge Passagen zu manövrieren. Deshalb war auch das Fenster die ganze Zeit offen und es war eis-eis-eis-kalt und zog die ganze Zeit. Er sass auf der Gasflasche und mir sozusagen im Gesicht. Die einzige Lösung war, mich in Schal, Mütze und Jacke so dick einzumummeln wie nur irgend möglich, die Augen vor der Zugluft zu schliessen und versuchen zu dösen. Ein einigermassen sinnloses Unterfangen, weil die ganze Zeit in maximaler Lautstärke Hindi- und Nepali-Diskomusik lief. Sie hatten extra grosse Boxen mitgenommen und ans Autoradio angeschlossen, dass auch wirklich die kleinste Ecke des Busses beschallt wurde… Bald wurde dann das Frühstück herumgereicht: Vier Scheiben weisses Toastbrot, in der Mitte ein grosser Klecks Marmelade. Tja, eben halt Ausflug auf nepalisch! Gegen zehn Uhr, es war schon einigen Kindern extrem schlecht geworden und viele schwarze Plastiktüten waren herumgereicht worden…, machten wir in einem kleinen Dorf Rast. Wir wurden durch die Hauptstrasse, vorbei an unzähligen Läden, zu einem kleinen Restaurant geschleust, wo wir Daal-Baat bekamen. Wie üblich in den hiesigen Restaurants wurde auch nachgeschöpft und so waren wir alle bald gut gesättigt. Und weiter ging die Fahrt. Ich habe den grössten Teil „verschlafen“, zumindest hatte ich die Augen zu, habe gezittert vor Kälte und fand es nicht sehr angenehm. Gegen halb ein Uhr dann der nächste Stopp. Wir waren an der chinesischen Grenze angelangt. Hier wollten wir einen Abstecher nach China (also Tibet) machen zu einem Markt, wo eben alles viel billiger zu kaufen war als in Nepal. Wir Volunteers waren skeptisch, ob wir über die Grenze gelassen würden. Zunächst sah aber alles danach aus. Wir bekamen einen Passierschein jeweils zu dritt ausgestellt und die nepalesischen Grenzbehörden liessen uns auch ohne zu zögern in den „Grenzzwischenbereich“. Gemeinsam mit unserer Gruppe liefen wir dann zur Mitte der Grenzbrücke, die in gut fünfzig Metern Höhe einen Gebirgsbach überspannt. Dort, genau in der Mitte der Brücke, hielt uns dann ein chinesischer Soldat auf und meinte, keine Chance, sie würden uns nicht nach China lassen. Wir bräuchten ein Visum und auch fotografieren sei hier nicht erlaubt, das sei Militärgebiet. Eigentlich war uns das ja schon vorher klar gewesen, dass man nicht so leicht nach China, und schon gar nicht nach Tibet reinkommen kann, aber ein Versuch war es trotzdem wert gewesen. Und ausserdem waren wir wirklich nur noch ein paar Schritte von der Grenze entfernt. Wir waren also beinahe nach China gekommen!! Während die ganze Gruppe also über die Grenze und zum Markt wanderte, drehten wir vier um und genehmigten uns in einem kleinen Restaurant einen wärmenden Milchtee. Hier in diesem Grenzstädtchen waren wir die einzigen Touristen, dieser Ort ist nur für Nepalesen beliebt, eben wegen des billigen Chinamarktes… Nach einer guten Stunde waren unsere Kinder und die Wardens wieder da und die Reise konnte weiter gehen. Nächster Halt war Tato Pani, ein Ort, wo es heisse Quellen gibt, eben tato (heiss) pani (Wasser). Ein paar Kurven die steile Gebirgstrasse hinunter waren wir dann auch schon am Ziel. Es gäbe hier eine Badeanstalt, hatte es vorher geheissen. Sehr interessant, eine solche nepalesische Badeanstalt! Zuerst sind da die Umkleide“räume“: offene Plätze mit hüfthohen Mauern, die wohl als Sichtschutz dienen sollen. Dann getrennte Duschräume für Frauen und Männer und dazu noch zwei kleine Planschbecken, mit Gittern wie Käfige abgetrennt. Hier kann man sich als Gruppe (Frauen und Männer natürlich getrennt) für eine Zeit lang einsperren lassen und das heisse Wasser geniessen. Ein paar Schritte weiter gibt es dann die Luxusvariante: drei kleine Kabinen mit je zwei Badewannen, wo man für 200 Rupien dreiviertel Stunden baden darf. Irgendwie schon lustig, sich so was anzusehen. Und wieder einmal habe ich über die Nepalesen gestaunt. Sie sind meist so prüde, Männer und Frauen kommunizieren überhaupt nicht miteinander, ein händchenhaltendes Paar ist inakzeptabel… aber wie benehmen sie sich beim Waschen. Die Frauen wickeln sich ein Tuch um, das knapp die Brüste verdeckt und dann bis zum Boden hinunter reicht. Damit duschen sie dann auch und anschliessend trocknen sie sich ungeniert vor allen Leuten ab, stehen halb nackt herum und das ist anscheinend kein Problem! Ich habe mich wirklich gewundert! Wir Volunteers wollten alle nicht baden, haben uns mit dem heissen Wasser aber das Gesicht gewaschen, was vor jeglichen Krankheiten schützen soll. Danach sind wir zurück zum Bus gelaufen, wo es Tiffin gab. Beaten rice und kalte Curry-Kartoffeln. Also eigentlich Daal-Baat in Picknick-Style… Beaten rice sind getrocknete, flachgedrückte Reiskörner, so in der Art von Haferflocken. Nachdem dann alle wieder gewaschen und mit nassen Haaren im Bus sassen ging die Reise weiter zu unserem Übernachtungsziel Charikot. Eigentlich hat es geheissen, wir würden da um ca. sieben Uhr abends ankommen. Schnell wurde es aber dunkel und die holprige Fahrt ging weiter und weiter. Die Musik lief immer noch auf Hochtouren, trotzdem sind die meisten und so auch ich eingeschlafen. Erst um halb zehn kamen wir dann endlich in die Stadt Charikot und fanden auch schnell unser Hotel, das mit bunten Lichterketten hell beleuchtet war. Ich war einfach nur noch müde und kaputt, Evelyne war schlecht und auch Caro sah nicht mehr so frisch aus. Wie viele Zimmer wir eigentlich bekommen haben, ist mir bis jetzt nicht ganz klar, nur, es waren einfach zu wenige. Wir bekamen erst ein Zimmer mit einem schmalen Doppelbett und einem Einzelbett für uns drei weibliche Volunteers. Als dann die Zimmerknappheit aber offensichtlich war, beschlossen wir uns das Doppelbett zu dritt zu teilen, damit zwei andere Mädchen sich das Einzelbett teilen konnten. Wir legten uns eng aneinander gedrängt in das Bett, es war wirklich extremst eng, und die zwei Mädchen die auch noch im Zimmer hätten übernachten sollen, meinten dann sie würden sich ein anderes Bett suchen und uns dieses überlassen. Es hätte wahrscheinlich noch eine halbe Minute gedauert, bis wir dieses Angebot dankbar angenommen hätten, aber gerade da platze Max herein. Er sah das freie Bett, meinte das sei ja ideal und hat sich ungefragt da eingerichtet. Was soll ich sagen, die Nacht war schrecklich. Es war so kalt, dass ich sogar mit meinen zwei „Bettwärmern“ gezittert habe vor Kälte, ich musste andauernd Husten und zu allem Übel schnarcht Max auch zum Verzweifeln. Keine Ahnung wie viele Minuten ich geschlafen habe, bis um halb 5 die ersten Kinder, und mit ihnen auch Max, wieder wach waren und Krach machten. Die weiteren Erlebnisse der Reise berichte ich das nächste Mal…
So
16
Jan
2011
Sombar, 10.01.2011
Beim Montag bin ich stehengeblieben. Bis wir dann endlich losliefen, ging es noch einige Zeit. Max war ziemlich krank und schwach mit Durchfall und Fieber. Caro war auch sehr müde und überlegte sich erst, ob sie überhaupt mitkommen wollte. Aber Evelyne und ich wollten unbedingt los, ich hatte den Tapetenwechsel dringend nötig. Gegen drei Uhr sind wir drei dann doch losgezogen und haben den Bus Richtung Kathmandu genommen. Wir sassen auf der letzten Bank und es war eine unangenehm kalte, schaukelnde Fahrt. Sogar mein sonst sehr stabiler Magen hat sich ein paar Mal umgedreht. In Patan beschlossen wir deswegen, erstmal eine Pause einzulegen. Wir sind in unser Stamm-Tandoori-Restaurant gegangen und haben eine Cola getrunken und etwas Kleines gegessen. Danach haben wir in einer kleinen Bäckerei indische Sweets gekauft und sind mit dem Minitaxi weiter Richtung Thamel gefahren. Da gab es dann einiges zu erledigen. Wir wollten im Supermarkt vorbei schauen, wegen „Thamel-Hippie-Hosen“ schauen, etwas durch die Läden streifen und auch noch ins Internet gehen. Zwischendurch sind wir zum Hotel gegangen und haben uns in einem Dreierzimmer eingecheckt. Echt praktisch, dass die anderen Volunteers hier jemanden kennen, der ein Hotel besitzt und wo wir für die Hälfte des Normalpreises übernachten können. Und jetzt in der Nebensaison sind sie auch froh, wenn sie Dank uns ein paar Gäste haben. Wir zahlen also knapp 3Franken pro Person/pro Nacht. Da kann man sich wirklich nicht beklagen. Aber diesmal war es unglaublich kalt im Zimmer. Wir wussten nicht, woran das lag, aber auch als die Badezimmertür fest verschlossen war, kam es uns ungewöhnlich eisig vor. In Thamel kann man gut auch abends, wenn es schon dunkel ist, rumlaufen. Wir sind also noch lange durch die Läden gewandert und draussen auf der Strasse wurden wir immer wieder angesprochen, ob wir rauchen (und Hasch kaufen wollen). Das ist eben auch typisch Thamel. Nach dem vielen Rumlaufen durch die Stadt, waren wir abends richtig schön müde und sind trotz Kälte bald eingeschlafen, schön eingemummelt in die weichen, grossen Betten.
Mangalbar, 11.01.2011
Carolin ging es gar nicht gut. Sie hat sich nun auch den ansteckenden „Käfer“ geholt und hatte üblen Durchfall. So hat sie dann beschlossen, zurück nach Chapagoan zu fahren. Wir hatten sehr lange geschlafen und so machten Evelyne und ich uns erst gegen halb elf auf, etwas die Stadt zu erkunden. Erst wollten wir nach Swayambhu, eine Stupa, die auf einem Hügel ob Kathmandu thront. Anscheinend fahren da alle Touristen mit Bussen hin. Evelyne, die aber schon mal da war, hat gemeint, man könne auch ganz gut von Thamel aus hinlaufen. Nachdem wir die touristischen Gässchen von Thamel dann hinter uns gelassen hatten, waren wir plötzlich die einzigen Weissen auf der Strasse. Viele Leute haben uns gemustert und sich laut auf Nepali gefragt, woher wir wohl kämen (Amerika war meistens zu hören)… So durch die Strassen zu laufen ist nochmals viel spannender, als in den ausgelatschten Touri-Wegen. Hier sieht man nämlich das echte Nepal. Da sind Kinder, die in den Rinnsteinen mit kleinen Kieselsteinen oder selbst gebastelten Autos spielen, über und über mit Staub bedeckt. Da gibt es die kuriosesten Läden dicht aneinander gereiht, vom bunten Schneiderladen, über den Gasflaschenverkäufer bis zum Schlachter wo gerade riesige Fische offen am Strassenrand angeboten werden. Die Gerüche vermischen sich zu einem Cocktail der einfach unbeschreiblich ist. Das Ganze ist dann auch noch bedeckt von der nie abreissenden Geräuschkulisse die von Hupen über lautes Geschnatter bis zum lautstarken Schimpfen irgendeiner Nepalesischen Mama reicht. Bevor wir das letzte Stück nach Swayambhu hoch liefen, beschlossen wir in einem der kleinen nepalesischen Restaurants einen Tee zu trinken. Wir betraten also einen Raum, der zur Strasse hin offen war und gerade mal zwei Tische beherbergte. Hinter einer Abtrennung war eine Frau beim Kartoffelschälen. Wir fragten, ob es hier Chiya gäbe und sie bestätigte. Dann war plötzlich ein ziemlicher Aufruhr. Wir verstanden zwar nicht die ganze Unterhaltung, konnten aber heraushören, dass mehrere Personen auf der Suche nach Trinkgefässen für uns waren. Schliesslich kam ein beinahe erwachsener Junge mit einem Glas und einer Tasse zurück. Diese wurden dann abgewaschen, der Schöpflöffel, der gerade eben noch das Daal umgerührt hatte, wurde kurz gespült und mit ihm dann die zwei Gläser mit Tee voll geschöpft. Wir haben dem Treiben amüsiert zugeschaut und dann umso mehr den Tee genossen, der extrem süss war, aber sehr aromatisch geschmeckt hat. So gestärkt, liefen wir die letzten staubigen Meter im nun wärmenden Sonnenschein bis zum Eingang von Swayambhu. Schon von unten sieht es imposant aus. Zu Beginn der steil hochführenden Treppen stehen ein paar gelbe Buddhas, die Treppen führen durch ein hübsches Gelände mit vielen Bäumen und überall auf den Stufen trifft man immer wieder auf Affen, die zum teil frech, zum teil schüchtern die Besucher taxieren. Das letzte Stück der Treppen führt beinahe senkrecht hinauf auf einen grossen Platz, wo in der Mitte die weisse Kuppel mit dem goldenen „Gesicht“ des Buddhas thront. Darum herum sind viele Gebetsmühlen angebracht und es gibt auch noch einige andere Gebäude. Ausserdem hat man eine super Aussicht auf ganz Kathmandu, das unter einer Kuppel von Smog über das ganze Kathmandu-Valley ausgebreitet ist. Bis jetzt hatte ich noch nie eine Vorstellung wie gross Kathmandu eigentlich ist. Die Fahrt vom Flughafen nach Chapagoan und die paar Teile, welche ich bisher gesehen hatte, haben mir das Gefühl vermittelt, alles sei irgendwie sehr überschaubar. Nachdem wir über den ganzen Platz geschlendert sind und die Stupa von allen Seiten betrachtet haben, sind wir auf eine Bank an der Sonne gesessen und haben etwas entspannt. Neben uns spielte ein Affe mit einer weggeworfenen Safttüte, bis ein frecherer dazukam und sich beinahe an Evelynes Tasche vergriffen hat. Das gab für uns das Aufbruchszeichen weiter zu gehen. Wir beschlossen, zurück zu laufen und dann zum Durbar Square zu gehen. In Patan waren wir ja schon einmal am Durbar Square, der sehr einladend ruhig ist (autofrei) und wo man sich gemütlich mit einer Tasse Tee auf die Stufen eines der Tempel setzen kann und die Menschen beobachten kann, die hier sehr bunt gemischt aus Touristen und Einheimischen zusammen gesetzt sind. Das Gleiche hofften wir jetzt am Durbar Square von Kathmandu zu finden, wo wir uns dann einige Stunden mit einem Buch in die Sonne setzen wollten. Wir erlebten aber eine echte Enttäuschung: hier dürfen die Autos über den ganzen Platz fahren, sie schlängeln sich laut hupend durch die dichten Menschenmassen und die Stufen der Tempel sind extrem dreckig, von Abfall und Taubenscheisse. So haben wir uns dann nur ganz kurz zuoberst unters Dach des einen Tempels gesetzt und sind bald wieder weiter gezogen. Nach einem Streifzug durch Thamel und einer Tasse guten Kaffees in der Mandala-Street, die ganz neu fürs Tourismusjahr 2011 gebaut wurde, gingen wir zurück zum Hotel um unsere Einkäufe abzuladen. Gleichzeitig suchten wir ein Restaurant aus, wo wir essen gehen wollten. Wir fanden eine gute Beschreibung eines vegetarischen Restaurants und machten uns auf, es zu suchen. Bestimmt viermal sind wir die eine Strasse auf und ab gelaufen, aber dieses bestimmte Restaurant haben wir einfach nicht gefunden. Dafür wurden wir immer wieder auf Hasch angesprochen und ein Verkäufer hat uns jedes einzelne Mal, als wir an ihm vorbei gelaufen sind, seine Kaschmirschals angeboten. Wir beschlossen dann in eine Seitengasse zu gehen, wo ein Restaurant angepriesen wurde. Dort wurde es uns aber dann sehr bald ziemlich unwohl. Es lungerten nur Männer herum, es roch schlecht und vom Restaurant war auch nicht wirklich was zu sehen. Schliesslich fanden wir uns dann im „Mustang Traditional Restaurant“ wieder. Hier waren wir die einzigen Touristen und sowieso war das Lokal noch recht leer. Evelyne bestellte einen Mustang-Salat. Der Kellner hat es mit Erstaunen aufgeschrieben und kam dann nochmals extra vorbei um zu fragen ob sie wirklich diesen Salat wolle, das Dressing sei sehr scharf. Als wir dann am Essen waren, beobachteten uns ein paar Leute aus der Küche heraus, nur um zu sehen, ob Evelyne diesen scharf gewürzten Salat auch wirklich essen würde. Ich habe mich nun schon so an diese Schärfe gewöhnt, dass mein „Fried Rice“ fast fad schmeckte. Also habe ich mit grüner Chillisauce nachgewürzt und schliesslich sogar noch eine der Chillis beim Salat angeknabbert. Es brennt kurz, doch dann ist alles wieder normal, nur die Geschmäcke scheinen verstärkt… genau das, was mir die Inder zu Beginn meines Aufenthaltes zu erklären versucht haben. Nach dem Essen genossen wir es, dass hier in Thamel die Internetcafés sehr lange aufhaben und nach einer ausgiebigen Internetsession verzogen wir uns dann in unser kaltes Zimmer im Travellers Inn.
Buddhabar, 12.01.2011
Wir liessen den Morgen gemütlich angehen und machten uns erst gegen elf Uhr, nach einer guten Tasse Kaffee auf den Weg Richtung Chapagaon. In Patan legten wir aber nochmals einen Zwischenhalt ein, schlenderten durch eine Strasse mit ganz vielen verschiedenen kleinen Läden, fragten nach dem Preis von Wolldecken, schauten tausend verschiedene Stoffballen durch und erstanden schliesslich jeder einen sehr schönen Stoff für eine Chuta (eine traditionell nepalische Jacke). Ich kaufte ausserdem ein Paar Crocs und handelte beim Preis gute hundertfünfzig Rupien herunter. Ausserdem besorgte ich noch eine Decke, weil mein Bett sogar durch den Schlafsack von unten her ungemütlich kalt ist. Vollbepackt mit all unseren Einkäufen fanden wir uns schliesslich im Tandoori-Restaurant wieder, um uns vor der Heimfahrt im Bus noch zu stärken. Das Channa-Masala und Butter Naan schmeckten wie üblich hervorragend! Im Bus waren wir dann die ersten und mussten dementsprechend lange warten, bis wir schliesslich abfuhren. Das macht aber gar nichts, weil es immer sehr interessant ist zu sehen, was auf dem grossen Busplatz alles so läuft. Händler kommen ab und zu an die Busfenster und preisen geröstete Kichererbsen und andere Köstlichkeiten an. Schulkinder in Uniformen laufen scharenweise über die staubigen Strassen, ab und zu sieht man zwei Jungs händchenhaltend vorüberlaufen, oft sogar sehr „coole“ Jungs. Das ist für mich immer wieder ein spezieller Anblick, aber hier ist es einfach ganz normal, dass Männer viel Körperkontakt haben, während man aber praktisch keine Päärchen sieht. Die Busfahrt zurück nach Chapagoan war dann angenehm ruhig und einschläfernd. Auf dem Busplatz angekommen, beschlossen wir, unsere Stoffe gleich noch zur Schneiderin zu bringen. Nun können wir uns auf unsere Chutas schon nächsten Montag abholen, ich bin gespannt auf das Resultat! Zurück beim Guesthouse waren wir richtig angenehm müde und machten an diesem Abend nicht mehr viel. Strom war nicht da und so verzogen sich bald alle in ihre Zimmer und gingen früh zu Bett.
Bihibar, 13.01.2011
Kaum zurück setzte schon wieder dieses Ohnmachtsgefühl ein. Was soll ich hier nur tun? Morgens läuft meistens nichts, wenn ich nicht zur Meditation gehe, gibt’s sogar nichts zum Frühstück… Und heute war eigentlich „Olympic Games“ geplant. Wir Volunteers hatten abgemacht, dass wir eine Art Schnitzeljagd vom Home zur Schule organisieren würden. Dazu haben wir uns dann auch viele Fragen überlegt. Die richtigen Antworten würden dann jeweils den Weg weisen an Kreuzungen und am Ende wäre ein Lösungswort herauszufinden. Die Wardens fanden die Idee gut und meinten, sie würden dafür einige kleinere Spiele im Vorfeld organisieren. Als wir dann aber zum Home kamen, stellte sich heraus, dass Binita (eine der Wardens) auch gerade ein Geländespiel mit Pfeilen machen wollte. Wir erklärten nochmals, was wir vorhätten und so wurden dann einige andere Spiele gespielt. Insgesamt hätte aber viel mehr los sein können. Alles war irgendwie lieblos durchgeführt und mit wenig Energie gestaltet. Naja, ich mische mich hier ja sehr ungern ein, und deshalb habe ich dann einfach meinen Part vom Zettel entlang des Weges verteilen übernommen und war bald bereit für unser Spiel. In zwei Gruppen zogen wir dann los. Moritz lief mit einer Gruppe mit, ich übernahm die andere Gruppe. Die Kinder waren ganz begeistert dabei, ich musste sie aber immer wieder bremsen, damit sie Karten wirklich sorgfältig lesen und nicht einfach wild in eine Richtung liefen. Unsere Gruppe kam dann aber als Erste bei der Schule an. Bei der anderen Gruppe hatten Kinder aus dem Dorf einige Zettel zerrissen oder geklaut, so dass es viel schwieriger war, den richtigen Weg zu finden. Zurück beim Home verstreuten sich die Kinder gleich in alle Himmelsrichtungen. Also gingen wir wieder zum Guesthouse und beschäftigten uns mit Lesen und nichts tun. Gegen halb sieben Uhr bin ich dann Daal Baat essen gegangen und habe dann Binita gefragt, ob ich noch mit den Kleinen spielen soll. Sie meinte erst, nein nein, wenn du müde bist, geh doch lieber wieder ins Guesthouse. Ich habe aber gesagt, dass ich gar nicht müde sei, und gerne mit den Kindern noch was machen würde. So habe ich die Kinder, die spielen wollten im Meditation-Room versammelt und wir haben aussergewöhnlich friedlich zuerst das Farbenratespiel und dann einige Runden Memory gespielt. Nur etwa zwei Mal musste ich einige Schlingel ermahnen, sich nicht gegenseitig zu hauen, sonst verlief aber alles wirklich sehr harmonisch. Und als dann die Meisten keine Lust mehr hatten zu spielen, bin ich noch mit Samjana und Sogun hingesessen und habe mit den Memorykarten Buchstabieren und Wörter lesen geübt. Diese Abendbeschäftigung hat mir richtig gut getan und auch die Kinder waren zufrieden!
Sukrabar, 14.01.2011
Heute stand der Besuch eines anderen Waisenhauses auf dem Programm. Eigentlich hatten die Wardens uns gesagt, dass wir erst um 11 Uhr losfahren wollten. Niemand von uns war heute bei der Meditation, Caro und Evelyne fühlten sich sowieso sehr schlecht. Ich bin momentan die Einzige, die noch gesund ist… So haben wir alle den Morgen ruhig angehen lassen, ich habe eine Bucketshower genommen und kurz darauf stand Stefan im Haus und meinte, der Ausflug sei auf 10 Uhr vor verschoben worden. Also hiess es, schnell fertig machen, denn wir wollten vor der Abfahrt mit ihm noch ein wenig besprechen, wie es uns hier geht und was wir noch vorhaben. Um halb zehn setzten wir uns also noch vor dem Home an die Sonne. Ich wurde dann auch gefragt, wie es mir hier geht und wie ich meinen Aufenthalt hier sehe. Und so habe ich auch mein Dilemma erklärt, mit dem ich mich eigentlich täglich beschäftige. Ich frage mich nämlich immer wieder, ob so ein kurzer zweimonatiger Aufenthalt wirklich gut ist. Ich möchte „etwas Gutes tun“, aber tue ich das wirklich für die Kinder oder einfach, weil es mir halt so gerade gut gelegen kommt. Auf der einen Seite finde ich, dass die Kinder gut etwas Aufmerksamkeit gebrauchen können und auch manchmal aufblühen, wenn man ihnen einfach ein paar Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Auf der anderen Seite ist es auch eine grosse Belastung, wenn immer wieder Leute kommen und gehen. Diese Kinder, die sowieso schon niemanden haben, sollten sich dann immer wieder von neuem an Bezugspersonen gewöhnen und werden dann regelmässig von denen wieder verlassen. Die Grösseren gehen damit um, indem sie sich gar nicht gross um die Volunteers kümmern, die Kleineren aber, fassen schneller Vertrauen… ich weiss nicht, ob ihnen das im Endeffekt überhaupt gut tut… Nichtsdestotrotz möchte ich mich mit den Kindern hier beschäftigen, möchte ihnen eigentlich so viel Zeit wie möglich schenken und einfach das Beste daraus machen. Gegen halb elf konnten wir dann abfahren. Einige der Kinder waren schon eine halbe Stunde vorher in den Bus geklettert und turnten darin herum, aufgeregt und rastlos wegen dem bevorstehenden Ausflug. Die Fahrt ging dann schaukelnd und rumpelnd über die staubigen Holperstrassen, mit lautem Hindi-Techno-Pop-Gedudel aus dem Radio. Ich sass neben Sogun, die wie alle anderen Kinder auch, extra für diesen Ausflug neue Kleider bekommen hatte. Anscheinend wird hier ab und zu Kleidung verteilt, aus einer grossen Wühlkiste wird passend zur Grösse was ausgesucht und die Kinder zeigten alle stolz, wie chic sie jetzt waren. Die Mädchen hatten sich ausnahmslos alle geschminkt bis hin zur kleinen Sogun, der sie Kajal um die Augen verteilt haben. In der Stadt waren dann die grosse Attraktion einige Gleitschirmflieger, die Spruchslogans hinter sich herzogen und so als Werbung über den Häusern kreisten. Alle Kinder zeigten aufgeregt auf diese kuriosen Gefährte und hüpften auf ihren Sitzen hin und her. Ausserdem sahen wir aus den Busfenstern auch noch Affen auf den Stromleitungen herumturnen und der imposante, weisse Königspalast gab auch Anlass zu einigem Staunen. Gegen Ende der Fahrt hatte sich dann Jaye neben mich gesetzt und schon bald sank er mit dem Kopf auf meine Knie, müde geworden von der Fahrt…. Nach Mittag kamen wir dann im „Kindertempel“, so heisst das Waisenhaus, an. Diese vom Staat geführte Stätte ist in einem ehemaligen Palast untergebracht. Einige Räume sind auch immer noch originalgetreu vorhanden und werden ab und zu als Filmkulisse gebraucht. In all den anderen Räumlichkeiten sind über 200 Waisenkinder von Neugeborenen bis zu 16jährigen untergebracht. Wir wurden erst in ein Zimmer geführt, wo die Drittkleinsten wohnen. Diese sind noch nicht einmal ein Jahr alt und lagen gerade mit Schoppenflasche an der Sonne. Eine Betreuerin ging von Kind zu Kind um sicher zu stellen, dass alle gut tranken, eine Betreuerin für ungefähr zehn kleine Babys! Ausserdem waren hier auch noch zwei grössere, offensichtlich behinderte Kinder mit dabei. Auch sie lagen im Sonnenschein und können sich laut Aussage einer Betreuerin kaum bewegen. Deshalb werden sie auch mit den Babys zusammen betreut. Nach diesem ersten Eindruck wurden wir alle in den grossen Hof geführt, wo die Kinder des Heims gerade Tiffin (Zwischenverpflegung) bekamen. Unsere Kinder waren erst sehr scheu, standen sich alle etwas auf den Füssen herum und beobachteten die anderen Kinder beim Essen. Erst als auch sie eine Orange und ein Päckchen Kekse bekommen hatten und am Essen waren, wurden erste neugierige Bekanntschaften gemacht. Jaye hatte sich gleich als wir das Haus betreten hatten an meine Hand gehängt und liess auch jetzt nur zögernd los, um seinen Snack zu verspeisen. Die vielen Kinder waren ihm anscheinend nicht ganz geheuer. Doch schon bald nach dem Snack mischen sich unsere Kinder unter die anderen, bald ist nicht mehr zu sehen, wer jetzt wohin gehört. Auf der Treppe erscheinen plötzlich zwei ganz kleine Knirpse, die wohl erst gerade zu laufen gelernt haben, jeder in einen flauschigen Tigeranzug gekleidet. Sumitra, eine unsere Grösseren, schleppt mich mit zu ihnen und schon strecke ich meine Arme nach dem einen aus. Sofort lässt er sich bereitwillig hochheben uns strahlt mich an. Ihn werde ich jetzt lange nicht mehr los, und kommen andere Kinder zu uns, um ihn anzuschauen und nach dem Namen zu fragen, birgt er sein kleines Köpfchen scheu an meiner Schulter. Schliesslich erfahre ich von einem der behinderten Kinder den Namen meines kleinen Schützlings, er heisst Anup. Als wir dann so langsam weitergehen sollten, setzte ich Anup auf den Boden. Er lässt aber meine Finger nicht mehr los, schaut mich aus traurigen Augen an und klammert sich einfach fest, bis eine Betreuerin kommt und ihn wegträgt. Am liebsten hätte ich ihn einfach eingepackt und mitgenommen…. Unsere Besichtigungstour geht dann weiter durch ein Spiel- und Fernsehzimmer und durch die Bibliothek. Dann besuchen wir noch die Räume der kleinsten Babys. Auch sie sind zum grössten Teil in einer Art grossem Laufstall ausgebreitet, wo zwei/drei Betreuerinnen immer abwechslungsweise einige auf den Arm nehmen. Auch hier wird mir wieder ein Baby auf den Arm gegeben und ich staune, wie schnell diese kleinen Wesen sich einfach anschmiegen, zufrieden vor sich hinnuckeln, an meine Schulter gelehnt und sich gar nicht mehr von jemandem Anderen abnehmen lassen wollen. Ich habe mich verliebt, in all diese hilflosen kleinen Kinder, die hier zwar ein Zuhause gefunden haben, aber mit welcher Zukunft? Am liebsten würde ich wirklich so viele wie möglich auf die Arme nehmen und nie mehr hergeben!! Auf dem Balkon stehen auch einige kleine Schaukelbettchen, mit Kindern, die wohl gerade mal ein paar Wochen alt sind. Und dann das Jüngste (11 Tage alt) das von einer älteren Betreuerin mit dem Schoppen gestillt wird, so hilflos, winzig und doch ein Glückspilz, das es überhaupt hier aufgenommen wurde… Diese Tour hat mich wirklich stark beeindruckt, ich werde diese Kindergesichter wohl nicht so schnell vergessen können, die Arme, die sich nach mir ausstrecken, die Kulleraugen, die verschmitzt und vertrauensvoll schauen… Umso mehr geniesse ich es, mit unseren Kindern und den Kindern des Heimes noch etwas auf dem Spielplatz herumzutoben. Sie rutschen zu viert die Blechrutsche hinunter und turnen auf dem Klettergerüst herum, bis unsere Wardens zum Aufbruch rufen. Ein paar letzte Goodbyes, dann sitzen wir alle wieder im Bus und starten zurück Richtung Home. Kaum ist der Bus zur Ausfahrt hinaus, wird uns eine weitere Zwischenverpflegung gegeben. Zwei fettige Doghnuts und ein Stück klebrige nepalesische Schokolade, an der man sich die Zähne ausbeissen kann. Jaye ist müde, gibt mir seine Doghnuts zur Aufbewahrung und ist bald tief und fest eingeschlafen, den Kopf auf seine zwei Unterarme platziert, die auf meinen Knien ruhen. So verschläft er die ganze Fahrt, bis wir zurück beim Home sind. Dort zerstäubt sich die ganze Gruppe gleich und ich mache mich also auf zurück zum Guesthouse. Nach der Essenszeit, wir waren alle nicht hungrig, gingen Evelyne, Caro und ich noch zu den Kindern, spielten eine Zeit lang und es war wieder richtig schön. Gegen Ende der Spielstunde, fing irgendwer an, die anderen auszukitzeln und so waren wir bald alle dabei uns vor Lachen am Boden zu wälzen.
Sanibar, 15.01.2011
Um 6.10 hat mich mein Wecker aus dem Schlaf gerissen und ich habe mich zuerst nochmals umgedreht. Es ist soooo viel zu kalt, um motiviert aus dem warmen Schlafsack zu schlüpfen. Aber ich hatte erstens Jaye versprochen, ihm seine Doughnuts wieder zu geben und zweitens musste jemand in der Meditation die für heute geplanten Aktivitäten verkünden. Kurz vor halb sieben raffte ich mich also auf, warf mir eine Jacke über und hetzte zum Home. Evelyne und Caro hatten es anscheinend nicht geschafft früh genug aufzustehen. Bei der Meditation war nur etwa die Hälfte der Kinder, wohl weil Ferien sind. Ich gab am Ende der Schweigezeit bekannt, dass wir heute mit den Kleineren Rasseln basteln würden und gegen Abend mit den Grösseren einen Tanzworkshop beginnen würden. Danach setzte ich mich zu den Küchenaunties und bekam auch gleich eine Tasse süssen Chiya in die Hand gedrückt. Weil der Tee noch brühend heiss war, blieb ich länger als sonst und konnte miterleben, wie das Frühstück für die Kinder zubereitet wurde. Heute ist für die Hindus ein spezieller Festtag, deshalb gab es auch etwas ganz Spezielles: Schokolade zum Frühstück! Ich traute meinen Augen erst fast nicht, aber Krishna, der eine Fahrer war wirklich dabei, grosse Blöcke nepalesischer Schokolade in Stücke zu hauen und Binita zählte kleine Schokolade-Sesam-Kugeln. Dazu gab es dann noch Süsskartoffeln und eine andere Wurzel, die nach nichts schmeckte aber ziemlich magenfüllend ist. Ich bekam auch einen Teller in die Hand gedrückt und so hockte ich bald neben Janaké, Samjana, Abash und Sogun auf den dicken Binsenmatten und verzehrte dieses ungewöhnliche, nicht schlecht schmeckende Frühstück. Danach gab es ein paar ruhige Stunden mit Lesen, Nepali lernen und in der Sonne sitzen. Ich suchte gemeinsam mit Evelyne noch die Materialien für unsere Bastelstunde zusammen und gegen Zwölf machten wir uns auf zur Schule, wo einige Jungs Fussball spielen wollten. Wir sollten sie dabei fotografieren und es brachte uns eine gemütliche Stunde an der frischen Luft und Sonne. Im Innenhof der Schule spielten dann zwei Teams gegeneinander, einige Jungs, die schon in Kathmandu in einer WG wohnen und von Shangri-la noch weiter betreut werden, einige ältere Jungs aus dem Home und dazu noch Stefan, Moritz und Caro. Evelyne und ich sassen am Spielrand, wurden kräftig eingestaubt und unterhielten uns über alles Mögliche, während Suman mit dem Fotoapparat unterwegs war, um alles festzuhalten. Gegen zwei Uhr bekamen wir dann Hunger, die Sportler waren müde und verschwitzt und so schleppte sich unser Grüppchen wieder über den Hügel zum Home. Zum Tiffin gab es nochmals Schokolade und Süsskartoffeln, die Überbleibsel vom Frühstück… Und danach haben wir hinter dem Haus an der Sonne eine Bastelstation aufgebaut, wo sich bald viele Kinder scharten, die alle gerne eine Rassel basteln wollten. Eigentlich hatte ich vorgehabt, dabei noch einige Fotos von den Kindern zu machen, im Trubel um Schere, Leim und farbigem Papier kamen Evelyne und ich aber gar nicht dazu. Die Kinder waren mit Eifer dabei, sobald sie aber ihre Rassel fertig gebastelt hatten, sind sie verschwunden. So geht das hier immer zu und her. Es ist wie ein Wirbelsturm, der eine halbe Stunde lang über die Ebene zieht und dann so schnell verschwunden ist, dass man kaum um sich blicken kann. Naja, aber Spass hat es ihnen gemacht, und wer weiss, vielleicht sind ja morgen noch einige der Rasseln ganz und wir können eine Geschichte erfinden und diese mit Geräuschen und Gesängen begleiten. Und nun sitze ich seit ein/zwei Stunden im Guesthouse und nutze den Strom, der endlich wieder mal zu einer vernünftigen Zeit da ist und nicht mitten in der Nacht, wenn sowieso niemand Strom braucht…
Mo
10
Jan
2011
Sukrabar, 31.12.2010
Am Morgen war wieder nicht gerade viel los. Ich bin mit Max zur Meditation gegangen, wo praktisch alle Kinder am Husten und Schnupfen waren. Die Kinder laufen auch immer noch zum Teil in kurzen Hosen oder Röcken rum und fast alle sind barfuss in ihren Slippern.
Später habe ich mir einige Kessel Wasser heiss gemacht und eine „bucket shower“ genommen. Und gegen Mittag sind Evelyne und ich dann losgelaufen nach Chapagoan. Dort haben wir den Bus nach Patan genommen. Wir wollten in ihrem Stammrestaurant Tandoori essen und dann weiter nach Thamel hinein, wo wir noch die Buskarten für morgen kaufen sollten.
So hüpften wir also auf der letzen Bank des Busses ungefähr eine Stunde lang auf und ab, je nachdem wie schnell der Busfahrer durch die Schlaglöcher fuhr. In Patan war wieder alles sehr staubig und lärmig. Wir kämpften uns den Weg zu einem kleinen Bookstore durch. Dort musste ich eine Kopie meines Passes und ein Passfoto vorlegen und konnte so eine nepalesische SIM-Card für mein Handy für sehr wenig Geld erstehen.
Dann sind wir an einer Strassenecke eine Treppe runter gelaufen und befanden uns in einem eher dunklen, gar nicht touristischen Tandoori-Restaurant. Ich bestellte Palak Paneer (Käsestücke in Spinatsauce) und Roti und Butternaan. Es schmeckte sehr lecker und man wird davon schön satt.
Nach ein paar Minuten der staubigen, viel befahrenen Strasse entlang, konnten wir noch an einem ATM-Automaten Geld abheben und sprangen dann in ein Minitaxi, das uns auf der Ringroad, die rund um Kathmandu herum führt, bis zum Eingang von Thamel brachte.
Evelyne zeigte mir auf dem Weg immer wieder wo sich was befindet, hat ein paar Dinge erklärt und so war die Fahrt ganz spannend.
In Thamel hatten wir nur gerade noch Zeit in einem kleinen Reisebüro vier Bustickets für Plätze in einem Touristenbus nach Pokhara zu kaufen, dann war auch schon Zeit uns mit Carolin im Momorestaurant zu treffen.
Wir schlenderten dann noch ein wenig durch Thamel, das gespickt ist mit Hippieläden und Trekkingstores.
Dann checkten wir in einem schmalen Hotel, das auf fünf Stöcke verteilt je zwei Zimmer anbietet, ein. Hier kann man für 6Franken zu zweit übernachten, für Thamel sehr billig.
Später gingen wir erst in eine Bar was trinken, es war gerade Happy Hour, jedoch ausser sehr lauter Musik nicht viel los.
Gegen Abend fanden wir uns dann alle in einem marokkanischen Restaurant wieder, wo man die Schuhe auszieht, und um kleine Tische auf Sitzkissen herumsitzt.
Hier wurde der Abend dann richtig gemütlich. Wir assen feine „Hummusplatten“, tranken und schwatzten.
Kurz vor Mitternacht machten wir uns dann auf zurück zum Hotel, kauften unterwegs noch ein wenig Proviant für die Busfahrt von morgen und standen dann pünktlich zum Jahreswechsel auf der Dachterrasse des Hotels und stiessen mit Wasser an. J
Sanibar, 01.01.2011
Happy New Year 2011!!
Nach sehr wenig Schlaf haben wir uns um sechs Uhr aufgemacht zur Bushaltestelle. Erst mussten wir aber die Hotelangestellten wecken, die auf einer Matratze im Eingangsbereich schliefen. Wir mussten ja noch das Zimmer zahlen und der eine musste uns die Tür aufschliessen. Kaum waren wir draussen verkrochen sich die Beiden wieder unter die Decke.
Draussen war es heute ungewöhnlich neblig und es regnete leicht. Alle Geschäfte waren noch fest verschlossen und praktisch niemand war unterwegs. Ausserdem war es noch stockdunkel, Taschenlampen sind hier sehr nützlich, weil es auch keine Strassenbeleuchtung gibt.
Kurz vor halb sieben standen wir dann vor den vielen Touristenbussen, die an der Ringroad über eine Länge von mindestens einem Kilometer bereit stehen. Im Schein der Taschenlampe suchte ein Fahrer dann unseren Bus, die Rucksäcke wurden im Kofferraum verstaut und wir konnten auf unseren Plätzen weiter dösen. Ziemlich genau um sieben Uhr fuhr der Bus dann los und ich war erstaunt, wie „komfortabel“ die Fahrt war. Die Sitze haben genug hohe Lehnen, sodass man gemütlich den Kopf anlehnen kann und so verschlief ich den grössten Teil der Fahrt, während ich auf meinem Handy Musik hörte.
Zwischendurch blinzelte ich ein paar Mal aus dem Fenster und auf den Höhen der Hügel hatte man einen wunderbaren Ausblick auf die Schneeberge.
Sonst ist die Landschaft im Moment sehr braun und karg, weil seit mindestens einem Monat praktisch kein Regen gefallen ist. Die Reisfelder sind abgeerntet und durch die winterliche Kälte, sehen auch alle noch grünen Pflanzen langsam verkrüppelt und bräunlich aus.
Zweimal hielt der Bus und duzende Touristen strömten ans Buffet des Restaurants, wo man für ein paar Rupien Samosas, Chow-mein oder gebrateten Reis essen kann.
So erreichten wir dann kurz vor drei Uhr Pokhara. Von aussen gesehen eine typische nepalesische Stadt. Staubig, überlaufen und ziemlich dreckig.
Direkt neben dem Busbahnhof wird man dann von Taxiangeboten überhäuft und schnell hatten wir unser Gepäck in einem kleinen Wagen verstaut, und waren auf dem Weg zur Lodge, wo die anderen Volunteers schon mal übernachtet hatten. Weil wegen des neuen Jahres ein Strassenfest stattfand, konnte das Taxi nur einige Strassen weit fahren. Dann hiess es sich durch die Menschenmassen kämpfen. Ich hatte fast ein wenig Kulturschock-Gefühl: hier, an der Lakeside, sieht es nämlich eher wie in einem Touristenort im Tessin aus, als wie in Nepal.
Es reihen sich mexikanische, italienische, chinesische und „traditional nepali“ Restaurants aneinander und sonst gibt es einfach Souvenir-Shops in Massen.
In der von uns ausgewählten Lodge war für diese Nacht nur noch ein Einzelzimmer frei. Deshalb schauten wir bei einer anderen Lodge vorbei, wo die Anderen auch schon mal übernachtet hatten. Diese „Lodge“ ist eher einfach ein Familienhaus, wo rund um ein kleines Stück Rasen Zimmer gruppiert sind. Ein Zimmer stand offen, was wohl auch hiess, dass es noch frei ist. Vom Besitzer war aber weit und breit nichts zu sehen, deshalb setzten wir uns einfach in die Sonne und warteten.
Nach ein paar Minuten kam dann ein junger Typ den Weg hinauf und wir verhandelten mit ihm den Zimmerpreis für das freie Zimmer aus. Die Toilette und das „Bad“ befinden sich ausserhalb auf dem Hof, ganz traditionell nepalesisch, ein kleiner Raum mit Hocktoilette und ein schmaler Raum mit einer Duschbrause an der Decke.
Wir waren alle ziemlich kaputt von der langen Busfahrt, deshalb beschlossen wir im nächsten Nepalirestaurant was essen zu gehen und dann zu Bett zu gehen.
Im Restaurant konnten wir der Essenszubereitung gleich zuschauen, weil die Küche nur aus einem offenen Raum mit zwei Gaskochstellen bestand. Ein Riesenteller gebratener Reis mit Gemüse hat meinen Hunger mehr als gestillt und so sank ich, dick eingemummelt, bald in einen ruhigen, erholsamen Schlaf.
Aitabar, 02.01.2011
Wir haben bis halb elf Uhr gedöst, es war einfach zu schön warm im Schlafsack. J
Draussen war aber auch schon die Sonne rausgekommen und es war erstaunlich warm, auf jeden Fall wärmer als in Chapagoan.
Wir packten unsere Sachen und machten uns auf den Weg, dem See entlang etwas aus der Stadt raus. Ab heute waren nämlich zwei Zimmer frei geworden in der „Green Peace Lodge“, wo Max auch schon die letzte Nacht verbracht hatte.
Der See ist ziemlich gross, einige Ruderboote waren über die ganze Fläche verteilt und sonst kräuselte nur ein leichter Wind die ziemlich klare Wasseroberfläche.
Die Lodge hat mich positiv überrrascht: auf dem obersten Stock trohnt ein mit Korbstühlen ausgestattetes Restaurant, von dem aus man einen genialen Ausblick auf den See hat.
In den unteren Stöcken gibt es dann einige Zimmer, die Toiletten und Duschen sind auch wieder kleine Häuschen draussen.
Evelyne und ich teilten uns dann ein Zimmer mit ziemlich schmalem Doppelbett, es wird aber wohl für die paar Tage ok sein.
Den Rest des Tages verbrachten wir dann mit in der Sonne sitzen, lesen, dösen, träumend auf den See hinaus schauen…
Gegen Nachmittag ging ich mit Evelyne in die Stadt, wir nahmen den Feldweg am See entlang, wo uns allerlei lustige Dinge über den Weg liefen. Wasserbüffel, denen man ausweichen musste, Kinder, die Hello und Namaste riefen und um Schokolade baten und viele Hunde, die mit wildem Gebell herumsprangen.
In den Strassen an der Lakeside war immer noch viel los, wir schlenderten den Ständen entlang, kauften uns geröstete Kichererbsen und saugten einfach die Eindrücke in uns auf. Da gab es auch einige Strassenkapellen zu sehen. Ältliche Männer in westlichen Uniformen die auf verbogenen, angerosteten Blasinstrumenten eine Art Fasnachtsmusik tröteten… J
Später assen wir dann alle gemeinsam wieder bei uns im Hotel, das wirklich leckeres Essen anbietet. Und weil der Strom dann gegen acht Uhr weg war und man dann das Gefühl hat, als sei es schon mitten in der Nacht, gingen wir alle sehr früh schlafen.
Sombar, 03.01.2011
Wieder ein gemütlicher Ferientag. Ich weiss gar nicht mehr genau, was wir eigentlich heute gemacht haben. Wohl einfach so gut wie nichts…
Was mir noch in Erinnerung ist, ist wieder ein Spaziergang zur Stadt, ein feines Essen in einem indischen Restaurant, wo ich scharfe Kichererbsen (Chana) und Naan gegessen habe. Und eine abendliche Bootfahrt auf dem See. Das Boot war mit drei Leuten schon beinahe überladen. Max sass ganz hinten und ruderte, Caro sass vorne und schaute übers Wasser und ich sass im Mittelteil und ruderte auch so gut wie möglich. Das war ziemlich anstrengend, weil ich in der Mitte recht tief im Boot sass und es ausserdem auch keine Befestigungen für das Ruder gab. Aber die Stimmung über dem ruhigen, dunklen See, wo nur ein paar Seerosen und einige Wasservögel uns Gesellschaft leisteten war einfach schön!
Mangalbar, 04.01.2011
Relativ früh am Morgen war ich schon fit und ausgeruht. So habe ich mich dann um halb acht Uhr an den See gesetzt und die herrliche Morgenstille genossen. Kleine Nebelschwaden zogen übers Wasser, einige Enten flogen dahin und ein paar Fischer versuchten ihr Glück, bewaffnet mit Fangnetzen.
Doch zu viel herumsitzen macht mich depressiv…. Ich fange an, mir alle möglichen Gedanken zu machen, die mich nur traurig stimmen und unruhig machen. Deshalb habe ich mich heute auch alleine etwas auf Erkundungstour gemacht und einige Nebenpfade ausgekundschaftet. Die Landschaft sieht überall etwa gleich aus. Der hell-ockerfarbene Sand war wohl in der Regenzeit sehr schlammig. Nun stäubt er überall herum und setzt sich hartnäckig in den Kleidern, den Augen und den Atemwegen fest. Solange keine Autos vorbei fahren, ist es noch einigermassen erträglich, sobald aber durch den Fahrtwind der ganze Staub aufgewirbelt wird, nützt sogar der vor den Mund gehaltenen Schal herzlich wenig.
Gegen Nachmittag habe ich noch in einigen Souvenirshops herumgestöbert, mir aber bislang nichts gekauft, weil mich das Angebot an immer wieder gleichen Dingen eher abschreckt, als zum Kauf anregt. Ich habe dann auch noch Evelyne getroffen und wir haben in einem kleinen Restaurant direkt am See etwas getrunken. Danach habe ich über eine Stunde geskypet, was mir denn ganzen Abend versüsst hat.
Am Abend hiess es dann auch schon wieder packen. Ich ass nochmals die leckeren Cheeseballs, frittierte kleine Kugeln aus Käse und Kartoffelbrei und dann packten wir unsere Rucksäcke bei Taschenlampenlicht.
Buddhabar, 05.01.2011
Morgens um sechs Uhr, und weil wieder kein Strom da war mit Hilfe der Taschenlampe, zogen wir uns bibbernd vor Kälte an und marschierten nach Pokhara rein. Irgendwo auf der Strecke haben wir dann ein Taxi angehalten und liessen uns den Rest des Weges zum Busbahnhof chauffieren.
Lustigerweise hat man vom Busbahnhof einen wunderbaren Blick auf die schneebedeckten Himalayagipfel und so konnten wir die aufgehende Morgenröte auf dem Schnee bewundern, während wir auf den Busdriver warteten.
Diesmal hatten wir mit dem Bus etwas weniger Glück. Zwar hatte er erst vor Kurzem einen neuen Anstrich über die rostige Hülle gekriegt, die Sitze sahen auch nicht schlecht aus…
Aber sobald der Bus abfuhr, bemerkte ich einen schwerwiegenden Mangel: mein Fenster klapperte mitsamt dem Rahmen in guter Lautstärke vor sich hin. Und als schöner Nebeneffekt zog die kalte Morgenluft unablässig rein.
Meine Füsse und mein rechter Oberarm waren bald durchfroren und ich war froh um die zwei Pausen, wo ich dann meine Beine ein wenig warmlaufen konnte.
Wieder gegen drei Uhr kamen wir in Kathmandu an. Die dreckige, staubige Luft raubte mir den Atem, speziell weil ich mir eine Erkältung eingefangen hatte, und so nur das Atmen durch die Nase blieb.
Ein schneller Besuch in Thamel, etwas ausruhen und dann machten wir uns schon wieder auf den Weg. Diese Fahrt war für mich fast zu viel. Meine verstopfte Nase, das ewige Rütteln, der vollgestopfte Bus… ich kriegte Kopfschmerzen und legte mich gleich ins Bett.
Zum Glück half dann das Schmerzmittel sehr schnell.
Bihibar, 06.01.2011
Wieder ein freier Tag nach den Ferien. Ich wusste schon beim Aufstehen, dass ich den heutigen Tag selbst ausfüllen muss, weil für mich einfach nichts zu tun ist, im Moment.
Trotzdem stand ich schon kurz nach sechs Uhr auf, um zur Morning Meditation zu gehen. Das bedeutet dann nämlich auch, dass ich Frühstück im Home bekomme.
Die Kinder sehen in dieser halben Stunde meist sehr müde aus, bei den Kleinsten hat man sogar das Gefühl, dass sie im Schneidersitz nochmals eingeschlafen sind. J
Nach einem kurzen Hände-warm-reiben, wird dann geschaut, wer heute fehlt, einige Sachen werden auf Nepali besprochen und das war’s dann auch schon mit dem gemeinsamen Morgenbeginn.
Danach setzt man sich in die Küche, auf niedrigen Hockern so nah wie möglich an den warmen Topf, wo schon das Daal fürs Frühstück (nepalese breakfast um ca. 9.30 Uhr) vor sich hin brodelt. Es gibt in dieser Küche zwar zwei Gaskochstellen wie in einer europäischen Küche, die „Küchen-aunties“ kochen aber sichtlich lieber in Bodennähe und so dienen die zwei „normalen“ Kochfelder nur zum Chiya machen.
Zwischendurch kommen die zwei Hunde Becky und Lulu in den Raum getrottet, werden aber bald wieder verscheucht, nicht so aber die zwei Tauben, welche auf einem Schrank nisten und ab und zu gurrend quer durch den Raum flattern.
Bei einer heissen Tasse Chiya und einer Packung Kekse (das Frühstück für uns, und erstes Frühstück für die Kinder) sitze ich inmitten dieser reiferen Frauen, die ununterbrochen in schnellem Nepali miteinander kommunizieren und ich komme mir vor, als wäre ich in einen Film geraten, den ich zwar 4-D miterleben darf, in dem mich aber niemand bemerkt. Kaum ein Blick wird mir zugeworfen und eine Frage ist höchst selten.
Nach dieser morgendlichen Stärkung laufe ich durch die Kälte zum Guesthouse zurück. Nun dehnt sich also der lange Tag endlos vor mir hin.
Erst einmal geniesse ich es, dass wir Strom haben. Ein Luxus, bei den Stromcuts von manchmal 18h am Tag! Ich schreibe hier über meine vergangenen Erlebnisse in Pokhara, dabei werden aber meine Finger eiskalt, sodass ich unterbrechen muss und mich lieber für eine Weile näher zum Gasofen setze, der hier diesen Winter angeschafft wurde.
Später setze ich mich nach draussen in die Sonne. Ich lerne ein wenig Nepali, suche in diversen Büchern nach Ideen für Singspiele auf English, die ich mit den Kindern lernen könnte. Ausserdem finde ich Ideen für selbst gebastelte Musikinstrumente, vielleicht lässt sich da in den Ferien ja mal etwas machen…
Als mich die Sonne endlich ganz durchwärmt hat, mache ich Wasser heiss für eine Bucket-Shower und angespornt, wasche ich danach gleich auch noch eine Ladung Kleider.
Später sitze ich einfach gemütlich in der Sonne, geniesse die Ruhe um mich herum und lese, bis ich schon wieder fast ein ganzes Buch verschlungen habe.
Aus lauter Langeweile putze ich am Nachmittag noch beide Badezimmer, der Boden sieht von dem ganzen Staub, den wir mit den Schuhen hinein schleppen, einfach grässlich aus!
Irgendwann im Verlaufe des Tages habe ich noch einige Resten farbiges Papier zusammengesucht, ein paar WC-Rollen ausgewählt und innert kürzester zwei Rasseln gebastelt, eine gefüllt mit Zucker, die andere mit trockenen Kichererbsen.
So einfach wie das ging, lässt sich das bestimmt mit den Kindern nachbasteln und dann allerlei Geschichten und Musikstücke dazu erfinden…
Fantasie hätte ich also genug, es fehlt momentan einfach an Möglichkeiten, meine überschüssige Energie auch einsetzen zu können…
Endlich ist dann auch der Nachmittag so gut wie um, Evelyne und Caro kommen aus Kathmandu zurück, wo Caro ihr Visum verlängern musste. Max ist schon länger da und verschwindet nun zur Study-hour, wo er mit zwei Jungs (Sunam und Rohit) intensiv Konzentration übt und bei den Hausaufgaben hilft.
Ich spiele noch etwas Geige, aber lange halte ich nicht durch. Anfangs sind meine Finger immer sehr kalt und steif, meine linke Hand wärmt sich dann meist gut auf durch die Bewegung. Doch die rechte Hand ist immer noch eiskalt und meistert die Technik nicht mit der gleichen Leichtigkeit wie sonst.
Gegen halb sieben stolpern wir alle den Weg zum Home hoch. Es ist inzwischen stockdunkel, das Licht ist weg und über uns glitzert der hohe, gewaltige Sternenhimmel. Ich sehe Orion und meine drei Lieblingssterne und Abermillionen andere funkelnde kleine Punkte.
Vor dem Essen waschen wir uns in der Küche die Hände, dann stellen wir uns gemeinsam mit den Kindern zum Essenfassen an. Hier muss man aufpassen, dass der Schöpflöffel nicht den Teller berührt, vor allem beim Nachschöpfen, weil sonst das Ganze Essen „verunreinigt“ ist. Es gibt immer Reis, Daal und Tarkaari (Gemüse). Wir setzen uns dann auf die dicken Binsenmatten an die niederen Tische. Alle legen die Hände vor der Brust zusammen, wie zum Namaste-Gruss, dann sagt jemand in die Stille „Om, shanti, shanti, shanti“ und dann beginnen alle zu essen. Gegessen wird mit der rechten Hand, die Linke darf nur zur Not zum Tellerhalten benutzt werden.
Die Kleinsten sind immer am schnellsten fertig, holen sich Nachschlag und essen allgemein recht viel. Bei den grösseren Mädchen ist schon der „Schlankheitswahn“ durchgebrochen. Sie essen wenig und stellen sich anscheinend regelmässig auf die Waage, um ihr Gewicht zu kontrollieren.
Wer fertig ist mit Essen spült sein Geschirr draussen am Waschtrog, dann beginnt der schönste Teil des Tages…
Im Staffroom versammeln sich die fünf kleinsten Kinder und eventuell auch noch einige der etwas Grösseren. Evelyne, Caro und ich spielen einige Spiele mit ihnen, Memory, ein Ratespiel…manchmal ist die Konzentrationsspanne der Kinder recht gut und wir spielen bis acht Uhr. Ab und zu sind die Kinder aber auch nach einer knappen halben Stunde nicht mehr friedlich zusammenzuhalten. Um Acht gehe ich mit Evelyne zur Medical Hour, danach ist Feierabend.
Je nachdem, wie kalt und dunkel es ist, gehen wir dann alle ziemlich bald ins Bett. Ausser der sowieso eiskalten Nasenspitze schaue ich, dass möglichst nichts aus dem Schlafsack rauskuckt.
Sukrabar, 07.01.2011
Morgenmeditation und sonst nichts… einfach gar nichts! Heute habe ich nicht einmal dreckige Wäsche zum waschen, die Fussböden sind auch noch einigermassen sauber, was also soll ich tun.
Der Strom war auch einfach inexistent und so blieb nur, lesen, nichts tun, lesen, in die Sonne gehen.
Und eigentlich wollte ich nach Chapagaon ins Internetcafé und skypen. Dieser Spaziergang war schön. Ich habe hier zwar immer das Gefühl, dass die Menschen mich eher abschätzend mustern und hinter meinem Rücken über mich tuscheln, die Kinder schreien aber auch Hello und Goodbye und kichern dazu.
Nach den zwanzig Minuten Weg, vorbei an der Joghurtfabrik, an Reisfeldern die nun schon wieder die ersten Spitzchen Hellgrün zeigen, bergauf und bergab über einige Hügel, war ich schön aufgewärmt und freute mich sehr auf den Kontakt zur „Aussenwelt“.
Und dann die grosse Enttäuschung: Weil der Strom heute schon den ganzen Morgen weg war, gab es kein Internet. Wenn der Strom nur kurz ausfällt, hilft eine Batterie die Lücke zu überbrücken, aber heute war es wohl einfach zu viel.
Enttäuscht kehrte ich gleich wieder um, stürzte mich ins Violine-Üben und war dann nach einiger Zeit auch wieder besserer Laune.
Mit Evelyne beendete ich noch die kleinen Kärtchen mit aufgemalten Tierbildern, die wir heute für ein neues Spiel verwenden wollten.
Zum Daal Baat ging ich dann alleine: Ich hatte seit den Morgenkeksen nichts mehr gegessen und war wirklich hungrig!
Als ich aber ins Home kam, waren die Kleineren immer noch im Staffroom am Hausaufgaben machen und lernen. Janaké, eines der neuen Kinder im Heim, winkte mich zu sich. Ich sollte ihr beim English lesen helfen.
Die Fragen waren zum Thema „Environment“ und sie versuchte einfach, die Wörter zu lesen und auswendig richtig aneinander zu reihen, ohne dass sie eine Ahnung hatte, was eigentlich gefragt war.
Sie ist erst seit ein paar Wochen im Heim und lernt somit auch erst seit sehr kurzer Zeit Englisch. Ich habe ihr dann so gut wie möglich geholfen, und mit den paar Nepaliausdrücken die mir eingefallen sind und einigen Gesten versucht, ihr auch den Inhalt zu erklären.
Abendessen gab es dann erst nach sieben Uhr und ich war schon fast ausgehungert. Ich habe mich übrigens in der Woche, die ich nun schon in Nepal bin, sehr schnell an noch schärferes Essen gewöhnt. Ohne hinzuschauen esse ich alles Gemüse auf dem Teller, auch wenn da immer wieder ein paar ganze Chilischoten drunter gemischt sind. Der Mund brennt kurz und schon ist es auch wieder vorbei…
Beim Spielen hatte heute vor allem Sogun einen Riesenspass. Ihr gefielen die Tierkarten extrem gut und sie hat fast vor Freude gejauchzt, immer wenn sie dran war mit raten.
Ein schöner Tagesabschluss nach einem langweiligen Tag!
Zurück beim Guesthouse, zeigte uns Stefan dann noch einen Film über das Dental Camp, das im November hier stattgefunden hat.
Stefan ist einer der Führungskräfte bei Govinda, der Stiftung, die dieses ganze Projekt hier unterhält. Er ist gestern mit einem Kollegen, Moritz, hier angekommen und wird sogar für vier Monate bleiben, weil er an der Uni in Kathmandu unterrichten wird.
Der Film war ziemlich gut gemacht und vor allem die anschliessende Power-Point Präsentation hat mir einige Fragen beantwortet, die ich zur Organisation hatte.
Sanibar, 08.01.2011
Als ich heute in der Morgensonne vor dem Haus sass und am Lesen war, hörte ich gleichzeitig den anderen Volunteers zu, die über ihre Arbeit hier sprachen.
Max hat das Gefühl, dass er sehr viel arbeitet, er fühlt sich schon fast unter Druck. Das kann ich persönlich nicht ganz nachvollziehen. Aber sei’s drum, ich habe ihm deshalb meine Hilfe angeboten für das Projekt, das er in den Winterferien, die bald beginnen, vor hat.
Er will da mit einigen der Kinder aus dem Home den Spielplatz reparieren, der an einigen Stellen schon halb zerfallen ist.
Den Mädchen habe ich auch meine Hilfe angeboten, bei allem wo sie mich gebrauchen können. So werde ich meine zwei Monate hier wohl als „Helfer für alles“ verbringen, was mir aber sehr recht ist, so lange ich was tun kann.
Am frühen Nachmittag bin ich dann also mit Max zum Spielplatz und wir haben alles genau besichtigt, Masse genommen für die nötigen Bretter, die ausgewechselt werden müssen und uns überlegt, was wir alles an Werkzeug brauchen. Es kam eine ganz beachtliche Liste zusammen, mal schauen, ob sich das so wirklich realisieren lässt.
Der ehemalige Spielplatz war wohl ein Katalogmodell nach europäischem Standard. Ein Holzkonstrukt, wie man es auch bei uns häufig auf Spielplätzen sieht, mit Turm, Schaukelbrücke und Kletterstrassen.
Das finde ich fast ein wenig schade, denn es lässt so wenig Spielraum für Improvisation. Und es fordert gleichsam, dass wir auch wieder perfekte Bretter finden, damit das Gerüst nachher wieder tip-top aussieht…
Am Abend hatten wir „Evening Ritual“ mit den Kindern, vorwiegend mit den Kleineren. Das hat eine frühere Volunteer eingerichtet und es bedeutet, dass Samstagabends etwas eher Spezielles mit den Kindern gemacht wird. So haben Evelyn und Caro schon mit ihnen Salzteigfiguren gebastelt, mal gibt es ein längeres Spiel, etc.
Für heute haben wir uns überlegt, nochmals mit den Tierkarten zu arbeiten, die Evelyn und ich gezeichnet hatten. Zuerst wollten wir die Kinder Tiere erraten lassen, dann damit „mein rechter, rechter Platz ist frei“ spielen, ein Spiel, das ich mit den Kindern in Kalimpong schon gespielt habe und nun als Idee mitgebracht habe. Dabei sollen die Kinder Tierlaute und Bewegungen nachmachen und gleichzeitig lernen sie die Tiernamen auf Englisch.
Es hat allen viel Spass gemacht und vor allem die ganz Kleinen sind fröhlich durchs Zimmer gehüpft. Danach haben wir Papierteller verteilt und die Kinder konnten mit Neocolor Tiermasken darauf malen. Wir haben die Löcher für Augen, Nase und Mund ausgeschnitten und ihnen die Masken umgebunden.
Es war erstaunlich zu sehen, wie einige der Kinder durch die Maske alles abstreifen konnten und mal richtig „Kind“ sein konnten. Sie wurden richtig ausgelassen und fauchten, zwitscherten und sprangen übermütig herum.
Eine sehr schöne Abendrunde!
Aitabar, 09.01.2011
Die Tage verschwimmen hier ineinander und weil so wenig los ist, kann ich mich fast nicht dran erinnern, was eigentlich los war, den ganzen Tag.
Ein Erfolg war heute meine Suche nach Holz für den Spielplatz.
Max, der sich vor ein paar Tagen eine böse Magen-Darm-Geschichte eingefangen hat, fühlte sich wieder schlechter und mochte nicht mitkommen zum Home.
So bin ich alleine gegen drei Uhr losgezogen. Die Kinder waren alle schon von der Schule zurück, weil gerade Examen stattfinden und diese nur am Vormittag sind. Sie sassen hinter dem Haus in der Sonne und es war gerade „Tiffin-Zeit“, Zeit für einen Snack. Die Wardens verteilten allen gepufften Reis, dazu ein scharfes Knabberzeug und einige geröstete Erdnüsse. Und dazu gab es für jeden ein hartgekochtes Ei und süssen Milchtee.
Auch ich bekam einen Teller in die Hand gedrückt und das hat mir richtig gut getan, weil ich heute, ausser ein paar Keksen, noch gar nichts gegessen hatte.
Ich hatte auch endlich einmal Gelegenheit etwas Zeit hier oben zu verbringen und die Kinder etwas länger zu sehen.
Da war zum Beispiel Mandip, der kleinste Junge (ca. 4 Jahre alt), der über den Knien von Arati (einem ca. 14-jährigen Mädchen) eingeschlafen war und einfach goldig aussah. Oder Meena, die mit misstrauischem Blick meinem Lächeln begegnet und immer wieder mal austestet, ob sie wohl besser nett und lieb ist, oder doch eher frech und aufmüpfig.
Von meinen Mitvolunteer habe ich einige Geschichten über die Kinder gehört und es ist erstaunlich, wie diese kleinen Menschen doch einigermassen „normal“ sind, spielen, zur Schule gehen und hier im Home eine Familie gefunden haben.
Meena zum Beispiel ist eine Sozialwaise. Das heisst, sie ist einem hier in Nepal üblichen Brauch zum Opfer gefallen. Wenn nämlich eine Frau hier Witwe wird und dann nochmals heiratet, nimmt sie die Kinder aus erster Ehe nicht mit zu ihrem neuen Mann. Diese sind dann ganz auf sich alleine gestellt, egal wie alt sie erst sind. So kam Meena ins Home.
Oder Ashok, der aus dem Spital geholt wurde, wo er als ganz kleiner Junge neben seiner drogenabhängigen Mutter lag, die an einer Überdosis starb. Wie viel dieser Junge schon mitgemacht hat in seinem kurzen Leben lässt sich nur erahnen, Max nimmt sich seiner auf jeden Fall in der Studyhour ein wenig an, um mit ihm und Suman Konzentration zu üben.
Nach dem Tiffin bin ich also mit Chanda rund ums Home gelaufen, um zu sehen was an Holz da ist. Es gibt viele dicke Äste, die wir verwenden dürfen, dazu noch einige Bretter und ein altes Holzgestell, das wir auch zersägen und brauchen dürfen. Narshing, ein aufgeweckter Junge, dessen Idee es überhaupt war, den Spielplatz zu reparieren, hat sich unserer Besichtigungstour angeschlossen und viele gute Ideen beigesteuert, wo wir was verwenden könnten.
Ich war richtig erleichtert zu sehen, dass uns wohl gar nichts anderes übrig bleibt, als ein improvisiertes Gerüst zu bauen, einfach mit dem was da ist. Ich hoffe nur, dass Max sich auch für die Idee eines etwas alternativen Spielplatzes begeistern kann!
Zum Glück hat es sich auch gut mit der Idee anfreunden können und so freue ich mich jetzt schon richtig auf das Projekt Spielplatz.
Mit Caro habe ich noch ausgemacht, dass wir mit den grösseren Kindern in den Ferien einen Danceworkshop machen werden. Da wollen wir dann die Choreographie zu einem Hindisong aus einem Bollywoodfilm einstudieren. Mal schauen, ob wir die Tanzschritte abschauen können…
Und mit den Kleineren habe ich vor, eigene Rasseln zu basteln und ein paar Lieder zu lernen… es sieht aus, als käme endlich etwas Leben in meinen Alltag! J
Die Abendbeschäftigung mit den Kindern war heute dann ziemlich chaotisch und laut. Wir haben nochmals das Tierspiel gespielt, doch nach einer Stunde war nur noch Geschrei, die Kinder haben begonnen sich gegenseitig zu verprügeln und alles ging drunter und drüber.
Also haben wir die Aktion abgeblasen und sie sich selbst überlassen.
Caro und Evelyn hatten noch eine Besprechung mit Stefan, ich bin mit den Kindern im Office geblieben. Es war keine Warden da, also herrschte einfach pures Chaos.
Sogun hatte sich mit einem Bilderbuch an die Wand gesetzt und war eigentlich die Einzige, die enttäuscht war, dass wir nicht mehr mit ihnen spielten.
Also habe ich mich zu ihr gesetzt und gemeinsam mit ihr das Buch gelesen. Sie ist wohl erst um die 6 Jahre alt, kann aber schon ziemlich gut Englisch lesen, ob sie auch versteht, was sie liest, weiss ich nicht!
Zwischendurch, wenn es wirklich zu laut wurde, bin ich wieder mal aufgestanden, habe einige der kleinen Rabauken vom Tisch gepflückt, Streithähne getrennt oder einfach versucht sie etwas zu beruhigen. Viel hat’s nicht genützt und nach einer halben Stunde lagen meine Nerven ziemlich blank.
Komisch fand ich auch, dass nie eine der Warden vorbei geschaut hat, das wäre eigentlich ihre Aufgabe, soviel ich weiss…
Naja, so ist dieser Tag etwas anstrengend ausgeklungen und für mich stellte sich die Frage, ob wir wirklich hilfreich sind in diesem Home. Wir sehen die Kinder meist nur für diese Stunde am Tag, sie können also kaum so etwas wie eine Beziehung zu uns aufbauen. Ausserdem wissen wir auch nicht, wie und ob wir erzieherisch wirken sollen, das ist ja eigentlich Sache der Wardens. Ja ich fühle mich hier manchmal schon eher geduldet als erwünscht.
Sombar, 10.01.2011
Bevor am Mittwoch die Ferien starten, wollen Evelyn, Caro und ich noch einen „Day off“ nehmen. Eigentlich finde ich ja, dass wir hier praktisch jeden Tag frei haben, aber es ist schon noch mal etwas anderes, wenn wir wirklich raus können, etwas anderes zu sehen kriegen als nur Guesthouse und Home.
Also werden wir heute gegen Nachmittag mit dem Bus nach Kathmandu reinfahren, irgendwo in Thamel übernachten und dann morgen Kathmandu erkunden.
Da kann ich dann auch endlich mal wieder ins Internet, wegen der „Power cuts“ und der schlechten Verbindung hat es in Chapagoan nie geklappt.
Bis wir abreisen habe ich nichts zu tun, und weil heute netterweise Strom im Übermass vorhanden ist, konnte ich auch endlich mal wieder hier nachtragen, was so alles gelaufen ist.
Gerade kam Evelyn herein und hat gemeint, in ihrem Zimmer sei es momentan 10 Grad kalt. Brrrr, es ist schon unglaublich! In der Nacht wird es wohl noch kälter, ich schlafe auf jeden Fall immer mit Thermounterwäsche unter dem Pijama, dazu Socken, Schal, Mütze und Pulswärmer an den Armen. Und sogar so spüre ich in meinem superwarmen Schlafsack mit zusätzlichem Seideninnenschlafsack noch die eisige Kälte, die von der Matratze ausgeht…
Alles was aus dem Schlafsack rausschaut, also vor allem die Nasenspitze ist prickelnd gefühllos und es ist schwer so einzuschlafen. Naja, ein Erlebnis ist es auf jeden Fall, mal zu sehen, dass es eben auch ohne Heizung irgendwie geht.
Wenn ich mir vorstelle, dass ich daheim die Heizung so einstelle, dass ich sogar fast ohne Pijama auskomme, erscheint mir das jetzt völlig absurd… J
Do
30
Dez
2010
Wo war ich das letzte Mal stehen geblieben? Ach ja, ich war angekommen und musste nun nur noch Max und Evelyne finden. Nach meinem SMS schrieb Evelyne auch gleich zurück und meinte, sie seien in der Ankunftshalle. Ich lief also zum Domestic Flight Gebäude, aber da gab es gar keine Ankunftshalle, also mussten sie beim etwas entfernten International Flight Gebäude sein. Ich kehrte also mit all meinem Gepäck um, wimmelte alle Taxiangebote ab und kämpfte mich die Staubstrasse entlang zum anderen Gebäude hinunter. Dort angekommen, suchte ich in der „Arrival-Halle“ nach weissen Gesichtern. Aber auch hier wurde ich nicht fündig. Ein Blick aufs Handy zeigte mir dann auch warum. Evelyne und Max waren in der Zwischenzeit zum Domestic Flight Gebäude gefahren um mich aufzulesen. Wir hatten uns also gerade verpasst. Mir blieb nichts anderes übrig, also wieder zurück zu laufen, Evelyne hatte mich auch kurz angerufen und gemeint, wir sollten uns oben beim Taxiparkplatz treffen. Dort traf ich die Beiden dann auch wirklich und sie machten einen sehr netten Eindruck. Sie waren auch gleich mit dem Taxi gekommen, wir luden mein Gepäck ein und los ging die Fahrt. Ich unterhielt mich mit Evelyne auf der Rückbank und schaute mir durch die Fenster Kathmandu an. Für mich als nun schon recht Indien-Erfahrene, war es lustig zu sehen, dass ich Kathmandu zwar interessant und neu fand, aber niemals so überwältigend, wie als ich das Erste Mal im vergangenen August in Bagdogra gelandet bin. Es ist hektisch, staubig, viel Verkehr, viel Lärm und viele Eindrücke aufs Mal, aber daran habe ich mich inzwischen wirklich schon gewöhnt. Evelyne hat mir schon einiges über das Projekt erzählt und nach einer guten Stunde Taxifahrt erreichten wir dann Chapagaun, ein Dorf ausserhalb von Kathmandu, das aber fast mit den Vororten von Kathmandu zusammen gewachsen ist. Das letzte Stück konnte dann das Taxi nicht mehr bewältigen. Hier wird gerade die Strasse neu gebaut und ein kleines Lastwägelchen war im Schlamm stecken geblieben. So konnte das Taxi nicht durchfahren, wir liessen den Fahrer also kehren und machten uns zu Fuss mit dem Gepäck auf die letzten paar Kurven hinunter. Auf einer kleinen Talebene kamen wir an einem Fabrikgebäude vorbei und Evelyne erklärte, dass dies eine Joghurtfabrik sei, in der man Joghurt im Literbeutel kaufen könne. Über dem nächsten Hügel konnten wir dann schon das Guesthouse des Shangri-La Projektes sehen. Hier würde ich also die nächsten ungefähr 2 Monate verbringen. Max und Evelyne zeigten mir zuerst die unteren Räumlichkeiten, vier Volunteerzimmer sowie Bad und Toilette. Ausserdem hat es hier einen kleinen gemeinsamen Ess- und Wohnbereich, gemütlich mit einem kleinen Tisch und vier Korbstühlen. Danach führten mich die Beiden aussen am Haus die Wendeltreppe hinauf, wo mein Zimmer sich befindet. Hier gibt es auch noch mal ein Bad und zwei Zimmer. Mein Zimmer ist so klein wie auch die anderen, hat zwei Betten und ein kleines Gestell, sowie einen Schreibtisch. Eigentlich übernachten hier immer nur die Verantwortlichen der Stiftung wenn sie zu Besuch kommen, aber weil ab Januar mit Heidi noch eine fünfte Volunteer hier sein wird, können nicht alle unten übernachten und so wurde mir dieses Zimmer angeboten. Mir ist das ganz recht so, ich habe meinen Rückzugsort und bin trotzdem unten immer willkommen. Sobald ich meine Sachen abgestellt hatte, holte mich Evelyne. Wir wollten im Waisenhaus, im „Home“, vorbeischauen. Und ausserdem wurde ich gefragt, ob ich Lust hätte, gleich heute nochmals loszuziehen, die Nacht ausserhalb zu verbringen und morgen einen gemütlichen Frei-Tag in Boudha zu geniessen. Sie sagten mir, Boudha wäre eine richtige kleine Oase und es sei wunderschön da. Ich war natürlich einverstanden und so machten wir uns erst auf zum Home, bevor wir dann schnell packen und losfahren würden. Im Home durften wir nicht gleich eintreten, weil mich die Aunties richtig begrüssen wollten. Sie brachten einen Teller mit einem Gemisch aus roter Farbe und Reis darauf. Damit machten sie mir ein Tikka auf die Stirn, ein fetter roter Klecks, der sich sehr kalt anfühlte. Ausserdem wurde mir eine duftende Blumenkette um den Hals gelegt und alle sagten Naamaste. Ich fühlte mich richtig willkommen und herzlich aufgenommen. Dann besichtigte ich mit Max und Evelyne alle Räume des Homes, die ich betreten darf. Da ist ein Meditationsraum, wo morgens um halb sieben immer eine halbstündige Meditation stattfindet. Daneben befindet sich der gut eingerichtete Medical Room, wo Evelyne (sie ist psychiatrische Krankenschwester) oft arbeitet. Dahinter befinden sich noch zwei Study Rooms wo auch wirklich viele der älteren Kinder fleissig am Lernen waren. In ein paar Tagen sind die Jahresprüfungen und laut den anderen Volunteers sind die Kinder extrem hart am Büffeln. In diesem Teil des Gebäudes befinden sich ausserdem die Schlafsaale der Jungs im oberen Stock. Das ist für uns weibliche Volunteers aber total tabu. Hier dürfen wir unter keinen Umständen hin. Im anderen Gebäudeteil befindet sich der Staffroom, wo aber auch ab und zu die kleineren Kinder sind und spielen. Auf der gleichen Ebene sind Essraum und Küche. Und hier im oberen Stock sind die Mädchenschlafsaale. Ausserhalb befinden sich der Waschplatz und der Spielplatz, ausserdem kleine Gemüsefelder, wo die Schüler auch den Gartenbau etwas kennenlernen, es gibt noch Toiletten und einen Kuhstall. Auf dieser Besichtigungstour trafen wir immer wieder Kinder an und ein kleines Mädchen (Sogun) hängte sich dann auch gleich an meine Hand. Ausserdem trafen wir dann auch noch Caroline, die vierte Volunteer. Und auch sie schloss sich dann gleich unserer „Reisegruppe“ an. Wir gingen zurück zum Guesthouse, packten schnell unsere Rucksäcke und dann ging es auch schon los, die Strasse zurück nach Chapagaun. Inzwischen war es schon ziemlich dunkel geworden, aber die anderen wussten den Weg ja schon blind und ich stolperte einfach mit. In Chapagaun erwischten wir keinen Bus mehr und so liefen wir etwas die Strasse entlang, bis wir ein Taxi fanden. Dann wurde um den Fahrpreis nach Boudha gefeilscht. Schliesslich willigten wir, sowie der Fahrer ein, dass wir zusammen 1000 Rupien bezahlen würden. Die Fahrt ging in Richtung Kathmandu zurück, Max erzählte mir, was seine Aufgabe im Home und in der International School ist, die beiden Mädchen waren ziemlich ruhig, weil ihnen von der Fahrt schlecht wurde. Irgendwann kamen wir dann in Boudha an. Ich hatte es mir ganz anders vorgestellt! Als sie mir erzählt hatten, dass es eine richtige Oase sei, hatte ich mir einen Platz im Grünen vorgestellt, nicht einen Stadtteil Kathmandus… Wir verliessen das Taxi und traten auf die belebte Strasse. Sogleich führten mich die anderen aber durch ein Tor und siehe da, hier tauchten wir wirklich in eine ganz andere Welt ein. Boudha ist das Viertel, wo die grösste buddhistische Stupa ausserhalb Tibets steht, der ganze Stadtteil ist rund um diese riesige Stupa angeordnet, es herrscht eine ruhige Atmosphäre… richtig schön. Als erstes liefen wir durch die verwinkelten, engen Gässchen zum Lotus Guesthouse, das direkt neben dem Buddhistischen Kloster liegt. Hier hatten wir ein Einzel- und ein Dreierzimmer bestellt. Es war sehr billig: für unser Zimmer zahlten wir gerade mal 750 Rupien zusammen. Das heisst mein Anteil beträgt ungefähr 2.50 Franken… da die nepalesische Rupie noch weniger Wert hat als die indische Währung. Nachdem wir kurz unser Gepäck abgeladen hatten, machten wir uns wieder auf in die Kälte hinaus. Ja, hier in Nepal ist es wirklich noch ein ganzes Stück kälter als in Kalimpong! Anscheinend ist es auch der kälteste Winter seit ungefähr 25 Jahren, und nachts rutschen die Temperaturen in den Minusbereich. Ohne Heizung wird’s dann ganz schön ungemütlich fröstlig in den Zimmern. Draussen führten mich die Anderen dann zielsicher zu einem Tibetischen Restaurant, wo sie wohl schon einige Male gegessen hatten. Ich bestellte mir erst auf Anraten von Caro spezielle Momos. Diese konnten aber aus irgendeinem Grund nicht zubereitet werden. Also schwenkte ich auf Chicken Chow-mein um. Aber auch das war nicht mehr zu haben, weil es keine Strom gab. Schliesslich bestellte ich dann tibetisches Brot und eine frische Tomatensuppe. Es schmeckte köstlich! Das Brot stellte sich als eine Art Dampfnudel heraus, es wird halb gebacken, halb gedämpft und schmeckt echt gut. Nach dem sättigenden Essen und einigen Gläsern frischen Ingwertees mit Honig gingen wir zurück zum Hotel und verkrochen uns bald dick vermummt in unsere Schlafsäcke. Sombar, 27.12.2010 Ich war wohl doch mehr erschöpft von der ganzen Reise, als ich gedacht hatte. Auf jeden Fall wachte ich mal um sieben Uhr auf, schlief aber gleich wieder ein und erwachte erst kurz vor neun Uhr wieder. Evelyne war schon nicht mehr im Zimmer, aber Caro kroch auch erst aus dem Bett und so machten wir beide uns dann auf Evelyne und Max zu suchen. Schnell fanden wir sie in der nächsten Teestube, wo sie schon einen Chiya (Milchtee) getrunken hatten. Max kam nochmals mit Caro und mir in eine andere Teestube, Evelyne wollte ins Internet. Nach dem wärmenden Tee wollte mir Caro die Stupa richtig im Sonnenlicht zeigen, die beiden Anderen gingen ins Internetcafé. Caro und ich umrundeten die Stupa, wie es hier gemacht wird, gegen den Uhrzeigersinn ein paar Mal. Wir begannen auch die Gebetsmühlen, die entlang der ganzen Stupamauer angebracht sind anzustossen. So liefen wir einige Runden und es war richtig meditativ-relaxend. Die Stupa muss man sich als riesiges weisses Viereck vorstellen. Auf diesem Unterbau erhebt sich dann eine Kuppel, und wieder darauf der Buddhakopf mir riesigen aufgemalten Augen. Dieses „Gesicht“ wird jedes Jahr neu aufgemalt um die Vergänglichkeit des Lebens und der Dinge zu zeigen. Zuoberst erhebt sich dann noch eine Art Krone, welche die letzte Stufe der Erleuchtung anzeigt. Zum Kopf führen auch dreizehn Treppenstufen, welche die dreizehn Stufen bis zur Erleuchtung symbolisieren. Bis zur Kuppel kann man auch hineingehen und auf der viereckigen Ebene herumspazieren. Zu diesem Platz pilgern Buddhisten aus der Ganzen Welt, manche umrunden die Stupa auch, indem sie sich immer wieder auf den Boden werfen. Nach unserer „morgendlichen Meditation“ fanden dann auch wir den Weg zum Internetcafé und bald danach machten wir uns auf den Weg zurück zum Hotel, um unser Gepäck abzuholen. Erst assen wir aber in einem kleinen Restaurant noch Frühstück. Für mich bestehend aus zwei dicken Scheiben Toast mit viel Butter und dazu ein Lassi. Bepackt mit den Rucksäcken liefen wir dann nach Pashupatinath, dem heiligen Ort für die Hindus. Erst kamen wir auf ein riesiges Feld mit stumpfem, gelblichem Gras und viel Abfall und von da konnten wir durch ein Loch im Zaun auf das Gelände der Tempel schlüpfen. Eigentlich muss man hier Eintritt zahlen, aber mit einem Volunteer-Ausweis kommt man gratis rein. Und für mich würden wir dann einfach sagen, dass ich auch Volunteer bin. Als Erstes sahen wir einige sehr alte Opfertische und Figuren. Dann kamen wir an einem reich verzierten Tor vorbei, wo wir aber nicht durchgehen durften, weil der dahinterliegende Bereich nur für Hindus zugänglich ist. Ich konnte aber von aussen einen riesigen goldenen Stier in der Mitte des Bereichs sehen, und viele Menschen die davor knieten oder herumwanderten. Über eine Brücke überquerten wir einen sehr stark verschmutzen Fluss. Hier schwimmt alles, von „normalem“ Abfall bis zu den Überresten der Leichenverbrennungen…. Auf der einen Seite des Flusses befinden sich nämlich viele Steinpodeste, wo die Leichen verstorbener Hindus rituell verbrannt werden. Von der anderen Seite aus, wo wir noch viele kleinere Tempelschreine bewundern konnten, konnten wir auch einige Verbrennungen mitverfolgen. Es war spannend zu sehen, wie so was abläuft. Wie der/die Verstorbene auf einem Holzstoss aufgebart wird, überschüttet mit Blumen, dann laufen weiss gewandete Männer und Frauen in einem bestimmten Ritual um dieses Viereck herum und irgendwann wird dann der Holzstoss mit Stroh entzündet und ab da schaut ein Mann, dass das Feuer nicht ausgeht, bis alles verbrannt ist. Die Resten werden dann in den Fluss hinunter befördert, bevor die nächste Zeremonie beginnt. Nachdem wir so recht lange in dieser riesigen Tempelanlage herumgewandert waren, verliessen wir das Gelände durch ein anderes Tor und kamen bald an dem einzigen Altersheim ganz Nepals vorbei. Hier machten wir auch noch eine kurze Stipvisite und es war traurig zu sehen, wie die Menschen hier hausen und doch auch gut zu sehen, dass einigermassen für sie gesorgt wird. Diese alten Menschen haben hier je ein kleines düsteres Zimmer, das auf einen Innenhof geht. Im Innenhof sitzen sie dann herum, waschen sich in aller Öffentlichkeit und holen Decken und Bisquits ab, wenn wieder mal eine Spende ausgegeben wird. Unser nächster Besuch galt dann noch einer Einrichtung für Leprakranke. Da war aber gerade Mittagspause in den Werkstätten und so beschlossen auch wir, langsam mal irgendwo Essen zu gehen. Wir nahmen ein Taxi nach Thamel dem Touristenviertel und wieder war das Handeln ziemlich amüsant. Der Taxifahrer wollte nämlich 500 Rupien für die Fahrt, wir wollten maximal 150 bezahlen. Erst liess er nicht mit sich handeln und erst als wir am Weglaufen waren, rief er uns zurück und chauffierte uns dann tatsächlich für 150 Rupien nach Thamel. Dieses Viertel ist wirklich der Touristenort schlecht hin. Hier wurde auch kürzlich erst eine ganz neue Strasse gebaut, die Mandala-Street, anlässlich des Touristenjahres 2011. Es gibt aberhunderte Shops für Hippies, Trekkinggeschäfte mit Originalmarken und Fälschungen und auf der Strasse kann es schon auch mal passieren, dass einem ganz unverfroren Hanf und auch stärkere Drogen angeboten werden. In einem schlichten Tibetlokal assen wir dann Chilipaneer und Chilimomos, beides sehr scharf, aber köstlich schmeckend!! Nach dem Essen teilte sich dann unsere Gruppe: Max zog alleine los, während wir Mädels der nächsten Bäckerei noch einen Besuch abstatteten. Danach machte ich mich mit Caro auf den Heimweg, die beiden Anderen mussten noch auf ihre Wäsche warten und würden dann am Abend hoffentlich noch einen Bus zurück nach Chapagaun erwischen. Langsam war ich doch ziemlich geschafft vom vielen Herumreisen in den letzten Tagen und so döste ich auf der holprigen langen Fahrt vor mich hin, bis mich ein extrem lauter Knall aufschreckte. Wir dachten erst, ein Reifen des Busses sei geplatzt, dieser fuhr aber ohne Schaden weiter, es war wohl etwas anderes passiert… woher der Knall stammte, konnten wir nicht herausfinden. Zurück beim Guesthouse wusch ich mich kurz bei Kerzenschein und dann nahm mich Caro mit ins Home zum Abendessen. Es gab, wie hier jeden Abend, Daal Bhaat Tarkaari (Reis, Linsensauce und Gemüsemischung). Hier wird mit der rechten Hand gegessen und wir sitzen auf dem Boden an kleinen Tischen auf dicken Strohmatten. Kaum hatten wir den Teller leer und abgewaschen, schleppten uns die kleinen Kinder in den Staffroom, wo wir dann noch eine gute Stunde mit ihnen Spiele spielten. Danach war ich erschöpft und froh, zurück ins Guesthouse zu dürfen. Ich setzte mich noch eine Weile zu den anderen an den warmen Gasofen, den sie sich vor einigen Wochen angeschafft haben, verabschiedete mich dann aber bald und schlüpfte schnell, ganz warm angezogen, in meine Schlafsack unter die dicke Decke. Die Nasenspitze, das Einzige, was herausschaute, war eis-eis-kalt, sonst wurde mir aber bald wohlig warm.
Mangalbar, 28.12.2010
Ich konnte mich fast nicht überwinden aus meinem kuschlig warmen Bett zu kriechen, als mein Wecker um kurz nach sechs Uhr klingelte. Ob mir konnte ich meinen Atem als sichtbare weisse Wolke sehen und kaum streckte ich einen Arm aus dem warmen Kokon, schüttelte es mich vor Kälte. Aber da half nichts, ich wollte ja zur Morgenmeditation ins Home. Also überwand ich mich, und schon bald waren wir vier auf dem Weg hinauf zum Home. Im Meditationsraum waren schon alle Kinder versammelt, auf Matten sitzend auf dem Boden. Wir setzten uns dazu und heute war anscheinend stille Meditation angesagt, denn für eine knappe halbe Stunde hörte man nichts anderes als ab und zu ein Nase-hochziehen der verschnupften Kinder. Wie bei uns in Kalimpong laufen die Kinder nämlich auch hier immer noch barfuss in ihren Slippern herum und einige tragen auch nur Röckchen mit dünnen Leggins darunter… brrr… mir wird nur schon vom Zusehen kalt!! Am Ende dieser stillen Meditation musste ich dann kurz aufstehen und mich vorstellen, dann hat sich jedes Kind mit Namen vorgestellt. Die Kleineren fünf kenne ich schon von gestern, mit den Namen der Grösseren werde ich wohl noch einige Zeit meine Mühe haben… Nach der Meditation haben die Kinder Study-Time, bis sie um halb zehn Uhr zur Schule müssen, also gingen wir zurück zum Guesthouse, es war sonst gerade nichts für uns zu tun. Gegen halb zehn Uhr lief ich dann mit Evelyne wieder zum Home. Hier sollten wir alles für das Dental Camp vorbereiten, das heute und morgen stattfinden sollte. Vor einiger Zeit war schon einmal ein solches Camp durchgeführt worden, mit nepalesischen und deutschen Zahnärzten. Es war auch eine ganze Einrichtung mit Zahnarztstuhl, Bohrgeräten, Zahnsteinentfernern, etc. hergebracht worden. Irgendwie völlig deplaziert, platzraubend und einfach nicht gut durchdacht. Aber naja, jetzt hatten wir also das Vergnügen, alle Materialien im einen Study-Raum herzurichten, damit dann die Zahnärzte gleich loslegen konnten. Um zehn Uhr, als es beginnen sollte, war dann aber weit und breit noch kein Zahnarzt zu sehen… Und bald darauf bekamen wir ein Telefon, dass das Camp nicht stattfinden würde, solange die Finanzierung nicht ganz klar sei. Da hat es anscheinend auch einige Missverständnisse gegeben. Also konnten wir alles wieder abbauen und verräumen und hatten dann den ganzen Tag nichts mehr zu tun. Zurück beim Guesthouse kochte ich mir erst einmal Wasser um eine „Bucket-Shower“ zu nehmen. Zwar gibt es hier eigentlich einen Boiler, der ist aber gerade oder wieder einmal kaputt. So hilft also nur gekochtes Wasser, das gemischt mit kaltem Wasser dann krugweise über den ganzen Körper geschüttet wird. Aus Kalimpong habe ich darin ja schon Erfahrung und kann nun schon innerhalb weniger Minuten einer relativ angenehm warme „Dusche“ geniessen. Weil es heute Vormittag so schön Strom hatte, nutzten wir das alle aus, arbeiteten am Laptop und ich verfassten den ersten Teil meines ersten Berichtes aus Nepal. Gegen zwei Uhr nahm mich Evelyne mit zur Schule, wo Max (er ist Erwachsenenbilder) hauptsächlich arbeitet. Hier werden fünfhundert Schüler unterrichtet. Einerseits sind es zahlende Schüler, dann auch die Kinder aus dem Home und ausserdem viele Kinder die über Patenschaften gesponsert werden. Eines dieser Kinder hat seit Geburt eine Loch im Gaumen und eine gespaltete obere Gaumenplatte. Nun wurde ihr von einer Deutschen Stiftung versprochen, dass dies operiert werden würde. Evelyne hat den Auftrag, sie zu einem speziellen Hospital zu begleiten und wir mussten nun abklären, wann wir dahin fahren würden. Es wurde dann ein Termin für morgen fixiert und ich werde bestimmt mitgehen. Als wir das Gebäude gerade verlassen wollten, trafen wir Max und den Rektor der Schule, dem ich nun auch noch vorgestellt wurde. Er hatte dann auch gleich ein paar Ideen, was ich hier an der Schule machen könnte. Da müssen wir nun nach und nach schauen. Weil bald Examen sind, wird wohl in nächster Zeit nicht viel Raum für Spezialprogramme bleiben… Max, Evelyne und ich gingen danach noch ins Internetcafé. Dazu nahmen wir heute den Weg durch das alte Viertel. Hier fühlt man sich wie in einer Filmkulisse: Alle Häuser sind aus roten Ziegelsteinen und haben hübsch geschnitzte dunkle Holztüren und Fenster. Vor den Häusern, die meist zweistöckig sind, lagern Büffel und Ziegen, es laufen viele Hunde und Enten herum. Dazwischen spielen Kinder, Frauen sitzen am Boden vor altertümliche Spinnrädern, wie man sie aus dem Film „Gandhi“ kennt, und alte Männer hocken rauchend auf niedrigen Bänken vor den Häusern an der Sonne, gekleidet in die typische nepalesische Nationaltracht mit Pluderhosen, geschlitzten Tunikas und Topis (Kappen). Im Gegensatz dazu ist dann das Internetcafé extrem modern… mit guten Computern, Webcams und Headsets. Das einzige Problem hier ist, dass der Strom meist nicht vorhanden ist. So war dann auch heute nach einigen Minuten Schluss, weil die Regierung den Strom abgestellt hat. Anscheinend wollen sie diese „cuts“ sogar noch ausweiten auf ungefähr 18h am Tag. Juhui, achtzehn Stunden kein Strom, da muss man sich gut einrichten, damit das Handy ab und zu aufgeladen wird und ich weiterhin mal meine Berichte schreiben kann… Zurück beim Haus, war es schon bald Zeit fürs Abendessen. Diesmal waren wir pünklich, sodass wir mit den Kindern essen konnten. Wenn alle ihren gefüllten Teller vor sich haben und am Tisch sitzen, spricht der kleinste Junge das „Om shanti, shanti, shanti“, alle sprechen mit flach vor dem Kinn zusammengelegten Händen nach, dann darf mir Essen begonnen werden. Nach dem Essen war wieder Spielzeit angesagt. Es ging ziemlich laut zu und her, ich mischte mich dann aber auch schon ein, und setzte bei einem Spiel durch, dass immer erst begonnen wird, wenn alle erst mal ruhig sind… Um acht Uhr ging ich noch mit Evelyne mit zur Medical Hour. Dann versammeln sich alle Kinder vor dem Krankenzimmer, die irgendein Wehwehchen haben. Oft ist es auch nur etwas Aufmerksamkeit, dass die Kinder brauchen. Im Moment wird viel Glyzerin verteilt, weil die Kinder von der Kälte aufgerissene Haut an Händen und Füssen haben. Ausserdem bekommen einige Hustensaft, einer hatte einen kleinen Ausschlag am Arm, die andere einen geschwollenen Finger, weil sie sich mit jemandem geschlagen hat. Nach diesem ereignisreichen Tag, wieder mit viel Neuem für mich, war ich abends wohlig müde, und obwohl nach neun Uhr der Strom wieder kam, konnte ich mich nicht mehr aufraffen etwas zu tun und habe mich einfach zum Schlafen in mein noch kaltes, bald aber schön angewärmtes Kokon verkrochen.
Buddhabar, 29.12.2010
Happy Birthday to me! Mein Geburtstag in diesem ganz neuen Land zu feiern, in einer neuen Umgebung und mit vielen unbekannten Menschen war mir, als ich noch in Kalimpong war, manchmal recht unangenehm erschienen. Nun machte es mir aber überhaupt nichts mehr aus. Als ich um sieben Uhr fröhlich nach unten kam, stand da sogar ein Geschenk für mich auf dem Tisch. Evelyne schenkte mir eine Tasse mit lauter Sweets drin. Ja, ich hatte meinen Geburtstag erwähnt, als sie mich gefragt hatten, wie alt ich wäre, aber mit einem Geschenk hatte ich überhaupt nicht gerechnet und war darum umso happier darüber… Gegen acht Uhr sind wir dann losgelaufen nach Chapagaun, wo wir uns mit einem Nepalesen aus der Schule und der besagten Schülerin, die ins Spital musste, treffen wollten. Evelyne kaufte noch schnell ein paar Snacks für die Tiffin (Zwischenmahlzeiten) ein und schon konnten wir den nächsten Bus nehmen Richtung Kathmandu. Nach einer hoprig-schaukelnden Fahrt mussten wir am Stadtrand von Kathmandu umsteigen. In der warmen Sonne liefen wir ein paar hundert Meter die staubige Strasse entlang und zwängten uns dann in einen Minibus. Damit ging’s zuerst der Ringroad entlang rund um Kathmandu herum und dann zweigten wir irgendwo ins Landesinnere ab. Die Strassen waren alle staubtrocken und sandig, langsam spürte ich beim Atmen schon eine leichte Belegtheit auf den Lungen und es schaukelte die ganze Fahrt über ziemlich extrem. Gegen halb elf Uhr erreichten wir dann das Dorf, wo diese Spezialklinik ist. Der Fahrer liess uns an der Strasse aussteigen und zeigte uns einen Feldweg quer über Land zur Klinik. Auf diesem schmalen Pfad suchten wir uns dann den Weg zur „Plastic- and Reconstructive Surgery Clinic“ wo hauptsächlich Patienten mit riesigen Tumoren, schweren Brandverletzungen oder eben auch Geburtsfehlern wie Hasenscharte und Gaumenspalte behandelt werden. Die Klinik wird von einer deutschen Stiftung getragen und jährlich kommen mehrmals europäische Experten hierher um zu operieren. Nach einigen Minuten Wartezeit erklärte der mitgekommene Nepalese, den Büroleuten unseren Fall und wir bekamen dann bald Bescheid. Zurzeit war kein genug ausgebildeter Arzt da, und so sollten wir Ende Februar nochmals einen Termin ausmachen für die Zeit, wenn dann der deutsche Experten-Arzt hier sein würde. Dann bekäme das Mädchen die Behandlung im Spital auch gratis und es müssten nur die Bett- und Essenskosten übernommen werden. Diese Fahrt scheint also für nichts gewesen zu sein. Aber ich glaube es war doch nicht vergeblich, weil man mit persönlichen Gesprächen in diesem Land einfach viel besser durchkommt, als mit Telefonaten. Ich hoffe, dass das Mädchen also bald zu ihrer dringend nötigen Operation kommt, denn sie braucht anscheinend für jede Mahlzeit mehr als eine Stunde Zeit, weil das Loch in ihrem Gaumen das Essen fast unmöglich macht! Draussen an der Sonne, vor dem Spital assen wir dann als kleinen Snack jeder eine Tüte Suppennudeln, die sich auch gut so trocken essen lassen. Und dann machten wir uns auch schon wieder auf den Heimweg. Bald fanden wir einen Minibus, der uns mitnahm und die schaukelnde Fahrweise, sowie die Wärme, die sich langsam ausbreitete, machten mich ganz schläfrig und kurz vor Kathmandu konnte ich meine Augen fast nicht mehr offen halten. Auf der Ringroad musste ich mir dann öfters den Schal vors Gesicht halten, weil der Staub und Smog so stark war, dass mir das Atmen echt schwer fiel. Bei einer unglaublich geschäftigen, überfüllten Kreuzung warteten wir dann auf den Local-Bus nach Chapagaun und gegen halb drei Uhr kamen wir dann nach unserer Odysee wieder in Chapagaun an. Nachdem wir uns von dem Mädchen und seiner Mutter verabschiedet hatten, gingen Evelyne und ich noch schnell ins Internet Café. Und erfreulicherweise hatte ich schon einige Geburtstagsglückwünsche bekommen, die mich erst einmal wieder dran erinnerten, dass ja heute mein Geburtstag ist… Zurück beim Guesthouse ruhten wir uns noch etwas aus, ich las ein wenig und bald war es schon Zeit fürs Dinner. Ein Mädchen, Alisha, winkte mich zu sich an den niedrigen Tisch. Sie wollte unbedingt, dass ich vis à vis von ihr esse. Bald gesellte sich Arati zu uns und die Beiden fragten mich während des Essens über alles mögliche aus. Calpana, die uns die ganze Zeit zuhörte wechselte dann sogar noch ihren Platz um sich auch an dem Gespräch beteiligen zu können. So verbrachte ich eine gemütliche Zeit mit den dreien, die sehr interessiert waren an meinen Erlebnissen aus Indien. Um Acht spielten wir mit den Kleinen diverse Spiele, ich ging noch mit Evelyne zur Medical Hour und dann waren wir auch bald schon wieder im Gästehaus versammelt, wo wir uns alle mit einer Tasse Tee bei Kerzenschein in die Nähe des Gasofens setzten, lasen oder einfach vor uns hin träumten. Später am Abend gab es plötzlich wieder Strom und ich nützte diese Gelegenheit, meinen Bericht hier weiter zu schreiben.
Bihibar, 30.12.201
Gegen acht Uhr verliess ich mein eiskaltes Zimmer und wärmte mich im Wohnraum am Ofen etwas auf. Die anderen eröffneten mir dann, dass sie gestern noch darüber geredet hätten, dass es besser sei, wenn ich auch zu ihnen in den unteren Teil des Hauses ziehen würde. Es gab anscheinend schon ein paar Mal Einbruchsversuche und ihnen sei es wohler, wenn ich nicht so abgeschnitten alleine da oben schlafen müsse. Mir ist das auch recht und so werden wir heute eine grosse Zügelaktion starten. Ansonsten haben wir heute wenig zu tun, weil ein hinduistischer Feiertag ist. Da ist Max nicht in der Schule, also kann ich ihn auch nicht begleiten und mal sehen, was ich da machen könnte. Im Home ist sowieso eigentlich meist nichts zu tun. Die Kinder müssen nach der Morgenmeditation bis die Schule beginnt lernen. Dann sind sie bis vier Uhr in der Schule und dann müssen sie wieder lernen. Freizeit kennen sie hier praktisch nicht. Die einzige Zeit, wo wir etwas mit ihnen machen können ist die Stunde nach dem Abendessen, bevor die Kleinen ins Bett müssen. Für die restliche Betreuung sind die Wardens zuständig, da können/müssen wir uns auch nicht einmischen. So bleibt eigentlich herzlich wenig zu tun für so viele Volunteers. Im Moment ist mir das aber gerade sehr recht. So kann ich etwas ausspannen und das Land und die Leute kennenlernen. Morgen wollen wir dann auch schon wieder wegfahren. Gegen Nachmittag werden wir nach Kathmandu rein und Bustickets nach Pokhara bestellen. Dann werden wir wohl in Thamel Altjahrabend feiern und am 1.Januar mit dem Bus sieben Stunden nach Pokhara fahren. Ich freue mich schon riesig, dass ich soviel zu sehen bekomme und werde dann wohl mal nach diesen „Ferien“ wieder schreiben.
Di
28
Dez
2010
Sukrabar, 24.12.2010
Heiligabend. Ich war echt gespannt, wie wir hier Weihnachten feiern würden. Am Morgen liessen wir uns Zeit mit dem Frühstück und zogen das Ganze richtig schön in die Länge. Gegen neun Uhr kam dann auch Father Paul und so wollten wir uns dann gleich auf den Weg in die Stadt machen. Zuerst musste aber noch eine Einkaufsliste geschrieben werden, und diesen Job überliess Father Paul dann gerne Father Patel, und stattdessen spielte er mit uns noch eine Runde Kniffel. Gegen zehn Uhr fuhren wir dann endlich mit Raam los. In der Stadt hetzte Father Paul wie üblich durch die Strassen, wir anderen versuchten ihm zu folgen. Im Geschäft wurde dann alles Mögliche an Essbarem begutachtet, abgewägt, was nun wirklich gekauft werden sollte… es dauerte lange. Zwischendurch sollten Valerie und ich immer auch noch unsere Meinung abgeben, gar nicht so einfach, wenn man nicht weiss, wofür die Esssachen gebraucht werden. Anschliessend ging’s weiter zum Market, wo Father Patel sich zu Weihnachten eine neue Jogginghose kaufen durfte. Hier kriegt man hauptsächlich Second-Hand Kleidung, diese dann aber wirklich billig und so hat er sich für knappe 130 Rupien eine noch gut aussehende Hose kaufen können. Die beiden Fathers haben uns dann auch noch gefragt, ob wir was zu Weihnachten wollen. Sie wollten, dass wir uns selbst ein Geschenk aussuchen, was uns nicht recht war. Wir brauchen ja auch wirklich nichts, und das haben wir ihnen dann auch erklärt. Nachdem wir noch mit Father Patel Bier eingekauft haben, sind Valerie und ich ins Internet Café, die anderen sind zurück zur Schule gefahren. Zum Glück war heute die Verbindung gut, ich konnte meinen Bericht auf die Homepage stellen und noch einige organisatorische Mails schreiben. Schon bald fuhr auch ich dann aber zurück, ich war immer noch sehr angespannt wegen meiner Reise nach Nepal. Bei der Schule war Brother damit beschäftigt, die Krippe aufzustellen. Eine riesige Konstruktion mit echtem Strohdach, Sanddünen, Wegen und Flüssen… Gegen Abend hatte ich dann immer noch nichts gehört vom Transport über die Grenze und so war ich ganz unruhig, als wir uns im Dunkeln gegen sieben Uhr auf zur Kirche machten. Die Kirche war üppig geschmückt, an den Wänden hingen überall Kränze aus Reisig und mit rosa Schleifen verziert, die aus Toilettenpapier gebastelt worden waren. Es war Stromausfall, aber das war sehr gut, denn so sah die Kirche richtig feierlich weihnachtlich aus, bei Kerzenlicht wurde der ganze Gottesdienst abgehalten und Valerie und ich konnten sogar einige Lieder mitsingen. Es war wirklich schön, und ich konnte ein wenig entspannen in dieser lockeren, meditativen Atmosphäre. Und nach dem Gottesdienst machte mir Father Paul das schönste Weihnachtsgeschenk, weil er mir sagte, dass ich ab Siliguri einen Begleiter bis über die Grenze hätte. Dieser hätte auch mein Flugticket und würde mir mit dem Visum helfen und mich dann in ein Taxi zum Flughafen setzen. Vor der Kirche hatten dann die „Youths“ ein grosses Feuer angezündet, es gab Tee, der Weihnachtskuchen wurde angeschnitten und verteilt und ausserdem wurde auch noch Chow-mein verteilt. Wir standen noch lange um das wärmende Feuer, dann sangen wir mit den Fathers und mit Brother noch einige Weihnachtslieder, hörten die ersten Lieder der „Youths“, die danach Carol-Singen gingen und dann liefen wir unter dem genialen Sternenhimmel zurück zur Schule. Valerie und ich holten Wein und die Geschenke nach unten in den Parlour und wir feierten mit den Fathers und mit Brother noch etwas Weihnachten. Es gab allerlei Snacks aus dem Süden Indiens, die Father Paul von sich zu Hause mitgebracht hat. Die drei hatten sehr viel Freude an unseren selbst gebastelten Fotoalben und ich bekam einige Geschenke von Valerie, die ich gar nicht erwartet hatte. Sie hatte auch viel auszupacken, weil sie aus Deutschland etwa 6 Pakete gekriegt hatte. Gegen elf Uhr verabschiedete sich dann Father Paul und wir machten uns auch ans aufräumen. Gerade als wir zu den Zimmern hochgehen wollten, kamen die „Youths“ bei uns vorbei und sangen nochmals einige Weihnachtslieder. Ein wirklich schönes Weihnachtsfest!
Sanibar, 25.12.2010
Kush Janam Parab!! Fröhliche Weihnachten!
Um acht Uhr war schon wieder Messe. Müde und unausgeschlafen schleppten Valerie und ich uns dahin und verfolgten den Gottesdienst auf Nepali. Was mich erstaunt hat, war, dass heute ein anderer Gottesdienst, mit anderer Predigt und anderen Liedern gehalten wurde. Bei uns in der Schweiz wird in der Mitternachtsmesse und am 25.Dezember zweimal die gleiche Messe verlesen… hier sind die Priester wohl einfach ein wenig fleissiger. Nach der Messe waren wir richtig ausgehungert. Es ging schon auf 11 Uhr zu und gestern hatten wir auch den ganzen Tag mehr oder weniger nur Snacks gegessen. Aber die Fathers liessen sich Zeit. Gemeinsames Frühstück war geplant, da wir aber nicht wussten, was es denn geben soll, konnten wir auch noch nichts vorbereiten. Stattdessen habe ich die letzten Dinge gepackt und mein Zimmer geputzt. Nun war ich vollständig für die Reise bereit. Mein Transport nach Siliguri runter aber immer noch nicht organisiert… Das Frühstück wurde dann richtig üppig und ausser den Üblichen, waren auch noch John und ein Schüler aus North Point/Darjeeling mit dabei. Nach dem Frühstück begann dann schon das Kochen für den Lunch. Father Paul wollte Pork und Huhn zubereiten, ich machte mich ans Zwiebeln schneiden und Father Patel pulte unzählige Knoblauchzehen aus ihren Schalen. Meine Frage nach dem Transport nach Siliguri war total berechtigt. Father Paul meinte nämlich: oh ja, das habe er ganz vergessen und ich sollte wohl den Bus reservieren… jaja, er werde das noch organisieren. Gegen drei Uhr assen wir dann Lunch, mit gutem Reis, Pork, Chicken und Gemüse, danach gab es viel abzuwaschen! Und ziemlich bald darauf machten Valerie und ich uns ans Kochen fürs Dinner. Wir hatten vor Bratkartoffeln zu machen, dazu Blumenkohl in weisser Sauce und zum Dessert wollte Valerie ein Schokoladenmousse zaubern. Sie hatte gestern in der Stadt alle Zutaten eingekauft, nur die Herstellung stellte sich nun als eher schwierig heraus. Es gab nämlich keinen Schwingbesen, und mit dem Standmixer wollte sich die Sahne auch nicht festschlagen lassen… stattdessen spritzte ein Grossteil der Sahne in der ganzen Küche herum und verteilte sich auch schön auf meinen Kleidern. Naja, da half dann eben nur noch Handarbeit. Mit Gabeln machten wir uns daran Eiweiss und Sahne zu schlagen, was natürlich ewig dauerte und trotzdem nicht richtig fest wurde. Trotzdem schmeckte dieses Mousse am Ende wunderbar schokoladig-leckrig. Brother war in der Zwischenzeit in die Stadt gefahren, um das Busticket für mich zu reservieren. Und er kam mit erfreulichen Nachrichten für mich zurück. Der Bus war schon ausgebucht und deshalb hatte sich Father Paul nun endlich doch dazu entschlossen mich im Schuljeep mit Raam nach Siliguri loszuschicken. So würde Raam mich direkt bei den Brothers von Jesu Ashram abgeben und ich könnte direkt von da mit Father Wilfred weiterfahren. Ich glaube, so wird die Reise gut gehen! Nach dem späten Supper, das übrigens sehr lecker geworden ist, ging ich direkt ins Bett. Ich hatte schon alles (Pyjama, Schlafsack, etc.) eingepackt und so schlief ich in den Kleider, unter einer dünnen Decke mehr schlecht als recht ein paar Stunden. Die kleine Elekroheizung lief zwar die ganze Zeit, trotzdem fror ich in dieser Nacht sehr.
Aitabar, 26.12.2010
Abschied aus Kalimpong: es viel mir schon schwer, mein „Zuhause“ nun einfach zu verlassen und zu einem ganz neuen Abenteuer aufzubrechen. Nach knapp fünf Monaten, wo ich mich nun so richtig eingelebt hatte, war es Überwindung, schon wieder etwas ganz Fremdes anzufangen. Morgens um halb sechs ging ich das letzte Mal zum Parlour runter, um vor der Reise noch einen wärmenden Tee zu trinken. Schade, dass ich mich so nun nicht einmal mehr von John und Ajay verabschieden konnte! Die beiden lagen natürlich noch im Bett, weil sie vom Carolsingen erst sehr spät zurück gekommen waren. Gegen sechs Uhr versammelten sich dann Valerie, Brother Father und ich vor der Garage. Bald war auch Raam da, lud mein Gepäck ins Auto und schon war der Zeitpunkt gekommen, mich zu verabschieden. Brother wollte mich gar nicht gehen lassen, und sagte immer wieder, please don’t go… please stay!! Aber ich musste ja gehen, und vor allem musste ich rechtzeitig über die Grenze, damit ich meinen Flug erwischen konnte. Also fuhren Raam und ich los. Ich schaute die ganze Zeit aufmerksam aus dem Fenster, damit ich mir alles nochmals ganz genau einprägen konnte. Wer weiss, ob ich wirklich schon bald zurück kommen darf… Gegen acht Uhr erreichten wir dann schon Siliguri und Raam liess mich bei einem Haus von Jesu Ashram aussteigen. Ein Brother, den ich schon von einem seiner Besuche in Gandhi Ashram kenne, hat mich in einen Warteraum geführt und gemeint, er werde nun mein Ticket holen. Kurze Zeit später kam er mit dem Ticket zurück, sagte mir aber, ich müsse zum anderen Haus gehen, weil ja wohl Father Wilfred mit mir mitkommen werde. In dem anderen Haus traf ich dann auf eine bunt gemixte Schar aus Fathers und Brothers die alle gerade beim Frühstück sassen. Es waren mehrheitlich alte Missionare aus allen möglichen Ländern und sie waren hoch erfreut, ein wenig mit mir plaudern und spassen zu können. Sobald Father Wilfred aber zu Ende gefrühstückt hatte, machten wir uns auf den Weg Richtung Grenze. Was ich bisher nicht gewusst hatte: Father Wilfred fährt ein Ambulanzauto! Und so waren wir dann ganz auffällig unterwegs. Nahe der Grenze staute sich der Verkehr. Duzende Lastwagen versperrten einen Teil der Strasse. Sie alle warteten auf die Erlaubnis, über die Grenze fahren zu dürfen und anscheinend war die Polizei auch ganz eifrig dabei, für diejenigen die genug Schmiergeld zahlen, solche Permits auszustellen. Das ist eben Indien!! Kurz vor der Grenze liess mich Wilfi dann beim Registration Office aussteigen. Ich sollte schon mal reingehen und meine Ausreise klären, er würde nur schnell das Auto parken und dann nachkommen. So ging ich also an mit Maschinengewehren bewaffneten Wachen ins Registration Office hinein, das gerade mal einen Schreibtisch, etwas Papier und einen Fernseher beherbergte. Da musste ich dann noch einige Formulare ausfüllen und der Beamte meinte, ich sei ja wirklich in der allerletzten Minute gekommen, weil mein Visum am 28.Dezember ausläuft. Aber alles lief problemlos. Wieder draussen holte ich mein Gepäck aus dem Auto und Wilfi heuerte eine Rikscha an, mit der wir über die Grenze fahren würden. Er meinte, mit der Ambulanz dürfe er die Grenze zwar passieren, aber sie hätten ihn das letzte Mal schon darauf angesprochen, dass er mit der Ambulanz Menschen „schmuggle“. Also luden wir meine Reisetasche, den vollgepackten Rucksack, die Geige, meine kleine Tasche und uns beide auf die Rikscha und der arme Fahrer musste stark in die Pedale treten. Erst ging’s über eine lange Brücke, wo sich die voll bepackten Fahrräder am Strassenrand drängten. Anscheinend sind das alles mit Schmuggelware bepackte Räder, und die Schmuggler warten auf den Schichtwechsel der Grenzwachen, um dann gemütlich durchzuradeln. Nach der Brücke waren wir dann eigentlich schon in Nepal. Sofort, nachdem wir von der Rikscha runtergeklettert waren, wurden wir mit Taxiangeboten zum Flughafen bestürmt. Erst musste ich aber noch ein Visum beantragen. Bei der Registration lief alles ruck-zuck. Ich musste nur ein Passfoto abgeben, zwei Formulare ausfüllen und hundert Dollar bezahlen, schon hatte ich mein Nepaltouristenvisum für drei Monate im Pass. Jetzt war ich schon ganz entspannt. Es war noch genug Zeit bis mein Flug um 13.50 Uhr gehen würde und Father Wilfred brachte mich zum Reisebüro, bei dem das Ticket gekauft worden war. Diese Firma würde auch Transporte zum Flughafen organisieren. Er redete kurz mit einem Angestellten und verabschiedete sich dann von mir. Ich sollte nun im Reisebüro warten, bis einige Passagiere beisammen wären, damit sich ein Sammeltransport zum Flughafen lohnen würde. Die Fahrt kostete 800 Nepalesische Rupien und das würde dann unter den Fahrgästen aufgeteilt. Kurz bevor diese Fahrt dann losging, machten mich die Angestellten noch darauf aufmerksam, dass ich keine indischen Rupien ausführen dürfte. Also wechselte ich beinahe all mein Geld noch in nepalesische Rupien. Nach einer knappen Stunde Fahrt, erreichten wir den kleinen Flughafen schon um ca. 11.30 Uhr. Zwei Wachen tasteten kurz mein Gepäck ab, bevor sie mich ins Flughafengebäude liessen und checkten mein Ticket. Drinnen meldete ich mich gleich beim Schalter der Yeti-Airline um mich einzuchecken. Es hiess dann, mein Flug sei gecancelled, aber sie könnten mich noch auf den früheren Flug buchen, der in ein paar Minuten abfliegen würde. Mein Gepäck wurde noch gewogen und geöffnet, ein bisschen durchwühlt und dann gleich auf den Gepäckwagen geschmissen, der schon unterwegs zum Rollfeld war. Ich konnte Reisetasche und Rucksack abgeben und nahm nur die kleine Tasche und die Geige als Handgepäck. Dann musste ich durch die Sicherheitskontrolle. Ein Erlebnis! Ich wurde abgetastet und meine Tasche ausgeleert. Die „nette Dame“ nahm mir die Taschenlampe weg und zerrupfte beinahe meinen Kaktus! Sie schaute mich an, als wäre ich nicht ganz gesund im Kopf, dass ich einen Kaktus mitnehme. Die Wasserflasche liess ich dann bei ihr, obwohl ich sie problemlos hätte mitnehmen können. Soviel zur Flugsicherheit! In der Abflugshalle warteten dann schon einige Leute und ich dachte erst, ich müsste gleich raus zum Flugzeug. Das war aber noch eine andere Maschine von Angi-Airways, also wartete ich eben noch. Ich lernte gleich ein Ehepaar mit einem kleinen Jungen kennen, er war Belgier und sie Nepalesin. Auch ein anderer Passagier begann gleich ein Gespräch mit mir, der Geigenkasten hatte Aufmerksamkeit erregt. Einige Minuten später landete dann unser Flugzeug, bald wurde uns aber verkündet, dass die Maschine einen Schaden hätte und deshalb nicht fliegen könne. Eine Ersatzmaschine werde aber gleich jetzt aus Kathmandu abfliegen. Die Passagiere waren gar nicht glücklich und alle strömten zur Tür der Sicherheitskontrolle, um nochmals hinaus zu gehen, einen Kaffee trinken. Wir wurden dann auch wirklich nochmals raus gelassen und ich ging mit dem netten Geschäftsmann und dem Ehepaar zum kleinen Restaurant ausserhalb des Flughafengeländes. Als wir dann gerade gemütlich beim Kaffee sassen, kam uns ein Angestellter des Flughafens uns holen, weil anscheinend unser Flug bald ready sein werde. Sicherheitskontrolle gab es nun für uns nicht mehr, wir konnten einfach in die Abflugshalle durchlaufen. Und dann dauerte und dauerte es wieder. Irgendwann sahen wir dann aber die Yeti-Maschine landen und gleich konnten wir raus aufs Rollfeld zum Flugzeug laufen. Auf dem Weg kreuzten wir noch die Passagiere aus der gerade angekommenen Buddha-Maschine und einige Passagiere hielten noch ein kleines Schwätzchen. Das Flugzeug startete dann innerhalb von Minuten, ohne einen weiteren Sicherheitscheck. Es gab genau dreissig Plätze, unnummeriert und ich hatte wirklich denn allerletzten verfügbaren Platz gekriegt. Gepäckfächer gab es nicht und so klemmte ich mir die Geige zwischen die Beine und die Tasche nahm ich auf den Schoss. Kurz bevor wir starteten verteilte die Stewardess Sweets und Watte, um sich die Ohren zu verstopfen. Der Flug selbst war dann einfach genial, weil wir an der Himalayabergkette entlang flogen! Auge in Auge mit den höchsten Bergen der Welt, unglaublich!! Nach knapp 50 Minuten Flugzeit landeten wir dann mitten in Kathmandu, oder so kam es mir zumindest vor. Die Maschine zirkelte über den Häusern herunter auf die Landebahn und wir flogen sehr knapp über die Häuser hinweg. Mal gelandet, wurden wir mit dem Bus zum Ausgang gefahren, wo wir dann auch gleich unser Gepäck vom Wagen nehmen konnten und einfach durch das Gitter nach draussen spazieren konnten. Von Evelyne und Max, die mich abholen sollten, war weit und breit nichts zu sehen. Ich schrieb Evelyne dann aber gleich eine SMS und wartete ab. Alles Weitere schreibe ich dann im nächsten Bericht… denn heute, (es ist Dienstag 28.12.2010) kann ich ins Internet und will das ausnützen und diesen ersten Teil gleich auf die Homepage stellen. Damit ihr auch alle wisst, dass ich gut in Nepal angekommen bin.
Fr
24
Dez
2010
Sanibar, 18.12.10
Teachers-Picknick.
Weil das Schuljahr nun, nach dem Zeugnistag, offiziell zu Ende ist, wurde heute ein Picknick für die Lehrer organisiert. Morgens um halb acht Uhr stiegen wir alle, mitsamt vielen Kochtöpfen, Sitzmatten, Geschirr, Gemüse und anderem Essbarem und einigen Fischerruten in den Schulbus und fuhren zum Teesta-River hinunter. Es war kalt im Bus, denn die Türe lässt sich nicht mehr schliessen und auch die Fenster waren grösstenteils offen. Aber draussen strahlte die Sonne und verhiess einen wunderbaren Tag. Nach etwas mehr als einer Stunde Fahrt, kamen wir beim „Hanuman“-Tempel vorbei. Hier wird der Affengott Hanuman verehrt, und gleich danach zweigt eine kleine Feldstrasse von der Hauptstrasse ab. Als ich letztes Mal mit Jerome Sir und Marion fischen gegangen bin, sind wir auch genau zu diesem Platz gefahren. Als dann beim Ausladen allen Gepäckes ein Jutesack ausgeladen wurde, begann der sich plötzlich zu bewegen und zu gackern. Anscheinend hatten wir einige lebendige Hühner mit dabei für den Lunch! Bepackt mit Säcken und Töpfen wanderte dann die ganze Gruppe gemütlich zum Fluss hinunter. Wie Miss Rosa das anstellte, über Stock und Stein in ihren Absatzschuhen ist mir ein Rätsel… Am Fluss angekommen, verteilte sich die ganze Gruppe gleich auf dem weitläufigen Kiesel- und Sandstrand. Nun nachdem sich der Morgennebel verzogen hatte, war das ganze Flusstal sonnendurchflutet und warm. Herrlich! Erst setzte ich mich mit Valerie etwas hin, dann gingen wir zum Wasser runter, zogen Schuhe und Socken aus und testeten die Wasser“wärme“. Es war eiiiiiskalt! Aber auch angenehm so kühles, frisches Wasser um die Zehen zu spüren. Zurück beim Kochplatz, halfen wir das Frühstück zu machen und schmierten etwa 40 Sandwiches mit Peanutbutter und Käse. Dazu gab es dann frisch auf dem Feuer zubereiteten, süssen Tee und Eier, soviel wir essen konnten. Die anderen hatten eben mal rund 30 Eier hart gekocht. Nach diesem recht üppigen Frühstück packten Jerry und Ladup die beiden mitgebrachten Hühner aus und Father Patel fragte mich, ob ich zuschauen wolle, wie sie geschlachtet werden. Erst war ich etwas skeptisch, aber ich wurde bald ziemlich fasziniert. Mit einem gezielten Schlag aufs Genick waren beide Hühner schnell tot. Dann schlitzten die beiden Männer die Hühner vorne an der Brust auf, aber nur bis unter die Haut. So konnten sie dann das ganze Federkleid mitsamt der Haut abziehen, wie wenn sie den Hühnern eine Jacke ausziehen würden. Es ist wirklich faszinierend, wie so das Fleisch darunter nicht einmal angeritzt wird, sondern wie frisch verpackt, kompakt ganz bleibt. Danach schlitzten sie das Huhn von unten etwas auf, um alle Eingeweide rauszuholen und anschliessend badeten sie die Poulets im Fluss. Und fertig war das Huhn zum zerhacken und dann braten… Nach dieser Prozedur liefen wir dann etwas am Ufer entlang. Anil Sir hatte seine Tochter mit zum Picknick gebracht und sie wollte nun eine Sandburg bauen. Also machten wir uns auf ein Stückchen den Fluss hoch, wo der Sand besonders fein war. Auf dem Weg stiess ich mir meinen nackten Fuss so fest an einem spitzen Stein, dass eine Zehe zu bluten begann. Aber bald war ich so vertieft ins Sandburgenbauen, dass ich die brennende Wunde und den Sand, der sich schon darin einnistete bald vergessen hatte. Es stellte sich heraus, dass Anil Sir ein begabter Burgenbauer mit viel Talent für die Details ist. Anscheinend hat er vorher noch nie eine Sandburg gebaut, war aber sehr sorgfältig und geschickt im Umgang mit dem nassen Sand. Und bald stand dann eine prachtvolle imposante Sandburg am Strand und Brother, Anil und ich waren über und über mit Sand bestäubt. Brother meinte dann, nun könne er eh nicht noch dreckiger werden und so schlug er auf dem fast weiss glitzernden Sand noch ein paar Purzelbäume. Anschliessend zeichneten wir noch unsere Schatten im Sand nach, setzten uns in Sandkreise wie zum meditieren… es war einfach entspannend und spassig, so die Zeit zu vertreiben. Gegen zwei Uhr war dann das Mittagessen fertig. Es roch köstlich nach gebratenem Huhn, gutem Reis und dazu gab es noch etwas scharfes Gemüse. Alle haben das Essen genossen, danach ist aber sehr schnell Aufbruchsstimmung aufgekommen. Valerie verteilte noch Milkaschokolade, die alle sehr gerne essen, wir teilten uns noch einige Äpfel, dann sammelten alle den Abfall ein, um ihn aufs Feuer zu werfen, wir packten unsere Sachen zusammen und machten uns auf den Weg zurück zum Bus. Einmal hingesessen im Bus überkam mich die Müdigkeit. So ein Tag draussen in Sonne und Wind macht so richtig schön schläfrig. Und so döste ich die ganze Rückfahrt. Zurück bei der Schule brachten wir noch alle Küchenutensilien in den Essraum, verabschiedeten uns von den Lehrern und gingen ins Zimmer. Ich hatte gerade noch Gelegenheit, etwas Wasser warm zu machen, bevor der Strom weg war. Damit wusch ich dann meine sandigen Füsse und ich musste die kleine Wunde am Zeh dreimal desinfizieren, bis ich all die Glitzer-Staubpartikel raus hatte.
Aitabar, 19.12.10
Weil meine Handybatterie so schwach ist, dass sie nicht mal eine Nacht durchhält und so mein Handy als Wecker dienen kann, habe ich heute beinahe die Messe verschlafen. Zum Glück hat mich Valerie mit ihrem Klopfen an die Türe geweckt und ich habe mich in zwei Minuten ausgehfertig gemacht und bin ihr und Brother nachgerannt, die sich schon auf den Weg zur Kirche gemacht hatten. Vierter Adventssonntag! Nun brannten alle vier Kerzen an dem Blumen-Reisig-Adventskranz. Ansonsten war der Gottesdienst aber nicht aussergewöhnlich oder speziell. Nach einem guten Frühstück machten Valerie und ich uns auf in die Stadt. Ich hatte mich entschieden, dass ich heute ein neues Handy kaufen werde. Für die Reise nach Nepal will ich für alle Fälle gut erreichbar sein und mit meinem altersschwachen Handy ist das nicht mehr möglich. Valerie hat ja letzte Woche ein neues Handy gekauft, und im Shop haben wir einfach gefragt, ob sie das gleiche Handy nochmals da hätten. Und siehe da, sie hatten es tatsächlich auf Lager. Ich konnte dann ausprobieren, ob meine Schweizer SIM-Card funktionierte, dann liess ich Valerie mit dem Verkäufer im Laden zurück und ging Geld abheben für den Kauf. Und nun bin ich also stolze Besitzerin eines gut funktionierenden neuen Handys. Den Rest des Nachmittags verbrachte ich dann im Internetcafe, habe viel geskypt und allen schon mal schöne Weihnachten gewünscht. Wieder zu Hause, waren Valerie, Father Patel und ich jetzt ganz alleine. Brother Ajay und Ajay sind beide mit dem Orchester nach Sikkim gefahren, wo eine Hochzeit stattfand. Gegen Abend sind dann Valerie und ich in die Frühstücksküche gegangen und haben begonnen Kartoffeln zu schälen. Father hat sich dann zu uns gesellt und uns ein wenig beim Kochen zugeschaut. Valerie hat noch Blumenkohl mit weisser Sauce zubereitet und so hatten wir bald ein feines Nachtessen bereit. Der Strom war weg, uns so haben wir alles bei Kerzenschein vorbereitet. Beim Essen kam dann der Strom wieder, aber wir haben das Licht gleich wieder ausgemacht um im Schein vom Adventskranz weitergegessen. Father hat der Blumenkohl extrem gut geschmeckt und er hat gemeint, Valerie müsse das nun immer machen, wenn Besuch da ist und auch sonst so oft wie möglich. Es wurde dann ein ganz gemütlicher Abend, nur wir zu dritt.
Sombar, 20.12.10
In kleiner Besetzung haben wir heute mit dem Orchester geprobt. Viele waren immer noch in Sikkim auf der Hochzeit. Trotzdem haben wir gute zwei Stunden in Gesamtformation geprobt. Für Valerie und mich war diese Probe sehr anstrengend, weil es vorwiegend die eher schwachen Schüler waren, die noch da waren. Für die Schüler hat sich die Probe aber bestimmt gelohnt, weil wir viele Stücke noch mal sehr genau auseinander genommen haben. Um halb ein Uhr hatten wir uns dann mit La Tshiring, einem 8.Klässler aus der zweiten Geige, verabredet. Er wollte uns zu sich nach Hause mitnehmen und so machten wir uns in der warmen (zum laufen fast heissen) Mittagssonne auf den Weg den Hügel hinauf. Beim gleichen schönen Baum, wo man auch zu Supriyas Haus abzweigen muss, ging es dann einen schmalen Feldpfad hinunter. Wir kamen an Supriyas Haus vorbei, dann ging es weiter entlang des Hügels mal rauf mal runter. Irgendwann kamen wir dann auf eine breite geteerte Strasse. Eigentlich hatte ich geglaubt, dass es ausser der Hauptstrasse hier keine so gut ausgebauten Strassen gibt. Diese hier war aber in exzellentem Zustand. Wir folgten ihr ein paar Schritte weit und bogen dann wieder auf einen extrem schmalen, felsigen Weg ab. Und um die nächste Kurve war dann das Haus von La Tshirings Familie. Hier wohnt er mit seinem Vater, seinen Grosseltern und seinem Zwillingsbruder. Ausserdem haben sie noch einen älteren Bruder und einen kleinen Halbbruder. Der Zwillingsbruder von La Tshiring, Raam, sieht ihm fast nicht ähnlich. Sie haben uns dann aber etwas lustiges gezeigt. Raam bekommt auf seiner rechten Wange beim Lächeln ein Grübchen, La Tshiring an derselben Stelle einfach links. Nach einigen etwas ruhigen Minuten kamen wir dann gut ins Gespräch und redeten mit den beiden Jungs über alles Mögliche, z.B. über die kommende Reise nach Mumbai, die Schule, was sie sonst noch so machen, jetzt in den Ferien, etc. Dann machten wir noch einige Fotos, mit der Grossmutter, vom Haus,… und dann führte uns La Tshiring zum Hause von Bronika, wo vier Schwestern wohnen. Die vier kleinen Mädchen gleichen sich alle sehr und sind ganz süss. Sie kraxelten uns auf dem Schoss herum und lächelten munter in die Kamera. Auch hier, wie schon bei La Tshiring wurde uns Tee und Kekse angeboten. Als letztes kletterten wir noch den Hügel hinauf zum Haus meiner Cello-Schülerin Shmita. Dieses Haus ist sehr alt, fällt beinah auseinander und ist so dicht am Hang gebaut, dass man Angst kriegt, es würde jeden Augenblick den steilen Hang hinab rutschen. Shmita war gerade mit ihrer Mutter am Abwaschen. Trotzdem wurde uns dann bald noch eine Tasse Tee serviert. Viel gesagt haben die beiden aber nicht und so haben wir uns dann bald verabschiedet. La Tshiring hat uns noch bis zur Strasse gebracht und ist dann umgekehrt. Valerie sind im schon schwächer werdenden Licht viele Kurven die Strasse hinunter gewandert, bis wir Gandhi Ashram erreichten. Ein schöner Nachmittag!
Mangalbar, 22.12.10
Heute haben wir erst in getrennten Gruppen geprobt und ich bin zwischen Bratsche/Cello und 1.Violine hin und her gewechselt. In der Pause meinte dann Valerie, es täte Suraj und La Tshiring gut, wenn sie alleine mit ihr proben könnten. Also habe ich die Restlichen zum Orchester zusammen genommen und „Hindi Medley“ mit ihnen geprobt. Zum Ende der Probe gelang es uns dann schon, das ganze Stück durchzuspielen, wenn natürlich zwischendurch noch einige Fehler passiert sind. Zurück auf dem Zimmer wollte ich eigentlich duschen, aber die Elektrizität war weg und so wollte ich erst noch etwas aufräumen und anfangen zu packen. Schon seit einigen Tagen beschäftigte mich die Frage, ob ich ein Visum für Nepal am Flughafen bekommen könne. Ich hatte immer wieder gehört, dass man das Visum ganz einfach an den Grenzen bekommen könne. Nun holte ich aber meinen dicken Indienreiseführer nochmals hervor und suchte nach Infos. Auf einer der letzten Seiten machte ich dann eine erschreckende Entdeckung: Wenn man mit dem Jeep über die Grenze will, kann man gleich beim Grenzposten ein Visum ausstellen lassen, wenn man allerdings über Delhi fliegt, muss man beim Konsulat in Delhi ein Visum beantragen und das dauert mindesten einen Tag. Und weil ich Sonntagabend in Delhi ankomme und schon Montagmittag weiterfliege ist die Zeit viel zu knapp!! Ich war wirklich verzweifelt, wusste gar nicht mehr was tun… Dann habe ich angefangen zu überlegen, was nun meine Möglichkeiten sind. Und nach einem Telefonat mit meinen Eltern war ich dann auch wieder etwas ruhiger. Von den Fathers war niemand zu Hause, weil sie in ein Dorf gegangen waren, um die Beichte abzunehmen. Ich musste also sowieso warten und einfach hoffen, dass sich das Ganze so bald wie möglich gut klärt. Gegen Abend sah ich dann Father Patel wieder und erklärte ihm die vertrackte Situation. Er meinte, Father Paul würde kommen um Abendessen zu kochen, dann könne ich das mit ihm besprechen. Als Valerie und ich dann zum Essen runterkamen, fragte mich Father Paul gleich, was los sei, ob ich krank sei. Also sah man mir die Sorgen an… Wir haben dann besprochen, dass es wohl am besten ist, den Flug über Delhi abzusagen und dass ich stattdessen mit dem Jeep über die Grenze fahren werde und dann von dort einen Flug nach Kathmandu nehmen werde. Ich fühle mich sehr hilflos, weil Father Paul sagt, ich solle mir keine Sorgen machen, er werde schon alles klären und es werde alles klappen, aber das habe ich eben vorher auch schon gehört und dann ist gar nichts gelaufen… Nach dem Essen haben Valerie und ich noch stundenlang Geschenke für all die Männer hier zu Weihnachten gebastelt. Wir haben in der Stadt viele Fotos ausdrucken lassen und nun haben wir kleine Faltbüchlein mit Fotos und Sprüchen gebastelt, für beide Fathers, für Brother und die drei verbleibenden Boarders Ajay, Dominick und Pasang. Das hat mich gut von den Visaproblemen abgelenkt.
Buddhabar, 22.12.10
Eigentlich hat es geheissen, heute würde Father Paul um 9 Uhr eine kurze Ansage ans gesamte Orchester machen und dann könnten wir wie üblich bis um 11 Uhr proben. Eigentlich fanden Valerie und ich, dass Rudra heute mal die Probe leiten könnte. Immerhin hatte er in den letzten zwei Wochen keine einzige Morgenprobe geleitet. Aber um neun waren nur sehr wenige Schüler da, Father Paul war auch noch nicht da und Rudra hatte sich auch nicht blicken lassen. Also habe ich halt wieder angefangen zu proben. Gegen halb zehn ist Father Paul dann aufgetaucht und hat erst mal ziemlich viele Vorwürfe ans Orchester vorgebracht. Psychologisch nicht gerade erbauend…. Und dann liess mich Rudra weiterproben. Es wurde aber noch angekündigt, dass morgen Rudra die gesamte Probe übernehmen werde, weil ich schon bald abreisen werde und einen Tag für mich brauche. Davon wusste ich nichts, aber es ist mir recht, wenn ich morgen wirklich noch genug Zeit habe zu packen und nochmals in die Stadt zu fahren für die letzten zu erledigenden Dinge. Ich muss mich ja auch noch auf dem Polizeiposten abmelden gehen. Nach der Pause haben Valerie und ich dann die Schüler, die auch noch im Ensemble spielen werden und den Chor begleiten werden in den anderen Musikraum mitgenommen und dort einmal die Stücke durchspielen lassen. Hier wird es auch noch einige Arbeit für die Gruppe geben. Einige Stücke sind beinahe vom Blatt zu spielen, andere aber sind ziemlich kompliziert und schnell. Beim Mittagessen habe ich Father Paul dann meinen Reisepass anvertraut, weil er gerade im Gespräch mit einem Reisebüro wegen dem Flug in Nepal war. Ich bin die ganze Zeit wie auf Nadeln, ob er es wirklich organisieren kann, ob er auch wirklich weiss, wann und wie ich ausreisen muss… es ist ein doofes Gefühl nicht zu wissen, wie etwas genau laufen muss und nicht helfen zu können! Jetzt muss ich einfach Vertrauen darauf haben, dass schliesslich doch alles noch klappen wird. Den Nachmittag habe ich dann damit verbracht, etwas mein Zimmer aufzuräumen, zu packen und noch Diverses zu schreiben. Und dann, als ich gerade mit Valerie in der grossen Halle war, um mit ihr die Ensemblestücke zu spielen, die sie auf dem Klavier begleiten muss, hat Father Paul angerufen. Der Flug sei gebucht und alles organisiert. Ich würde am 26.Dezember um ca. 13 Uhr abfliegen und müsste mir jetzt überhaupt keine Sorgen mehr machen. Ausserdem hat er mich in der Stadt auch gleich auf dem Polizeiposten abgemeldet. Ich war so erleichtert und hatte das Gefühl, dass ich jetzt ganz entspannt noch Weihnachten hier feiern könnte und dann gelassen am Sonntagmorgen abreisen. Valerie ist gegen Abend noch zum Parrish spaziert, weil sie noch etwas Bewegung brauchte und sie hat meinen Pass zurück gebracht, der immer noch bei Father Paul war.
Bihibar, 23.12.10
Heute ist mein freier Tag! Um acht Uhr hörte ich das Orchester beginnen zu proben und ging gemütlich hinunter zum Frühstück. Father Paul war auch da und so fragte ich ihn dann beim Essen, wann nun genau mein Flug ginge, wie ich dahin komme und wann ich dann in Kathmandu ankommen werde. Er hatte mir ja gestern am Telefon gesagt, es sei nun alles geklärt. Aber es stellte sich heraus, dass er nur gerade das Flugticket gebucht hat und sich noch keine Gedanken gemacht hat, wie ich überhaupt über die Grenze bis zum Flughafen komme. Und wann mein Flug ankommen wird konnte er mir auch nicht sagen. Schöne Bescherung! Er meinte dann, naja, es würde da immer so ein Bus fahren, morgens um sechs, und das sei ganz gut… der fahre direkt bis zur Grenze, ich müsse mir also keine Gedanken machen. Und dann bräuchte ich wohl eine Stunde für die Formalitäten. Dann wäre es bis zum Flughafen bestimmt nur noch eine Stunde Fahrt und so würde ich so nach zwölf Uhr sicher am Flughafen sein…. Ich unterbrach ihn da und erklärte ihm erstmal, dass man eigentlich immer mindestens eine Stunde früher am Flughafen sein muss um einzuchecken. Dass ich also bitte früh genug da sein will. Und dann fragte ich, wo ich denn die Formalitäten erledigen müsse und wie ich denn da von der Grenze zum Flughafen käme. Er meinte dann nur, da gäbe es bestimmt irgendwelche Jeeps. Innerlich habe ich glaube ich, in diesem Moment einfach nur noch weinen wollen. Diese Gelassenheit, wo sie gar kein bisschen angezeigt ist, bringt mich zur Verzweiflung. Ich weiss nicht, was er sich vorstellt. Ich weiss jetzt langsam wie die Dinge hier in Indien laufen. Es ist sogar für Inder schwierig, den Durchblick bei bürokratischen Sachen zu bewahren und auf die Schnelle Transporte zu organisieren etc. Wie soll es dann erst für eine junge Ausländerin sein, wenn ich nicht so gut wie möglich vorbereitet bin, und alles im Voraus plane? Es war das Gleiche, als wir Trekken gingen. Aus lauter Voraussicht hatte ich da meinen Pass mitgebracht und als wir schon zwei Stunden unterwegs waren hat Father Paul angerufen und gefragt, ob ich wohl den Pass mitgenommen habe, ich bräuchte ihn nämlich. Und dann wollten sie mich einfach mitschmuggeln, obwohl sie wussten, dass Ausländer eigentlich einen Führer brauchen und sich einschreiben müssen, weil man da ein paar Mal die nepalische Grenze passiert. Diese Sachen waren ja nicht so schlimm, weil ich sie dabei hatte und nicht auf mich allein gestellt war. Aber wenn sie jetzt so Hintertürchen suchen und alles nur halbpatzig organisieren und mich dann alleine losschicken, finde ich das extrem nervenaufreibend…. Damit schliesse ich nun diesen letzten Bericht vor Weihnachten ab, denn heute ist meine letzte Gelegenheit, in die Stadt zu fahren. Morgen werden wir abends um sieben den Weihnachtsgottesdienst in der Kirche feiern. Danach gehen Valerie und ich eventuell mit den Youths aus der Kirche mit, um Carols zu singen. Das ist etwa so, wie bei uns die Dreikönigssinger. Und am 25.Dezember werden wir dann den ganzen Tag mit den beiden Fathers, Brother und eventuell Ajay und John verbringen. Und am 26. werde ich dann auf meine Abenteuerreise gehen. Und dafür kann ich so viele gedrückte Daumen brauchen, wie nur möglich sind. Ich bin wirklich nervös und nicht sehr zuversichtlich… aber irgendwie vertraue ich doch darauf, dass es schliesslich gut gehen wird… irgendwie! Zu Weihnachten wünsche ich mir also eine gute Reise und eine sichere Ankunft in Nepal. Und euch allen wünsche ich von ganzem Herzen Kush Janam Parab – Happy Christmas!! See you in the New Year 2011! Ich weiss noch nicht genau, ob ich in Nepal auch Gelegenheit haben werde, meine Berichte ins Internet zu stellen. Auf jeden Fall werde ich mal versuchen, von mir hören zu lassen…
So
19
Dez
2010
Sanibar, 11.12.10
Ein richtig „normaler“ Samstag, wie er in letzter Zeit häufig vorgekommen ist.
Den ganzen Morgen über habe ich das Orchester dirigiert. Wir kommen jeden Tag ein Stückchen weiter, was natürlich wirklich gut ist, weil die Zeit auch langsam drängt.
Und dann nach dem Orchester habe ich mich sofort auf den Weg in die Stadt gemacht. Diesmal viel das Warten auf ein Taxi besonders lange aus. Ich stand gute vierzig Minuten an der Strasse, eine Zeit lang hat sich dann Margarie zu mir gesellt, und endlich kam dann doch noch ein Auto, in dem ich Platz fand. Der Tag war so klar, dass ich schon vom Büsschen aus wunderbar die Schneeberge sehen konnte. Immer wieder ein schöner Anblick! Das Taxi fuhr diesmal etwas weiter als sonst, fast bis zum Melaground (grosses Fussballfeld) hinunter. Also musste ich die steile Strasse wieder rauflaufen, weil ich viele Briefe dabei hatte, die ich heute noch zur Post bringen wollte. Eigentlich war ich genug früh dran, die Post sollte nämlich nicht vor 1 Uhr schliessen am Samstag. Aber als ich vor dem Postgebäude stand, musste ich feststellen, dass es fest verschlossen war… jetzt kommt die Weihnachtspost leider zu spät an!
Im Internet-Cafe ist es immer so eine Glückssache, was für einen Computer man gerade bekommt. Einige sind gut ausgerüstet, mit (funktionierendem) Headset, fast überall hat es Webcams installiert, aber nur eine oder zwei davon funktionieren. Manchmal setze ich mich auch an den gleichen Computer wie das vorige Mal und stelle fest, dass in der Zwischenzeit Skype gelöscht wurde… also geht’s ans Neuinstallieren. Und häufig spinnen die USB-Anschlüsse für die Sticks…
Ja, so ist der Besuch des Internet-Cafes jedes Mals aufs Neue eine Überraschung. J
Die Besitzer kennen Valerie und mich jetzt schon sehr gut und haben mich gefragt, warum meine Freundin nicht mitgekommen ist.
Ansonsten unternehme ich in der Stadt nie viel. Ich laufe meistens durch die gleichen zwei Strassen, erledige die kleinen Einkäufe, wie Früchte, Käse, Bisquits und Schokolade und mache mich danach bald wieder auf den Heimweg. Beim Taxistand stehen meistens ein paar Autos herum, jemand winkt mich bestimmt gleich zu sich und fragt, ob ich an die 6th Mile will. Falls das Auto schon ziemlich voll ist (min.6 Passagiere, Fahrer und Kinder nicht mit einbegriffen) geht die Fahrt bald los. Ansonsten kann man sich ins Auto setzen und wartet dann einfach, bis genug Leute da sind, damit sich der Transport lohnt.
Diesmal war die Fahrt dann besonders lang, weil wir erst bei einem Shop anhielten, weil eine der Passagierinnen noch unbedingt Fleisch brauchte. Kaum drei Kurven weiter hielten wir dann bei der Tankstelle, wo der Fahrer für 300 Rupien knapp fünf Liter Benzin tankte. Und als wir dann beinahe bei der Gandhi Ashram School waren, hielt der Fahrer erst, um einen Passagier mit viel Gepäck auszuladen und dann vier Meter weiter, um eine andere Passagierin aussteigen zu lassen. Warum diese nicht auch gleich vorher ausgestiegen war, ist mir ein Rätsel…
Nach dem Stromausfall gegen Abend kann man nun schon beinahe die Uhr richten. Immer ungefähr um fünf Uhr, wenn es auch gerade finster wird, geht das Licht aus. Dann gibt es eben für zwei Stunden Kerzenlicht, bis dann meistens pünktlich zum Dinner der Strom wieder einsetzt.
Aitabar, 12.12.10
Heute habe ich so lange wie möglich geschlafen und bin dann ohne Frühstück kurz vor acht Uhr zur Kirche gegangen. Es ist morgens so kalt im Zimmer, dass ich lieber noch etwas eingemummelt im warmen Schlafsackkokon liegen bleibe.
In der Kirche konnte ich dann wieder zwei der Adventslieder mitsingen, die dritte Adventskerze wurde angezündet und ich habe mir wieder mal meine Füsse abgefroren, weil ich die Extrasocken vergessen hatte.
Nachdem wir wieder bei der Schule angelangt waren, genehmigten Valerie und ich uns dann ein gutes Frühstück. Wir hatten beide vor, nach dem Mittagessen noch in die Stadt zu fahren. Ich war ja schon gestern da gewesen, aber es hatten sich einige neue organisatorische Dinge wegen Nepal ergeben, die ich gleich erledigen wollte.
Ja, meine Abreise rückt schon sehr nahe! Ich werde kurz nach Weihnachten, am 26. Dezember aus Kalimpong abreisen. Dies deshalb, weil mein Visum nur für ein halbes Jahr gültig ist. Und weil es mir leider nicht gelungen ist, hier in Indien eine Verlängerung zu bekommen, muss ich jetzt aus Indien ausreisen.
In Kathmandu (Nepal) habe ich jetzt ein gutes Projekt gefunden, wo ich wohnen und arbeiten kann. Dies wird also für mindestens zwei Monate mein neues Zuhause. So lange dauert es nämlich, bis ich das neue Visum beantragen kann.
Ich hoffe wirklich stark, dass ich dann nochmals ein Visum für einige Monate bekomme!
Valerie, Brother und ich sind also nach dem Mittag in Richtung Stadt gefahren. Das Auto, das uns mitnahm, war eigentlich schon übervoll. Ich musste mich nach vorne zum Fahrer setzen. Gemeinsam mit ihm sass ich dann auf dem Fahrersitz, meine Füsse hatten kaum Platz, weil er und die Gas- und Bremspedale ja auch noch da waren. Neben meinem linken Oberschenkel hat er dann geschaltet und links neben mir auf dem Beifahrersitz sassen noch Brother und eine nicht gerade dünne Frau. J
Hinten war Valerie zwischen vier anderen Erwachsenen eingeklemmt, also eine Fahrt, die sich für den Fahrer richtig gelohnt hat.
In der Stadt trennten sich unsere Wege dann recht bald. Ich ging gleich zum Internet-Cafe, Valerie und Brother zu einem Elektronik-Shop, weil sich Valerie ein neues Handy kaufen will.
Ich war bald fertig im Internet und gerade als die Sonne als feuerroter Ball hinter einem Berg zu verschwinden begann, war ich auf dem Nachhauseweg. Es war das erste Mal, dass ich bei der Fahrt Angst bekam.
Meistens lassen die Fahrer der Taxis ihr Auto mit abgestelltem Motor den Hügel runterrollen. So ist man zwar langsam aber auch relativ sicher und gemütlich unterwegs. Dieser Fahrer aber hatte es wohl irgendwie eilig. Er raste mit unglaublicher Geschwindigkeit um die Kurven, überholte Busse und Jeeps und wich Hunden und Fussgängern mit halsbrecherischen Schlingern aus. Die Leute rund um mich herum riefen die ganze Zeit „bistarai, bistarai, please“ (langsam) aber es schien nichts zu nützen. Ich war sehr froh, als ich aussteigen konnte!!
In meinem Zimmer angekommen, musste ich feststellen, dass der Strom, der schon den ganzen Tag über weg gewesen war, immer noch nicht wieder da war.
Und als dann beim Dinner überall wieder Licht war, blieben unsere Zimmer dunkel. Irgendwo hat es eine Leitung beschädigt, oder ein Kabel wurde gekappt, keine Ahnung. Auf jeden Fall war es eiskalt im Zimmer, weil ich den kleinen Heizstrahler nicht benutzen konnte und eine Wärmflasche konnte ich mir auch nicht machen. Zitternd habe ich mich gleich nach dem Essen in meinen Schlafsack verkrochen und viiiil geschlafen.
Sombar, 13.12.10
Weil heute Sunams letzter Morgen hier war, bin ich um halb sieben Uhr zur Messe gegangen.
Anschliessend haben wir uns verabschiedet und ich habe ihm noch das selbstgemachte Armband geschenkt, das ich gestern noch für in gemacht hatte. Er war sehr erfreut und meinte, nun werde er bestimmt immer an mich denken, wenn er auf sein Handgelenk schaue.
Als es dann Zeit für die Probe war, dachte ich, wir können auch mal Rudra oder Kamal Sir die Morgenprobe leiten lassen. Warum soll ich immer die ganze Arbeit machen, während sie zu spät kommen und dann nur herum stehen. Also habe ich mich einfach hinten in der Halle hingestellt und gewartet. Es wurde zehn nach Neun, viertel nach neun, beinahe halb Zehn und nichts passierte.
Valerie holte dann Rudra, der im anderen Raum in Noten wühlte. Er meinte nur, jaja mach du ruhig die Probe, ja das ist gut so….
Also habe ich halt wieder die Probe geleitet. Es läuft so ja auch wirklich gut. Wir können effizient arbeiten, ich weiss, welche Stücke wir spielen sollten, überlege mir ein Konzept, wie ich proben will, etc.
Aber auf der anderen Seite finde ich es auch nicht ganz fair, dass die beiden bezahlten Lehrkräfte sich so einfach einen schönen Morgen machen und die ganze Arbeit auf mich schieben.
Und dann kam irgendwie alles aufs Mal. Rudra fragte mich in der Pause, ob ich von einem Stück alle vier Stimmen herausschreiben könne. Er hätte so viel zu tun. Ich hatte eigentlich keine Wahl, konnte nicht nein sagen, obwohl ich das am liebsten gemacht hätte. Das heisst nun nämlich, dass ich nicht nur abschreiben muss, sondern auch Basschlüssel in Bratschenschlüssel umschreiben muss, was wirklich mühsame Arbeit ist!
Ausserdem verlangte er noch von mir alle Examensresultatblätter, die er mir letzte Woche zum Unterschreiben aufgedrängt hat. Schon zweimal hatte ich sie ihm zurück geben wollen und nie war es ihm gerade passend. Jetzt sollte ich sie natürlich gleich griffbereit haben. Ich sagte ihm dann aber, dass sie in meinem Zimmer seien und ich sie ihm erst nach dem Lunch geben würde.
Wie üblich probte ich den Rest des Morgens noch mit Bratschen und Celli, das ist immer eine erfreuliche Sache, weil die Jugendlichen gut mitmachen und auch meine Ratschläge annehmen.
Nach dem Lunch habe ich dann extra keine Gruppe übernommen, sondern mich hingesetzt und dieses Stück abgeschrieben. Es hat lange gedauert und ausserdem wollte ich noch bei allen Mumbainoten die Taktzahlen reinschreiben, weil es sonst immer mühsam zum Proben ist. Da hatte ich mir enorm viel Arbeit aufgehalst, die ich aber als nötig empfand und so lehnte ich dann ab, als Valerie und Brother mich auf einen Spaziergang mitnehmen wollten.
Um drei Uhr erwischte ich Rudra gerade noch, bevor er zum Tor hinausschlüpfen konnte. Ich gab ihm die Examensblätter und er meinte, es sei gerade nicht günstig, ob ich sie ihm nicht morgen geben könne. Doch diesmal blieb ich stark und sagte nein, ich wolle sie nicht noch länger immer mit mir herum schleppen. Also konnte er nicht anders, als die ganzen Packen Papier in seine Tasche zu verstauen.
Das Taktzahlen schreiben hat sich bis nach dem Dinner hingezogen und auch dann wurde ich nur fertig, weil ich auch bei Kerzenschein weitergearbeitet habe.
Also ein sehr „exhausting day“, aber doch gut, weil ich mit all der Arbeit fertig wurde.
Mangalbar, 14.12.10
Wie viele Male müssen wir wohl den Schülern noch sagen, dass sie pünktlich zur Probe kommen sollen. Sie schlendern gemütlich um viertel nach neun oder auch erst um halb Zehn in die Halle, machen einen Riesenlärm beim Auspacken, zerren die Metallnotenständer geräuschvoll über den Steinboden und haben sichtlich auch kein schlechtes Gewissen, weil sie zu spät sind. Heute habe in der Probe dann auch gesagt, dass das so nicht weitergehen kann, und ab jetzt jeder aufgeschrieben wird, der zu spät kommt. Mal schauen, wie es morgen aussieht.
Ansonsten bin ich mit ihnen aber sehr zufrieden. Disziplin und Konzentration sind zwar oft ein Problem, aber sie lernen sehr schnell und manchmal überraschen sie mich auch damit, wie gut es schon klingt!
Und was die Unpünktlichkeit betrifft, kann man auch nicht wirklich den Kindern die Schuld geben. Wie sollen sie auch Pünktlichkeit lernen, wenn die Lehrer regelmässig zu spät kommen und nicht darauf achten, wer da ist und was überhaupt läuft in der Probe.
Ich spreche die Schüler immer mit Namen an, wenn ich sehe, dass jemand noch nicht bereit ist, aber auch wenn ich irgendwo etwas besonders Gutes sehe. Sie sind dann immer ganz erstaunt, erstens, dass ich sie mit Namen kenne und zweitens, dass ich „alles“ sehe.
Nach dem Lunch wollten einige Girls unauffällig verschwinden. Rudra war mit der Gruppe, die nach Gangtok fahren wird, um an einer Hochzeit zu spielen, beschäftigt und hatte den anderen aufgetragen selbständig zu üben. Da dachten sich diese Mädchen, sie könnten ja gleich nach Hause gehen. Nicht aber, wenn ich da bin. Ich habe sie mit nach draussen genommen und mit ihnen eine knappe Stunde lang geübt, bevor ich sie dann springen liess. Sie waren nicht wirklich motiviert, überhaupt etwas zu machen. Ich hoffe aber trotzdem, dass wenigstens einige Sachen hängen geblieben sind.
Nach dieser Probe bin ich dann zum Zimmer hoch, habe die Wäsche abgenommen, die seit gestern Mittag draussen hing und gemerkt, dass meine Kurta aus etwas festerem Stoff gebügelt werden musste.
Weil ich dann also im kleinen Vorratsraum am Bügeln war, habe ich Valerie verpasst, die wohl kurz nach mir zu den Zimmern hochgekommen ist.
Als ich wieder zurück war, sah ich nur noch die Notiz von ihr, dass sie mit Suraj, unserem kleinsten Orchesterschüler, nach Hause gegangen sei. Da wäre ich natürlich gerne mit dabei gewesen, aber das war halt Pech.
So machte ich mir mit Üben, Lesen, Bericht schreiben und Nepali lernen einen gemütlichen Nachmittag.
Abends habe ich dann Ajay geholfen das Essen aufzuwärmen und wir haben im kleinen Kreis gegessen. Father war auswärts, Dominick und Passang sind zu Hause, Sunam ist nun ganz weg und so blieben nur noch Ajay, Brother, Valerie und ich.
Buddhabar, 15.12.10
Noch elf Tage bis zu meiner Abreise. Jetzt muss ich mir definitiv Gedanken machen, was ich noch erledigen muss, was einpacken und so weiter. In Nepal wird es ein ganzes Stück kälter sein als hier, also muss ich genug warme Kleidung mitnehmen. Ob das wohl alles Platz hat, in meiner kleinen Reisetasche, die ich in Darjeeling gekauft habe. Die Geige will ich ja als Handgepäck mitnehmen, da darf ich dann nicht zuviel sonst noch als Handgepäck dabei haben.
Ja, es gibt einiges zu bedenken und zu erledigen. Irgendwann in den nächsten Tagen muss ich mich dann sicher auch noch auf der Polizeistelle in Kalimpong austragen, und einen Transport zum Flughafen organisieren. Ich hoffe, dass mir Father Paul dabei hilft, der morgen von seinem einmonatigen Urlaub zurück kommt.
Heute waren erstaunlicherweise nur gerade drei Leute zu spät, also ein Erfolg!! Wir haben gut geprobt, auch wenn die Zeit nun schon zu knapp wird. Father hat uns nämlich heute eröffnet, dass ab nächstem Montag Ferien sein sollen, ungefähr bis zum 28.Dezember.
Ich staune immer wieder, wie hier alles so kurzfristig geplant wird. Wenn ich Schulleiter einer Schule wäre, die dreissig junge Schüler nach Mumbai auf Konzerttournee schickt, würde ich einen langfristigen Plan machen, wo man sieht, wann geprobt werden kann und wann nicht, wegen Jahresprüfungen, Ferien etc. und dann sollten die Lehrer auch einen Detailplan ausarbeiten, was wann geprobt wird, und bis wann alles stehen muss.
Hier gibt es nichts davon. Und trotzdem sollte dann natürlich alles perfekt und „ready“ sein, wir sollten uns gut organisiert haben… und warum haben wir noch nicht alle Stücke angeschaut…
Solche Situationen stressen manchmal ziemlich. Ich gebe mein Bestes, versuche möglichst viel aus jeder Situation herauszuholen und doch ist es dann nicht genug.
Ich glaube, das muss ich aber auch einfach an mir vorbeiplätschern lassen. Father kann man es nur sehr selten recht machen, also setze ich mich einfach weiterhin so gut wie möglich ein, für die Sache und für die Schüler.
Bihibar, 16.12.10
Heute war ein richtig schöner Tag! Fast alle Schüler sind pünktlich zur Probe gekommen und wir haben mit der „Kleinen Nachtmusik“ angefangen. Dieses Stück wurde wohl am meisten geprobt in den Registerproben. Es hat auf jeden Fall schon sehr gut geklungen!
Als wir um viertel nach 10 Uhr Pause machten, habe ich erst gemerkt, dass ich schon die ganze Probe über Magenschmerzen gehabt hatte. Diese wurden jetzt auch nicht besser und ich zweifelte, ob ich den ganzen Vormittag durchhalten würde mit Proben. Aber es musste weitergeprobt werden, und zwar noch länger in Gesamtformation. Also habe ich mich zusammen gerissen und weitergemacht.
Bis zum Mittag hatte ich so also ca. zwei Stunden dirigiert und eine Stunde Registerprobe geleitet und ich war völlig erschöpft.
Ohne zu essen, ich hätte sowieso nichts herunter gebracht, bin ich gleich ins Zimmer hoch und habe mich hingelegt.
Nach einer knappen Stund fühlte ich mich schon deutlich besser und das war auch gut so, denn als ich runter zur Schule kam, sah ich, dass es für mich nichts zu proben gab. Rudra war mit der Gangtok-Gruppe am Proben und die anderen waren nach Hause geschickt worden.
Statt zu Proben lud mich Suraj ein, mit ihm nach Hause zu kommen. Dienstags hatte er ja Valerie mitgenommen und weil ich ihm gesagt hatte, dass ich gerne mit dabei gewesen wäre, hat er mich nun mitgenommen.
Erst hüpften wir den steilen Pfad direkt neben der Schule hinunter und zweigten dann auf einen anderen „ein Fuss“ schmalen Pfad ab. Als Erstes kamen wir beim Haus von Laasong, einem 1.Klässler vorbei. Ich wurde zuerst auf die Terrasse gebeten und dann wurde ich ins Wohnzimmer geführt, wo man mir bald auch eine Tasse Tee brachte. Laasong liess sich nur ganz kurz blicken, dafür hat mich seine Schwester umso neugieriger gemustert. Es waren einige Kinder in diesem Haus zu Besuch und als ich sie fragte, ob sie am Spielen seien, meinten sie, nein am Fernseh kucken. Dabei war draussen strahlend schönes Wetter und es war sogar richtig warm. Schade, dass das Fernsehen hier auch schon so viel Zeit in Anspruch nimmt!
Nach einigen Minuten sind noch ein Onkel der Familie und der Vater nach Hause gekommen. Sie sassen auch im Wohnzimmer und haben sich lautstark auf Nepali unterhalten. Für mich war es etwas langweilig und sobald ich die Tasse beinahe ausgetrunken hatte, fragte mich Suraj dann auch, ob wir gehen sollten.
Auf dem Weg begegneten wir noch Shahil (einer meiner Cello-Schüler) und Nishita (1.Klasse), die aber gleich wieder davon rannte.
Suraj zeigte mir beim Laufen immer, wer wo wohnte. Die meisten Leute waren aber wohl auf dem Feld oder sonst irgendwo draussen, denn fast überall war niemand zu Hause. Auch beim Haus wo Suraj gerade wohnt, blieben wir nicht lange. Es ist manchmal ganz interessant, wie die Kinder hier im Englischen zwischen „gerade jetzt wohnen“ und „wohnen“ unterscheiden. Sie sagen zum Beispiel „Nishita stays in this house“. Zum Beispiel bei ihrem Onkel. Aber „she lives in that house, her parents live there“.
Das kommt häufiger vor und so auch bei Suraj, dessen Eltern angeblich irgendwo weiter oben in Kalimpong wohnen. Er wohnt aber bei seiner Grossmutter und seiner Tante.
Wir haben also sein momentanes Wohnhaus nicht besucht und sind gleich weiter den Hügel hinuntergelaufen. Suraj hatte mich gefragt, ob ich eine Government School sehen wolle.
Ich war einverstanden und so sind wir dann zu dieser kleinen Schule gelaufen. Sie liegt an der 3th Mile und es war gerade Zeugnistag. Sobald wir da waren, wurde mir auch klar, warum mir Suraj diese Schule zeigen wollte. Einige seiner Freunde gehen hier zur Schule und er wollte wissen, ob und wie gut sie bestanden haben.
Ich liess ihn dann ganz viele Fotos und kleine Videos mit meiner Kamera drehen und er hatte einen Riesenspass dabei. Ich traf hier auch einige unserer Schüler, die Geschwister in der Schule haben oder auch einfach aus Neugier hergekommen waren. Einer der Lehrer sprach mich auf Nepali an und war sehr erstaunt, dass ich ihn nicht verstand. Sein Englisch war aber dann sogar noch schwerer verständlich und so versuchte ich einfach zu erraten, was er mir mitteilen wollte. J
Nachdem wir die Zeugnisübergabe abgewartet hatten und Suraj, wie auch Yerusa, hunderte Fotos geschossen hatten, machten wir uns wieder auf den Weg.
Etwas weiter die Strasse runter trafen wir einige der Orchesterschüler. Nach einem kurzen Schwatz verliessen wir aber auch sie recht bald wieder.
Beim Tempel nahmen wir den Shortcut zurück Richtung Schule. Aber wir zweigten dann noch einige Male ab.
Erst besuchten wir Kamal Sirs Haus. Er war zwar nicht zu Hause, aber seine Schwägerin begrüsste mich sehr herzlich. Sie spricht gut Englisch und hat sich „eine Tasse Tee“-lang mit mir unterhalten. Draussen haben einige Kinder gespielt und nach dem Tee habe ich mich zu ihnen gesellt. Sie waren gerade dabei ein Murmelspiel zu spielen. Mir war bis zum Ende nicht ganz klar, wie es funktionierte, denn alles ging immer sehr schnell, aber die Kinder hatten viel Spass dabei. Ich habe dann auch mitgespielt und nachher noch einige Fotos gemacht. Ein kleines Mädchen stand zuerst lange abseits, doch schliesslich fasste sie Vertrauen, plapperte auf Nepali auf mich ein, nahm mich bei der Hand und zog mich zu den Bäumen herüber, wo gerade Aniket wie ein Affe in etwa vier Metern Höhe herumturnte.
Die Jungs, sowie Preena und das kleine Mädchen nahmen mich dann noch mit etwas den Hang hinunter Richtung Fluss. Dort kletterten Suraj und Aniket auf die Bäume und holten mir Zweige herunter, die ganz kleine Garben dran haben. Sie schmecken sehr säuerlich und werden getrocknet zu einer Art Mehl gemahlen, das für Rotis gebraucht wird.
Ich glaube, daraus wird zum Teil auch das hiesige Bier gebraut, so ähnlich hat es auf jeden Fall gerochen.
Zurück auf dem Pfad gingen wir dann doch noch schnell bei Suraj vorbei. Nun waren auch seine Grossmutter und seine Tante wieder zu Hause und wir haben und mit ein paar Kleinkindern auf dem Schoss noch etwas auf die Terrasse vor dem Haus gesetzt.
Auf dem Rückweg habe ich noch einige Blumen fotografiert, die hier gerade jetzt so üppig und vielfarbig wachsen, dass es einfach eine Freude ist!!
Als letzte Station sind wir dann noch zu einem der Reisfelder hinunter gekraxelt. Die Sonne war schon fast verschwunden und es herrschte eine schön rot-goldene Abendstimmung.
Auf dem Feld war das Stroh, also quasi der Abfall vom Reis, zu einem Stock aufgeschichtet worden, der wie eine Hütte aussah. Davor waren zwei Frauen dabei, Samen von der Spreu zu trennen. Etwas weiter unten graste ein Ochse auf einem Stück Gras und zwei Ziegen sprangen die Anhöhe zu uns hinauf. Das Ganze war so ein idyllischer Anblick, dass ich gleich nochmals viele Fotos verschossen habe.
Die kleinere und ältere der beiden Frauen ist dann zu mir gekommen und ich habe ihr die Fotos gezeigt. Sie hat viel gelacht, mich um die Taille gefasst und umarmt. Ich glaube mit diesen Fotos habe ich ihr eine sehr grosse Freude gemacht.
Es war die Grossmutter von Sunil (ein Celloschüler), der auch am Rande des Feldes sass. Ihn habe ich dann auch gefragt, was die Frauen hier sieben. Denn Reis war es nicht, soviel konnte ich erkennen. Er hat mir dann erklärt, dass die Bauern immer auf den Grabenrändern der Felder Daal anpflanzen und dies nun eben die Daalsamen waren. Also eine Art Linsen.
In der Zwischenzeit war es schon beinahe dunkel geworden und so brachte mich Suraj noch bis zum Schultor, ich dankte ihm herzlich für den wunderbaren Nachmittag und ging dann gleich zum Parlour rauf, weil ich nun doch hungrig geworden war. Mein Magen hatte sich zwar noch immer nicht richtig beruhigt, aber etwas essen musste ich nun trotzdem.
In der Küche traf ich Brother an, wir assen gemeinsam ein paar Toast mit Scheibenkäse und unterhielten uns gut. Als das Licht ausging fanden wir keine Kerzen, sassen aber trotzdem noch am Tisch und plauderten weiter. Etwas später kam dann der Strom auch schon wieder.
Wir unterhielten uns über die politische Situation in Indien und speziell in den „Hills“. Ausserdem fragte ich ihn, was die Schüler hier eigentlich für eine Zukunftsperspektive hätten. Viele gehen ja wirklich zwölf Jahre in die Schule, aber was können sie danach machen. Nur schon in ein College aufgenommen zu werden ist schwierig, weil es einfach so viele Menschen in Indien gibt. Und nach dem College sieht es auf dem Arbeitsmarkt auch sehr schwarz aus. Nur wer ausserordentlich gute Noten hat, bekommt einen Job. Die restlichen guten Jobs werden denen gegeben, die entweder von ihren Eltern aus politische Beziehungen haben, oder aber genug Geld.
Danach fragte ich ihn auch noch, wie es eigentlich komme, dass hier alle Familien so „wenige“ Kinder haben. Sonst ist es ja meist so, dass die ärmere Bevölkerungsschicht sehr viele Kinder produziert. Hier haben die meisten Familien nur ein-zwei Kinder.
Er erklärte mir dann, dass der indische Staat gratis Verhütungsmittel abgäbe. Und dieses Angebot wird so wie es aussieht auch rege genutzt. Anscheinend ist es aber auch so, dass der Staat nur die billigsten Mittel finanziert, die einige Gesundheitsrisiken bergen. Und manchmal werden auch uralte Bestände herausgegeben, die schon längst abgelaufen sind… das ist eben Indien!
Es war wirklich ein sehr interessantes Gespräch und ich bin erst kurz vor dem Dinner nochmals ins Zimmer hoch gelaufen, weil mir inzwischen kalt geworden war.
Und als ich wieder herunter kam, waren gerade John und Father Paul angekommen. Die Beiden haben eine lange Zugfahrt von Mumbai hierher hinter sich, waren aber trotzdem noch ziemlich munter.
Wir schwatzen noch lange bei einem Schluck Scotch und gingen erst spät runter zum Dinner.
Schön, dass die Beiden wieder da sind! Es war irgendwie halt doch viel leerer ohne sie.
Sukrabar, 17.12.10
Zeugnistag in der Gandhi Ashram School!
Schon am Morgen früh sind einige Schüler gekommen, obwohl die Zeugnisabgabe erst um 11 Uhr stattfinden sollte.
Wir haben normal von neun bis elf Uhr geprobt und ich habe fast alle Stücke durchgeprobt, weil es ja vielleicht unsere letzte gemeinsame Probe vor den Weihnachtsferien sein sollte.
Dann haben Valerie und ich der kurzen Ansprache von Father Patel an die Eltern gelauscht und auch einiges verstanden, obwohl er natürlich in Nepali sprach.
Vor dem Lunch sassen wir dann beim Tor und haben all den vorbeilaufenden Schülern zum Bestehen gratuliert. Nur einige Wenige sind durchgefallen.
Dann mussten wir noch regeln, wie es jetzt mit den Proben weitergehen wird. Father meinte dann, wir sollten auf jeden Fall alle am Montag herkommen lassen und bis dann werde er sich noch mit Father Paul absprechen.
Nach einer erfrischenden Dusche machte ich mich auf in die Stadt. Valerie war dabei die restlichen Noten zu kopieren, weil wir nun auch endlich eine neue Druckerpatrone für den Kopierapparat bekommen hatten.
Und ich sollte also in die Stadt fahren und endlich die Briefe aufgeben, die wir schon dreimal versucht hatten zur Post zu bringen. Aber wie verhext, auch heute war das Postgebäude geschlossen. Da muss etwas ganz ordentlich schief sein!
Ich habe dann stattdessen noch Äpfel und Käse gekauft und war schon nach einer knappen Stunde zurück. Auf dem Weg konnte ich die Himalayaberge geniessen und die verschiedensten Düfte, die mir durch das offene Autofenster entgegenwehten… mal der Geruch nach frisch zubereiteten Momos, dann Blumenduft und schliesslich noch durchdringender Fischgeruch, vom nächsten Fischstand… J
Zurück bei der Schule, half ich Valerie die kopierten Noten zusammen zu kleben und als diese mühsame Arbeit endlich erledigt war gingen wir noch gemeinsam in die grosse Halle und spielten die Stücke, die sie in Mumbai auf einer Orgel spielen wird. Sie wird eine kleinere Gruppe unserer Schüler, sowie einen Chor damit begleiten.
Und nun liege ich gemütlich auf meinem Bett und schreibe Bericht und bin ganz erstaunt, weil das Licht nur ganz kurz um fünf weg war und jetzt die ganze Zeit immer geblieben ist.
Wegen der Post scheint übrigens ein Streik im Gange zu sein und Father meinte, wenn wir was aufgeben wollen, müssten wir wohl nach Siliguri fahren.
So ein Frust, wo wir uns doch so viel Mühe mit der Weihnachtpost gemacht haben und vierzehn Briefe zum Abschicken bereit haben.
Und das heisst ja dann wohl auch, dass momentan keine Post zugestellt wird…echt schade!!
So
12
Dez
2010
Sanibar, 04.12.10
Um acht Uhr hatte ich mich eigentlich mit Dominick zum Nepali und Deutsch lernen verabredet. Aber wie es eben so ist, er war noch beim Frühstück, als ich schon „ready“ war. Dann hat er gemeint, ob es mir was ausmachen würde, wenn wir erst um halb neun anfangen würden, er hätte noch etwas zu tun. Was sollte ich da sagen… So blieb uns aber dann nur noch eine knappe halbe Stunde, bis ich zur Probe musste. Wie schon letztes Wochenende sind weder Rudra Sir noch Kamal Sir zum proben gekommen. Die Seniors hatten ein Meeting mit Father Patel und Brother Ajay und so haben wir um neun Uhr mit den Juniors begonnen zu proben. Ich habe die Probe geleitet und wir haben gute eineinhalb Stunden effizient in der Gruppe geprobt. „Fiddle Dance“ haben wir ganz neu erarbeitet, und es hat zum Schluss schon erstaunlich gut geklungen. Hier merkt man, dass die Einzelregister-Proben wirklich nötig und erfolgreich sind. Nach einer kurzen Pause habe ich dann mit den Celli weitergeübt. Die Seniors waren inzwischen mit dem Meeting fertig und hatten also auch Zeit um zu üben. Ich habe Urbanus, der Senior-Bratschist, mit Bina und Sushil weggeschickt, sie sollten in ihrem Bratschenregister alleine üben. Draussen hatten sich fast alle Boarders versammelt und waren dabei, „Eine kleine Nachtmusik“ zu proben. Es hat schrecklich geklungen! Sie spielten viel zu schnell, schluddrig und anstatt zu proben, spielten sie einfach nur durch, egal ob gerade alle am gleichen Ort spielten oder eben auch nicht… Ich habe dem ein wenig zugehört und mich dann eingeschaltet. Erst habe ich ihnen gesagt, worauf es bei der Artikulation ankommt, liess sie etwas spielen und habe dirigiert oder mitgeklatscht. Dann habe ich ihnen erklärt, dass dieses Stück nicht zu schnell gespielt werden darf. Das haben sie überhaupt nicht verstanden und fanden es „langweilig“ im langsameren Tempo. Schliesslich versuchte ich ihnen noch zu vermitteln, dass es absolut nichts bringt, einfach nur durchzuhetzen und immer wieder von vorne zu beginnen… Sie haben nicht wirklich zugehört, und ich glaube, da kommt noch einige Arbeit auf mich (auf uns) zu… wenn wir die Stücke wirklich perfektionieren wollen! Als ich dann mit meinen zwei Cellisten am proben war, kam Steffi herein und hat sich beklagt. Sie sollte mit den Seniors proben, aber die spielten viel zu schnell, so dass die Juniors nicht mitkamen. Ich wurde echt ärgerlich, sagte ihr, dass sie den „Grossen“ ausrichten soll, dass sie verantwortlich sind, dass die „Kleinen“ heute was lernen. Und falls es nicht besser wird, soll sie nochmals kommen und mich holen. Ich glaube danach, hat es da besser geklappt, sie ist auf jeden Fall nicht mehr gekommen. Das ist wirklich etwas, das hier noch verbessert werden könnte. Ich kann mich ja nicht dreiteilen, und so wäre es gut, wenn die schon fortgeschrittenen Schülern die Verantwortung übernehmen könnten, und ab und zu mit den Schwächeren proben könnten… Meine Probe mit den Celli war aber sehr erfolgreich. Wir haben heute auch zum ersten Mal mit der „Kleinen Nachtmusik“ angefangen und ausser ein paar Stolperstellen haben sie es innerhalb kurzer Zeit gut gelernt. Nach diesem anstrengenden Morgen hatte ich mir einen Nachmittag in der Stadt absolut verdient. Ich bin extrem lange im Internet gewesen, habe das aber auch total genossen!! Zurück bei der Schule, habe ich Dominick getroffen, und wir haben nochmals eine gute Stunde Sprachen geübt. Immer abwechslungsweise etwas Deutsch für ihn und etwas Nepali für mich. Der Strom hat bald ausgesetzt, doch zum Glück hatten wir einen Vorrat an Kerzen dabei. Etwas später kamen dann Sunam und Ajay auch noch dazu und wir haben noch einige Nepali Adventslieder zusammen gesungen. Und dann bin ich mit ihnen vor dem Dinner zum Abendgebet gegangen. Dies habe ich nun schon einige Abende wieder so gemacht, und ich finde die Zeit zum Nachdenken und Reflektieren gut. Meistens ist der Strom weg und wir sitzen bei gedämpftem Kerzenschein in der Kapelle, die Jungs singen sehr schön und meistens kann ich mit der Lesung aus der Bibel auch wirklich was anfangen. Nach dem Dinner haben Valerie und ich mit Ajay noch ausgemacht, dass wir morgen zu ihm nach Hause gehen würden. Da freue ich mich schon sehr drauf! Bisher waren wir nämlich noch bei keinem der Boarders zu Hause.
Aitabar, 05.12.10
Zweiter Adventssonntag. Ich habe heute zur Kirche ein Extrapaar Socken mitgenommen. Vor der Kirche ziehen nämlich immer alle die Schuhe aus, und jetzt ist der Boden schon so eiskalt, dass es dann eine Qual ist, länger als einen Augenblick zu stehen. Dieses zweite Paar Socken hat mich dann wirklich durch den Gottesdienst gebracht. Und was ganz schön war: ich konnte das erste Lied mitsingen! Es war eines der Adventslieder in Nepali, das ich jetzt schon gelernt habe. Nach der Kirche gingen wir gleich zurück zur Schule, mit Ajay hatten wir abgemacht, dass wir um ein Uhr loslaufen wollen. Ich habe, weil es so schön sonnig und recht warm war, Kleider gewaschen. Als ich dann zum Essen runter ging, hat mir Valerie erzählt, dass es wohl nichts mit dem Besuch bei Ajay werden würde, weil er mit Father weggefahren sei. Die Beiden sind zum Rosenkranz-Beten an einen Ort nahe der Grenze zu Sikkim gefahren. Ich war ziemlich enttäuscht, bin dann aber halt wieder auf mein Zimmer gegangen und habe begonnen für mich Violine zu üben. Gegen zwei Uhr kam dann Ajay und sagte, so jetzt gehen wir. Völlig überstürzt machten wir uns also doch noch auf den Weg. Erst liefen wir bis zur Brücke hoch und dann zweigten wir auf eine steil ansteigende Strasse ab. Vor uns versuchte ein voll bepackter Jeep vergeblich, den Hügel zu erklimmen. Er musste rückwärts wieder die Strasse runter rutschen und dann erneut mit Anlauf hochfahren. Nach einiger Zeit verliessen wir auch diese Schotterstrasse und wanderten nun auf schmalen Pfaden durch den Wald, immer bergauf. Irgendwo auf der Strecke kamen wir an einem einsamen Grab vorbei und Ajay sagte uns, das dies das Grab seiner Mutter sei. Schliesslich erreichten wir die beiden Häuser, wo Ajay wohnt. Hier wohnt die Familie seiner Tante und seine Grossmutter. Die Tante und ihre Kinder waren zu Hause, wir wurden in ein Zimmer geführt, wo natürlich der Fernseher lief. Davor sassen Anish und Shnea. Mir war bis dahin gar nicht klar gewesen dass die Beiden Geschwister sind und dass sie mit Ajay verwandt sind… Anish ist einer meiner kleinen Schlingel aus Klasse 2 und Shnea ist eins der eher problematischen (etwas dickköpfigen) Mädchen aus der ersten Klasse. Ich habe mich dann etwas mit den beiden Kindern unterhalten, sie gekitzelt und den kleinen Welpen gestreichelt, den sie überall herumschleppten. Wir haben auch einige Fotos gemacht, schliesslich auch noch ein Gruppenfoto mit den beiden Kindern, der Tante, Brother, Valerie, Ajay und ich. Die Tante von Ajay hat mir noch eine Kette geschenkt. Das kam so: Valerie trägt in letzter Zeit häufig einige der Halsketten, die wir in Darjeeling gekauft haben. Eine solche Kette zu tragen bedeutet hier aber, dass man verheiratet ist. Das hatten wir vorher nicht gewusst, die Kinder haben sie nun aber schon ein paar Mal darauf angesprochen. Jetzt hat sich heute Shnea plötzlich zu mir gebeugt und mir ins Ohr geflüstert: „Miss Valerie bihah gareko?“ Ich habe natürlich nicht verstanden was sie mir gesagt hat und habe dann Ajay gefragt, was „bihah gareko“ heisst. Er hat nur gelacht und gemeint, das heisse „verheiratet sein“. Und einige Minuten später kam er eben mit dieser Halskette für mich. Die Tante hatte ihm gesagt, Valerie hätte ja zwei Ketten und ich keine, deshalb schenke sie mir diese jetzt! Richtig lieb… Als wir den üblichen Tee getrunken hatten und einige Kekse gegessen hatten, kam Vivien Sir vorbei. Ich weiss nicht, ob er gehört hatte, dass wir da waren oder ob er sowieso gerade da vorbei kam. Auf jeden Fall hat er uns noch zu sich eingeladen und so verabschiedeten wir uns von dieser netten Familie und liefen, entlang der Reisfelder, noch ein Stück weiter den Berg hinauf. Heute war es extrem klar und so hatten wir von hier oben auch eine geniale Aussicht auf einige der Himalaya-Bergspitzen, die schneebedeckt in der Sonne glitzerten und funkelten. Vivien Sirs Haus stellte sich als sehr hübsch heraus. Es ist aus Backsteinen gebaut und vor dem Haus stehen viele duzend Töpfe mit Weihnachtssternen. Die Küche ist in einem separaten Haus untergebracht, und was mir vor allem auffiel ist die Höhe der Räume. Sonst sind die Häuser hier immer sehr beengend niedrig. Hier aber gab es einen offenen luftigen Dachboden, wo einige Körbe von der Decke hängen. Viviens Frau hat sogleich mit der Zubereitung einer kleinen Leckerei begonnen und er hat ihr dabei geholfen. Bald ist dann auch Maria, ihr kleines Mädchen zu uns gestossen. Sie hatte geschlafen und war auch jetzt noch nicht ganz wach, zerzaust und sah allerliebst aus. Sie ist nicht das leibliche Kind dieses Ehepaars sondern wurde zusammen mit ihrem Bruder Andreas (er spielt Cello) von den Beiden adoptiert. Hier haben sie aber sicher ein gutes Leben und liebevolle Eltern gefunden! Es war sehr gemütlich und so blieben wir recht lange sitzen, haben etwas mit Maria gespielt und uns mit den Erwachsenen unterhalten. Als es dann aber wirklich sehr kühl wurde und es auch schon langsam zu dämmern begann, machten wir uns dann doch auf den Weg. Wir machten noch einen kleinen Umweg, sahen uns ein Stück weiter oben die Kirche des Dorfes und die Primarschule von aussen an und hatten nochmals einen wunderbaren Ausblick. Nun hatten sich die Schneespitzen rötlich gefärbt vom Sonnenuntergang, ein genial-schöner Anblick!! Der Nachhauseweg war dann etwas heikel, weil es im Wald schon richtig dunkel war und wir unsere Taschenlampen vergessen hatten. Auf gut Glück stolperten wir also den Hang hinunter und kamen schnell und wohlbehalten wieder zu Hause an. Natürlich war der Strom schon weg, ich las etwas bei Kerzenschein und dann setzte ich mich zu den Boarders, die auf der überdachten Terasse vor der Kapelle zusammen sassen und sangen. Nach dem Dinner zündeten wir im Parlour die zweite Kerze am Adventskranz an und sangen einige Lieder. Leider kenne ich die meisten davon nicht und so hat Valerie oft alleine gesungen, während Brother und ich zugehört haben.
Sombar, 06.12.10
Heute musste ich mich wieder einmal richtig überwinden eine Dusche zu nehmen… es ist einfach zuuuuu kalt!! Dafür fühle ich mich danach immer sehr erfrischt und aktiv. Als ich dann in den Frühstücksraum kam, habe ich nicht schlecht gestaunt: der Niklaus ist gekommen! Valerie ist schon um halb sieben runter geschlichen und hat für uns alle etwas zurecht gemacht. Ich habe Kerzen gekriegt und wir alle haben Süsses und Orangen bekommen. Im eiskalten Musikraum habe ich dann versucht, mich durch einige Technikübungen warm zu spielen. Naja, spielen konnte ich, aber meine Nasenspitze und auch die Finger und Füsse waren immer noch sehr kalt. Gegen halb zehn bin ich dann mal rüber in die Halle gegangen, um zu sehen ob die Boarders zum Üben gekommen sind, wie abgemacht. Es waren aber nur Ajay, Albina und Santosh da. Dafür waren zwei Herren aus Kolkata angekommen, die das Klavier stimmen sollten. Erst sind Valerie und ich noch etwas dabei gestanden und haben zugesehen. Wir haben auch gesagt, dass das A viel zu tief klingt, aber dann dachten wir uns, dass sie schon wissen werden, was sie machen. Father hat uns auch gesagt, wir könnten jetzt wieder üben gehen, und wenn die Beiden etwas fragen wollen, wüssten sie ja jetzt, wo sie uns finden können. Wir haben dann eine super Probe mit Santosh, Albina, Vikram und Ajay gehabt. So in der kleinen Gruppe liessen sie sich auch wirklich anleiten, haben meine Artikulationsvorschläge gut umgesetzt und es hat allen Spass gemacht, so die Stücke zu erarbeiten. Nach dem Lunch habe ich wie üblich mit den Bratschen und den Celli vom Junior Orchestra geübt. Auch hier sind wir wieder ein ganzes Stück weiter gekommen. Ich mache Fortschritte beim Cello spielen und sie lernen die Stücke… Als ich dann gegen zwei Uhr wieder in der Halle war, schallte mir ein schrecklich klingendes Klavier entgegen. Ich konnte meinen Ohren fast nicht trauen!! Ich habe Valerie ein bisschen beim Spielen zugehört und ich war wirklich entsetzt: das Klavier tönt jetzt viel, viel schlimmer als vor dem Stimmen. Ich bat Valerie dann, ein paar Tonleitern zu spielen um zu hören, ob es vielleicht in irgendeiner Tonart gut tönt… aber nein, es ist einfach durch und durch schief gestimmt. Ich halte das fast nicht aus, es macht mich richtig aggressiv, wenn etwas so schlimm falsch tönt… Ich habe es dann auch Father gesagt, der hat das zwar nicht gehört, aber ich glaube geglaubt hat er mir, dass es schrecklich tönt. Er meinte, die Stimmer seien schon weg, und Rudra Sir habe abgesegnet, dass es gut stimmt. Das hat meine bisherigen Befürchtungen bestätigt. Rudra hört überhaupt nicht gut, was Intonation betrifft. Wahrscheinlich wird das jetzt so bleiben für ein Jahr, eine schlimme Vorstellung. Denn es stimmt wirklich kein Akkord! Gegen fünf Uhr abends bin ich runter gegangen. Vorher hatte ich noch etwas für mich im Zimmer geübt und geschrieben. Nun traf ich Sunam und Ajay im Essraum. Wir setzten uns um den Tisch und die Beiden haben mit mir alle bisher gelernten Nepali Lieder gesungen. Dann haben sie mir noch zwei neue beigebracht. Ich hatte vorher schon die Schrift übersetzt und schrieb jetzt die Noten mit, während sie für mich sangen. Erst haben wir bei Kerzenlicht gesungen, dann ist der Strom wieder gekommen und wir haben die Kerzen ausgemacht. Kurze Zeit später hat dann das Licht aber zu flackern begonnen und ist wieder ausgegangen. Wir waren aber alle zu faul, in die Küche zu gehen um die Kerzen anzuzünden. Also sind wir im Stockdunkeln sitzen geblieben, Ajay hat gesungen und sich selbst auf der Gitarre begleitet, ab und zu haben Sunam und ich mitgesungen. Es war einfach schön, schon eher kühl, aber draussen war dafür ein genialer Sternenhimmel zu sehen, die Musik… alles hat gestimmt!
Mangalbar, 07.12.10
Heute hatte ich gerade mal eine gute Stunde für mich zum Einspielen, bevor die Boarders zum Üben gekommen sind. Ich habe versucht mit Technikübungen meine Finger warm zu kriegen. Es ist mir jetzt so richtig klar geworden, warum es hier in den Hills Sinn macht, im Winter so lange Ferien zu machen. Bevor ich nach Indien kam, habe ich gedacht, das ist doch absurd, im Winter so lange Pause zu machen und im Sommer wenn es heiss ist, fast ohne Pause Schule zu machen. Aber bei Hitze kann man sehr wohl noch arbeiten, während es nun für die Schüler und für die Schüler fast unerträglich ist, lange still zu sitzen, weil es einfach zu kalt ist. Es gibt nirgends Heizung, die Fenster dichten nicht wirklich, also ist es im Haus genauso, wenn nicht sogar kälter als draussen. Vor ein paar Tagen hat mich Dominick gefragt, ob wir in der Schweiz überhaupt im Winter zur Schule müssten, wenn es doch Schnee hätte. Er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass so grosse Gebäude wie eine Schule ganz geheizt werden kann… Um halb zehn sind dann also einige Boarders da gewesen. Valerie und ich haben alle zusammen genommen und wir haben gemeinsam an den Stücken gearbeitet. Dabei habe ich grösstenteils gesagt, was und wie wir es spielen und üben sollen. Es hat ziemlich gut funktioniert in dieser Gruppe, und die Schüler haben umgesetzt, was ich ihnen zu vermitteln versuchte. So haben wir den ganzen Morgen mit intensivem Proben verbracht. Passang ist nicht zum Üben gekommen, obwohl ich ihn am Wochenende extra ein paar Mal daran erinnert habe. Als Valerie und ich Mittagspause machten habe ich jemanden meinen Namen rufen hören. Ich ging raus und da war Passang, seine linke Hand eingebunden… Er fragte, wann die Probe sei und ich habe ihm gesagt, dass die schon vorüber sei, und wo er eigentlich gestern und heute gewesen sei. Er hat sich dann rausgeredet und gemeint, mit seiner verletzten Hand könne er ja sowieso nicht proben. Was geschehen ist, wollte er aber auch nicht so recht sagen. Seine Story, dass er einfach hingefallen sei, nehme ich ihm auf jeden Fall nicht ab. Es enttäuscht mich wirklich, dass er sich so komisch benimmt. Ich habe immer wieder versucht, für ihn Kompromisse zu schliessen, weil er sich schwer tut und weil ich glaube, dass er eigentlich ganz in Ordnung ist und nur etwas Aufmerksamkeit braucht. Aber immer wieder schafft er es, sich in Schwierigkeiten zu bringen, einfach weil er sich kein Stück anpassen will. Diese Geschichte jetzt, mit dem nicht Auftauchen zu den Proben und seine absolute passive Einstellung ärgern mich wirklich sehr!! Nach dem Mittag wollte Valerie noch mit einem Schüler proben, der ist aber auch nicht gekommen und so hatten wir einen freien Nachmittag vor uns. Es war extrem sonnig-warmes Wetter, und draussen wärmer als in unseren Zimmern. So hat Valerie dann ihren Schreibtisch auf den Balkon gestellt und wir haben den ganzen Nachmittag da draussen verbracht, haben Weihnachtskarten gebastelt, geschrieben, Nepali gelernt und ich habe einige Nepali Lieder aus dem Kirchengesangsbuch abgeschrieben. Erst als es Zeit war fürs Dinner und wir auf unseren Stühlen schon fast angefroren waren, verliessen wir unsere Plätze. Wir haben Pasta gekocht und fanden den ganzen Nachmittag echt gelungen. Diesen schönen Tag haben wir dann noch mit einem Film abgerundet, weil es noch sehr früh war. Wir haben „Kick it like Beckham“ gesehen und es war echt lustig für uns so viele typisch indische Sachen zu sehen. Angefangen von den Kleidern (Kurtas und Saris) bis zu den Speisen und einfach Kleinigkeiten, die man gar nicht aufzählen kann…
Buddhabar, 08.12.10
Letzter Schultag für die Kinder von Gandhi Ashram. Heute haben alle Schüler ihre letzten Prüfungen geschrieben. Und zwar nicht wie sonst erst um 10 Uhr sondern schon um neun Uhr. Und wie gestern sind auch heute die Boarders zum Proben gekommen. Diesmal waren es sogar mehr als gestern und so sind wir in der grossen Halle geblieben und haben in Orchesteraufstellung geprobt. Es waren so viele, dass ich beschlossen habe, zu dirigieren, statt einfach nur mitzuspielen. Neben den Stücken haben wir auch immer wieder Tonleitern gespielt, um die Intonation zu verbessern und es hat sich nachträglich ausbezahlt. Die Probe war richtig gut, an der Disziplin muss aber noch gearbeitet werden. Ich muss jedes Mal x-mal Stopp rufen und Pssst sagen, bis endlich Ruhe ist und ich etwas sagen kann. Und wenn ich mit einer Stimme an einer Stelle arbeite, fiddeln die anderen immer im Hintergrund oder schwatzen. Das braucht so viel Nervenenergie und Zeit… es könnte noch viel besser sein. Aber daran muss halt auch von Seiten der Musiklehrer gearbeitet werden, bei denen die Proben immer noch viel chaotischer verlaufen. Um elf Uhr haben wir dann aufgehört zu proben, weil die Examen vorbei waren. Father hatte uns eigentlich gesagt, dass nun eine Lehrerbesprechung stattfinden würde, aber nicht wo die sein würde. Also haben Valerie mit den Kindern gesprochen, und gewartet. Irgendwann wurde uns dann auch klar, dass die Besprechung wohl im Lehrerzimmer ist und erst dann anschliessend die gemeinsame abschliessende Gebetsstunde mit allen Schülern. Valerie ist dann noch runter gegangen, ich bin aber lieber bei den Kindern geblieben. Einige von ihnen sind gekommen um sich ein wenig die Hände aufzuwärmen. Sie tragen zwar Jacken oder Pullover, aber bei den meisten ist der Reissverschluss kaputt, oder die Pullis sind voller Löcher. Und alle laufen immer noch barfuss in Slippers rum, kaum jemand besitzt richtige Schuhe. Als es halb zwölf war, haben die älteren Schüler versucht, alle Kinder in der Halle zu versammeln. Die blauen Teppiche wurden ausgelegt, und nun drängten sich also alle zweihundert und vierzig Schüler auf den zu kurzen Teppichen. Ein Anblick! Irgendwie haben die Schüler es aber geschafft, dass alle einen Platz fanden und als die Lehrer dann kurze Zeit später auftauchten, waren alle bereit für den Abschlussanlass vor den Ferien. Diese kurze Feier fand ich sehr schön, weil aus drei Religionen Texte vorgetragen wurden, Lieder gesungen wurden und Gebete gesprochen. Die Schüler trugen je einen Text aus der Bibel, einer Schrift des Hinduismus und einer des Buddhismus vor. Dann fand das letzte Mittagessen statt und anschliessend haben wir mit den Mumbai-Schülern noch eine Stunde lang geübt. Ich bin mit den Celli und Bratschen die meisten Stücke durchgegangen. Und sie haben wirklich viel gelernt in den letzten zwei-drei Wochen. Wenn wir so gut weiterarbeiten können, werden sie im Januar gut vorbereitet sein für die Tournee nach Mumbai. Ach ja, für morgen bin ich mit Veronika und Teresa verabredet. Veronika hat mich in den letzten Wochen immer wieder gefragt, wann ich Zeit hätte, sie mal zu Hause zu besuchen. Nun habe ich versprochen, dass ich morgen Nachmittag kommen werde. Die beiden Mädchen werden mich also um halb eins abholen. Darauf freue ich mich schon sehr!
Bihibar, 09.12.10
Der erste Tag, an dem wir mit dem ganzen Mumbai-Orchester proben wollten. Die Schüler waren auf neun Uhr bestellt, die Lehrer eigentlich ebenfalls…. Naja, um neun Uhr war ein Bruchteil aller Teilnehmer da. Trotzdem liessen wir die Schüler Notenständer und Stühle in Orchesteraufstellung hinstellen und ich begann mit der Probe. Inzwischen fühle ich mich schon sehr wohl beim Dirigieren. Es fällt mir auch schon leichter, gleichzeitig auf alle Stimmen zu hören, zu dirigieren und manchmal noch etwas dazwischen zu rufen, wenn nötig. Gegen halb zehn Uhr sind dann Rudra Sir und Kamal Sir endlich auch eingetroffen. Ich wusste nicht recht, ob ich nun ihnen das Ruder überlassen sollte, habe dann aber einfach mal weiter gemacht mit der Probe. Bald hatte ich viel Publikum, sowohl Brother, wie auch Father waren auch in die Halle gekommen um zuzuhören. Bis viertel nach zehn Uhr probte ich also und wir haben in dieser Zeit viel erreicht, sowohl auf rhythmischem Gebiet, beim Zusammenspielen und bei der Intonation. Anschliessend haben wir Pause gemacht und dann Registerproben gemacht. Meine Celli und Bratschen sind ziemlich fit, es macht Spass mit der Gruppe zu arbeiten, manchmal muss ich sie sogar eher bremsen… Bis zwölf Uhr hatten wir also schon ganz schön viel geprobt. Valerie und ich hatten ja den Nachmittag schon verplant und so haben wir uns dann von der Gruppe verabschiedet. Rudra und Kamal Sir wollten bis um drei Uhr mit ihnen weiter proben. Als wir zum Parlour herauf kamen, waren Veronika und Teresa schon da. Sie waren schon um elf Uhr gekommen und hatten nun einfach auf uns gewartet. Wir assen noch schnell etwas und machten uns mit den beiden dann auf den Weg, die Strasse hoch. Es war heute sehr sonnig und somit auch warm, schon wieder fast zu warm für Turnschuhe. Die Luft war frisch wie an einem schönen Frühlingstag und überall spriesst neues Grün, viele Blumen blühen und auch Schmetterlinge fliegen vereinzelt noch herum. Ungefähr bei der 7th Mile sind wir dann von der Hauptstrasse auf eine steile Seitenstrasse abgebogen und weiter oben haben Veronika und Teresa dann besprochen, welchen Weg wir nun einschlagen sollen. Wir entschieden uns für einen Feldpfad, entlang der nun abgeernteten Reisfelder. Wir kamen ganz schön ins Schwitzen und haben uns bei einem kleinen Bächchen hingesetzt und etwas ausgeruht. Veronika und Teresa haben sich das Gesicht gewaschen und von dem Wasser getrunken, das liessen wir beiden lieber bleiben. Nach einiger Zeit kamen wir an einem wunderschönen Garten mit vielen Orangenbäumen vorbei. Wir schauten beim Haus vorbei, weil Veronikas Grosseltern hier wohnen und wurden auch gleich herzlich begrüsst. Ihr Grossvater hat versucht mit uns in Nepali zu sprechen, einige Sätze gingen, einiges haben wir aber natürlich auch nicht verstanden. Uns wurden viele Orangen angeboten, was wir nicht essen konnten, durften wir einpacken. Wir fühlten uns wie in einem kleinen Paradies, rundherum die saftigen Pflanzen, Hühner die frei herumlaufen, gurrende Tauben, Wasser das in den Fischteich plätschert, eine Katze die herumstreicht und Gänse die schnatterten… Und sonst absolute Stille, auf dieser Höhe hört man nichts vom Lärm der Strasse. Nachdem wir noch einige Fotos gemacht hatten, entdeckten wir noch eine Kuriosität. Auf einem der Orangenbäume wuchsen Gurken! Eine Winde hatte sich im ganzen Baum festgesetzt und von da sprossen nun diese gurken- oder zucchettiähnlichen Gewächse. Der Grossvater erklärte uns, dass man daraus gute Badeschwämme machen könne. Bald verabschiedeten wir uns dann, liefen ums Haus herum und weiter den Hügel hinauf. Wir kamen an einem Heustock vorbei und Teresa und Veronika kugelten sich etwas in dem fein duftenden frischen Stroh. Etwas weiter den Hügel hinauf kamen wir dann an Erics Haus vorbei. Der Fünftklässler ist ja bei mir im Cellounterricht und so wurden wir dann auch ins Haus eingeladen. Seine Mutter bewirtete uns mit Cola und Orangen, wir sassen etwas herum, wechselten einige Sätze mit Eric, der aber nicht so gesprächig war und nur ab und zu seine strahlend weissen Zähne aufblitzen liess. Also verabschiedeten wir uns sehr bald wieder. Nach einigen Auf und Abs entlang der Hügel, kamen wir zu Teresas Haus. Da trafen wir auch ihre kleine Schwester und ihre Cousine. Wir schauten uns viele Fotos der Familie an, die Kinder machten mit unseren Kameras allerlei Bilder und hatten grossen Spass dabei. Dann wurden wir mit Rotis, scharf gewürzten Kartoffeln und süssem Tee bewirtet. Mit so einer ganzen Mahlzeit hatten wir gar nicht gerechnet, vor allem weil die Kinder nichts assen, obwohl sie seit dem Frühstück nichts gegessen hatten. Trotzdem assen wir fast alles auf, spielten noch etwas mit den Kleinen und machten uns dann weiter auf den Weg zu Veronikas Haus. Dort begrüsste uns ihre Grossmutter, mit der sie zusammen lebt. Gleich vor dem kleinen Lehmhaus steht eine Kuh mit ihrem Kalb unter einem brüchigen Plandach. Etwas abseits grunzt ein Schwein in einem kleinen Pferch, der bösartige Hund hat an der Leine gezerrt und laut gebellt und überall sind Hühner und kleine Kücken rumgerannt. Auch hier sind wir heute nicht lange verweilt, weil Veronika noch mit uns nach Manresa gehen wollte. Auf diesem Felsen steht das „Noviziat der Jesuiten“, man hat eine gute Aussicht auf den Kanchenjunga und es gibt eine Mariagrotte. Also liefen wir weiter bergan, und nahmen schliesslich noch einen „Shortcut“. Das hiess, wir kletterten über einen Zaun und dann ging es quasi senkrecht bergauf. Wir mussten Teresa helfen, damit sie mit ihren Flip-Flops überhaupt hochkam und auch wir selbst sind sehr vorsichtig geklettert. Die Mädchen haben dann überall wilde Blumen gepflückt, die wie kleine Sonnenblumen aussehen und haben uns damit geschmückt. Schliesslich sahen wir wie wandelnde Blumenkränze aus. Unsere Haare waren voller Blumen im Ausschnitt und um die Handgelenke… überall waren Blumen!! Auf dem höchsten Felsen angekommen, setzten wir uns dann einen Augenblick hin und genossen die schöne Aussicht, ins Tal hinunter und hinüber zu den glitzernden Schneebergen. Anschliessend besuchten wir die Grotte, knieten uns einen Moment hin und zündeten einige Räucherstäbchen und Kerzen an. Weil es nun langsam schon zu dämmern begann, liefen wir schnell zu Veronikas Haus zurück und anschliessen brachten uns die beiden Mädchen runter zur Strasse. Sie wollten dann unbedingt den ganzen Weg mit bis zur Schule zurück kommen und so wanderten wir, jede mit einem Kind an der Hand der Strasse entlang zurück. Alle vorüber fahrenden Autofahrer lachten uns an und manche riefen uns auch etwas zu, weil Valerie und ich ja so extrem geschmückt waren. Nicht dass wir nicht schon auffällig genug wären, als Weisse!! Wir bedankten uns bei den Beiden für den wunderschönen Nachmittag, gingen in die Küche runter um alle unsere Blumen ins Wasser zu stellen und als ich dann zurück im Zimmer war, ging gerade das Licht aus… natürlich, es war ja auch schon fünf Uhr vorbei. Also habe ich bei Kerzenlicht ein wenig Nepali gelernt und gelesen und dann war es auch schon Zeit fürs Dinner.
Sukrabar, 10.12.10
Die meisten Schüler sind heute pünktlich zur Probe gekommen und Rudra war sogar schon früher da und hat in Noten rumgewühlt. Als wir eigentlich anfangen sollten und er noch keinerlei Anstalten machte, die Probe zu leiten, habe ich ihn gefragt, wie wir heute proben wollen. Er meinte dann, ich solle ruhig beginnen und so habe ich halt wieder den ganzen ersten Teil der Probe alleine gestaltet. Valerie spielt dann bei der ersten Geige mit und Kamal hat bei der zweiten Geige geholfen. Wir haben wieder ein neues Stück eingespielt, das die Schüler bisher erst in den Registerproben angeschaut haben. Ich habe immer wieder versucht, die Schüler zu animieren auch ab und zu nach vorne zu schauen, habe ihnen gezeigt, wie viel einfacher es dann ist, zusammen zu spielen und ich glaube langsam zeigen diese ewigen Erinnerungen Wirkung. Nach einem effizienten Probemorgen, haben Valerie und ich uns wieder verabschiedet. Erst hat Valerie noch einige Ladungen Kleider gewaschen und dann sind wir losgezogen. Wir wollten zu Supriyas Haus, hofften dass die da war und uns dann mitnehmen würde zu weiteren Häusern. Wieder war es sehr warm und sonnig und so war der Spaziergang sehr angenehm. Als wir schon fast bei der Abzweigung zu Supriyas Haus waren, kam sie uns gerade entgegen. Wir fragten sie, wohin sie gehe und dass wir sie eigentlich gerade besuchen wollten. Sie meinte, sie müsse noch runter zur 6th Mile, wir könnten aber beim Bushäuschen warten, sie werde bald zurück sein. So haben wir uns dann hingesetzt, haben einige Fotos gemacht und gewartet. Und wirklich, schon bald kam Supriya wieder die Strasse hoch und wir liefen gemeinsam zu ihr nach Hause. Ihr Haus ist wohl eines der ältesten und schäbigsten Häuser hier überhaupt. Es fällt fast auseinander; ist nur aus einem dünnen Holzgeflecht gemacht, das dann mit Lehm verputzt ist. Doch in diesem Verputz hat es schon viele Löcher und Supriya hat uns auch gesagt, dass sie nun das Haus flicken müssen. Wir wurden in einen niedrigen Raum geführt und ihre taube Grossmutter hat uns einen Tee gekocht. Supriya unterhält sich sehr gerne und gut auf Englisch und so war es sehr unterhaltsam. Bald ist auch ihr Bruder gekommen, ihre kleine Cousine hat sich dazugesellt. Diese Cousine habe ich bei meinem letzten Besuch schon kennengelernt. Sie ist eine kleine „cheeky“ Person, gar nicht schüchtern und mit einem verschmitzten-spitzbübischen Lächeln. Etwas später ist dann auch noch Shubbam dazugekommen, der gleich im Haus nebenan wohnt und auch Supriyas Cousin ist. Das ist dieser Shubbam, der in der Schweiz war, vor einigen Tagen. Etwas später und nachdem Supriya duzende von Fotos von ihrer Familie gemacht hatte, sind wir weiter runter ins Dorf gegangen. Beim Haus wo Deezong und seine Familie wohnt, haben wir nochmals Tee und Cracker bekommen. Hier wurde es dann richtig lustig. Es waren nämlich ganz viele Frauen da, die alle sehr gerne fotografiert wurden. Wir haben viel gelacht, ich habe die kleine „Neina“ (Kosenamen von Supriyas Cousine) immer wieder durch die Luft gewirbelt, kopfüber hängen lassen und auf meinen Knien geschaukelt… ja es war wirklich einfach schön! Als schon vier Uhr vorbei war, sagten wir dann Supriya, dass wir uns langsam auf den Heimweg machen sollten. Wir haben noch einen kleinen Rundweg durchs Dorf gemacht, wo wir dann auch noch Supriyas Schwester Sumina und Deezong getroffen haben. Dann haben uns die zwei Mädchen zurück zur Strasse hoch gebracht. Wieder ein sehr gelungener Nachmittag, es ist schon sehr spannend, die Kinder auch in ihrer vertrauten Umgebung zu sehen. Zurück bei der Schule haben wir im Parlour noch eine Tasse Kakao getrunken und wollten dann auf unseren Zimmer noch schreiben und allerlei Dinge erledigen. Aber, es war natürlich wieder einmal Stromausfall. In diesen Tagen kann man beinahe die Uhr danach richten… Einerseits sind diese Stromausfälle sehr nervig, andererseits gibt es dadurch viel Musse und Zeit für Dinge, die man sonst vielleicht nicht machen würde. Ich habe mich dann bei Kerzenlicht an meinen Schreibtisch gesetzt und ganz viele Weihnachtsbriefe geschrieben. Dinner hatten wir dann auch bei Kerzenlicht, alleine mit Brother Ajay und weil es Fisch gab, haben wir alle mit den Händen gegessen. Father war auf einer Geburtstagsparty in der St.Augustines School und alle Boarder Boys sind nach Hause gegangen. Nach dem Essen haben wir es uns im Palour noch gemütlich gemacht, die Kerzen am Adventskranz angezündet und noch ein wenig länger das Kerzenlicht genossen, obwohl der Strom inzwischen wieder da war. Und nun nutze ich also noch den Strom, um meinen wöchentlichen Bericht fertig zu schreiben und einige Mails zu verfassen. Morgen heisst es dann wieder dirigieren, weil mir Rudra Sir schon gesagt hat, dass er nicht zur Probe kommen wird.
Sa
04
Dez
2010
Sanibar, 27.11.10
Rudra und Kamal Sir sind nicht zur Probe gekommen heute Morgen und so haben Valerie und ich den Laden geschmissen. Wir liessen die Schüler kurz vor neun Uhr die Hocker und Notenständer in Orchesterformation aufstellen und hatten uns schon zu recht gelegt, was wir proben wollten.
Valerie hat in der 2.Violine mitgespielt und ich habe dann die Probe geleitet. Zuerst haben wir gemeinsam alle Instrumente gestimmt und dann habe ich mit Tonleitern angefangen. Anschliessend übten wir zwei Stücke, eins davon schon bekannt, das andere neu für alle.
Erst musste ich den Takt mitklatschen, damit es mit zusammenspielen klappte, gegen Ende schafften wir dann aber auch Durchgänge, wo ich wirklich dirigiert habe.
Ich fand diese Probe sehr erfolgreich, denn erstens ist es mir gelungen, dass die Kinder nun öfters mal nach vorne schauen beim Spielen und zweitens konnte ich ihnen vermitteln, dass es beim gemeinsamen Musizieren nicht nur ums „Noten-ab-spielen“ geht. Da gab es diese Stelle, wo sich die 1.Violine und die Cellis immer wechselseitig mit dem gleichen Notenmaterial „den Ball zuwerfen“. Erst liess ich sie herausfinden, welche Stimmen hier miteinander kommunizieren und dann haben wir gemeinsam versucht, das besser hörbar zu machen.
Den Erfolg dieser Übung sah ich dann, als Sushil (ein Bratschist) bei einer anderen Stelle unaufgefordert sagte, wer nun hier miteinander „spricht“….
Nach diesem ersten gemeinsamen Teil der Probe habe ich eine gute Stunde lang mit den zwei Bratschen und den zwei Celli geprobt. Auch hier haben wir heute viel erreicht und konnten einige Stücke repetieren sowie andere neu erarbeiten.
Damit die Probe mit einem gemeinsamen Erlebnis aufhört, liess ich die Schüler am Schluss nochmals zusammen spielen. Wir spielten eine Jazz Suite und dann als Letztes nochmals das Stück, das wir zu Beginn der Probe gespielt haben. Ich glaube, auch den Kindern ist es aufgefallen, wie grosse Fortschritte wir heute erreicht haben. Ein schönes Erlebnis!
Nach diesem ausgefüllten, anstrengenden, aber eben auch sehr erfreulichen Vormittag, sind Valerie und ich in die Stadt gefahren. Wie immer haben wir einige Zeit im Internet verbracht, die nötigen Einkäufe gemacht, haben Stoff zum Schneider gebracht und ich habe endlich auch meinen in Darjeeling gekauften Saristoff zu einem anderen Schneider gebracht, der mir jetzt die Bluse näht. Und gerade zum Sankt Nikolaustag, am 6.Dezember, bekomme ich dann den fertig geschneiderten Sari!
Aitabar, 28.11.10
„Wir sagen euch an, den lieben Advent. Sehet die 1.Kerze brennt!“
Wow, jetzt ist wirklich schon Adventszeit. In der Kirche werden nun neue, adventliche, Lieder gesungen und es gibt da auch einen Adventkranz, aus Blumen und Tannengrün gemacht und mit vier riesigen, verschieden farbigen Kerzen bestückt.
Nach unserem üblichen Kirchenbesuch, war heute ein richtiger „Lazy Day“. Ich hatte das erste Mal das Gefühl, ich hätte absolut nichts zu tun und könnte einfach mal den Sonntag geniessen.
Ich habe lange Violine geübt für mich selbst, habe noch einige Noten bezeichnet für das Orchester, Valerie und ich haben gemeinsam unseren Adventskalender aufgehängt und dann sind wir mit Brother auf einen Spaziergang gegangen. Uns ist aufgefallen, dass wir nun schon lange nicht mehr spazieren waren und ich bin den steilen Pfad neben der Schule nur so runter gehüpft, froh an der frischen Luft zu sein und die paar wärmenden Sonnenstrahlen zu spüren.
Wir sind bis zur 4.Mile runter gelaufen. Als wir auf der Höhe von Stellas Haus waren, hat uns jemand gerufen… „Miss, Miss, Miss…“.
Ich habe mich umgeschaut und dann viel weiter unten Simons kleine Schwester gesehen, die uns erspäht hatte und nun ganz aufgeregt herumhüpfte. Sie wollte, dass wir zu ihr runter kommen.
Als wir nicht gleich kamen, ist sie schliesslich angesprungen gekommen. Sie ist ungefähr vier Jahre alt, heisst Supriya und plappert munter drauflos, hat mich mit Beschlag belegt und uns gar nicht mehr gehen lassen wollen.
Erst sind wir dann aber noch etwas weiter die Strasse entlang gelaufen, haben aber bald gekehrt und sind schliesslich doch noch kurz bei Simon vorbei gegangen.
Vielleicht erinnert ihr euch von einem früheren Bericht an Simons Zuhause. Die Familie wohnt in einer niedrigen, kleinen Blechhütte. Es gibt nur einen Raum, der gleichzeitig Küche, Wohnbereich und Schlafzimmer ist. Da es schon ca. 4 Uhr war und es draussen zu dämmern begann, konnten wir in der Hütte fast nichts sehen. Was mir aber aufgefallen ist: Anstelle eines echten Spiegels benutzten sie einen Rückspiegel von einem Motorrad.
Supriya ist auf den Betten, die als Sitzgelegenheit dienten, rumgeturnt und hat dann eine Schaukel hervorgeholt. An einem Dachbalken wurde für sie aus Säcken zusammengeknüpft eine Schaukel eingerichtet auf der sie nun wie wild hin und her schaukelte und sichtlich ihren Spass hatte. Wir anderen befürchteten die ganze Zeit, dass gleich das ganze Haus einstürzen würde, so gewackelt haben Wände und Decke….
Nach diesem kurzen Besuch haben wir auch noch schnell bei Anupa reingeschaut. Supriya, Simon und der kleine Bruder von Steffi sind auch mitgekommen, haben mit dem jungen Welpen gespielt, der herum tapste… diese Kinder fühlen sich in all den Familien im Dorf zu Hause.
Wir wurden dann noch mit einem sehr scharf gewürzten Tee bewirtet und machten uns danach auf den Heimweg. In dieser Jahreszeit wird es nun wirklich schon so früh dunkel, dass man eigentlich immer eine Taschenlampe dabei haben sollte, wenn man nach drei Uhr noch wohin geht.
Wir haben den Heimweg aber trotzdem gut gefunden. J
Nach dem Dinner sind Brother, Valerie und ich in den Frühstücksraum (auch Parlour genannt) gegangen und haben den Adventskranz auf den Tisch gestellt, Tee und Bisquits bereit gestellt und dann bin ich zu Father gegangen, um zu fragen, ob er auch noch ein wenig mit uns Adventssonntag feiern will. Er war gerade noch beschäftigt, sagte aber, er werde nachkommen.
So haben wir dann alle Lichter gelöscht und die erste Kerze am Adventskranz angezündet. Dazu haben wir „Wir sagen euch an“ gesungen. Valerie hat die erste Strophe aufgeschrieben und wir haben Brother beigebracht, wie er es auf Deutsch singen soll und ihm erklärt, was der Text bedeutet.
Danach haben wir Kekse geknabbert, Tee getrunken, Orangen gegessen und noch weitere Advents- und Weihnachtslieder gesungen. Es war schön heimelig in dem beinahe dunklen Raum und weil es abends ja auch eher kühl ist, war es für Valerie und mich mal so richtig etwas heimatliche Adventsstimmung… schön!
Sombar, 29.11.10
Nach einem guten Frühstück habe ich mich im Musikraum eingerichtet zum Violine üben. Nach gut zwei Stunden, in denen ich mich warm gespielt habe, sind die zwei Boarder Mädchen wieder gekommen und wir haben bis zum Lunch intensiv geübt. Es geht gut voran mit den beiden, sie lernen nicht gleich schnell, trotzdem gelingt es, mit beiden gleichzeitig zu arbeiten.
Nach dem Mittagessen habe ich mit den jeweils zwei Celli und Bratschen noch eine Stunde geübt und war dann so gut drin, dass ich praktisch den ganzen restlichen Nachmittag weitergeübt habe, für mich.
Deshalb gibt es über diesen Montag auch nicht viel mehr zu berichten.
Mangalbar, 30.11.10
Auch heute war wieder ein Übtag. Neben dem Üben mit Youngmite und ihrer Kollegin, den beiden Boarders, hatte ich heute den ganzen Tag über frei.
Ich habe noch Noten bezeichnet und viel für mich geübt.
Am Nachmittag sass ich gerade in meinem Zimmer, hatte Musik an, mein kleiner Heizkörper lief, weil es draussen unangenehm kühl war und ich war dabei, einige Weihnachtsbriefe zu schreiben. Da klopfte es an die Türe und Sunam sagte, ich müsse nach unten kommen.
Es waren Besucher angekommen, aus der Schweiz. Ich redete dann einige Zeit mit ihnen und erfuhr, dass es eventuell auch die Möglichkeit gibt, in einem Projekt, das sie in Nepal unterstützen, zu arbeiten. Das wäre natürlich eine gute Gelegenheit, wirklich auch etwas zu tun zu haben, während der zwei Monate, die ich ja sehr wahrscheinlich in Nepal verbringen muss….
Nach diesem kurzen, erfreulichenTreffen, fragte mich Father, ob ich mit zum Parrish kommen wolle, um Orangen zu pflücken. Ich war zwar etwas zu kühl angezogen, sagte dann aber trotzdem spontan ja.
Auf dem Weg zur 5th Mile hinunter trafen wir bei einem Haus noch ein kleines Mädchen an, dessen Familie Father kennt. Wir fragten sie, ob sie uns begleiten wolle und sie kam mit.
Zuerst war sie sehr still, fing dann aber bald an mir alle möglichen Fragen zu stellen auf English. Sie hatte mich im Fernsehen gesehen, als ich mit den Schülern in Mumbai war und wollte alles Mögliche darüber wissen.
Es ist erstaunlich, wie gut sie schon English spricht, sie ist nämlich erst in der 1.Klasse.
Beim Parrish angekommen liessen wir Father auf den Baum klettern und die Orangen pflücken, die wir dann gleich verzehrten.
Übrigens sind diese „Orangen“ eigentlich Mandarinen, aber die Inder hier nennen sie Orangen…
Norah, das Mädchen, packte dann noch etwa sechs Orangen in ihre Taschen und wir machten uns auf den Rückweg, weil es schon dunkel wurde.
Beim Haus, wo Norah und ihre Mutter in einer gemieteten Wohnung leben, gingen wir noch mit hinein und wurden von Norahs Mutter mit Kaffee bewirtet. Diese Familie scheint eher reich zu sein. Norah ist Einzelkind, hat ein eigenes Zimmer, ungefähr zwanzig Stofftiere, sowie Barbies und viel anderes Spielzeug. Die Wohnung ist geschmacksvoll und modern eingerichtet… Irgendwie war es komisch, das im Gegensatz zu den meist sehr einfachen, ärmlichen Wohnverhältnissen unserer Schüler zu sehen.
Diese Familie kommt nämlich eigentlich aus Darjeeling, und Norah und ihre Mutter wohnen einfach in Kalimpong, damit Norah die Schule „St.Josephs Convent“ besuchen kann.
Zurück bei der Schule habe ich mich dann erstmal ins Zimmer zurück gezogen, um mich ein wenig aufzuwärmen, dann gab es auch schon Dinner.
In letzter Zeit stellt der Strom wieder häufiger ab, meist zwischen fünf Uhr und sieben Uhr. Wir beginnen unser Dinner bei Kerzenschein und plötzlich ist es wieder hell, fast grell hell…
Buddhabar, 01.12.10
Dezember… wie verrückt!!
Heute durfte ich den ersten Zettel unseres Adventskalenders öffnen. Es war ein schönes Gedicht darin, das Valerie für mich aufgeschrieben hat.
Den ersten Teil des Morgens habe ich in der grossen Halle geübt und habe mich immer dort hingesetzt, wo die Sonne gerade rein geschienen hat. Dann ist Valerie auch zum Üben gekommen und ich habe mich in den anderen Musikraum zurückgezogen. Plötzlich stand dann Father in der Türe, schon wieder mit zwei Besuchern. Diese zwei Frauen unterstützen eine Schule in Radshastan und weil sie gerade in Darjeeling waren, besuchen sie nun viele Schulen. Hier haben sie das Klavier und die Violine gehört und sind deshalb hereingekommen…
Es sind eigentlich Deutsche, die aber in der Schweiz leben. Lustig, dass ich nun gerade zweimal hintereinander „Besuch“ hatte.
Nach der Probe für Mumbai am Nachmittag, sind Valerie und ich Richtung Stadt losgefahren. Sie musste nochmals einige Fotos nach Mumbai schicken, per Internet, und ich habe sie begleitet.
Eigentlich wollten wir zu Anil Sir, der ein Internet Cafe bei seinem Haus an der 8th Mile hat. Wir haben unser „Taxi“ bei der Tankstelle anhalten lassen und sind dann die Strasse zu Anil Sirs Haus hoch gelaufen. Doch, er war nicht da, das Cafe geschlossen und jemand in seinem Haus sagte uns, er sei in die Stadt gefahren.
Also haben Valerie und ich auch beschlossen den Rest des Weges in die Stadt zu laufen und dann in unser übliches Internet Cafe zu gehen. Eigentlich war es ganz schön mal zu laufen. So konnten wir Fotos von Kalimpong, den Blumen auf dem Weg und den Häusern entlang der Strasse machen. Und so weit war es gar nicht mehr… nur einige duzend Kurven. J
Bihibar, 02.12.10
Heute Morgen bin ich erst kurz vor acht Uhr zum Frühstück gegangen. Geweckt bin ich schon viel früher worden, weil gegen sechs Uhr die Leute von nebenan einen lautstarken Streit angefangen haben. Das passiert alle paar Tage mal und die eine Frau hat wirklich eine nervig keifende Stimme…
Nachdem ich also schon wach war, bin ich in meinem warmen Kokon aus Schlafsack und Wolldecke liegengeblieben und wollte nicht aufstehen, weil ich wusste, dass ich eigentlich duschen sollte.
Schliesslich habe ich mich doch überwunden, aber schon der erste Fuss, den ich auf den Boden stellte, liess mich erschaudern. Es ist nun morgens immer soooo kalt, dass ich manchmal in meinem Zimmer sogar meine Atemwolke sehen kann. Und da soll ich dann auch noch mit eiskaltem Wasser duschen…
Also habe ich erst zwei Kessel voll heissem Wasser gekocht, die ich dann während dem Duschen unter das wirklich eiiiiskalte Wasser gemischt habe. So, und indem ich mich danach direkt vor den kleinen Heizkörper gestellt habe, ist es einigermassen erträglich!
Heute war schon wieder ein „Freitag“ für mich, den ich mit Geige üben, Noten kopieren, Briefe schreiben und Nepalilernen verbracht habe. Gegen fünf, als der Strom wieder mal weg war, und ich nur noch die Wahl hatte bei Kerzenlicht zu arbeiten oder aber zu schlafen, bin ich runter gegangen. Dort hat auch schon Sunam auf mich gewartet, der mir gestern angeboten hat, mit mir Nepali Advents- und Weihnachtlieder zu üben.
Ich hatte vorher schon versucht, den Text von den Schriftzeichen in Devangavari zu übersetzen und nun hat mir Sunam nochmals dabei geholfen. Es stellte sich heraus, dass er ein guter Lehrer ist; er hat nicht locker gelassen, mich immer wieder alleine vorsingen lassen, mitgesungen, erklärt und mich immer wieder repetieren lassen.
So habe ich heute ein ganzes Adventslied gelernt, er hat mir ein zweites vorgesungen. Dann hat er erklärt, dass ich nun das erste bis morgen lernen soll, und er mir dann das zweite beibringt. Ich freue mich schon darauf!
Sukrabar, 03.12.10
Heute habe ich in meinem Zimmer geübt, weil der Musikraum morgens immer eisig kalt ist. Aber auch hier wurde es nach ein-zwei Stunden ungemütlich kalt, weil der Strom weg war und so mein kleiner „Ofen“ nicht arbeiten konnte. Also habe ich Pause gemacht und habe mich mit einem Stuhl aufs Dach an die Sonne gesetzt. Dort habe ich das Adventslied gelernt und mit Noten aufgeschrieben, das mir Sunam gestern beigebracht hat.
Nach dem Mittagessen war wieder einmal Probe mit Cello und Viola. Die vier Jugendlichen spielen nun die meisten Stücke schon sehr gut. Ich muss zwar immer dranbleiben mit Intonation und rhythmischer Genauigkeit, seit Beginn der Probephase ist aber schon einiges passiert!
Und heute war ich dann auch wieder Schülerin: Sunam hat mir das zweite Adventslied beigebracht. Erst liess er mich aber das erste vorsingen und quasi als Belohnung, weil ich es wirklich geübt habe, hat er dann das zweite mit mir gelernt.
Etwas später kam dann auch noch Dominick dazu, hat mitgesungen und mir schliesslich noch gezeigt, wo im Buch „Stille Nacht“ aufgeschrieben ist. Das gibt es nämlich auch auf Nepali! Nun versuche ich den Text zu entziffern und dann werde ich Dominick bitten mir beim Übersetzen zu helfen.
Vielleicht können wir das schon morgen machen. Da haben wir uns nämlich um acht Uhr, vor der Orchesterprobe, für eine Nepali-Deutsch-Unterrichtsstunde verabredet. Endlich wieder! In der Zwischenzeit hat es leider nie mehr geklappt, weil er so viel für die Prüfungen zu arbeiten hatte…
Mi
01
Dez
2010
Sanibar, 20.11.10
Fishing-Day.
Heute bin ich zusammen mit Marion, Jerome Sir, Chogan Sir, Pemba Sir und noch drei anderen Leuten zum Teesta River gefahren, um fischen zu gehen. Wir wollten eigentlich um 7.30 Uhr starten, aber „indian time“, wir sind erst um ca. 8.30 Uhr abgefahren. Erst musste noch allerlei besorgt werden, von der Angelschnur bis zum Kochtopf. Endlich hatten wir alle und alles ins Auto geladen und los ging es Richtung Teesta runter. Nachdem wir die Brücke passiert hatten, fuhren wir noch ein ganzes Stück in Richtung Siliguri, bevor wir dann irgendwo auf der Strecke auf einen Waldweg einbogen. Wir stellten das Auto ab und machten uns zu Fuss auf runter zum Fluss. Es war nicht weit, der Pfad angenehm im Schatten der Bäume und der Weg leicht abfallend. Bald schon sahen wir den Fluss und davor ein breites Band mit grösseren und kleineren Steinen und sogar etwas „Sandstrand“. Ein schönes Fleckchen!! Wir deponierten alle mitgebrachten Sachen, breiteten zwei Matten aus und machten es uns erst einmal gemütlich. Jonas ging sofort ein Stückchen weiter um die Angelruten vorzubereiten, wir anderen suchten Feuerholz, fingen an Zwiebeln zu schälen, zwei der Männer schleppten drei Steine an, um daraus die Feuerstelle zu basteln. Schon bald prasselte das Feuer, es gab Tee, der in Bambus-Stücken gekocht worden war und die Sonne schien. Der ganze Tag war dann einfach nur schön entspannend. Ab und zu sangen Pemba oder Jerome, ich streckte mein Gesicht der Sonne entgegen, wir kochten, schwatzten, ich las ein wenig oder ging auf Wanderung, dem Flussufer entlang… überall gab es so schöne Steine zu entdecken. Bevor wir dann spät am Nachmittag assen, besuchten Marion, Jerome und ich doch noch Jonas und schauten, ob er was gefangen hatte. Leider hatten die Fische an diesem Tag aber keine Lust anzubeissen, der Fluss war auch arg trübe. Das Essen schmeckte ausserordentlich köstlich: es gab Basmati-Reis, Hühnchen (fein gebraten und gewürzt) und dazu eine Art Kartoffelsalat. Schon bald nach dem Essen holte uns die Abenddämmerung ein. Und so fuhren wir dann bei anbrechender Dunkelheit (ohne Fang) zurück nach Kalimpong. Es hat mir sehr gut getan, wieder mal von der Schule wegzukommen, meinen Kopf auszulüften und einfach die Sonne, die frische Luft und die Ruhe des Flusses zu geniessen.
Aitabar, 21.11.10
Weil ich ja gestern fischen war, bin ich erst heute in die Stadt gefahren. Valerie hat gestern die Probe für die Schüler geleitet, die nach Mumbai fahren werden. Und dann ist sie später noch in die Stadt gefahren. So hatte sie heute keine Lust mehr, mit mir mitzukommen und ich bin alleine gefahren. Erst habe ich wieder sehr lange auf eine Mitfahrgelegenheit gewartet und schliesslich hat ein Privatauto angehalten. Der Fahrer war sehr nett, hat ein wenig mit mir geplaudert und mich dann, ohne das übliche Fahrgeld annehmen zu wollen, beim ersten Kreisel aussteigen lassen. Heute musste wohl irgendeine politische Versammlung oder Kundgebung stattgefunden haben. Beim zweiten Kreisel war nämlich ein Podium aufgestellt und aus Lautsprechern schallte mir ein Schwall Nepaliworte entgegen. Viele Leute standen herum und verstopften die Strassen. Ich schlüpfte zwischendurch und danach war die Strasse eher unbelebt. Als ich beim Schneider meine neue Kurta abholen wollte, suchte der Verkäufer erst lange, hiess mich dann hinsitzen und suchte verzweifelt weiter. Er konnte das Kleidungsstück nicht finden und sagte mir, ich solle morgen wieder kommen. Naja, das kann passieren in diesem Durcheinander an Stoffen… Den Rest des Nachmittags verbrachte ich dann grösstenteils im Internet-Café. Ich kaufte noch ein paar Dinge ein, traf auf der Strasse Rudra Sir, der gerade seinem Sohn beim Haarschneiden zuschaute, und gegen vier Uhr machte ich mich auf den Weg nach Hause. Ich bereitete nochmals die Hefte für meine Schüler vor… diese Woche würden die letzten Cello-Stunden vor den Prüfungen, und somit vor den Ferien, stattfinden.
Sombar, 22.11.10
Meine kleinen 1.Klässler Jungs haben mir heute eine überraschend schöne Stunde bereitet. Sie waren lebhaft wie immer, aber wir konnten ganz viel zusammen machen, weil sie doch im Grossen und Ganzen auf mich gehört haben. Es hat so gut getan, sie loben zu können!! Am Nachmittag habe ich dann noch die drei letzten Cello-Prüfungen abgenommen. Das hat etwas bis nach drei Uhr gedauert und gleich anschliessend habe ich mich noch zu Sunil und Sujan gesetzt und mit ihnen für Mumbai geübt. Ich bin jetzt schon so geübt im Bassschlüssel lesen und „switchen“ zwischen den Schlüsseln, dass es keine Rolle mehr spielt, ob ich mit ihnen auf dem Cello spiele, oder die Cellostimme auf der Violine mitspiele. So bin ich beim Unterrichten viel flexibler… Ansonsten ist heute nicht viel los gewesen, weil einige Klassen noch Computer-Prüfung hatten und deshalb nicht zum Musikunterricht kamen.
Mangalbar, 23.11.10
Heute haben wir mit allen Klassen Klassenfotos gemacht. Das war eine Prozedur!! Es ist schon erstaunlich, wie starrsinnig gewisse Leute sein können, wenn sie sich mal etwas in den Kopf gesetzt haben. Nach viel Hin und Her hatten wir dann aber alle Fotos im Kasten, alle waren zufrieden und weil Valerie und ich heute sowieso nicht allzu viele Stunden hatten, war dies gerade ein guter Zeitvertreib gewesen. Ach ja, am Morgen haben wir noch mit den 3.Klasse –Mädchen einen Action Song im Assembly aufgeführt. Eigentlich wäre es Valeries „Assembly-Tag“ gewesen. Weil es aber gleichzeitig der letzte Tag von Mrs. McCoull war, wollte diese auch etwas beisteuern. Also hat zuerst die 7.Klasse ein Gedicht vorgetragen, das sie mit Mrs. McCoull eingeübt hatten. Und anschliessend haben wir mit den Girls die Geschichte von Dornröschen als Lied mit ein wenig Schauspiel dazu aufgeführt. Die Kinder waren goldig, vor allem unser Prinz (Sanjana, eine der Kleinsten) der auf dem Rücken seines Pferdes (Gracie, die dafür extra ihr allerschönstes pinkes Kleid angezogen hatte) angeritten kam. Nach drei Uhr liessen wir die Kinder für einmal alleine üben, weil wir mit Mrs. McCoull eine Abschiedstee-Stunde hatten. Alle Lehrer waren dazu eingeladen und für eine Stunde genossen alle eine Tasse Tee und diverse Köstlichkeiten, bevor sich dann die ganze Gruppe verstreute. Valerie und ich besuchten noch Betty und ihre Welpen. Die Kleinen sind gewachsen und kamen uns, nachdem wir das Tor geöffnet hatten, tollpatschig entgegengesprungen. Sie versuchen nun auch zu bellen, knurren ein wenig und haben sich mit Freude auf unsere Schuhe und Schnürsenkel gestürzt. Heute Abend hatten wir dann auch noch viel Arbeit: Wir sind nun daran, die Noten für alle Mumbai-Leute ordentlich bereit zu stellen. Dafür haben wir Mappen gekauft, und nun haben wir begonnen die Stücke zu kopieren. Ich habe zuerst die Bogenstriche gemacht, nun haben wir die schon bezeichneten Stücke kopiert, zusammengeklebt und ordentlich beschriftet. Es ist noch nicht alles fertig, aber wir kommen gut voran. Es wird so um einiges einfacher sein zu proben, als mit diesen zerrissenen, und zum Teil auch nicht aufzufindenden, Noten.
Buddhabar, 24.11.10
Fast den ganzen Morgen haben wir wieder Noten kopiert, geklebt und beschriftet. Dann hatte ich aber auch noch Zeit wieder einmal für mich zu üben. Dieser Tag war „Holiday“ für uns, weil die Schüler freibekommen hatten um zu lernen. Ab morgen werden die Prüfungen stattfinden. Valerie ist mittags in die Stadt gefahren und so fing ich dann ganz alleine mit dem Lunch an. Father war mit Mrs. McCoull irgendwo hingefahren und sonst war niemand da. Doch bald gesellte sich Dominick zu mir, der schon seine erste Prüfung hinter sich hatte und als wir schon fast gegessen hatten, trudelten auch Passang und Ajay herein, die von ihren Geographie und Nepali-Prüfungen erzählten. Es gab an diesem Tag Reis und ein Spinat-ähnliches Gemüse. Dazwischen hatte es auch einige Huhnstückchen. Ich hatte ein Stück erwischt, das irgendwie komisch aussah: dunkel und undefinierbar… Als ich Dominick fragte, was das sein könne, meinte er ich hätte wohl das Hühnerherz abbekommen! Hmmm, wie lecker… ich habe es nicht gegessen Gegen drei Uhr fuhr dann auch ich noch in die Stadt, um zu skypen. Ich war nicht ganz sicher, ob ich dann um halb sechs Uhr noch ein Taxi zurück erwischen würde und so hatte ich Brother im Voraus schon gefragt, ob er mich sonst abholen könnte. Es wird ja nun schon um fünf Uhr dunkel und ich wollte nicht im Dunkeln alleine den langen Weg (ca. 1h) zurück zur Schule laufen. Doch weil die Internetverbindung plötzlich gestört war, war ich noch vor halb sechs wieder draussen, lief schnell zu den „Taxis“ und fand tatsächlich noch eines, das zur 6th Mile hinunter fuhr. Glück gehabt! Kaum zurück bei der Schule fiel der Strom aus, und so konnte ich meine neue Kurta, die der Schneider wieder gefunden hatte, gar nicht ausprobieren.
Bihibar, 25.11.10
Eigentlich hatten wir angenommen, dass wir mit Class 1-3 noch normal Unterricht haben würden, da diese Klassen ihre Examen erst nächste Woche beginnen würden. Die Kinder kommen nun um ca. 7 Uhr zur Schule, gehen gleich in ihre Klassenzimmer (ohne Frühstück) und beginnen zu lernen. Um halb zehn ist dann Pause und um zehn beginnen die zweistündigen Examen. Valerie und ich waren nach acht Uhr in der Halle, warteten auf Klasse 1 und froren ziemlich, weil ein kühler Wind durch die Halle zog. Dann beschlossen wir, zusammen Violine zu üben, bis die Klassen kommen würden. Wir wollten alle Stücke für Mumbai gemeinsam anschauen, eine Art „Violine-Lektion“ für Valerie, die aber auch mir gut tut. Ich unterrichte gerne, wenn die Schülerin so aufmerksam und lernwillig ist. Die Klassen sind nicht gekommen und so haben Valerie und ich den ganzen Morgen geübt. Um halb elf haben wir eine kurze Pause gemacht und dann bis um 12 Uhr weitergeübt. Ganze dreieinhalb Stunden waren wir dran und es hat wirklich Spass gemacht! Nach dem Mittagessen wollten wir dann mit den Mumbai-Leuten proben, Rudra Sir schickte sie aber nach Hause zum Lernen. Wir fanden das gar nicht gut, weil die Schüler wirklich noch viel Übung brauchen!! Ab morgen sollten sie jeden Tag für eine Stunde nach dem Mittag kommen… mal schauen, ob das nun eingehalten wird. So hatten wir also den ganzen Nachmittag frei. Wir haben diesen sehr produktiv genützt indem wir „Novemberputz“ in unseren Zimmern gemacht haben. Nicht nur haben wir aufgeräumt und mit unserem kleinen Besen gewischt, sondern wir haben auch die Böden aufgenommen, weil es soooo staubig war, dass das reine Wischen nicht genug genützt hat. Ich machte noch eine recht gruslige Entdeckung: In einer Ecke des Zimmers fand ich das Skelett eines „Lizards“… whaaah, man konnte sogar noch die Zehen sehen!! Nun ist das Zimmer aber wieder blitzblank, ein gemütliches Gefühl in einem sauberen Raum zu sein. Nach dem Abendessen haben wir mit Marion noch das „Schokoladenspiel“ gespielt, weil es ihr letzter Abend war. Ich weiss gar nicht, wie wir darauf gekommen sind. Aber wir drei Mädels hatten viel Spass dabei! Übrigens: Vikram und Shubbam sind zurück in Kalimpong. Gestern hatte ich erfahren, dass sie im Zug von Delhi nach Siliguri sitzen und heute, als Valerie kurz unten war während unserer Putzaktion, kam sie mit zwei Tüten für mich zurück. Die beiden haben einige Dinge von zu Hause für mich mitgebracht. Mit ihnen gesprochen habe ich aber bis jetzt nicht, weil sie gleich nach Hause fuhren… ich werde sie aber sicher in den nächsten Tagen mal sehen und gründlich ausfragen über ihr grosses Abenteuer.
Sukrabar, 26.11.10
Um sieben Uhr morgens haben wir Marion verabschiedet. Dann hatten wir wieder den ganzen Morgen Zeit: Erst haben Valerie und ich wieder gemeinsam Violine gespielt. Und irgendwann im Laufe des Morgens haben sich dann zwei der Boarder-Mädchen dazugesellt, die keine Prüfungen hatten. Wir haben einige Stücke zusammen erarbeitet und schliesslich auch noch mit Ajay am Cello weitergespielt. So ging der Morgen um, schon wieder hatten wir fast vier Stunden geübt. Nach dem Lunch probte ich mit Sujan und Sunil am Cello und Bina und Sushil waren auch noch mit ihren Bratschen im gleichen Zimmer. Erst bin ich immer von einer Gruppe zur anderen und zurück gewandert, dann liess ich sie aber alle gemeinsam spielen und habe selbst am Cello mitgespielt. Und dann stand plötzlich Shubbam in der Türe und hat mich angegrinst. Da habe ich natürlich die Probe unterbrochen und ihn und Vikram ausgefragt. Sie haben mir einige ihrer Erlebnisse erzählt, haben vom Schnee geschwärmt und von den eindrücklichen Kirchen, die es in Europa gab. Vikram hat Rom vor allem beeindruckt und Shubbam hat gemeint, er hätte auf jeden Fall genug Pizza gegessen in den letzten Wochen. Auch von ihrem Abenteuer der Ankunft in Deutschland haben sie erzählt und wie sie nun schliesslich von Delhi mit dem Zug zurück gefahren sind. Die beiden haben wohl eine „life time experience“ gemacht! Wie ich später erfahren habe, haben sie das Taschengeld, das ihnen Father Paul mitgegeben hat, wieder zurückgebracht… sie haben wohl alles gehabt, was sie brauchten auf der Reise. Nach diesem erfreulichen Wiedersehen, haben wir noch zu Ende geprobt, und dann entliess ich die Schüler ins Wochenende. Allerdings werden wir uns morgen früh zur nächsten Probe treffen. Valerie war auch fertig mit ihren 2.Violine Schülern und so haben wir uns aufgemacht, um Grün für unseren Adventskranz zu suchen. Auf dem Weg runter zum Schulgebäude gibt es etwa fünf „tannenbaum-ähnliche“ Bäume. Denen haben wir einige Zweige gestohlen und diese zu uns auf den Balkon hochgebracht. Weil Valerie schon Erfahrung im Kranzbinden hatte, liess ich sie machen… ich hätte keine Ahnung gehabt wie anfangen und hätte wohl ziemlich rumexperimentiert. So aber ist unser Adventskranz jetzt ausserordentlich schön geworden. Er riecht wunderbar nach Tannengrün und nach den Bienenwachskerzen die Valeries Mutter extra dafür geschickt hat… Während dieser Bastelaktion sassen wir in der Sonne vor unseren Zimmern, es war erstaunlich warm und fühlte ich mich schwanken zwischen Frühlingsluft-Sonnen-Gefühl und weihnachtlicher Stimmung beim Anblick und Geruch des Adventskranzes. Sehr komisch!! So jetzt muss ich aber langsam aufhören. Morgen werden wir den ganzen Morgen mit allen „Mumbai-Leuten“ üben, und wir wissen noch nicht, ob uns Rudra Sir und Kamal Sir unterstützen werden, oder ob sie gar nicht kommen werden… lassen wir uns überraschen, wie so oft!
So
21
Nov
2010
Sanibar, 13.11.10
Nach einem schönen Tag in der Stadt, mit viel Skype, einigen Einkäufen und einem Besuch beim Schneider, suchte ich beim Nach Hause kommen meinen Schlüssel fürs Zimmer.
Ich kippte meine ganze Tasche aus, doch der Schlüssel war unauffindbar… ich musste ihn irgendwo in der Stadt, oder auf dem Weg hin oder zurück verloren haben.
Also machte ich mich auf, um Father zu suchen. Eigentlich dachte ich, dass da bestimmt irgendwo noch ein Zweitschlüssel wäre oder ein Masterkey für alle Schlösser.
Aber nein, leider gab es nur diesen einen Schlüssel und was sollten wir nun mit dieser abgeschlossenen Türe machen?
Ich fühlte mich so schlecht und überlegte mir die ganze Zeit wo ich den Schlüssel vergessen oder verloren haben könnte. Schliesslich fuhr Father mit mir nochmals in die Stadt, auf dem Motorrad. Eigentlich wäre das ja eine ganz schöne Sache, so eine Spritztour auf dem Motorrad, ich war aber die ganze Zeit über nur besorgt, ob ich den Schlüssel irgendwo finden würde. Ich klapperte alle Läden ab, wo wir gewesen waren und fragte im Internet-Cafe nach, ob ein Schlüssel gefunden wurde. Nirgends wurde ich fündig.
Und so habe ich dann den Abend mit Valerie in ihrem Zimmer verbracht. Wir haben „A beautiful mind“ geschaut und haben danach gemeinsam in ihrem schmalen Bett geschlafen. Die andere Variante wäre ein Raum unten neben Father Patel gewesen, aber da hätte ich bestimmt gefroren, ohne Decke und ohne warme Kleidung.
Eigentlich haben wir beide den Umständen entsprechend sehr gut geschlafen und waren am Sonntag dann auch früh fit für die Kirche.
Aitabar, 14.11.10
Happy Children’s Day! Heute ist der 121. Geburtstag des ersten Prime Minister Indiens und dieser Tag wird in Indien als “Kindertag” gefeiert.
Nach dem Gottesdienst sind darum alle Kinder der Gemeinde mit in die Schule gekommen, wo sie einen Morgen lang mit Spielen unterhalten werden sollten und dann ein Mittagessen bekommen würden.
Brother hätte sich eigentlich Spiele ausdenken müssen, doch er hatte sich gar nichts überlegt. Also haben Valerie und ich mit den Kindern angefangen zu spielen. Ein Renn- und Fangspiel hat den Anfang gemacht und dann ist Brother gekommen und hat die Kinder in vier Teams aufgeteilt. Dann haben wir zu dritt (Brother, Valerie und ich) die Spiele inszeniert und geleitet. Es hat viel Spass gemacht mit diesen ganz kleinen bis etwas grösseren Kids zu spielen. Es gab Löffelrennen, Münzen aus dem Mehl fischen, Sing- und Tanzspiele, Ballon-zerplatzen…
Am Mittag wurde dann der Lunch auf dem Basketballcourt serviert und ich ass mit der Hand wie alle Kinder auch – so schmeckt das Essen einfach viel mehr!
Am Schluss wurden an alle Kinder noch Bleistifte und Kugelschreiber verteilt. Auch die restlichen Ballone konnten wir unter den Kindern verteilen.
Plötzlich kam ein kleiner Junge, Chongso aus meiner Class2 Boy-Gruppe, schluchzend angerannt. Einer der grösseren Jungs hatte mit ihm gespielt und dann seinen Bleistift gebrochen. Chongso war am Schluchzen, es schüttelte ihn richtig und so nahm ich ihn auf den Schoss, um ihn zu trösten. Der Arme war wirklich zutiefst betrübt. Ich schenkte ihm dann den letzten Bleistift und einen Extra-Ballon, dann war es auch wieder gut….
Den Rest des Nachmittags verbrachte ich mit Notenschreiben und dann probten wir auch noch Tänze für den morgigen Tag. Dann sollte in der Schule der Children’s Tag gefeiert werden und die Lehrer würden ein Programm für die Kinder aufführen. Brother würde abwechslungsweise mit Mrs. McCoull, mit Valerie und mit mir tanzen.
Ach ja, ich habe auch mein Zimmer zurück bekommen. Beim Lunch fragte ich Father, was wir jetzt wegen meiner Tür machen würden. Er meinte, das habe er ganz vergessen! Doch dann beauftragte er Ladup, den Gärtner, mein Schloss mit einer Säge aufzuschneiden. Erst sagte er ihm nicht, welche Türe meine wäre, doch zum Glück schnitt Ladup das richtige Schloss auf und so konnte ich in mein gemütliches Zimmer zurückkehren.
Sombar, 15.11.10
Wieder einer der aussergewöhnlichen Schultage, die eben keine Schulalltagstage sind.
Die Kinder waren zur normalen Zeit gekommen und hatten Frühstück bekommen. Als Valerie und ich gegen 8 Uhr in die Halle kamen, versuchten die grösseren Jungs die Kinder ruhig zu bekommen fürs Assembly. Niemand hatte den Kindern gesagt, dass heute das Programm erst um 9 Uhr anfangen würde. Also haben wir sie wieder zum Spielen geschickt, und dafür haben Valerie und ich noch Cha-Cha-Cha geübt.
Um halb 10 Uhr fing dann schliesslich das Programm an.
Es gab ein Gebet und eine Lesung aus der Bergpredigt, wo es heisst „lasst die Kinder zu mir kommen“.
Dann hielten zwei Lehrer eine Willkommensrede und das eigentliche Unterhaltungsprogramm für die Kinder begann. Class 2 führte ein kurzes Theaterstück über Neru auf, dann gaben die männlichen Lehrer zwei Lieder zum Besten. Anschliessend tanzten Brother und ich unseren Slow Waltz. Ich war ein wenig aufgeregt, aber alles lief bestens und wir haben ein paar richtig schöne Figuren hinbekommen.
Danach spielte Chogan Sir etwas auf Nepali vor und er hatte das Publikum wirklich gut im Griff. Alle hörten gespannt zu und hatten viel zu lachen!
Es folgten eine Nepali-Tanznummer der Lady-teachers, ausserdem noch ein Tanz von Brother und Mrs. McCoull und ein Tanz von Valerie und mir.
Dann spielten die männlichen Lehrer noch ein kurzes Theaterstück und damit schloss das Programm dann ab.
Es war inzwischen schon halb zwölf und höchste Zeit mit den Spielen zu beginnen.
Alle Schüler wurden auf den grossen Platz geschickt und dort stellten sie sich alle in einer Reihe rund um das Spielfeld auf. Vom kleinsten Kindergartenkind bis zu den Class 8 „Grossen“, warteten alle gespannt, was sich die Lehrer für sie ausgedacht hatten.
Als Erstes wurde „Queen of Sheba“ gespielt: Marion hatte sich als Queen im Sari und mit Krone verkleidet und verlangte nun verschiedene Dinge, die ihr die Kinder bringen mussten. Es waren vier Teams zusammen gestellt worden und diese traten nun gegeneinander an. Für alle war es lustig zu sehen, wie diese Kinder in alle Richtungen ausschwärmten um die gewünschten Sachen zu beschaffen. Sie mussten zum Beispiel eine rote Chili, den dreckigsten Schuh, ein weisses Taschentuch, oder ein Haar von Anil Sirs Kopf (er ist glatt rasiert) beschaffen…
Danach folgten pro Klasse je ein Spiel, angefangen mit dem Kindergarten. Hier gab es Sackhüpfen, Ballspiele, „Reise nach Jerusalem“ und dergleichen mehr.
Der ganze Spass dauerte sehr lange und langsam wurden alle hungrig.
Ganz zum Schluss durften auch die Lehrer noch spielen und wie beim Teacher’s Day spielten wir „pass the ball“: einen Basketball im Kreis herum geben und wenn die Musik stoppt, fliegt der raus, der gerade den Ball in der Hand hat.
Ich habe gewonnen!! Und mir war ganz schwindlig, weil Vivien Sir und ich zum Schluss den Ball mit dem Rücken zueinander zu zweit hin und her gegeben haben.
Nach den Spielen mussten sich alle Kinder klassenweise einreihen und die ganze Karawane zog Richtung Wald die steile Treppe hinunter. Dort unten zwischen den Bäumen und beinahe am Fluss hatten die Köche schon fleissig gekocht und servierten nun den Lunch. Dies ist die Vorstellung von „Picknick“ hier.
Die Kinder haben es genossen, mal wo anders zu essen, es gab Huhn und es schmeckte auch wirklich toll!
Eigentlich wollten wir den Nachmittag mit Tanzen abrunden, aber leider gab es keinen Strom als wir vom Picknick wieder zurück zur Schule hinauf kamen.
So verteilten sich die Kinder dann und bald gingen die meisten auch nach Hause.
Beim Essen hatte sich Pritty (Kindergarten) zu mir gesellt, war mir dann auf den Schoss geklettert und hat mich immer mit Grübchenlächeln angelächelt, wenn ich ihr etwas vorgesungen habe. Dann hat sie mich an der Hand genommen, als wir zur Schule zurück liefen. Und sie wollte mich gar nicht mehr gehen lassen, als ich sie ein paar Mal im Kreis geschwungen hatte. Sie plauderte immer wieder in Nepali auf mich ein. Einiges verstand ich, meistens aber haben wir uns irgendwie verständigt, oder ich habe einfach ihrer süssen hellen Stimme gelauscht…
Nachdem alle Schüler nach Hause gegangen waren, sassen Jerome Sir, Anil Sir, Pemba Sir, Marion und ich noch in der Halle. Die drei Männer sangen noch einige Lieder, begleitet von Gitarre und Congos, ich schlug das Tambourin und es war sehr gemütlich, diesen musikbegeisterten Lehrern beim Singen zuzuhören.
Ein gelungener Children’s Day!!
Mangalbar, 16.11.10
Heute war ich gar nicht in Stimmung zum Unterrichten. Woran das lag, weiss ich auch nicht genau. Schon beim Aufstehen war ich eigentlich zu müde und mochte gar nicht recht in die Gänge kommen.
Dann habe ich gedacht, dass heute mein „Assembly“ wäre und als es Zeit war, hat stattdessen Pemba Sir was erzählt.
Meine kleinen 1.Klässler Jungs kamen zwar schön angesprungen, haben mich lieb angelächelt, aber die Hälfte der Gruppe war ziemlich quirlig. Mit Klasse acht war die Lektion dann aber sehr erfreulich, weil ich mit zwei Jungs, die nach Mumbai fahren werden, sehr konzentriert arbeiten konnte. Nach dem Teabreak hatte ich dann wieder einmal Klasse 7 Cello. Shmita, Andreas und Kiran überliess ich heute grösstenteils sich selbst, weil ich mit Sunil unbedingt für Mumbai üben muss. Er ist noch sehr unsicher und braucht viel Unterstützung! Ich glaube aber, dieses Einzeltraining zeigt jetzt schon Wirkung.
Nach einer anstrengenden 2.Klässler-Jungengruppe ass ich zum Lunch nur Äpfel und Müesli, weil ich noch viel für die Stunden vom Nachmittag vorzubereiten hatte. Für die 4. und 5.Klässer waren noch die Theoriehefte vorzubereiten und für den 6.Klasse Mumbai-Schüler wollte ich noch Tonleitern aufschreiben, damit er ein wenig Ahnung von der Fingerplatzierung bekommt.
Diese Stunden am Nachmittag verliefen sehr friedlich und produktiv. Gleich nach drei Uhr übte ich dann nochmals mit Sunil und parallel dazu schaute ich den beiden Bratschenschülern beim Üben über die Schulter.
Und als wäre das nicht schon genug Arbeit für einen Tag gewesen, setzte ich mich um halb fünf noch hin und begann damit, die Bogenstriche für alle Musikstücke für Mumbai zu machen. Als aber das Licht kurz vor sechs ausging, zündete ich zwar erst eine Kerze an und wollte weiter arbeiten. Dann hörte ich aber die Boarders draussen auf den Treppenstufen singen und ich beschloss, es für heute gut sein zu lassen und mich noch etwas zu ihnen zu setzen. Marion gesellte sich dann auch noch zu uns und wir haben den Jungs beim Musizieren gelauscht.
Jetzt, vor dem Essen, habe ich noch alle Aufgaben der vierten und fünften Klasse korrigiert und schreibe jetzt hier noch. Ich bin müde von diesem ausgefüllten Tag und habe trotzdem das Gefühl, nicht genug gemacht zu haben. Es gibt so viel, dass noch erledigt werden könnte…
Morgen muss ich unbedingt auch noch Rudra Sir fragen, ob ich die Prüfungen für die Cello-Schüler schreiben und durchführen muss. Die Schüler haben heute etwas angetönt und mich gefragt, wann die Prüfung sein wird. Ich hatte aber bis jetzt keine Ahnung, dass dies meine Aufgabe ist. Da muss ich also schnellstmöglich Klarheit schaffen.
Buddhabar, 17.11.10
Heute hat nun mein „Assembly“ stattgefunden. Ich habe den Schülern gesagt, dass sie sich gut auf die kommenden Jahresprüfungen vorbereiten sollen, dass es aber auch ganz wichtig sei, dass sie zwischen den einzelnen Lernphasen Pausen machen. Zur Entspannung habe ich dann das „Air“ von Bach gespielt und Valerie hat mich dabei am Klavier begleitet. Den Kindern habe ich erzählt, dass das, was sie lernen Nahrung für ihr Gehirn ist, und die Musik ein guter Ausgleich darstellt, weil sie Nahrung für die Seele ist.
Da ich auswendig gespielt habe, konnte ich zwischendurch immer wieder in die Kindergesichter schauen und das hat mich beim Spielen zusätzlich inspiriert. Die meisten sassen nämlich ganz ruhig da und haben aufmerksam gelauscht und zum Teil richtig verzückte Gesichter gehabt. Es war bis zum letzten Ton mucksmäuschenstill im Raum und danach haben alle wild geklatscht. Ich glaube, es hat ihnen wirklich gefallen!
Der Morgen ist dann ruhig verlaufen. Meine Jungsgruppen haben mich zwar sehr gefordert, aber es läuft nun wirklich gut mit fast allen Kindern. Mein kleiner Edwin aus Class 1 hat mir heute sehr leid getan. Anscheinend ist seine Mutter mit einem bengalischen Mann davongerannt und dann wurde er heute in der Stunde auch noch von einem der Jungs herumgeschubst, bis er geweint hat. Also liess ich ihn auf meinem Schoss sitzen, er hat etwas geschluchzt, sich dann aber bald wieder beruhigt.
Nach dem Teabreak habe ich dann Rudra Sir gefragt, wie das mit den Prüfungen abläuft. Und er hat gemeint: „Ja, ja gut, ich soll die Cello-Examen machen…“. Auf meine Frage, was ich denn alles prüfen soll, hat er zuerst sehr wirr geantwortet und ich musste ein paar Mal nachfragen, bis klar war, dass es fünf Kategorien à je 20 Punkten geben soll.
Geprüft werden sollten: Ein Stück, Tonleitern, Gehörbildung, Theoriefragen und Blattlesen.
Eine schöne Bescherung!! Jetzt sollte ich also auf die schnelle die Examen für die vierte, fünfte und siebte Klasse erfinden…
Zum Glück hatte ich aber am Nachmittag gar keine Schule und so setzte ich mich eben hin und habe die Examination-Paper vorbereitet. Ich sagte mir, dass wenn ich das schon machen muss, ich es auch gleich richtig und seriös vorbereite. Ich habe mir viele Fragen überlegt, die Punkte verteilt und alles ordentlich aufgeschrieben. Eigentlich hat es sehr Spass gemacht, so ein Examen zu schreiben.
Bihibar, 18.11.10
Heute ist nur die erste Unterrichtsstunde normal verlaufen. Danach haben Rudra und Kamal nämlich alle Klassen die regulär Unterricht gehabt hätten zurück in die Schulräume geschickt, weil sie die Violin-Examen durchführen wollten. Wir starteten mit Klasse vier und da hatte ich also auch vier Examen abzunehmen. Zuerst waren die Jungs dran und ich habe sehr über Sujan gestaunt, der im Unterricht oft schwer still zu kriegen ist. Bei der Prüfung war er äusserst konzentriert, aufmerksam und hat auch sehr schön und rein gespielt!
Die restlichen Stunden hatte ich dann oft nichts zu tun und so habe ich z.T. vorbereitet für andere Stunden und manchmal auch bei Kamal zugeschaut, wie er die Prüfungen abgenommen hat.
Insgesamt habe ich alle meine 4. und 5.Klasse Celloschüler einzeln geprüft, also sieben Prüfungen abgenommen, und alle haben mit einer ziemlich guten Punktzahl bestanden.
Ansonsten war an diesem Donnerstag nichts nennenswertes los.
Sukrabar, 19.11.10
Heute findet in Schwyz das Konzert von „Weltweite Klänge“ statt. Die zwei Jungen aus Kalimpong, Vikram und Subbam, sind ja vor einigen Wochen nach Europa abgereist, um in dem Orchester mitzuspielen. Nachdem sie nun in Deutschland, Österreich und Italien Konzerte gegeben haben, ist eines der letzten Konzerte der Tournee eben dieses Konzert in Schwyz. Ich habe mich den ganzen Tag gefühlt, als wäre ich ein bisschen auch da, weil ich weiss, dass einige Leute, die ich kenne, dieses Konzert besuchen werden.
In der Schule war wieder Music-Examination-Day. Mit den 1.Klasse-Mädchen haben wir aber zuerst eine tolle Lektion gehabt. Dann habe ich abwechslungsweise mit einigen Boarders, die heute nicht zur Schule gingen, und mit anderen Schülern geprobt. Zwischendurch habe ich die Mädchen der dritten Klasse genommen und mit ihnen einen Action-Song weitergeübt, den wir am Dienstag im Assembly zeigen werden. Die Mädchen hatten viel Spass daran und wollten es immer und immer wieder üben.
Ganz zum Schluss vor dem Lunch, hatte ich nichts zu tun und deshalb habe ich dann die ganze zweite Klasse geholt und mit ihnen eine Lektion gemacht. Zu Beginn der Stunde habe ich ihnen erklärt, dass ich jeden zurück ins Schulzimmer schicke, der nicht mitmacht. Die Lektion hat dann erstaunlich gut funktioniert, und wir haben in der Gruppe (27 Kinder) einige Lieder gesungen und Rhythmusspiele gemacht.
Am Nachmittag habe ich dann nochmals mit den Boarders geübt und schliesslich, als endlich Class 7 mit dem Examen dran war, konnte auch ich wieder ein Examen abnehmen. Drei der vier Class 7 Celloschüler werden aber erst am Montag drankommen, weil keine Zeit mehr war. Nachdem es schon geklingelt hatte, hat mir Father gesagt, ich hätte die Examen auch früher abnehmen können, also die Schüler einfach aus dem normalen Unterricht rufen. Toll, das hätte er mir auch früher sagen können… ich hatte doch eigentlich den ganzen Tag Zeit!!
Nach drei Uhr ging Rudra gleich, meinte aber, die Schüler für Mumbai müssten noch proben. Auch Kamal hat sich verabschiedet und so standen Valerie und ich mit ca. 15 Schülern alleine da.
Ich liess sie dann im Orchester aufstellen. Wir haben mit Tonleitern begonnen und dann ein Stück erarbeitet, das alle bisher erst alleine geübt haben, aber noch nie im Orchester gespielt haben. Valerie sass neben Suraq, dem 6.Klässler, der bisher noch gar nie in einem Orchester gespielt hat. Worauf ich während der ganzen Probe geachtet habe, war die Disziplin. Die Schüler mussten immer, wenn sie gerade nicht am Spielen waren oder wenn ich was erklärt habe, ruhig sein. Sonst ist nämlich während solchen Proben der Lautstärkepegel immer beinahe unerträglich!
Gegen Ende der Lektion gelang uns ein Durchlauf des ersten Satzes… ich glaube wir haben viel erreicht in dieser Stunde!
Für diesen Abend haben Valerie und ich ein kleines Party-Essen für uns und die Boarders geplant. Father, Brother, Mrs. McCoull und Marion sind nämlich ins „Holumba“ essen gegangen, so dass wir sechs ganz alleine waren.
Valerie und ich sind deshalb gegen fünf Uhr zur Brücke hochspaziert um Tomaten und Chips zu kaufen. Wir suchten uns in einem kleinen Shop ein Kilogramm reife rote Tomaten aus (sie kosteten ganze 24 Rupien) und dann kauften wir noch Knabberzeugs. Zufrieden mit unserem Einkauf schleppten wir die Dinge zurück zur Schule und begannen auch bald zu kochen. Erst bereiteten wir eine Tomatensauce zu, die wir dann über eine Stunde kochen lassen konnten. Dazu gab es Pasta. Ein richtiges Festessen!!
Kurz vor sieben deckten wir im Essraum einen Tisch. Es gab Chips und M&Ms zum Knabbern, Cola zum Trinken und eben Pasta mit Tomatensauce! Valerie und ich haben uns so über dieses Dinner gefreut…
Auch den Jungs hat es gut geschmeckt und als das Licht mitten beim Essen ausging haben wir bei Candlelight weiter gegessen. Kurze Zeit später kam der Strom wieder, aber weil es so gemütlich war im Kerzenschein, haben wir das elektrische Licht einfach ignoriert.
Di
16
Nov
2010
Bihibar, 04.11.10
Eigentlich wollten die Mumbaileute auch am Donnerstag mit uns nach Darjeeling kommen. So hätten wir uns zu fünft oder sechst einen Jeep geteilt. Dann haben sich ihre Pläne aber geändert und wir hatten schon Angst, dass wir so gar kein Auto finden würden, das uns nach Darjeeling bringen könnte. Aber am Donnerstagmorgen stiegen wir mit Ruth, Virgil, Fernando, John und Ajay in den Schuljeep und fuhren Richtung Kalimpong Town. Beim Motorstand sollte dann John schauen, dass wir Tickets für Jeepplätze bekommen würden und sie, die anderen, würden dann weiter fahren um Kalimpong zu besichtigen. Um ca. halb zehn fuhren wir von der Schule ab und schon bald liess uns Raam mitsamt dem Gepäck beim Motorstand aussteigen. Ajay und John kamen mit uns zum Ticketschalter und wir hatten extremes Glück. Weil Diwali-Holidays waren, wollten viele Leute nach Darjeeling fahren. Wir bekamen aber noch ein Reservationsbillet für zwei Plätze in einem Jeep. Es hiess aber, dass wir ungefähr eine Stunde warten müssten. Also setzten Valerie und ich uns auf die Bank vor dem Ticketschalter und warteten. Ich hielt den Zettel mit der Reservation in der Hand. Darauf stand nur: 2B 6. Dies hiess wohl „zwei Backseat-Plätze im Wagen Nr.6“... Und dann warteten wir, worauf, war nicht ganz klar, denn es kamen immer wieder Jeeps an und fuhren ab. Irgendwann streckten wir einem der verantwortlichen Männer unseren Zettel nochmals hin und er sagte uns, unser Auto sei noch nicht angekommen. Sobald es dann aber da war, führte er uns sofort hin und war sehr hilfsbereit. Wir hatten wirklich zwei Sitzplätze auf dem hintersten Sitz und bald schon ging dann die Fahrt los, im vollgepackten Jeep. Es war inzwischen schon ca. halb zwölf Uhr, also höchste Zeit zum Aufbrechen. Ich empfand die Fahrt als sehr angenehm, ruhig und ereignislos. In einem kleinen Dorf an der Strecke machten wir einen Zwischenhalt, alle gingen Tee trinken, nur Valerie und ich standen vor den Läden herum und assen ein paar Chips. Gegen zwei Uhr erreichten wir Darjeeling und der Fahrer liess uns mitten im Bazaar aussteigen. Da standen wir also, auf uns alleine gestellt in Darjeeling. Wir hatten eine ungefähre Ahnung wo wir uns befanden und mussten nun auf Hotelsuche gehen. Ich dachte, dass es eher schwierig werden könnte, weil Ferien waren. Im Reiseführer hatten wir ein Hotel ausgewählt, dass ich beim letzten Darjeeling-Trip mit den Kindern gesehen hatte. Wir drängten uns also durch die Menschenmassen vorbei an vielen Marktständen einfach die Strasse hoch. Wir wussten, dass wir irgendwie auf die obere Hauptstrasse kommen mussten. Und wir fanden diese auch problemlos. Schon bald standen wir vor unserem ausgewählten Hotel: Hotel Alice Villa. Wir gingen hinein und fragten, ob sie wohl noch ein Zimmer für zwei Leute für vier Nächte hätten. Sogleich wurde uns ein Zimmer gezeigt und wir waren einverstanden damit und sagten sofort zu. So einfach hätte ich das nicht erwartet… Das Zimmer hatte zwar kein Fenster, weil all diese Zimmer an einem Gang gegen das Innere des Hotels gerichtet waren, aber dafür hatte es einen Durchlauferhitzer für das Wasser im Badezimmer! Wir ruhten uns erst mal ein paar Minuten aus, und besprachen, was wir heute noch unternehmen würden. Wir wollten noch irgendwo essen gehen und einfach ein bisschen die Umgebung erkunden. Also machten wir uns mit dem kleinen Stadtplan aus dem Reiseführer auf den Weg. Bald schon merkten wir auch, dass Darjeeling eigentlich relativ klein und überschaubar ist. Unser Hotel war ganz nah vom Chowrasta, der grössten Touristenmeile von Darjeeling. Hier reihen sich Souvenirläden und Marktstände aneinander und man begegnet denselben Leuten zehnmal am Tag. Es war so schön zu sehen, dass wir nun mal nicht auffielen als einzige Weisse. Es hat hier so viele Touristen, sowohl Europäer/Amerikaner, wie auch Inder und Bengali, die hier Ferien machen. An diesem Abend spazierten wir einfach ein wenig den Ständen entlang und fanden dann bald das Park Hotel, das uns Mr. Way empfohlen hatte. Wir bekamen dort auch einen schönen Fensterplatz und bestellten Egg Chowmein und andere Chinesische Nudeln. So schön, wieder mal in einem Restaurant zu sitzen und etwas anderes als Reis zu essen. Wir beschlossen sogleich, die ganzen Ferien über keinen Reis anzurühren. Nach diesem feinen Essen gingen wir im Dunkeln zurück Richtung Hotel. Glücklicherweise hatte ich mir etwas früher noch eine Taschelampe gekauft und so fühlte ich mich auch sicherer, als in dieser noch fremden Stadt nachts im Dunkeln umherzustolpern. Auf dem Chowrasta-Platz war noch einiges los. Weil Diwali war, wurde auf einer Bühne getanzt und gesungen. Wir stellten uns also zwischen die Leute und verfolgten die Show. Es war ziemlich kalt und Valerie hatte schon ihre neu gekaufte, warme Mütze übergestülpt. Wir stöberten noch etwas in der besten Buchhandlung Darjeelings und fanden ein Nepali-Lernbuch, das wir uns gleich beide kauften. Schon gegen sieben Uhr waren wir dann zurück beim Hotel und verzogen uns bald unter die Decke. Es war nämlich auch im Hotelzimmer sehr kalt. Indien kennt soviel ich bis jetzt mitbekommen habe, keine Heizungen! Zwar hatte unser Zimmer einen offenen Kamin und ich versuchte auch ein Feuer zu machen, musste dann aber feststellen, dass die vermeintlichen Kohlen, heraus gebrochene Steine waren… So zogen wir einfach Schal und zwei Schichten unter den Pijamas an und schlüpften unter die doppelten Decken.
Sukrabar, 05.11.10
Shopping-Tag!! Wir hatten beschlossen, früh aufzustehen, zum Observatory Hill zu gehen, um das Himalaya-Panorama zu bewundern, dann irgendwo frühstücken zu gehen und anschliessend den ganzen Tag Darjeeling und die verschiedenen Shoppingmöglichkeiten zu erkunden. Um sieben Uhr verliessen wir das Hotel und gingen zum Chowrasta Platz hoch, von wo der Weg zum Observatory Hill starten sollte. Alle Läden waren noch geschlossen und keine Touristen unterwegs. Die Strasse um den Hügel herum fanden wir schnell und uns kamen sehr viele Jogger entgegen. Dies ist anscheinend die Morgensportstrecke für die „Einheimischen“. Schon nach einigen Schritten zeigten sich die schneebedeckten Himalaya-Berge in ihrer ganzen Pracht. Der Himmel war wolkenlos und so hatten wir eine extrem klare Sicht auf die Berge. Wir standen an einem der Aussichtspunkte und waren ganz vertieft in den wunderbaren Anblick. Da gesellte sich ein alter Inder zu uns und begann mit uns zu sprechen. Er hatte nur noch einen Zahn im Mund und das Gespräch war ganz nett, bis auf zwei Momente: 1. als er uns beschimpfte, weil wir sagten, dass wir keine Vegetarier seien und 2. als er anfing über die zwei Weltkriege und die Rolle Deutschlands darin zu referieren… Wir setzten dann unseren Weg rund um den Observatory Hill fort und es war einfach genial, die gute Höhenluft zu atmen, in der Morgensonne zu spazieren und dabei die ganze Zeit diese hohen, imposanten Berge vor Augen zu haben!! Gegen halb neun betraten wir das Glenary’s um zu frühstücken. Hier roch es schon von weitem nach feinem frischem Brot und wir bestellten ein üppiges Frühstück, das bald serviert wurde und ausgezeichnet schmeckte. Danach schlenderten wir an den Ständen entlang, begutachteten alles Mögliche und fingen auch bald an zu kaufen. Wir erstanden ganz viele schöne Sachen und freuten uns über jeden einzelnen Kauf. Wir gingen auch durch die kleine Nebenstrasse, wo es Restaurantstände gibt, die Tee und Momos anbieten. Hier kann man auch Hühner in kleinen Käfigen anschauen und dann gleich einen halben Blick später die gerupftenn Poulets, bereit zum Verkauf… Auch viele Fischstände und Gemüsebuden gibt es hier. Etwas später verliessen wir Chowrasta und gingen eher Richtung Bazaar hinunter. Hier fanden wir dann das Kino, und in dem gleichen Komplex ein sogenannter Big Bazaar, eine Art Supermarkt. Wir waren so entzückt zu sehen, dass es in Indien auch solche Läden gibt und wir wanderten durch jede einzelne Gestellreihe und begutachteten alles ganz genau. Hier kauften wir dann auch Kurtastoff und noch einige andere Dinge. Vollbepackt machten wir uns später auf zurück zum Hotel. Und nachdem wir uns etwas ausgeruht hatten, gingen wir in Ross’s Cafe essen. Es gefiel uns aber nicht so gut, wie es im Reiseführer angepriesen wird. Es ist Selbstbedienung und es zieht extrem in dem kleinen Raum. Ausserdem sind die Portionen sehr klein und auch nicht so schmackhaft. Dafür gibt es hier frisch gepressten Orangensaft, der köstlich schmeckt! Wir fanden beide den Tag sehr gelungen, hatten wir doch einen strahlend schönen Tag praktisch nur draussen verbracht mit „Tourist-spielen“. Abends liessen wir uns auf dem Chowrasta Platz wieder mit einigen Darbietungen unterhalten, waren aber auch wieder früh zurück im Hotel. Lieber wollten wir früh schlafen gehen und am Morgen früh dann wieder fit sein, damit wir die schöne Morgenaussicht geniessen konnten.
Sanibar, 06.11.10
Heute vor drei Monaten sind wir in Indien angekommen. Es erscheint mir wie eine Ewigkeit, und dann auch wieder nur wie „a blink of an eye“… Wir hatten vor, wieder unseren Morgenspaziergang zu machen, dann im Glenary’s ins Internet zu gehen, zu frühstücken und dann zum Zoo zu laufen. Diesmal sahen wir beim Observatory Hill ganz viele Affen, die sich gerade ihr Futter am zusammensuchen waren. Sie sassen keinen halben Meter entfernt von uns auf dem Boden, dem Zaun und auf vielen Bäumen und Strassenlampen und liessen sich kein bisschen von uns stören. Wir machten duzende von Fotos und hatten dann auch wieder eine atemberaubende Sicht auf die Berge. Ich glaube, diese Berge könnte ich jeden Tag anschauen und es würde mir nie langweilig dabei. Sie sind einfach so majestätisch und erhaben… schwer zu erklären. Während die Inder Frühsport machten, mit Liegestützen und anderen „Hampelfiguren“, verspeisten Valerie und ich gemütlich auf einer Bank ein paar Toasts mit Nutella und ein paar Äpfel, und hatten dabei freie Sicht auf die Berge. Gegen acht Uhr spazierten wir dann zum Glenary’s, wo uns das Personal sagte, dass es erst ab halb neun Internet gäbe. Wir kehrten nochmals um und setzten uns auf dem Chowrasta-Platz an die Sonne, lernten Nepali und liessen uns von den warmen Sonnenstrahlen aufwärmen. Im Internet waren wir dann die ersten, und ich konnte tatsächlich nach langem mal wieder ein paar Berichte auf meine Homepage stellen. Bald wehte uns der Duft von frischem Brot um die Nase, wir schlossen unsere Internet-Session ab und frühstückten ausgiebig. Danach spazierten wir die Strasse zum Hotel zurück und dann einfach diese Strasse weiter, Richtung Norden. Die Umgebung war hier sehr ruhig, keine Autos fuhren hupend vorbei und wir genossen die friedliche Atmosphäre. Nach ca. einer halben Stunde Marsch, sahen wir das Schild zum Zoo. Hier werden viele Himalaya-Spezialitäten gezeigt, auch viele Tiere, die vom Aussterben bedroht sind. Und wir hatten wirklich das Glück, alle Tiere auch zu sehen. Da ist zum Beispiel der berühmte „Red Panda“, er sieht ein wenig aus wie ein Waschbär, ist rot und hat ein weisses Gesicht und schwarze Beine. Ein ganz süsses Kerlchen. Ausserdem konnten wir einen Tiger bewundern, einen Schwarzbären ganz nah sehen und viele verschiedene Ziegenarten beim Rumklettern beobachten. Dann waren da auch noch die tibetischen Wölfe und ganz viele verschiedene Fasanenarten. Integriert in den Zoo ist das Himalayan Mountaineering Institute. Hier ist auch ein Museum untergebracht, das Wissenswertes über die Himalaya Berge und z.B. auch die Besteigung des Mount Everest zeigt. Nach einigen Stunden herumwandern im Zoogelände, beschlossen wir, nun auf dem Rückweg den anderen Weg zu gehen. An der Hauptstrasse entlang bis zum Chowk Bazaar und dann die ganze Strasse wieder hoch zu unserem Hotel. Es stellte sich heraus, dass des Zoo doch ein ganzes Stück vom Stadtkern entfernt liegt. Wir machten einmal Pause, setzten uns auf eine kleine Mauer, tranken Orangensaft und hatten dabei eine schöne Aussicht auf die Teegärten, die Darjeeling umschliessen. Im Bazaar kauften wir dann beide noch an einem Stand schöne Ledersandalen und auf dem Weg zum Hotel entdeckten wir einen Laden mit hunderten von farbenfrohen Schmuckketten. Wir gingen hinein und fanden uns in einem Paradies aus buntem Glasperlenschmuck wieder. Wir stöberten etwas zwischen all den „pretty“ Sachen herum und der Sohn des Ladenbesitzers half uns fleissig, indem er uns immer wieder neue Schätze präsentierte… Nach einiger Erholungszeit im Hotel machten wir uns auf den Weg, um irgendwo essen zu gehen. Wir entschieden uns für das Glenary’s. Hier sollte es laut Reiseführer gute europäische Küche geben und ausserdem auch ausgewählte indische Köstlichkeiten. Wir bekamen einen schönen Tisch und vergnügten uns beim Kniffelspielen und dann wurde auch schon das Essen serviert. Es schmeckte gut, war aber beinahe nicht gewürzt. Das ist uns ja bis jetzt noch gar nie passiert hier in Indien!! Meist ist alles zu scharf gewürzt und hier hatten wir das Gefühl, dass alle Gewürze abhanden gekommen sind. Der Koch hat die Anpassung für Europäer wohl etwas zu gut gemeint… Nach dem Essen genehmigten wir uns noch einen Cocktail, das heisst, zusammen einen. Der Kellner empfahl uns einen „Crazy Driver“: Wodka mit Orangensaft, war gar nicht schlecht, nur etwas stark. Und weil Valerie nur ein-zwei Schlucke trank, blieb fast alles an mir hängen. Es hat aber schön gewärmt, in dieser kalten Darjeeling-Nacht. Eigentlich hatten wir gedacht, dass Diwali schon vorbei sei, doch gerade heute Abend war einiges los. Als wir zurück beim Hotel waren, konnten wir erst gar nicht zu unserem Zimmer durchkommen, weil eine Gruppe junger Männer im Gang davor tanzten und sangen. Dies ist hier Brauch, dass solche Gruppen singend herumziehen und dann auch ein wenig Geld dafür bekommen. Man kann es eigentlich mit den Dreikönigssingern in Europa vergleichen. Wir hörten der Gruppe dann noch eine Weile zu, bis sie weiter zogen. Im Zimmer, als wir uns schon fertig fürs Bett gemacht hatten, hörten wir vor unserer Türe wieder eine Gruppe ankommen und so wurde unser Einschlafen von rhythmischen Gesängen begleitet; schön!!
Aitabar, 07.11.10
Heute mochten wir nicht früh genug aufstehen, um unseren Morgenspaziergang zu machen. Unser Plan war eigentlich, früh unseren Spaziergang zu machen, irgendwo auf der Strecke Nutella-Toasts zu essen und dann zum Bahnhof zu laufen und ein Billett für den Zug zu kaufen. So assen wir dann aber im Hotelzimmer unsere letzten Toasts und wanderten dann gleich los in Richtung Bahnhof. Wie üblich war noch fast niemand auf den Beinen und alle Läden waren noch geschlossen. Beim Bahnhof angekommen, stellten wir uns in die Schlange vor einem der Tickethäuschen. Schnell merkten wir, dass die Frau vor uns Deutsche war und so plauderten wir etwas mit ihr. Der Ticketbeamte schickte uns dann vor einen anderen Schalter, wo aber noch niemand war. Bald gesellten sich einige andere Leute dazu und wir erfuhren, dass die Ticketdame von Kurseong kommen würde, aber noch nicht eingetroffen war. Also blieb der Schalter halt einfach geschlossen, bis sie kam. Das ist Indien! Gegen halb zehn, als wir schon etwa eine Stunde gewartet hatten, öffnete der Schalter dann endlich. Die Dame meinte, eine Vergnügungsfahrt wäre an diesem Tag nur noch um 16 Uhr möglich. Diese „Joy rides“ werden mit einem Zug mit Dampflok angeboten und sind eine richtige Touristenattraktion. Für uns war es aber einfach der Spass mal mit diesem berühmten Toytrain von Darjeeling gefahren zu sein. Und so kauften wir dann zwei einfache Tickets zweiter Klasse nach Ghum mit dem regulären Dieselzug, der dann weiterfahren würde nach Kurseong. Die Fahrt war witzig, weil man die meiste Zeit beinahe neben dem Zug hätte mitlaufen können. So hatten wir aber auch Gelegenheit, den Kanchenjunga wieder einmal von einer anderen Seite zu bewundern. In Ghum angekommen, nach gut halbstündiger Fahrt, machten wir uns gleich auf den Rückweg nach Darjeeling. Denn Ghoom hat nicht wirklich viel zu bieten: ein paar kleine Shops, ein paar dreckige Strassen… Auf dem Rückweg besuchten wir noch einen Garten, der am schönsten Fleck dieser Zugstrecke angelegt ist. Hier macht der Zug eine Doppelschleife und der Garten bietet einen genialen Ausblick auf die Schneeberge. Wir machten duzende Fotos und es gelang uns dann sogar, die gelben Blumen, die Schneeberge und den Dampflok-Zug gleichzeitig auf ein Foto zu bannen… schon fast kitschig! Die Wanderung zurück nach Darjeeling dauerte dann noch ganz schön lange, immerhin waren es sieben Kilometer die Strasse entlang. Aber die Landschaft um uns herum bot immer wieder interessante Anblicke. Da waren natürlich die Berge, die in der Ferne glitzerten und da gab es auch das Kloster, das imposant am Eingang zu Darjeeling thront, mit goldenen Dächern und einem riesigen Eingangstor. Zurück beim Hotel, beschlossen wir, einige Zeit zu ruhen. Valerie hatte sich eine Erkältung eingefangen, es war ihr schon seit wir in Darjeeling angekommen waren nicht ganz wohl und der heutige Marsch hatte sie doch ganz schön geschafft. Sie schlief ein wenig und ich schrieb Karten; ja hier in Darjeeling kann man wirklich Postkarten finden, was in Kalimpong beinahe unmöglich ist… Gegen Abend wollten wir dann nochmals im Park Hotel essen gehen, weil es uns da am ersten Abend so gut geschmeckt hat. Als wir aber vor dem Lokal standen, mussten wir leider feststellen, dass es geschlossen hat. Wir assen dann nochmals im Glenary’s und heute schmeckte es um einiges würziger als gestern. Den Rest des Abends verbrachten wir im Hotel, gingen wieder früh schlafen und ich genoss es, so richtig müde zu sein vom Laufen heute.
Sombar, 08.11.10
Unser letzter Ferientag… so schnell ist diese schöne Zeit vergangen! Gegen sieben Uhr brachen wir zu unserem üblichen Morgenspaziergang auf und dieses Mal liefen wir in die umgekehrte Richtung. Erst war der Himmel noch nicht bedeckt und die Sicht gut. Doch schon bald zog Nebel auf und nach einigen Minuten bedeckte eine ganze Nebelwand die Hälfte der Gebirgskette. So früh wie möglich genehmigten wir uns im Glenary’s ein letztes Mal das Frühstück. Wir wollten noch einige letzte Einkäufe erledigen und dann sollten wir gegen Mittag Father Paul und die „Mumbai-Leute“ treffen. Sie wollten sich einfach einen Tag lang Darjeeling ansehen und uns dann mit zurück nach Kalimpong nehmen. Gegen halb 12 checkten wir im Hotel aus und fragten, ob wir im Gang bei den Sesseln warten könnten, bis uns unser Auto abholen würde. Und da sassen wir dann… und warteten, und warteten. Als es schon halb zwei Uhr war und wir immer noch nichts von Father Paul gehört hatten, rief ich ihn an. Er hatte gerade schlechte Verbindung und wollte mich zurück rufen. Doch dann rief Valerie noch Ruth an und sie sagten, wir sollten ganz schnell zum „Das Studio“ kommen und dann mit ihnen essen gehen. So kamen wir nun doch noch in den Genuss eines Essens im Park Hotel. Wir bestellten zusammen ganz viele verschiedene Dinge und teilten dann alles untereinander. Nach einer schaukelnden Fahrt (ich sass zusammen mit Ruth auf den hinteren Querbänken) kamen wir bei anbrechender Dunkelheit in Gandhi Ashram an, schleppten unsere gefüllten Taschen in unsere Zimmer und gesellten uns zu den Boarders und Brother für das Abendessen. Übrigens war in der Zwischenzeit Mrs. McCoull angekommen, die wie das Ehepaar Way der Gandhi Ashram School sehr hilft und jedes Jahr zweimal für ca. drei Wochen hierher kommt und auch in der Schule unterrichtet. Das Abendessen war extrem vergnüglich und noch viel besser war der anschliessende Tanzabend. Sogar Father Paul tanzte dieses Mal mit, wir tanzten „Freestyle“ zu aller möglichen Musik und zwischendurch auch einige Standardtänze… Dazwischen tranken wir zusammen das Bier und den Wein, welche Valerie und ich aus Darjeeling mitgebracht hatten. Weil es der letzte Abend der „Mumbaileute“ war, wollten Valerie und ich auch unbedingt noch Fotos mit ihnen austauschen. Das dauerte dann seine Zeit und wir kamen schliesslich erst um halb zwei Uhr ins Bett.
Mangalbar, 09.11.10
Eigentlich wollte ich den Tag nutzen um mich wieder hier einzurichten, für die Schule vorzubereiten, zu waschen und auszuruhen. Aber es waren Gäste aus Schottland angemeldet, die um 10 Uhr die Schule besichtigen wollten. Valerie, Dominik, Ajay und ich sollten ihnen etwas vorspielen und so hiess es früh aufstehen und proben. Ich suchte einige Noten zusammen und wir probten eine gute Stunde. Die Gäste tauchten um zehn nicht auf, und als sie um elf immer noch nicht da waren, beschlossen wir, den Tag anders zu nutzen. Ich trank noch mit Misses McCoull und Ajay Tee in der Küche und stibitze eine Köstlichkeit, die Jerry gerade frisch zubereitete. Dann nahm mich Ajay noch mit zu den „Puppys“. Betty hatte in der Zwischenzeit einen Unfall gehabt: entweder ist sie ganz blöd an einem Stacheldraht hängen geblieben oder jemand hat mutwillig auf sie eingestochen. Auf jeden Fall hatte sie eines Morgens plötzlich ein Loch in ihrer Kehle und Blut war durch das ganze Schulgelände verstreut. Sie hat nun ganz traurige Augen und erscheint mir wie ausgewechselt. Zum Glück geht es ihr schon wieder ein bisschen besser und sie schaut immer noch gut nach ihren Kindern. Eines von den sechs ist aber leider gestorben, es war wohl zu schwach. Die anderen fünf sind aber quicklebendig, stolpern tollpatschig herum und versuchen sich schon im Knurren und Bellen. Allerliebst! Den Nachmittag nutzte ich dann, um wieder mal richtig Ordnung in meinem Zimmer zu schaffen, ich habe auch den Papierlampenschirm und die Elefantenkette, die ich in Darjeeling erstanden habe, aufgehängt und es ist nun wirklich richtig gemütlich hier bei mir. Diese Putz- und Aufräumaktion hat aber sehr viel Zeit gekostet und so kam ich gar nicht dazu all meine Erlebnisse von den Ferien aufzuschreiben. Um halb sechs traffen Valerie, Mrs. McCoull und ich Father Paul und John. Wir wurden von Mrs. McCoull zum Essen ausgeführt, ein Geschenk auch vom Ehepaar Way für uns Volunteers. So fuhren wir also zum Soods Garden Resort. Dieses Hotel ist mir bisher nie aufgefallen, wenn wir in die Stadt gefahren sind. Das Essen war schlicht, typische Nepali-Gerichte, aber exzellent zubereitet. Wir waren die einzigen Gäste im Restaurant, was ein bisschen komisch war, weil so die ganze Aufmerksamkeit der vier Kellner auf uns lag und sie schon angesprungen kamen, wenn wir nur die kleinste Bewegung machten.
Buddhabar, 10.11.10
Back to normality… oder auch nicht. Da diese Schulwoche mit einem Mittwoch beginnt, sollte sie eigentlich gemütlich und mit einem freien Nachmittag für mich starten. Aber jetzt beginnt eine richtig anstrengende Zeit: Die Konzertreise nach Mumbai im Januar wird nun sehr viel Vorbereitungszeit in Anspruch nehmen, wir werden keine freie Minute mehr haben. Als Erstes haben Valerie und ich beschlossen, alle von Hand geschriebenen Noten in mein Notenschreibprogramm einzugeben und dann wirklich gut leserliche Noten für die Schüler zu haben. Das ist aber ein ganzer Haufen Arbeit!! Dann müssen alle Bogenstriche gemacht werden, ganz abgesehen von all der Probenarbeit, die noch nötig ist, damit die Stücke dann auch wirklich gut klingen… Bei einer Probe mit den zwei jüngeren Cellisten habe ich gemerkt, dass der eine oft „Geigenfingersätze“ verwendet, also oft nicht nur unrein sondern auch wirklich falsch spielt. Da werde ich noch einige Male zu kämpfen haben, bis er das korrekt kann. Und dann die vermeintliche Orchesterprobe am Nachmittag. Eigentlich hätten ja alle Schüler, die nach Mumbai fahren werden, zum Proben kommen sollen. Aber irgendwie war nur das halbe Orchester da. Ich probte dann mit dem einen Bratschisten und mit drei Cellisten. Schon nach einer halben Stunde hiess es, die Probe sei zu Ende. Wir hatten aber wenigstens in dieser halben Stunde effizient an zwei Stücken gearbeitet. Soviel mir Valerie erzählt hat, war dies in der Probe mit Rudra Sir gar nicht der Fall. Sie haben um zehn vor fünf begonnen zu proben und um fünf Uhr schon wieder aufgehört…so werden sie niemals gut genug vorbereitet sein bis zum Januar! Valerie undich haben uns dann gemeinsam eine Strategie überlegt und versuchen nun dieses ganze Projekt in die rechten Bahnen zu leiten. Am Abend habe ich noch bis halb zwölf Noten geschrieben und bin dann todmüde ins Bett gefallen.
Bihibar, 11.11.10
Heute Morgen ist etwas Schönes passiert: bei den „Exercises“ mit den 1.Klässlern ist mir Sugam, einer meiner kleinen Schlingel aufgefallen. Er hat mit unglaublicher Kraft auf Zehenspitzen Liegestützen gemacht. Ich habe ihn dann sehr gelobt und er hat mich angegrinst. Sonst musste ich ihn bisher meistens ermahnen, das heisst, wenn ich mit ihm gesprochen habe, war es meistens, weil ich nicht mit ihm zufrieden war. Diese positive Aufmerksamkeit heute muss ihm extrem gut getan haben. Er war nämlich dann die ganze Stunde über sehr aufmerksam und brav! Dazu haben sich dann auch Edwin, Krishna und Pratik gesellt und so hatte ich mit der Hälfte meiner kleinsten Jungs eine wirklich gelungene Lektion. Die andern hampelten zwar immer noch oft herum, aber dies ist doch schon mal ein ganz schöner Teilerfolg!! Auch die Lektionen mit Klasse 2 und 3 waren heute gut und so war es ein ganz angenehmer Morgen. In der Freistunde nach dem Teabreak schaffte ich es, noch die Theoriehefte für meine Class 5 Jungs vorzubereiten und so wurde auch diese Stunde angenehm und für die Schüler lehrreich. Es ist wirklich erstaunlich, wie gut sie auf diese Hefte ansprechen und wie ernsthaft sie die Aufgaben zu lösen versuchen! Am Nachmittag probte ich dann eine ganze Lektion lang mit einem Schüler der 6.Klasse alleine. Ihm wurde die Chance gegeben auch mit nach Mumbai zu gehen, obwohl er bisher nicht einmal im Junior Orchestra gespielt hat. Er ist momentan noch ziemlich verloren und ich musste feststellen, dass er keine Tonleitern kennt und auch noch nicht viele Versetzungszeichen spielen kann. Eine schwierige Ausgangslage, vor allem weil er nun in relativ kurzer Zeit ca. 25 nicht einfache Stücke lernen muss. Eine Herausforderung für mich, die ich aber gedenke zu meistern… Mit den Proben für Mumbai werden wir wohl erst nach den Jahresexamen beginnen, weil die Schüler jetzt gerade einfach zu sehr mit Lernen eingespannt sind. Morgen haben wir aber eine Besprechung mit Father Paul und den beiden Musiklehrern, wo wir dann hoffentlich einen guten Probeplan ausarbeiten können. Sonst steht gerade auch noch der „Childrens Day“ an, den wir am Montag feiern werden. Deshalb werden die Schüler morgen Nachmittag frei haben, damit wir Lehrer einige Darbietungen einüben können. Eventuell werde ich mit Brother einen Slow Waltz tanzen, mal sehen ob was daraus wird.
Sukrabar, 12.11.10
Der Tag ist schnell vorüber gegangen. Am Morgen hatten wir Musiklehrer in der zweiten Stunde eine Besprechung mit Father Paul. Er hat betont, wie wichtig dieser Auftritt in Mumbai sein wird und dass es nun wirklich sehr nötig ist, gut zu planen und effektiv zu arbeiten. Dann haben wir mit Rudra und Kamal ausgemacht, dass wir uns in der vierten Lektion wieder treffen würden um einen Probeplan auszuarbeiten. Als wir dann nach dem Teabreak mit ihnen zusammen sassen, hatten sie schon eine ganz gute Strategie zurecht gelegt. Ich war wirklich erstaunt: anscheinend hat die „Predigt“ von Father Paul schon Wirkung gezeigt! Die Beiden haben dann gesagt, dass wir gerne auch noch Vorschläge beisteuern könnten und sie waren sehr froh, dass wir die Noten präparieren würden und ich die Bogenstriche machen werde… Nach dem Lunch hatten die Kinder Aufräumarbeiten in der Schule zu tun und dann konnten sie nach Hause gehen, weil die Lehrer noch für den Children’s Day proben wollten. Ich übte mit Brother Slow Waltz auf der Bühne in der Halle und es ist schön so elegant zu tanzen und einige Figuren auszuprobieren! Gegen Abend sind wir dann alle ins Parrish gegangen, weil Father Paul uns zum Abendessen eingeladen hat. Wir waren früh dran und spielten zu acht eine Runde Kniffel. Die Elektizität war wieder einmal am Spinnen und das Licht ging an und aus. Nach dem köstlichen Essen, feinkörniger Reis (nicht dieses grobe Gemisch, das es unter der Woche gibt), zartes Hühnchen, Gemüse und Chapatti. Es war so lecker, dass Valerie und ich wieder einmal richtig viel gegessen haben. Und nach dem Essen legte Father Paul Tanzmusik auf und wir alle tanzten gute zwei Stunden lang vergnügt in dem kleinen Essraum. Ein gelungener Abend!
Sa
06
Nov
2010
Hallo Welt, (oder wer auch immer, diese Berichte liest)
Ich bin in Darjeeling, geniesse die Hoehenluft und das "Tourist"-Spielen. Es ist genial, wenn man mal nicht die einzige Weisse ist, die Einzige die alles fotografiert, und die Einzige, die es geniesst Souvenirs anzuschauen und zu kaufen...
Den vollstaendigen Bericht ueber meine "Ferien" hier in Darjeeling werde ich im naechsten Bericht schreiben, jetzt will ich naemlich vor allem moeglichst viel von Darjeeling sehen.
Ich bin uebrigens in diesen drei Wochen, in denen ich jetzt keine neuen Berichte aufs Internet gestellt habe nicht verschwunden. Nur, das Internet hatte so seine Macken (das musste ja mal passieren) und so gibt es dafuer jetzt umso mehr nachzulesen...
Es waere fuer mich uebrigens mal interessant zu wissen, wer eigentlich hier regelmaessig, oder ab und zu liest. Ich weiss von einigen, aber wer weiss, wer da still und heimlich immer mal wieder vorbeischaut...
Deshalb faende ich es wirklich schoen, wenn ich ein paar Nachrichten aus der "fernen" westlichen Welt bekommen wuerde. Ich bin einfach neugierig, wer alles mein Leben hier mitverfolgt...
Nun aber also all die neuen Berichte:
Aitabar, 31.10.10
Heute habe ich das erste Mal gehandelt beim Einkaufen: Valerie und ich sind auf den Markt gegangen, weil ich mir eine so coole Hose kaufen wollte, wie sie sie vor ein paar Wochen mit ein paar Mädchen aus der Schule gekauft hat. Wir fanden auch bald in dem bunten Gewühl einen Stand, wo es solche halblangen Pluderhosen gibt. Das Mädchen am Stand hat uns gesagt, die Hose koste 200 Rupien. Valerie hat letztes Mal 150 bezahlt, also habe ich gesagt, ich würde die Hose nicht für so viel kaufen. Sofort hat das Mädchen gefragt, wie viel ich dann geben würde… und mit 150 war sie mehr als zufrieden. Und ich war stolz auf meine „bargain“-Künste.
Nachdem wir durch den ganzen Markt geschlendert sind besuchten wir ganz obligatorisch das Internet-Café und das Internet hat funktioniert… aber der PC war leider irgendwie allergisch gegen meinen USB-Stick und hat jedes Mal den Geist aufgegeben, wenn ich versucht habe etwas vom Stick aufs Internet zu übertragen.
Also habe ich weder neue Fotos hochladen können noch endlich die neuen Berichte auf meine Homepage stellen können. Auch die Mails, die ich unter der Woche geschrieben habe, konnte ich nicht versenden. Dafür habe ich ganz lange geskypet was wirklich gut getan hat!
Nach unserer langen Internetsession waren wir hungrig und haben uns im „Pizza Pan“ eine grosse Pizza geteilt, was für ein Festessen!!
Anschliessend sind wir noch ein wenig durch die Strassen geschlendert, haben einige Einkäufe gemacht (z.B. auch Äpfel), ja wir fühlen uns jetzt wirklich schon sehr heimisch in Kalimpong und schlängeln uns zwischen den sich stauenden Kleinbussen durch die Strassen wie Einheimische.
Den Rest des Sonntags habe ich dann noch mit Nepali-Lernen und Vorbereiten für die Schüler verbracht. Valerie und ich haben in der Stadt 20 Schulhefte gekauft und wollen von nun an mit unseren Klavier- und Celloschülern auch etwas Theorie machen.
Es ist viel effizienter, wenn die Schüler, die gerade nicht am Spielen sind, auch eine sinnvolle Beschäftigung haben, statt dass sie die anderen vom konzentrierten Üben abhalten. In den Klassen vier und fünf habe ich nämlich 4 und 3 Schüler. Diese nehme ich jeweils nacheinander dran und die anderen haben dann nichts zu tun.
Jetzt habe ich für jeden Einzelnen ein Heft begonnen, wo ich Aufgaben reinschreibe, die sie dann in dieser Zeit lösen müssen. Ich frage sie da Notennamen ab, lasse sie rhythmische Aufgaben lösen, etc.
Mal schauen wie das bei den Schülern ankommt…
Das Abendessen war heute eine ganz vergnügliche Sache. Die drei jungen Leute aus Mumbai sind nämlich sehr offen und reden gerne. Sie sind sehr gebildet, aber auch witzig und einfach interessiert. Wir sind noch ziemlich lange sitzen geblieben und dann hat Dominick noch gefragt, ob ich ihm helfen könnte zwei Arbeiten einzufassen, die er morgen in der Schule abgeben muss. Es sind zwei Biologiearbeiten und schliesslich musste ich sie nicht nur doppelt einfassen sondern auch noch beschriften. Es musste gut aussehen und ich habe mir wirklich Mühe gegeben, hoffentlich reicht das.
Sombar, 01.11.10
Ich kann es kaum glauben, dass schon November ist!! Die Zeit verrinnt ungesehen.
Heute haben meine 1.Klasse Jungs ungewöhnlich gut mitgemacht. Sie haben sich ohne zu murren vor dem Zimmer in einer Schlange aufgestellt und sind dann einigermassen ruhig mit mir in den Kreis gekommen. Und ab da hatte ich freies Spiel. Sie haben bei allem gut mitgemacht und auch viele eigene Ideen eingebracht. Super.
Die Drei aus Mumbai sind den ganzen Tag immer mal wieder aufgetaucht, haben Fotos und Filme gemacht und beim Unterricht zugeschaut. Und dann haben sie mir gesagt, wie interessant sie es finden, mir beim Unterrichten zuzusehen. Ich hätte so eine gute Art, den Kindern Dinge zu erklären. Es sei verständlich, nett und witzig… ich könne sie einfach gut nehmen. Ausserdem meinten sie, ich hätte eine sehr effiziente Art. Das alles hat mich so gefreut zu hören!!
Nach drei Uhr hat dann das Junior Orchestra geprobt, oder besser gesagt die Stücke durchgespielt, die gerade im Programm sind. Ich weiss nicht genau wozu das nützlich sein sollte, ich glaube aber, dass Rudra und Kamal den „Mumbaileuten“ einfach zeigen wollten, was die Kinder alles können.
Der Tag wurde dann noch ziemlich anstrengend, weil auch das Senior Orchestra noch zum Proben kam.
Ich spiele ja jetzt wieder Bratsche und Urbanus, mein Bratschenkollege, liebt es während der Probe mit mir zu schwatzen. Heute hat er gefragt ob meine Kleider „Swiss style“ seien. Ich hatte ein halblanges Oberteil an und meine Armstulpen darüber, weil es nun auch hier gegen Abend ziemlich kühl wird. Ich habe dann gesagt, das sei nicht „Swiss style“ sondern mein Stil. Da hat er nur gelacht und gemeint, es gefalle ihm auf jeden Fall sehr gut.
Die Probe musste dann ziemlich bald beendet werden. Weil es hier nun schon gegen 17 Uhr dunkel wird und die Elektrizität wieder mal ausgesetzt hatte, sahen wir nämlich beim Spielen beinahe nichts mehr.
Valerie und ich wollten danach noch Bettys Babys besuchen, die nun die Augen geöffnet haben, wie uns die Boarders erzählten.
Ich nahm eines der Kleinen auf den Arm, da kam auch schon Betty angerannt und sprang an mir hoch. Es ist wohl nicht so eine gute Idee in der Dämmerung da hin zu gehen. Betty ist dann übervorsichtig und versucht ihre Kinder vor allen Eindringlingen zu verteidigen.
Mangalbar, 02.11.10
Heute war Valeries Assembly Day und wir haben gemeinsam einen Teil des 1.Satzes aus Bachs Violin-Doppelkonzert gespielt. Es immer wieder schön, so zu zweit spielen zu können. Und hinzu kommt, dass es eine gute Vorspielübung ist, vor 200 Schülern zu spielen, die jede Bewegung genau verfolgen.
Wie aufmerksam sie uns beobachten, habe ich heute wieder einmal gemerkt. Ich habe nach Langem wieder einmal meine „Musiknoten-Ohrringe“ getragen und sicher sieben Leute haben mich darauf angesprochen…
Mit der achten Klasse hatte ich heute eine Superlektion: ich unterrichte da die Jungs der 2. Violine aus dem Orchester. Und jetzt haben wir wieder den Pachelbelkanon aufgenommen. Ich übe mit ihnen Lagenwechsel und Fingerfertigkeit, eingebaut in dieses schöne Stück. Und die Jungs machen wirklich gut mit und mögen glaube ich meinen Unterricht auch ganz gerne.
Meine Übungshefte sind bei den 4. und 5.Klässlern gut angekommen. Sie versuchen konzentriert die Aufgaben zu lösen und fragen nach, wenn sie etwas nicht wissen. Ich glaube, sie werden so noch ganz viel Neues dazulernen können!
Das Senior Orchestra hatte heute nochmals Probe und Rudra Sir hat seinen kleinen, achtjährigen Sohn mitspielen lassen. Mir war gleich klar, dass er ihn unbedingt mit nach Mumbai mitnehmen lassen will, fair ist das aber überhaupt nicht, gegenüber vielen anderen.
Er liess ihn dann sogar ein Solo spielen, was ich wirklich unnötig fand. Klar spielt er für sein Alter ziemlich gut, aber es kann nicht sein, dass er so bevorzugt wird, nur weil er der Sohn vom Musiklehrer ist, während vielen anderen Kindern so Chancen verbaut werden, wo sie zeigen könnten, was in ihnen steckt!
Übrigens: hier blühen nun überall Weihnachtssterne und zeigen schon ein wenig vorweihnächtliche Stimmung. Diese Weihnachtssterne sind aber nicht so kleine Zierpflanzen, wie man sie bei uns zu Hause kennt, sondern es sind ausgewachsene ca. 2m hohe Bäume. Es sieht genial schön aus, wenn einige dieser Sträucher nebeneinander stehen und überall die leuchtend roten Blütenblätter aus dem saftigen Grün herausblitzen.
Buddhabar, 03.11.10
Irgendwie war heute schon ein halber Ferientag. Weil mittwochs Theorietag ist, hatten Valerie und ich den ganzen Nachmittag frei, aber trotzdem viel zu tun.
Am Morgen habe ich mit meinen 1.Klasse Jungs wieder mal einige Probleme gehabt. Edwin, mein sonst so unruhiger, problematischer Lausebengel, hat sich heute extrem gut benommen, ist die ganze Zeit an meiner Seite geblieben und war ruhig und aufmerksam. Dafür haben sich alle anderen benommen wie ein wild gewordener Haufen „Monkeys“. Anfangs ging es ja noch ganz gut, doch dann überbordete es irgendwie und ich konnte sie nicht mehr ruhig kriegen. Also liess ich sie nach dem Ende der Stunde noch im Kreis stehen, bis sie ruhig waren und habe versucht, ihnen zu erklären, dass ich sie nicht mehr unterrichten werde, wenn sie sich nicht besser benehmen. Als ich dann ein paar Rückfragen gestellt habe, um zu sehen, ob sie begriffen haben, was ich ihnen gesagt habe, musste ich merken, dass sie eigentlich nichts verstanden haben. Weil die Kinder so schnell neue Wörter lernen und viele Floskeln kennen, vergisst man leicht, dass sie ja erst seit einem Jahr (oder etwas länger) English lernen.
Ich muss mir also jetzt wirklich Gedanken machen, wie ich sie spielerisch und ohne viele Worte zum Mitmachen ohne Störungen bringen kann.
In der Teepause hat Father Paul heute uns Lehrern gesagt, dass wir vorsichtig und aufmerksam sein sollen, wie wir mit den Kindern umgehen. Zuneigung zu zeigen, sei zwar nicht schlecht, aber wir sollten einen gesunden Respektsabstand zwischen Lehrern und Schülern wahren. Er hat das Thema „Missbrauch“ nur so umschrieben, aber es war klar, was er ausdrücken wollte.
Ausserdem hat er gesagt, wer eigene Kinder an der Schule hat, soll aufpassen, dass er diese nicht bevorzugt behandelt.
Die Ansprache war gut, aber ich habe die Befürchtung, dass es mit den Lehrern ein wenig wie mit den Kindern ist. Sie hören aufmerksam zu, nicken zum Verständnis, aber ob wirklich so viel klar geworden ist, wird sich dann erst noch zeigen…
Nach dem Mittagessen half ich Valerie einen Lebenslauf auf Englisch zu schreiben, den sie für Mumbai braucht. Diese Reise wird sicher genial werden: die Organisation ist extrem gut und alles ist sorgfältig geplant.
Die drei Mumbai-Leute hatten dann mit Father Paul und Father Patel ein Meeting, wo entschieden wurde, wer nun definitiv nach Mumbai fahren darf. Ich durfte noch Empfehlungen abgeben, wen ich geeignet finde.
Den ganzen Rest des Nachmittags verbrachten Valerie und ich damit, Noten aus einer Partitur in mein Notenschreibprogramm zu übertragen. Ich habe wie wild meine Tastatur traktiert, während mir Valerie jeweils gezeigt hat, wo wir gerade sind im Stück… eine mühsame Arbeit!
Wir wurden dann aber belohnt für unsere Mühe, als uns Father Paul nach unten rief. Wir durften helfen Momos zu machen, für das Dinner.
Es wurde eine extrem gemütliche Runde. Gemeinsam mit zwei ehemaligen Schülerinnen von Gandhi Ashram, die zu Besuch waren, John, Dominick, Ajay, Sunam, Pasang, Brother Ajay, und den drei Mumbaiern, stellten wir duzende von Momos her. Erst half ich, den Teig zu kleinen Kugeln zu rollen, die wir dann ein wenig flach drückten. Dann zeigte mir Pasang, wie man die Momos mit einer Fleisch-Zwiebel-Mischung füllt und dann kunstvoll schliesst.
Und zum Schluss half ich Dominick beim auswallen der Teigkugeln zu runden Fladen.
So habe ich also alle Arbeitsschritte selbst ausprobiert… eigentlich sollte ich nun selbst Momos herstellen können…
Vor dem Abendessen spielten wir mit einigen Leuten noch Kniffel (ein Würfelspiel) und tranken Tumba, das lokale Getreidebier, serviert in Bambushumpen.
Nun sind wir noch sehr lange mit Ruth, dem Mädchen aus Mumbai, in der Küche gesessen und haben bei einer Tasse Tee geplaudert. Es tut gut mit jemandem sprechen zu können, der gleich denkt und eine schnelle Auffassungsgabe hat…
Jetzt muss ich aber langsam aufhören zu schreiben. Es ist schon spät und morgen wollen wir ja nach Darjeeling aufbrechen. Eigentlich war geplant, dass die Drei aus Mumbai auch mitkommen und wir uns so einen Jeep teilen können. Nun haben sich deren Pläne aber geändert und so werden wir wohl eine Mitfahrgelegenheit finden müssen.
Und dann heisst es in Darjeeling erst mal ein Hotel finden.
Ach, wie freue ich mich auf dieses Abenteuer, ganz alleine mit Valerie, independent… für ein paar Tage!!
Sa
06
Nov
2010
Diese Woche hatte ich gar keine Lust zu schreiben. Ich war so enttäuscht letztes Wochenende, dass das Internet weder am Samstag noch am Sonntag funktioniert hat. Und deshalb habe ich gar nicht schreiben wollen…
Hier nun aber trotzdem Einiges zu dieser Woche:
Am Sonntag sind wir also nochmals in die Stadt gefahren. Wir wollten uns ein Internet-Modem kaufen und dazu ist Brother mitgekommen. Man muss nämlich Papiere vorzeigen, und als Inder ist es viel einfacher. Doch der Herr im Shop hat gemeint, am Sonntag hätten die zuständigen Stellen geschlossen, das Modem könne nicht angeschlossen werden und deshalb könne er es uns nicht verkaufen. Schade, wir hatten uns schon ausgemalt, dass wir ab jetzt gemütlich von unserem Zimmer aus ins Internet gehen können. Nun müssen wir uns also noch gedulden.
Die zweite Enttäuschung war dann, dass in der ganzen Stadt immer noch kein Internet da war. Irgendwie müssen die Antennen gestört sein, ein Frust!
Weil wir somit gar nichts mehr zu tun hatten, aber nicht schon wieder heimfahren wollten, luden wir Brother auf eine Pizza im „Pizza Pan“ Restaurant ein. Wir hatten das Restaurant am Samstag entdeckt und wollten es mal ausprobieren.
Die Pizza schmeckt echt lecker, da werden wir bestimmt noch öfters hingehen!
Zurück an der Schule besuchten wir noch Bettys kleine Hundebabys. Sie haben die Augen immer noch nicht geöffnet, saugten aber wie wild an unseren Daumen und Fingern herum.
Am Abend ist dann noch Marion, eine ehemalige Volunteer aus Deutschland, angekommen. Sie hat in Sikkim Freunde besucht und wird nun einen Monat hier im Kindergarten mithelfen.
Sombar - Monday, 25.10.10
Juhui, die Schule hat wieder angefangen! Ich habe mich soooo auf die Kinder gefreut, es tat gut, am Morgen wieder ihr Lachen, Kreischen und Rumrennen zu hören. Ich hatte sie in den Ferien wirklich sehr vermisst.
Am Sonntag hatte ich mir noch einige Gedanken gemacht, womit ich weiterfahren will und wie ich z.B. den Cellounterricht gestalten will. Aber so richtig kreativ wurde ich erst jetzt, als ich die Kinder wieder leibhaftig vor mir hatte. Die Ideen stürmten nur so auf mich ein.
Bei den Klassen 1-3 haben wir die Gruppen wieder unterteilt, es war Valeries Idee, aber ich bin damit auch einverstanden. Nun habe ich also wieder meine kleinen 6-9er Gruppen und es läuft meistens gut.
Die Kinder haben jetzt zum grössten Teil auch schon gelernt, dass sie vor der Türe in der Schlange stehen sollen und wir dann gemeinsam ruhig ins Zimmer gehen und einen Kreis bilden. So sind sie von Anfang an mit dabei und wir können schneller mit Singen und Spielen beginnen.
Weil am Samstag ein Konzert in Darjeeling stattfinden wird, haben wir mit dem Junior Orchestra zu üben begonnen. Erst einmal einfach zwei Nepali Stücke, die sie eigentlich schon kennen, die aber noch aufgefrischt werden müssen.
Mangalbar - Tuesday, 26.10.10
Ein anstrengender Tag, weil wir viele Jungsgruppen unterrichtet haben und weil sowohl das Junior, wie auch das Senior Orchestra geprobt hat. Beim Senior spiele ich jetzt wieder auf der Bratsche mit und es war ziemlich schwierig, wieder vom Geigen- und Bassschlüssel zum Bratschenschlüssel zu wechseln. Nach ein paar Tönen hatte ich es aber wieder raus und konnte am Ende vom Stück schon viele Fehler korrigieren, die sich in den Notentext eingeschlichen haben.
Am Abend habe ich ganz viele Sachen für meine Celloschüler vorbereitet. Ich habe Stücke erfunden für die Viertklässler, die gerade beginnen, ihre 3. und 4. Finger zu benutzen und ich habe Exercises für die 5.Klässler erfunden… Nun gestalten sich die Cellostunden schon viel strukturierter.
Ausserdem habe ich viel Nepali gelernt, ich bin gerade wirklich mit Feuereifer dabei. Es ist einfach spannend zu sehen, dass die geheimnisvollen Zeichen langsam eine Bedeutung bekommen. Nun habe ich das Alphabet aufgeschrieben, einen Menschen und einen Kopf gezeichnet und alle möglichen Teile davon beschriftet und das alles an die Wände gehängt. Es lernt sich viel leichter, wenn ich es immer vor Augen habe, sobald ich ins Zimmer komme.
Buddhabar - Wednesday, 27.10.10
Heute konnte ich fast nicht zuschauen wie Kamal Sir das Junior Orchestra geleitet hat…
Eigentlich hatten wir in der letzten Stunde nichts zu tun gehabt, weil Rudra Sir Theorie unterrichtet hat. Kamal ist irgendwo herumgewandert und hat wirklich gar nichts gemacht. Und als es dann Zeit fürs Orchester war, hat er begonnen Noten zu suchen!!
Unglaublich!
Ich habe dem ein wenig zugeschaut, alle Instrumente gestimmt und dann habe ich ihn gefragt, ob ich mit Tonleitern beginnen soll. Er meinte das sei eine gute Idee und so habe ich begonnen.
Ich forderte die Schüler auch auf, nach vorne zu schauen, die Geigen in guter Position zu halten und auf ihre Bögen zu achten.
Nach den Tonleitern habe ich gleich weiter gemacht mit den zwei schon bekannten Stücken.
Kamal Sir schaut beim Dirigieren immer ganz angestrengt in die Noten, obwohl er die Stücke eigentlich längst kennen sollte. Ich habe auswendig dirigiert und so die Kinder auch viel mehr mitziehen können. Ich habe Einsätze gegeben und sie immer wieder angegrinst, wenn sie mal nach vorne gesehen haben. Ich weiss nicht, ob ich mir das nur eingebildet habe, aber für mich klang das Orchester so viel lebendiger und auch schöner in der Tongebung!
Gegen Abend, als es schon dunkel wurde, fiel wieder einmal der Strom aus. Und was soll man machen, wenn es schon zu dunkel ist, um irgendwas zu sehen und doch noch eine Stunde bis zum Abendessen? Valerie und ich haben uns vor unseren Zimmern an die frische Luft gesetzt und mehr als eine Stunde zusammen gesungen. Manchmal einstimmig und dann auch wieder zweistimmig. Es war so schön und wir haben gemerkt, dass wir ja doch einige Lieder gemeinsam kennen. Ein wirklich schöner Tagesabschluss!!
Bihibar – Thursday, 28.10.10
Neben dem normalen Unterricht mit den Kleinen, haben wir heute fast den ganzen Tag mit dem Junior Orchestra geprobt. Ich habe Cellostimmen verbessert und z.T. neu geschrieben, habe die Instrumente bestimmt hundertmal gestimmt… und war überall gleichzeitig. Am Ende schwirrte mir echt der Kopf!
Nach der Schule, um 15 Uhr, sollte dann noch ein Abschiedstee für Mr. Way stattfinden. Aber der war noch gar nicht da. „Mr. Way is on the way“… hiess es. Und er liess auf sich warten.
Als er dann gegen halb vier endlich auftauchte, spielten Mr. Rudra, Mr. Kamal, Valerie und ich zwei Stücke im Quartett. Das war richtig schön, mal wieder Quartett spielen zu können.
Anschliessend gaben Vivien Sir und Pemba Sir jeweils noch ein Lied zum Besten.
Dann hielt Mr. Way noch eine Ansprache, verteilte jedem Lehrer ein Geschenk und schliesslich gab es Tee, Gebäck und Knabberzeug.
Valerie und ich unternahmen anschliessend noch einen kleinen Spaziergang zur Brücke hoch, weil wir dachten, dass wir vielleicht in einem der kleinen Shops an der Strasse Äpfel finden würden. Leider wurden wir nicht fündig, aber wir haben das Herumlaufen genossen und auf einer Inschrift an einem Denkmal versucht, die Nepali-Schriftzeichen zu entziffern, was wirklich witzig war.
Sukrabar – Friday, 29.10.10
Valerie und ich haben heute beim Lunch gestaunt: eigentlich hatten wir gar keine Lust gehabt zum Essen zu gehen… der Reis hängt uns langsam zum Hals heraus. Wir haben uns dann aber überwunden und siehe da, es gab etwas Spezielles.
Jerry, der Koch, muss es extra für uns zubereitet haben. Da war nämlich eine Extraschüssel mit fünf gekochten Kartoffeln drin. Nichts anderes, einfach gekochte Kartoffeln! Was für ein Festessen für uns!!
Die Lehrer haben gelacht, als sie gesehen haben, wie wir uns freuten…
Nun haben die Schüler „Duty“, das heisst Schule putzen, aufräumen, etc. und wir haben ein wenig länger Mittagspause. Gleich werde ich aber runter gehen und wohl nochmals einen ganzen Nachmittag mit dem Orchester proben.
Auf den Ausflug nach Darjeeling freue ich mich aber schon sehr. Morgen um 8 Uhr geht es los und wir werden erst spät abends wieder kommen. Mal schauen, ob wir dieses Mal Gelegenheit haben werden, wenigsten etwas von Darjeeling zu sehen, oder ob wir nur den ganzen Tag mit Proben im Konzertraum verbringen werden…
Sanibar – Saturday, 30.10.10
Morgens um acht Uhr pferchten wir uns zu 50igst in den Schulbus, welcher eigentlich nur für ca. 30 Leute konzipiert ist! Ich habe die Kinder beim Einsteigen beobachtet und bald war es mir ein Rätsel, wie da noch sieben Lehrer und alle Instrumente reinpassen sollten…
Aber irgendwie ging es. Die Kinder pferchten sich zu viert oder zu fünft auf einen Dreiersitz, manche sassen auf den Seitenlehnen und einige sind auch die ganze Fahrt über im Gang gestanden.
Weil der Bus so gross ist, konnten wir nicht die normale Route nach Darjeeling fahren. So bogen wir bei der Teestabrücke Richtung Siliguri ab und nahmen dann eine andere Strasse hoch nach Darjeeling. Die Kinder schwatzten, sangen, und assen viel… und dann wurde es einigen auch schlecht!
Wir mussten einige Male halten, damit sich die Betroffenen säubern konnten und wir alle etwas frische Luft schnappen konnten.
Mir wurde es dann auch etwas unwohl im Magen, nicht weil mir selbst schlecht geworden war, sondern einfach vom Zuschauen
Gegen Ende der Fahrt, sahen wir plötzlich auf der rechten Seite den Kanchenjunga. Er thronte über den Hügeln Darjeelings und schimmerte in seiner ganzen Schneepracht. Die Kinder waren entzückt: sie hatten diese Schneeberge noch nie gesehen und auch Schnee war ihnen bis anhin unbekannt. „Miss, ist his snow? Will there be snow in Darjeeling?“ fragten sie des öfteren.
Nein, natürlich hat es in Darjeeling nicht geschneit! Es war zwar eher kühl, aber auch schön sonnig und klar.
Wir erreichten das College, wo das Konzert stattfinden sollte, um ca. 12 Uhr, also nach gut vier Stunden Fahrt.
Alle waren froh, den stickigen, überfüllten Bus verlassen zu können. Uns wurde zuerst Tee und Gebäck angeboten und dann gab es auch schon Lunch.
Eigentlich hatten wir geglaubt, dass das Konzert um 16 Uhr beginnen würde, aber dann hiess es, die Show beginne schon um zwei Uhr.
Also blieb uns gar nicht mehr viel Zeit, alle Notenständer aufzustellen, die Instrumente zu stimmen, die Dresses für die Tänze anzuziehen… es war ein Durcheinander in dem kleinen Hinterzimmer und alle waren sehr aufgeregt. Bei mir machten sich langsam Kopfschmerzen bemerkbar, ich verdrängte sie aber so gut wie möglich.
Father hatte noch bemerkt, dass wir die CD mit der Tanzmusik in Kalimpong vergessen hatten… er machte erst alle Anderen dafür verantwortlich. Dabei war er der Letzte gewesen, der die CD am Freitagabend zu sich ins Büro genommen hatte. Naja, jetzt konnten wir daran auch nichts mehr ändern.
Anil Sir ging dann in die Stadt, um irgendwie die drei Musikstücke zu beschaffen. Und tatsächlich hat es dann geklappt. Das wäre ja schön doof gewesen, wenn all die Tänzer vergebens mitgekommen wären!!
Der Auftritt des Orchesters war dann ziemlich gut. Ich spielte bei der 1.Geige mit und ausser dem ganz neu eingeübten Stück klappte alles ziemlich rein und einwandfrei.
Die Tänze waren auch schön anzusehen, aber beim Western Dance klappte es nicht so gut. Das Musikstück war nicht vollständig, und so brach dann die Choreographie etwas auseinander… schade!
Neben den Auftritten unserer Kinder traten auch noch zwei Kinder mit einem Nepalivolkstanz auf und eine Jungengruppe sang ein Lied über Darjeeling.
Und dann zum Schluss trat ein Teenie-Sing-Star auf. Unsere Kinder waren begeistert!! Das Mädchen hat wirklich super schön gesungen, nur konnte ich es leider nicht so geniessen, weil meine Kopfschmerzen inzwischen mörderisch geworden waren.
Nach dem Konzert machten wir uns gleich auf den Heimweg. Es begann auch schon dunkel zu werden und der Heimweg war ja wirklich lange. Ich setzte mich im Bus auf den vordersten Sitz neben dem Fahrer, weil ich befürchtete, dass mir schlecht werden würde von den Kopfschmerzen.
Zum Glück half es dann etwas, dass ich ruhig sitzen konnte und die Augen schliessen konnte.
Die Kinder waren richtig aufgedreht, sangen, oder besser schrien Lieder, kreischten und machten einen unglaublichen Lärm. Ich bastelte mir aus einem Papiertaschentuch Ohrstöpsel und versuchte zu schlafen.
Kalimpong erreichten wir dann um halb neun Uhr abends. Es war schon stockdunkel und wir alle waren froh zu Hause zu sein. Die Kinder wurden von ihren Eltern mit Taschenlampen abgeholt und wir stiegen müde zum Essraum hinunter.
Essen mochten wir zwar nicht, aber es waren drei Gäste aus Mumbai angekommen, die es zu begrüssen galt. Und was für eine Überraschung: einen der drei jungen Leute hatte ich schon mal gesehen! Er war damals auf unserer Mumbaireise zu uns ins Hotel gekommen. Ich weiss zwar noch nicht, wer diese Leute sind und was sie hier machen werden, sie wirken aber alle sehr sympathisch.
Father offerierte dann noch selbstgemachten „gird“ (Yoghurt), den wir gerne annahmen. Er hat vor einer Woche von jemandem diese Joghurt-Bakterien bekommen und produziert nun jeden Abend mit der übriggebliebenen Milch eben Joghurt für den nächsten Tag. Erst haben Valerie und ich nur ganz wenig probiert, es war uns ein wenig suspekt. Aber es schmeckt so unglaublich gut, dass wir nun jeden Abend eine Tasse davon geniessen!!
Ganz kaputt und immer noch mit Kopfschmerzen verabschiedete ich mich dann sobald wie möglich, um ins Bett zu gehen.
Aitabar – Sunday, 31.10.10
Ich bin nicht zur Kirche gegangen. Als mein Wecker um sieben Uhr geklingelt hat, fühlte ich mich noch so schwach, dass ich beschlossen habe, noch ein wenig liegen zu bleiben. So habe ich nun bis fast neun Uhr geschlafen, die Haare gewaschen und gefrühstückt.
Nun schreibe ich noch die letzten Zeilen vom neuen Bericht und bald gehen Valerie und ich in die Stadt.
Hoffen wir das Beste, dass es heute Internet hat!!
Ach ja, noch ein Ausblick auf die kommende Woche:
Ab Donnerstag sind schon wieder kurze Ferien, weil Diwali (Lichterfest) ist. Valerie und ich haben vor, zu zweit ein paar Tage nach Darjeeling zu fahren, um Darjeeling endlich auch mal zu erleben. Wir schauen jetzt nach einem guten Hotel, und planen, was wir alles machen werden… richtig aufregend!
Sa
06
Nov
2010
Wow, wow, wow was für ein Abenteuer… Diese Trekking–Tour hatte wirklich „ups and downs“ und zwar im wörtlich-geografischen Sinne, wie auch im emotionalen! Jetzt aber alles der Reihe nach: Monday, 18.10.10 Um halb vier Uhr bin ich aufgewacht, habe zum letzten Mal gecheckt, ob ich alles eingepackt habe und bin dann zum Frühstücksraum hinunter gegangen. Unsere Reisegruppe, bestehend aus Father Patel, Brother Ajay, Dominik und John, war vollständig versammelt. Valerie und Father Paul kamen leider nicht mit! Eigentlich wollten wir um 4 Uhr losfahren, aber wie es halt so ist mit der „indian time“… der Fahrer war noch nicht da und alle haben noch gemütlich Tee geschlürft. Um halb fünf ging es dann aber los und gleich richtig! Raam, unser Fahrer, raste die Strasse in extremem Tempo hinunter. Alle sprachen ein Vater unser und ein „Hail Mary“, dann wurde es ruhig, weil wir noch etwas dösen wollten. Nach der Teesta-River-Bridge fuhren wir den Hang Richtung Darjeeling hinauf. Mir wurde ein wenig komisch im Magen und Brother wurde richtig übel. Irgendwann nach Darjeeling ging dann die Sonne auf. Und plötzlich konnte ich durch ein Wolkenloch einen Teil der schneebedeckten Himalaya-Berge sehen. Grandios! In Mana Bhanjang verliessen wir dann das Auto und suchten ein „Restaurant“, wo wir frühstücken könnten. Dann wiesen uns die Leute darauf hin, dass sich „Foreigners“ im Police Office melden müssten. Ausserdem hätte ich einen Führer für 500 Rupien gebraucht. Irgendwie haben es „meine Männer“ aber geschafft, dass wir alle nur den Eintritt in den Singalila Nationalpark bezahlen mussten. Zum Frühstück teilten wir uns dann drei Teller „Chow Mein“, chinesische Nudeln, die überteuert waren und nicht so toll schmeckten, halt typisch Touristenkaff… Um 8.15 Uhr begann dann unsere Wanderung. Es war recht kühl, aber schon bald wurde uns heiss, weil der Pfad steil berghoch führte. Nach ein-zwei Stunden erreichten wir Chitray, ein buddhistisches Kloster, wo viele bunte Gebetsfahnen draussen im Wind flatterten. Wären diese Fahnen und die Tempel nicht, könnte man meinen, man wandere irgendwo in der Schweiz. Dort beim Kloster überquerten wir auch erstmals die Grenze zu Nepal, was dann in den nächsten Tagen öfters geschah, weil diese Trekkingroute auf Grenzgebiet liegt. Nach einigen Stunden Wanderung genossen wir dann ein paar Bisquits und eine Tasse Tee mit Yakmilch vor einer Hütte irgendwo im Nirgendwo. Der ganze Rest der Tagesstrecke war dann anstrengend zu laufen, weil es die meiste Zeit steil hinauf ging und es so neblig-kalt war, dass wir leider nicht weit sehen konnten! Schon kurz nach 1 Uhr erreichten wir unser Tagesziel Tumbling, das auf 3150m.ü.M liegt. Wir haben also heute über tausend Höhenmeter überwunden… Die Lodge ist sehr gemütlich und ich teile mir mit den vier Männern ein Zimmer. Ich hätte nie gedacht, dass das akzeptabel ist: mit einem Father, einem Brother und zwei Schülern ein Zimmer zu teilen! Nach einem feinen, sättigenden Lunch kuschelte ich mich in einige Decken und wir alle verschliefen dann den feucht-trüben Nachmittag. Gegen fünf Uhr weckte uns Father, weil draussen ein wunderschöner Sonnenuntergang zu sehen war. Der Himmel hatte aufgeklart und ringsherum konnten wir auf duzende Hügel und Berge hinuntersehen. Und in der Ferne sah man auch die Schneegrenze der Himalaya-Berge. Hoffentlich wird morgen ein klarer Tag!! Jetzt haben wir Messe gefeiert und warten auf unser Abendessen. Ich schreibe bei Kerzenlicht, weil es hier nur Solarstrom gibt. Und weil heute ein so trüber Tag war, hat es nun zu wenig Strom für die Lampen… Tuesday, 19.10.10 Happy Birthday Papa!! Ich habe heute ganz speziell an dich gedacht, als ich morgens um halb sechs den spektakulären Sonnenaufgang über dem Himalaya-Gebirge bewundert habe… Ja, wir sind kurz nach fünf Uhr aufgestanden und sind in der fröstelnden Morgenkälte auf den Hügelkamm geklettert, wo man die beste Sicht hat. Dort konnten wir dann beobachten, wie sich der Himmel erst blassgolden, dann rosa und schliesslich rot färbte. Das Kanchenjunga-Massiv war deutlich zu sehen und langsam färbten sich die schneebedeckten Spitzen blass-rosa-golden… einfach wunderschön!! Mir hat es wirklich den Atem verschlagen bei diesem Naturschauspiel. Nur schon dafür hat sich der beschwerliche Weg hier hinauf gelohnt! Wir haben das Spektakel genossen, auch wenn Father sich über die paar Wolken beklagt hat, welche die „ganz klare Sicht“ verunstaltet haben. Anstatt dass er sich einfach über dieses Wunder gefreut hätte… Um halb sieben sind wir dann, ohne Frühstück, losgewandert. Wir wussten, dass heute eine lange Strecke von 19 km vor uns lag, der Grossteil davon bergauf. Nach einer Stunde Wanderung genossen wir dann eine Tasse Tee und eine Nudelsuppe, bevor wir weiterwanderten. Der Weg führte auf und ab, was wir an Höhe gewannen, verloren wir bald danach wieder auf einem steil abfallenden Pfad. Kurz nach elf Uhr erreichten wir Kalo Pokhari, den schwarzen See. Auf diesem See schwammen Lotusblüten und an den Ufern flatterten bunte Gebetsfahnen. Bei den Häusern am Hang fragten wir, wie weit es noch bis zum nächsten Dorf Chown Chowk sei, weil wir dort zu Mittag essen wollten. Eine Frau sagte uns dann, dass es wohl noch eine Stunde zu laufen sei, es dort aber weder Läden noch Restaurants gebe. Also haben wir in Kalo Pokhari Nudelsuppe gegessen und sind nach einer knappen halben Stunde weitergewandert. In Bhikhay Bhanjang hielt uns dann ein Militärposten vom Weiterwandern ab. Ein Soldat fragte mich recht unfreundlich, wo mein Führer sei und warum ich keinen habe. Wir haben dann wieder erklärt, dass dies ein „Schulausflug“ ist und ich musste meinen Pass zeigen. Von da an ging es nur noch steil hinauf, erst einige hundert Treppenstufen und dann einfach eine hoprige Steinstrasse entlang. Weil es so neblig war, konnten wir nicht sehen, wie weit es noch ist. Ich war müde und ich glaube wir alle waren ziemlich geschafft. Endlich klarte der Himmel dann für einige Sekunden auf und ich konnte ein paar hundert Meter ob uns ein ziemlich grosses Haus sehen. Dies musste die Sherpa Lodge von Sandakphu sein. Was für eine Erleichterung. Innerhalb einer halben Stunde erreichten wir dann endlich die Bergspitze, wo sich auf einem sehr kleinen Plateau ein paar Häuser drängten: Sandakphu!! Wir fanden schnell das Sunrise Chalet, wo wir zwei Zimmer zugewiesen bekamen. Eigentlich wollten mir die Männer ein Zimmer überlassen, aber ich fand es unnötig, dass sie sich zu viert in ein kleines Zimmer drängen sollten und ich ein Dreibettzimmer für mich alleine haben sollte. Also kamen John und Brother auch noch in mein Zimmer. Es war soooo kalt, dass ich mich, nachdem ich frische, trockene Kleider angezogen hatte, wieder mal unter ein paar Decken verkroch. Trotz einer dicken Decke und einer Wolldecke fror ich immer noch und so brachte mir John dann noch eine Extradecke. Sobald wir uns im Zimmer eingerichtet hatten, begann es draussen wieder extrem stark zu regnen und dann hagelte es sogar. John erzählte Brother und mir ein paar Geschichten, dann schliefen wir ein wenig. Gegen fünf Uhr bewunderten wir die letzten Rottöne des Sonnenuntergangs. Ich fror erbärmlich, obwohl ich schon einige Schichten Kleider anhatte. Wir feierten Messe im Zimmer von Father und Dominik, ich in meiner Jacke, Faserpelz, Pullover, T-Shirt… und ich hatte meinen Schal als Kopftuch umgewickelt, trotzdem klapperten mir die Zähne. Ich vermisste die Heizung! Kälte draussen macht mir nichts aus, wenn man sich nur dann auch wieder irgendwo aufwärmen kann. Später wurde das Dinner serviert, ich mochte aber fast nichts essen, weil mir so kalt war. Brother konnte das dann nicht mehr mit ansehen und ging fragen, ob ich eine Zeit lang in die Küche gehen könne, um mich am Feuer aufzuwärmen. Dort durfte ich dann zusammen mit einem französischen Touristen und einer amerikanischen jungen Mutter, die mit ihrem sechs Monate alten Baby auf Trekking Tour war, am Feuer sitzen. Endlich konnte ich dann nach einiger Zeit meine Füsse wieder fühlen und meine Zähne hörten auf, wie verrückt zu klappern. Nach einer gemütlichen halben Stunde an der Wärme verkroch ich mich unter drei Decken, vollkommen angezogen, in meinen Seidenschlafsack. Erst war es unmöglich einzuschlafen. Ich sah meinen Atem als kleine Dunstwolken ob mir schweben und meine Nase war wieder eiszapfenkalt!! Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie so gefroren… Ich vermisste meine persönliche strahlende Heizsonne, meinen Bettwärmer (Christoph) sehr!!! Irgendwann mitten in der Nacht wachte ich dann aber auf, weil mir viel zu heiss war und ich Kopfschmerzen hatte. Zum Glück konnte ich dann aber nochmals einschlafen und als mich Brother kurz nach fünf Uhr weckte, war ich einigermassen ausgeruht. Wir traten in die Morgenkälte hinaus und es war ein spektakulärer Anblick. Wieder hatte der Himmel über Nacht aufgeklart und vor uns erstreckte sich in voller Breite das Himalaya-Massiv. Der Kanchenjunga war am imposantesten zu sehen, weil er am nächsten ist. Gegen Nepal hin wurden dann die Berge immer kleiner, aber nicht weniger schön anzusehen. Ich machte hunderte Fotos vom langsam heller werdenden Himmel, der aufgehenden Sonne und all den Schneebergen, die sich auch golden zu färben begannen und dann hell-weiss strahlten. Ein Führer zeigte mir, wo ich den Mount Everest sehen kann und ich war echt entzückt. Dieser höchste Berg der Welt sah zwar von unserem Standort aus im Vergleich zu anderen sehr klein aus, aber es war trotzdem eindrücklich, ihn überhaupt mal zu sehen. Nach dem Zusammenpacken trat ich nochmals vor die Hütte und mich erschlug der Anblick fast. Der ganze Himmel war nun wolkenlos und der Kanchenjunga sprang mir fast ins Gesicht, so nah schien er! Dieses Trekking hat sich wirklich gelohnt, all die anstrengenden Stunden den Berg hinauf keuchen, es war es wert!! Nach einer Schale Porridge verliessen wir Sandakphu um acht Uhr. Weil wir in Phallut keine Lodge reserviert hatten, war es uns zu riskant einfach auf gut Glück loszuwandern. Die einzige andere Übernachtungsmöglichkeit wäre nämlich das Zelt, wenn man kein Zimmer findet und dann wäre ich sicher halb, wenn nicht ganz erfroren Also wanderten wir Richtung Rimbik, eine Strecke von 21km! Aber weil wir praktisch alles nach unten wandern würden, fand Father, das sei gut machbar. Und wirklich, am Anfang legten wir ein extrem gutes Tempo vor und waren bald schon sehr weit von Sandakphu entfernt. Dann begann es leicht zu regnen und es wurde wieder etwas kühl. Trotzdem wanderten wir weiter und liessen uns davon nicht unsere gute Laune verderben. Irgendwo, mitten im Wald machten wir dann Rast und assen unseren letzten Proviant. Dann ging der Weg plötzlich nur noch steil bergab. Weil es geregnet hatte war die Erde aufgeweicht, die sonst wohl eher sandartigen Pfade hatten sich in Schlammrutschen verwandelt und es war praktisch unmöglich zu laufen ohne auszurutschen. Erst wanderten wir ungefähr im gleichen Tempo weiter, aber bald wurde ich vorsichtiger. Es war immerhin noch weit nach Rimbik und ich wollte mir in dieser Einöde nicht einen Knöchel verstauchen oder Schlimmeres. Auch John lief langsam, wir hatten etwa das gleiche Tempo. Und als Brother merkte, dass auch er nicht so trittfest war, schloss er sich unserer langsamen Gruppe an. Dominik und Father warteten auf einer kleinen Waldlichtung auf uns. Wir tranken etwas Wasser und ich lief dann an der Spitze voraus. Aber schon nach einigen Schritten überholte mich Father und meinte, er könne nicht so langsam laufen, sonst falle er. Und weg waren sie…. Dominik und Father „rannten“ einfach auf und davon. Wir dachten, sie würden wohl irgendwann wieder auf uns warten, aber da war niemand mehr. Erst fanden wir es ja fast noch witzig, dann aber wurden wir langsam ärgerlich. Speziell als wir an eine Wegkreuzung kamen und keine Ahnung hatten, wo wir hinmussten! Wir folgten dem einen Pfad, mussten plötzlich eine Zeit lang im Bachbett eines kleinen Flusses wandern und hatten das Gefühl uns völlig verlaufen zu haben. Nochmals kamen wir an eine Wegkreuzung. Brother fragte mich zwar, welchen Weg ich wählen würde, aber ich war so müde, dass ich die beiden anderen einfach entscheiden liess. Und so kam es, dass wir den steilsten Weg wählten, geradeaus bergab. Ich war schon sehr müde und der Pfad war soooo glitschig… also war es nicht zu vermeiden, dass ich hinfiel. Es tat ziemlich weh, weil ich meinen linken Arm verdrehte. Dann stand ich aber vorsichtig wieder auf und lief weiter. Und rumms, schon wieder fand ich mich auf dem Rücken wieder. Es war nicht mehr lustig und mir kamen die Tränen, weil ich so erschöpft war, einfach nicht mehr konnte und wusste, dass ich wieder hinfallen würde, wenn ich jetzt weiterlaufen würde. Brother half mir auf und sagte, komm geh weiter, langsam und so… ich versuchte es, schniefte ein wenig, blinzelte die Tränen weg und ging vorsichtig weiter. Doch ich fiel noch zwei Mal hin, schürfte mir den rechten Arm etwas auf und war einfach über und über mit Schlamm bespritzt!! Ich konnte nicht mehr, war einfach am Ende meiner Kräfte. Nach diesem steilen Stück fanden wir uns auf einem grossen Platz wieder, aber von da ging kein Weg weiter. Ich putzte mir erstmal die Nase, setzte mich hin und versuchte das gröbste an Schmutz zu entfernen, aber es war sinnlos… Und was jetzt? Wir wussten alle nicht weiter und Brother und John wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollten, so verweint und fertig wie ich war… Schliesslich entschieden wir, dieses steile Stück zurück hoch zu klettern und dann einen der waagrecht verlaufenden Pfade auszuprobieren. Brother half mir hinauf, sonst wäre ich bestimmt wieder abgestürzt. Dann entschieden wir uns für den linken Weg. Nach einigen Metern sahen wir Kühe auf dem Pfad und folgten diesen weiter. Doch wo sollte das hinführen? Und dann, wie aus dem Nichts sahen wir drei Mädchen auf einem Pfad ob uns. Wir riefen und sie fragten uns, was wir hier machten und wo wir hin wollten. Als sie hörten, dass wir nach Rimbik unterwegs seien, lachten sie und meinten, dazu müssten wir genau in die entgegen gesetzte Richtung unterwegs sein. Sie waren auch in diese Richtung unterwegs und halfen uns den rechten Weg zu finden. Richtige Engel!! Wir mussten dann wieder rauf und runter, mir kam es endlos vor, und meine Beine zitterten vor Anstrengung. Gerade als ich Brother fragte, wie weit es nun wohl noch sei, sahen wir die ersten Häuser von Rimbik: was für eine Erleichterung!! Es hatte nämlich inzwischen wieder angefangen zu regnen und der Pfad war noch glitschiger geworden… In Rimbik wussten wir dann nicht recht, was mir machen sollten. Es war nach 3 Uhr und erst liefen wir die Hauptstrasse entlang, konnten aber keine Spur von den anderen entdecken. Also fragten wir einige Leute, wie wir zur Schule, die von Schwestern geführt wird, gelangen können. Sie wiesen uns den Weg aus der Stadt hinaus und so wanderten wir dort hin. Zum Glück war eine Schwester zu Hause, sie nahm uns auf, meinte, um diese Zeit bekämen wir kein Fahrzeug mehr Richtung Kalimpong. Wir könnten aber hier übernachten und morgen dann weiterfahren. Ich bekam eine kleine Kammer und war dankbar, dass ich mich nun frisch machen konnte und meine geschundenen Glieder ausstrecken konnte. Das Waschwasser war zwar eiskalt, aber erfrischend… Ich hatte mich gerade gewaschen, umgezogen und sass total kaputt auf dem Bett, als ich die Stimme von Father hörte. Also waren die Beiden auch angekommen. Ich folgte seiner Stimme zum Zimmer von Brother und John. Und dann begann es: „wo wir eigentlich gewesen seien, …sie hätten immer wieder auf uns gewartet, und hier in Rimbik hätten sie jetzt schon drei Stunden auf uns gewartet,… auch wenn wir uns verlaufen haben, hätten wir nicht so viel Rückstand haben sollen,… sie hätten extra ihre Rucksäcke vor dem Greenhill Hotel gelassen, warum wir sie nicht gefunden hätten…“ und so ging es weiter und weiter. Kein Wort davon, dass er froh sei, uns gefunden zu haben, oder auch nur eine Frage, warum wir spät waren oder wie es uns gehe!!! NICHTS DAVON!! Ich konnte es kaum glauben, auf der anderen Seite fand ich es gar nicht so erstaunlich. Wer so „selfish“ ist, dass er einfach davon rennt, sobald jemand nicht das Tempo halten kann, dem ist es wohl auch egal, wie diese anderen empfinden! John, Brother und ich waren wütend, aber wir alle drei hatten gar keine Gelegenheit etwas zu Father zu sagen, weil der schon wieder abgerauscht war, um Dominik zu holen. Wir machten uns also auf Richtung Stadt um irgendwo verspätet zu Mittag zu essen. Im Green Hill Hotel assen wir dann „Fried Rice and Eggs“, es schmeckte uns unglaublich gut, wohl auch, weil wir so ausgehungert waren. Brother meinte dann, er brauche nun ein Bier und so tranken wir gemeinsam auf unser Abenteuer. Zurück bei der Schule, setzte ich mich dann zu Father, Dominik und den Schwestern, die Tee tranken. Father begann schon wieder mit seiner Litanei, dass wir eigentlich längst hätten ankommen sollen, dass wir unseren „common sense“ hätten gebrauchen müssen, etc. Da habe ich ihn unterbrochen und gesagt, dass es wirklich nicht mehr lustig war, dass ich ein paar Mal hingefallen sei und ich am Ende meiner Kräfte gewesen sei. Und ich verstände nicht, warum sie nicht lange genug auf uns gewartet hätten. Dominik der gerade eben noch irgendeinen Witz über unsere „Irrfahrt“ gemacht hatte, wurde ganz still… Später führten wir die Schwestern dann zum Essen aus und als wir dann alle um den Tisch versammelt waren und auf unsere Reise anstiessen, sagte Dominik zu mir „Rahel, I’m sorry“. Ich verstand zuerst gar nicht, wofür er sich entschuldigte, aber dann fuhr er weiter, dass es ihm leid tue, dass sie beide einfach losgelaufen waren und dass ich hingefallen bin und es mir schlecht ging. Das hat mir richtig gut getan. Auch wenn Father es nicht eingesehen hat, Dominik hat verstanden, worum es heute ging. Die Nacht war dann ganz angenehm und ruhig, wieder mal in einem Zimmer für mich alleine. Um ca. 5 Uhr weckten mich die Schwestern, weil wir um halb sechs noch Messe feiern wollten, bevor uns das Auto nach Darjeeling um halb sieben abholen wollte. Im Auto drängten sich dann Father, John, Dominik und ich auf die hinterste der drei Sitzreihen. Insgesamt waren wir die meiste Zeit der Fahrt 13 Erwachsene und 1-2 Babys im Jeep plus noch 2-4 Leute auf dem Gepäckträger auf dem Dach des Jeeps! Die Fahrt kam mir sehr lange vor, die Strasse war ziemlich schlecht, mit vielen Schlaglöchern und Flussbetten die überquert werden mussten. Irgendwo auf der Strecke gab es dann eine Frühstückspause und wir suchten ein Restaurant, das Momos anbietet. Wir mussten einige Restaurants abklappern, weil fast überall die Momos schon ausgegangen waren. Schliesslich fanden wir aber ein winziges Lokal und konnten danach gestärkt wieder weiterfahren. Gegen zwölf Uhr kamen wir dann endlich in Darjeeling an, assen in der North Point Schule zu Mittag und gingen dann gleich wieder in die Stadt um ein Fahrzeug für die Heimreise zu finden. An der geschäftigen Hauptstrasse drängten sich zwar die Fahrzeuge, allerdings waren anscheinend schon alle normalen Jeeps nach Kalimpong abgefahren! Welch ein Frust. Schliesslich fand Father aber ein kleines Büsschen, dass uns fünf nach Kalimpong bringen würde. Zuerst sass ich zusammen mit Dominik und dem Fahrer auf dem vorderen Sitz. Ich eingeklemmt in der Mitte, was der absolute Horrorplatz ist: Erstens hat man keine Rückenlehne und sitzt direkt im Spalt zwischen den zwei Sitzen, zweitens grabscht einen der Fahrer die ganze Zeit ans Bein, wenn er schalten muss…. Ich habe mich nicht beklagt aber die anderen haben wohl gemerkt, wie unwohl ich mich gefühlt habe und so rief Father Dominik nach hinten und ich konnte den ganzen Beifahrersitz für mich alleine haben. Welch ein Luxus! Ich hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass die vier Männer sich nun auf dem Rücksitz zusammendrängen mussten, bot ihnen an, mit einem von ihnen zu tauschen. Doch als sie ablehnten, genoss ich halt einfach die nun sehr bequeme Reise. Als wir die Hügel von Darjeeling hinunter fuhren, war wohl gerade Arbeitsschluss auf den Teeplantagen. Es kamen uns nämlich duzende von Frauen mit Körben auf dem Kopf und Rücken entgegen, die Teearbeiterinnen. Zurück in Kalimpong war ich soooo froh, endlich wieder eine Dusche nehmen zu können und einfach noch drei Tage Zeit zu haben, um zu entspannen, bevor die Schule wieder los geht. Diese Abenteuerreise wird mir wohl für immer gut in Erinnerung bleiben!! Friday, 22.10.10 Nur ein kleiner Eintrag zu heute: Es hat den ganzen Tag geregnet und so habe ich die meiste Zeit mit Lesen, Berichte schreiben und Noten schreiben verbracht. Zwischendurch habe ich mit Ajay Betty, unseren Hund, besucht. Sie hat nämlich im Vorraum zum Kuhstall sechs winzige, süsse Hundebabys zur Welt gebracht, die nun gerade mal fünf Tage alt sind! Sie haben schon ein ganz schönes Fell, die Augen sind aber noch geschlossen. Wenn man sie auf den Arm nimmt kuscheln sie sich in die Armbeuge, winseln ein wenig und sind einfach allerliebst… sooooo süss!!! Saturday, 23.10.10 Was für ein Frust! In der ganzen Stadt gibt es kein Internet… dabei hätte ich doch sooo viel zu erzählen. Weil wir also nicht ins Internet konnten, fiel unser „Town“-Besuch viel kürzer als üblich aus. Dafür hatten wir dann einen ganzen Nachmittag und Abend für andere Sachen frei. Und so haben Valerie und ich lange Nepali miteinander geübt, geschwatzt und gegen Abend noch einen Spaziergang mit Brother, Ajay und John gemacht. Morgen fahren wir nochmals in die Stadt und hoffentlich ist dann dieses Verbindungsproblem gelöst…. Ich drücke alle Daumen die ich habe. Es ist schon sooo lange her, seit ich im Skype war!!!
So
17
Okt
2010
09.10.10
Heute bin ich zum ersten Mal seit Langem Händchenhaltend spazieren gegangen…. Nein nicht mit irgendeinem jungen, gutaussehenden Inder, sondern mit einem zarten, kleinen Kindergartenmädchen.
Die Boarders, Valerie und ich waren gerade auf dem Weg zu Jerry, unserem Koch, wo wir etwas abholen sollten. Auf dem Weg trafen wir dann einige Kinder, darunter auch Joachim, ein Lausebengel aus der 1.Klasse und eben dieses kleine Mädchen namens Pritty.
Sie ist auch in der Schule schon ein paar Mal zu mir gekommen, hat sich bei den Proben auf meinen Schoss gesetzt oder mich einfach lieb angelächelt. Und nun nahm sie meine Hand und kletterte so mit mir Hügel hinauf und hinunter in einem ziemlichen Tempo. Ich habe es sehr genossen, inmitten der Kinder durch den Abend zu wandern, ihren melodischen Stimmen zu lauschen, während sie fröhlich in Nepali miteinander schwatzten und einfach den Abend zu geniessen.
Bei Jerry wurden wir dann mit Bananenwein bewirtet. Es hat ziemlich gut geschmeckt, aber ich glaube, der Alkoholpegel war auch ziemlich hoch! Es kam auch noch der Gärtner von der Schule vorbei mit seiner kleinen schüchternen Tochter und so mussten wir dann auch noch bei ihm vorbei schauen. Dort gab es dann nochmals Bier und Valerie und ich hatten langsam genug. Dominik hat gar nichts getrunken und er meinte, das könnte er nicht, weil er in seinem Dorf sei…
Die Boarders wurden dann auch langsam etwas nervös, weil es schon so spät geworden war. Uns hatten sie erzählt, wir müssten mitkommen, um irgendwas in diesem Dorf zu arbeiten. Jetzt auf dem Heimweg erzählte mir Dominik dann, dass Father sie zu Jerry geschickt habe, um etwas abzuholen und sie eigentlich längst zurück sein sollten. Sie hatten Father auch nicht erzählt, dass sie uns mitnehmen und so ging ich, zurück bei der Schule, gleich auf mein Zimmer, während sich die Boarders bei Father eine Standpauke anhören mussten… Irgendwie ein schlechtes Gefühl, ohne es zu wissen, in eine „verbotene“ Situation gekommen zu sein! Ich werde von nun an zweimal nachfragen, wenn die Boarders uns zu irgendwas mitschleifen wollen.
10.10.10
Wie üblich am Sonntag, haben wir um 6 Uhr Basketball gespielt. Es war aber nicht so gut wie sonst. Ich fühlte mich ziemlich überflüssig und war auch noch sehr müde. Nach einer erfrischenden Dusche, war dann Kirche angesagt. Im Parrish trafen wir auch wieder die drei Leute von „Missio“. Der Gottesdienst war schön, ich habe versucht, alle Lieder mitzusingen, der Melodie nach und beim Text habe ich einfach irgendwelche Laute gebildet, die ähnlich geklungen haben wie die Nepali-Wörter, die eigentlich benötigt werden.
Nach dem Gottesdienst blieben wir dann länger als sonst im Parrish, schauten den Deutschen beim Interview mit Jerome und Thomas zu und lernten dabei viel Neues. Jerome wohnt anscheinend alleine mit seiner etwa 16 jährigen Schwester und seiner 10 jährigen Cousine in einem gemieteten Haus. Seine Mutter wohnt in der Nähe der Grenze zu Sikkim und hat ihre Kinder nach Kalimpong geschickt, damit sie eine gute Schulbildung bekommen. Jerome ist so ein talentierter, aufmerksamer und fleissiger Schüler, es ist ein wahres Glück, dass ihm so auch die nötige Hilfe gegeben werden kann!
Etwas später melkte Father Paul noch die Kuh des Parrish und wir schauten alle dabei zu, während der Fotograph tausende von Bildern schoss. Die Kuh hat auch ein Kälbchen, ein echt süsses Ding, das sehr zutraulich ist und mir auch die Hand abgeschleckt hat.
Gegen Mittag sind wir dann zurück nach Hause gegangen, haben Lunch gegessen und dann etwas ausgeruht. Etwas später ging ich dann in den Parlour etwas trinken und traf wieder die „deutsche Gruppe“. Sie waren auf dem Weg zu Supryias Haus, um dort Fotos von ihren Lebensumständen zu machen. Ich fragte, ob ich mitkommen dürfte, und war sehr willkommen.
Der Fotograf wollte die zehn Minuten Fussweg den Hügel hinauf nicht machen und so nahmen wir den Jeep. Von der Strasse geht es dann ziemlich steil einen schmalen Pfad hinunter. Die Deutschen hatten in ihren Wanderschuhen schon ihre liebe Mühe, da runter zu klettern. Und sie waren sehr erstaunt, wie flink ich in meinen Flip-Flops herumkraxelte.
Wie es so ist, wenn Besuch kommt, waren ganz viele Kinder beim Haus von Supryia. Ihre Cousinen und Cousins, dazu noch viele Kinder aus dem Dorf. Da waren auch noch viele Hühner, ein riesiges Schwein und ein paar Hunde. Einer der Hunde war ein allerliebstes kleines Kerlchen! Etwa zwei Monate alt, ein Fliegengewicht, das sich schon bald sehr vertraulich in meine Arme schmiegte.
Während der Fotograf dann auf einem Felsen viele Fotos von Father Paul und Supryia machte, besuchte ich das Haus von Shabnam, einer Cousine Supryias die gleich im Haus nebendran wohnt. Ich schaute mit den Kindern Fotos an und dann tauchten die Deutschen auch wieder auf.
Sie sprachen noch mit Supryia, wollten aber nicht das Haus betreten… ich hatte sowieso das Gefühl, dass sie eine genaue Vorstellung hatten, was sie sehen wollen und was sie zu sehen bekommen werden und alles andere interessierte sie gar nicht.
Weil das Licht zu schlecht war zum Fotografieren beschlossen sie dann, am nächsten Tag nochmals zu kommen. Sie hatten keine Zeit für Tee und ich fühlte mich ganz schlecht, weil wir diese Höflichkeitsformel einfach missachteten. Ich versuchte so gut wie möglich, den Kindern zu erklären, dass und warum die Deutschen keine Zeit haben und versprach ihnen, mal mit Valerie erneut zu Besuch zu kommen.
Kaum waren wir dann einige Meter von den Häusern entfernt, packte die eine Deutsche ein Desinfektionsmittel für die Hände aus und alle drei rieben sich die Hände damit ein. Mir kam das sehr übertrieben vor… sie hatten ja nicht einmal die Kinder berührt, geschweige denn die Hunde gestreichelt…!
An der Strasse oben fand Father ein Auto, dass die drei zurück zu ihrem Hotel brachte.
Father erklärte mir dann noch, warum Supryias Familie zusammen mit drei anderen so am Rande des Dorfes und eigentlich ausserhalb dessen wohnt. Diese Familien gehören zur untersten Schicht der Bevölkerung und sind deshalb im Dorf nicht geduldet! Sie besitzen keinen eigenen Grund und Boden und müssen für den Grundstückbesitzer arbeiten, wann immer der es verlangt. Eine Art Sklaven also…
Auf dem Rückweg besuchte ich dann mit Father Paul noch eine alte Frau, die in einem extrem grossen, luxuriösen Haus wohnt. Father sprach ein wenig mit ihr, dann machten wir uns wieder auf den Weg. Beim Herauskommen zeigte Father auf eine ärmliche Schlammhütte, direkt neben dem grossen Haus und meinte, es sei schon verrückt, wie nah Reichtum und Armut hier seien. Aber was kann man tun?
Die alte Frau wohnt alleine mit einer Hausangestellten in diesem Riesenhaus und daneben wohnt eine vielleicht siebenköpfige Familie in zwei kleinen Zimmern…
Das Leben ist ungerecht!!!
Gegen Abend verzierten Valerie und ich im Frühstücksraum noch die zwei Kuchen, die wir gestern in der Stadt gekauft hatten. Wir schmolzen „Dairy Milk Chocolate“ und bestrichen damit die Kuchen. Dann platzierten wir ganz viele farbige M&Ms darauf, es sieht richtig lecker und toll aus!
Weil wir morgen mit den Fathers und den Boarders den Geburtstag von Valerie feiern wollen, hat sie mich heute Abend zu einer kleinen Feier in ihrem Zimmer eingeladen, nur sie und ich. Wir haben Cola getrunken, Schokolade gegessen bis uns fast schlecht wurde und zwei Filme geschaut. Richtig gemütlich und einfach schön!
Monday, 11.10.10
Happy Birthday, Valerie!! Meine kleine „Schwester“ wurde heute 20.Jahre alt.
Wir begannen den Tag mit den Boarders, Brother und Father Patel mit der Frühmesse um halb sieben.
Ich bin zum ersten Mal da hingegangen, Valerie hat diese Messe schon die ganze vorige Woche besucht und die anderen machen das jeden Tag.
Die Messe findet in der kleinen Kapelle statt. Die „Kapelle“ ist eigentlich nur ein kleiner normaler Raum, ausgestattet mit einem Holzaltar, so niedrig, dass der Priester dahinter sitzen oder knien muss.
Wir alle setzten uns also auf den Boden vor dem Altar und da die Messe auf Englisch gehalten wird, verstehen wir hier auch was besprochen wird, nicht wie sonntags wo wir jeweils nichts verstehen.
Father Patel gestaltete die Messe extra zum „Gedenken“ an Valerie. Wir alle sollten ein paar Worte zu ihr sagen und wir schlossen sie in alle Gebete mit ein.
Es war sehr schön und ich werde die Messe wohl auch weiterhin ab und zu besuchen.
Beim Assembly wurden dann die Deutschen begrüsst und vorgestellt und Valerie und ich regten uns noch etwas über den Fotografen auf. Wir standen nämlich wie üblich an einer der Seitentüren, halt so wie wir das immer machen. Und dann störte er das Assembly, weil er uns zu sich nach vorne rief, nur damit er Bilder von den Kindern machen konnte. Wäre es wirklich so schlimm gewesen, wenn wir mal auf einem Bild mit drauf gewesen wären? Es erscheint mir sowieso sehr künstlich, was die Leute hier machen…
Der Schulalltag fand dann bis zur Teepause normal statt. Valerie und ich managten die Kleinen relativ problemlos, was uns sehr freute.
Später wurden dann alle Räume, Wege und Pfade in und um die Schule herum geputzt, weil es ja der letzte offizielle Schultag vor den Ferien war.
Und nach dem Lunch fand die Generalprobe für das Konzert statt. Es war alles noch etwas langsam im Ablauf, das Meiste funktionierte aber wirklich gut.
Die Deutschen waren auch dabei, nervten sich über die „chaotischen“ Zustände und verliessen schliesslich die Halle, gerade bevor Jerome beim „Western Dance“ auftrat. So schade, aber sie sind selbst schuld, wenn sie mit ihrem strikten Zeitplan, die guten, spannenden und lebendigen Seiten dieses Lebens hier verpassen…
Valerie und ich bekamen viele positiven Rückmeldungen für unsere „Western Dance Group“, was uns sehr freut.
Nach der Schule verteilte Valerie dann allen Kindern Sweets, wie es die Kinder hier ja an ihrem Geburtstag machen.
Dann kamen die Boarders von der Schule zurück und ich probte gemeinsam mit Rudra noch mit ihnen in der Halle.
Später bereiteten Valerie und ich dann viele Bratkartoffeln zum Abendessen zu. Mir liefen die Tränen runter vom Zwiebeln schneiden, aber Brother weiss ein Rezept dagegen. Man muss eine Kerze neben die Zwiebeln stellen, das hilft ungemein, den beissenden Duft zu mildern.
Beim Abendessen sangen wir dann alle gemeinsam für Valerie, assen, lachten, sie packte ihre Geschenke aus und wir assen den Kuchen.
Richtig feiern mit Tanzen werden wir morgen Abend, wenn die Deutschen abgereist sind, das Konzert vorbei ist und wir alle allen Stress hinter uns haben. Ich freue mich schon darauf!
Tuesday, 12.10.10
Nach der Frühmesse warteten Valerie und ich gespannt auf die Kinder, die uns versprochen haben, uns mit dem „Dress-up“ zu helfen.
Valerie hatte am Samstag ihren neuen Sari in der Stadt abgeholt, und ich hatte ihr geholfen in anzuziehen, halt so wie ich es von Mumbai in Erinnerung hatte. Es war wohl nicht ganz korrekt, sah aber trotzdem schon recht gut aus…
Heute begann der Schultag erst um 9 Uhr mit dem Assembly. Gegen acht Uhr tauchten dann Stella, Anusha und Sushmita auf, die Valerie helfen wollten. Ich dokumentierte die Anziehprozedur mit vielen Fotos und es machte wirklich Spass, den Girls dabei zuzusehen, wie sie eifrig in Nepali miteinander diskutierten, was nun als nächstes gemacht werden sollte. Stella musste sich ein paar Mal auf die Zehenspitzen stellen, um überhaupt genug weit hoch zu kommen um Sicherheitsnadeln zu befestigen etc.
Steffi erschien dann auch mit dem roten Sari, den ich schon in Mumbai von ihr ausgeliehen hatte. Meine Haare hatte ich schon aufgesteckt und auch etwas Make-up aufgelegt. Es fehlte also wirklich nur noch der Sari…
Steffi hatte zwar den Unterrock vergessen, aber mein blauer Jupe tat es auch. Sie ist wirklich sehr flink im Anziehen und schon nach ca. 10 min war ich fertig gekleidet. Wir machten dann noch einige Fotos auf unserem Balkon, wir zwei bleichen Mädels in den wunderschönen Saris!
Die Mädchen konnten nicht aufhören zu schwärmen, wie schön wir nun aussehen würden und wir fühlten uns auch ganz genau so!
Auf dem ganzen Weg von unseren Zimmern zur grossen Halle hinunter bekamen wir extrem viele Komplimente und auch die männlichen Lehrer reagierten dann ganz witzig. Sie pfiffen, machten grosse Augen, forderten uns gespielt zum Tanz auf,… es war einfach lustig!!
Den ganzen Morgen über versuchte ich dann so nützlich wie möglich zu sein, während rund um mich herum alles Mögliche noch organisiert wurde. Das Wetter war ziemlich heiss und die Sonne brannte die ganze Zeit, ich fühlte mich in meinem Sari schon etwas eingesperrt!
Nach dem frühen Lunch, den Valerie und ich ganz ausfallen liessen, halfen wir beim Schminken der Mädchen. Wir verteilten Glitzerstaub auf den Wangen (auch bei den kleinen Jungs) und schminkten etliche kleine Kinderaugen und –munde.
Um ein Uhr war dann alles bereit fürs Konzert. Die Halle war überfüllt mit gespannten Eltern und Geschwister, die Kinder waren alle auf dem grossen Platz und das Konzert konnte beginnen.
Ich glaube, es war dann auch sehr gut. Ich habe davon nicht wirklich viel mitbekommen, weil ich in einigen Stücken selbst mitwirken musste und so die ganze Zeit hinter der Bühne und draussen half. Valerie hat aber das ganze Konzert gesehen und viele Fotos gemacht.
Den Auftritt unserer Tanzgruppe habe ich vom Vorhang neben der Bühne aus gesehen, sie waren entzückend und gut!! Ich war richtig stolz!
Nach dem Konzert fanden sich dann alle Lehrer noch zu einer Teestunde in der Halle zusammen. Einige der männlichen Lehrer schlossen sich zu einer spontanen Band zusammen und begannen zu spielen und zu singen. Die weiblichen Lehrerinnen verabschiedeten sich und schon bald war nur noch eine kleine Truppe da.
Valerie meinte dann, es wäre doch super, wenn wir jetzt tanzen würden und sie überredete mich, mit ihr auf die Bühne zu gehen und zu tanzen.
Sobald wir anfingen, gesellten sich auch andere dazu. Anil Sir, forderte mich zum Tanzen auf und wir hatten viel Spass uns zu dieser indischen-nepali Musik zu bewegen.
Dann spielten Valerie, Brother, Ajay und ich nochmals den traditionellen indischen Tanz vor, der heute schon im Konzert gezeigt wurde. Natürlich konnten wir nicht alle Tanzformen, wir erfanden aber einfach neue und hatten grossen Spass. Und wir bekamen heftigen Applaus für unsere Performance… J
Und nach dem Abendessen (es gab spezielles Brot, genannt Naan) begaben wir uns mit Brother, Father Paul und den Boarders wieder in die grosse Halle um noch etwas zu tanzen.
Wir spielten auf meinem PC ganz verschiedene Musik ab, einige Standardtänze, Diskomusik, indische Musik, einfach ein bunter Mix. Die selbst gebastelte Diskokugel drehte sich wie wild und wir hatten enormen Spass!
Gegen zehn Uhr verabschiedeten sich dann alle ausser Brother. Wir hatten noch nicht genug vom Tanzen und tanzten dann bis um halb eins zu dritt weiter… ein Superabend!!
Und das Beste ist: weil morgen Ferien sind, können wir zum ersten Mal so lange ausschlafen wie wir wollen!!
Wednesday, 13.10.10
Ich habe mit kurzen Unterbrechungen bis um halb 11 geschlafen und fühlte mich richtig ausgeruht!
Den Rest des Morgens verbrachte ich mit Aufräumen und Wäsche waschen, was beides sehr nötig war!
Als wir dann zum Lunch runter gingen, erfuhren wir von Father Patel gute Neuigkeiten: wir können gemeinsam mit den Jugendlichen der Kirchgemeinde am Freitag auf eine zweitägige Wanderung mitgehen. Und ausserdem werden wir dann am Montag für vier Tage mit Father Paul, Father Patel, Brother Ajay, Jon und Dominik auf eine Wanderung gehen, wo man anscheinend wundeschöne Ausblicke auf das Himalayagebirge hat! Ich freue mich schon soooo darauf!!
Der Nachmittag war dann so heiss, dass wir erst mal nicht mehr viel gemacht haben. Ich bin die Fotos vom Schulkonzert nochmals durchgegangen, habe etwas geschrieben und dann, gegen Abend sind wir auf einen „Spaziergang“ gegangen. Brother, Dominik, Ajay, Kiran, Valerie und ich machten uns auf den Weg, den Hang hinunter. Wir holten Stella bei ihrem Haus ab. Sie ist eine elfjährige Schülerin und Liebling von Valerie und Brother.
Dann liefen wir gemeinsam bis zur 3rd Mile hinunter, bewunderten den genial-schönen Sonnenuntergang und stolperten im Dunkeln dann wieder hinauf.
Eigentlich hätten wir an diesem Abend noch eine Lektion Nepali mit Dominik lernen wollen, aber wir waren alle zu müde und haben es darum auf Morgen früh um 9 Uhr verschoben.
Thursday, 14.10.10
Nach dem Frühstück setzten wir uns mit Dominik zusammen und hielten die erste Lektion in Fremdsprachen. Erst haben wir ihm einige Sätze Deutsch beigebracht und die Zahlen mit ihm gelernt.
Dann hat er uns Nepali beigebracht: zuerst mussten wir das Alphabet lernen, aussprechen und aufschreiben. Danach brachte er uns auch einige Sätze bei. Er hielt uns immer dazu an, alles auch aufzuschreiben, was gar nicht einfach ist…. Wir fühlten uns eher wie in einer Zeichenstunde, als dass wir das Gefühl hatte eine Sprache zu lernen!
Aber es macht total Spass!!
Nach ca. eineinhalb Stunden waren wir völlig geschafft und haben beschlossen, ein anderes Mal weiter zu lernen.
Gegen Mittag sind dann Valerie und ich in die Stadt gefahren. Das erste Mal, dass wir unter der Woche da waren.
Erst haben wir im Kodakstudio ein paar Fotos zum Ausdrucken in Auftrag gegeben, dann hat Valerie neuen Stoff zum Schneider gebracht und schliesslich haben wir einige Zeit im Internetcafé verbracht.
Sonst war der Donnerstag wieder ein ganz gemütlicher Ferientag ohne viel Stress und Aufregung.
Friday, 15.10.10
Eigentlich war abgemacht, dass wir um acht Uhr losfahren auf unseren zweitägigen Wanderausflug mit den Jugendlichen der Kirchgemeinde. Aber wie es halt so ist, sind wir schliesslich erst nach neun Uhr losgefahren. Von unserer „Wohngemeinschaft“ sind Ajay, Dominik, Father Patel, Valerie und ich mitgekommen. Es ging los im Jeep, zum Teesta River hinunter und dann in Richtung Darjeeling. Auf dem Weg hielten wir immer wieder mal an und gabelten ein paar weitere Jugendliche auf, bis wir schliesslich 15 Leute im Jeep waren.
Irgendwo auf halber Strecke nach Darjeeling hielten wir dann an und stiegen aus.
Und dann „wanderten“ wir los. Alle liefen ziemlich langsam, aber es war lustig mit der Truppe, singend den Hügel hinunter zu wandern. Ajay und Jon wechselten damit ab, eine Kartonkiste mit Zwischenverpflegung und Eiern fürs Frühstück auf dem Kopf zu tragen.
Schon um kurz nach elf setzen wir uns mitten auf die Strasse und hielten ein kleines Picknick ab. Einige der Mädchen hatten gekochtes Essen dabei und verteilten dies grosszügig. Ausserdem gab es Bisquits und Knabberzeug.
Zweimal mussten wir hastig aufspringen und den Weg für ein Auto freimachen… dann ging es dann auch schon weiter. Langsam wurde der Weg etwas buschiger und unwegbarer. Entlang des Pfades wuchsen nun hohe Schlingpflanzen, schilfähnliche Gewächse und viel Blumen. Einige der Jungs machten sich einen Spass daraus, die anderen mit allerlei Klettpflanzen zu bewerfen und es gab viel zu lachen.
Nach Mittag kamen wir dann in einem Parrish an, wo der ehemalige Priester unseres Parrishes jetzt wohnt. Sein Haus steht im nichts, mitten im Dschungel, es ist äusserst ruhig, grün, ein kleines Paradies.
Rund ums Haus herum wachsen Guavabäume, Bananenstauden, im Garten gibt es frische Gurken, Tomaten, Salate, etc.
Sobald wir angekommen waren, zeigte uns der Priester die Unterkunft der Jungen. Sie waren im leerstehenden Schulgebäude untergebracht. Es waren in einem Klassenzimmer Lattenroste hingelegt worden, mit einigen Wolldecken bedeckt, voila die Betten!
Wir waren alle ziemlich geschafft, streckten uns auf diesen primitiven Liegen hin und entspannten etwas. Valerie, der es den ganzen Weg schon nicht gut gegangen war, schlief auch bald ein, mit Kopfschmerzen und Bauchschmerzen.
Etwas später wurde uns dann Lunch serviert. Weil es im Haus viel zu wenig Platz gehabt hätte, setzten wir uns alle im Kreis unter eine Art offener Pavillon, sehr gemütlich und vor allem ein guter Schutz gegen die stark scheinende Sonne.
Zum Essen gab es eine Art weisser Maisbrei, Beef, Gemüse und Gurken.
Nach dem Essen wanderten wir gemeinsam noch einen Hügel hoch, von wo wir eine geniale Aussicht auf viele Berge und Täler hatten. Steil fiel der Hang direkt vor unseren Füssen ab und unter uns breiteten sich viele Teegärten aus.
Auf dem Rückweg zum Parrish schauten wir noch im Convent der Schwestern vorbei, wo wir Mädchen dann heute übernachten würden. Wir bekamen etwas zu trinken und machten uns dann zum Sportplatz der Schule auf, um etwas Fussball zu spielen.
Nach einigen Minuten hatte ich aber genug und schaute zusammen mit Calpana einfach zu. Ajay brachte mir dann ein „Geschenk“: ein toter, stinkender Krebs!! How nice J
Zurück beim Parrish war es auch schon Zeit für die Zubereitung des Abendessens. Die Jugendlichen haben alles selbst gekocht und ich habe etwas mitgeholfen. Erst haben wir ganz viel Knoblauch geschält, während die Jungs draussen das Fleisch kleinhackten.
Dann hat Albina den Knoblauch zusammen mit frisch geschnittenem Ingwer zu einem Brei zermahlt. Zusammen mit gehackten Zwiebeln, dem Fleisch, Eiern und etwas Mehl, haben Dominik und Ajay dann kleine Bällchen geformt, die in Öl gekocht wurden. Der Kochherd ist aus Lehm geformt, zwei Kochöffnungen sind da, und unten wird eingefeuert.
Es war extrem gemütlich, mit den Jugendlichen auf kleinen Holzschemeln in der Küche beim Feuer zu sitzen, etwas zu helfen, den Gesprächen auf Nepali zu lauschen und dabei eine stark gesüsste Tasse Tee zu trinken.
Später wurden dann noch Chapattis zubereitet. Die Teigkugeln werden zu runden Fladen ausgewallt. Dann werden diese Fladen kurz in der Bratpfanne etwas angebraten. Anschliessend hielt sie Calpana über die glühende Kohle, damit sie sich aufblasen.
Gegen sieben Uhr war dann das Abendessen fertig und ich war schon fast nicht mehr hungrig, weil die Jugendlichen mich die ganze Zeit über mit Kostproben gefüttert hatten. Trotzdem wurde mir natürlich eine riesige Portion aufgedrängt und ich ass, bis ich wirklich nicht mehr konnte.
Bald nach dem Abendessen verabschiedeten wir Mädchen uns dann, wir mussten ja noch zum Convent hinauflaufen. Zwei Jungen kamen als Begleitschutz mit.
Eine Schwester erwartete uns schon an der Tür und führte uns in einen Schlafsaal, der mit Stockbetten vollgestellt war. Normalerweise schlafen hier die Mädchen, welche die Schule besuchen.
In einem Bett schliefen zwei Mädchen ganz eng aneinander gekuschelt. Wir schlichen also auf Zehenspitzen hinein, putzten noch schnell die Zähne, plauderten etwas in der Dunkelheit und schliefen dann wohl schon gegen neun Uhr ein.
Die Betten waren zwar steinhart und viel zu kurz, aber ich schlief ruhig und ungestört richtig gut.
Saturday, 16.10.10
Was für ein Mist! Als wir gegen halb sieben aufwachten, sahen wir den strömenden Regen vor dem Fenster…
Trotzdem standen wir auf, und besuchten dann gemeinsam mit den drei Schwestern des Convents die Messe, die Father Patel hielt.
Danach schlitterten wir im strömenden Regen zum Parrish hinunter. Die Jungen waren erst gerade aufgestanden, sie hatten wohl gestern Abend noch etwas länger „gefeiert“ als wir…
Wieder setzte ich mich in die Küche und schaute zu wie duzende von Chapattis für das Frühstück zubereitet wurden. Es dauerte sehr lange, was aber niemanden zu stören schien, weil sich dabei alle gut unterhielten.
Zusammen mit Father Andrew, dem Priester, nahmen wir dann das Frühstück ein und als es dann um ca. 10 Uhr aufhörte zu regnen, machten wir uns auf den Weg.
Valerie fühlte sich überhaupt nicht gut, lief aber tapfer mit.
Zuerst ging es sehr steil den Hang hinunter, der Pfad war vom Regen extrem schlüpfrig und ich fiel ein paar Mal beinahe hin und konnte mich einmal nur noch mit meiner Hand halten.
Gerade als ich dachte, ich könnte nicht mehr länger hinunter laufen, weil meine Schienbeine zu schmerzen begannen, drehte der Weg und von nun an ging es die ganze Zeit aufwärts. Die Landschaft um uns herum war bezaubernd! Vom Tag stieg der Nebel auf, rings um uns herum erstreckten sich Teegärten und die üppigsten Pflanzen, die man sich nur vorstellen kann.
Leider hatten wir aber nicht sehr viel Wasser dabei und so hatte ich schon bald einen ganz ausgetrockneten Mund.
Ajay zapfte dann irgendwo eine Wasserleitung an, aber das Wasser roch so schlecht, dass wir es schliesslich doch nicht tranken.
Zum Glück kamen wir dann noch an einem Brunnen vorbei und tranken wie Verdurstende das kühle Nass. Es war mir so egal, ob das Wasser schlecht, unrein oder irgendwie ungeniessbar war. Ich war nur froh, endlich etwas zu trinken zu bekommen!
Gegen Mittag erreichten wir dann das Haus einer befreundeten Familie, wo wir Lunch bekamen. Ich war so verschwitzt wie noch nie und nun spürte ich auch wieder die doch recht kühle Luft. In einem der Schlafzimmer wechselte ich dann das T-shirt, eine gute Idee, weil ich mich sonst bestimmt erkältet hätte.
Nach dem Lunch wanderten wir noch ca. eine viertel Stunde zur Hauptstrasse hoch. Dort hielt Father dann ein Auto an, wir setzten Valerie hinein, die sich extrem schlecht fühlte und sie konnte so nach Kalimpong zurück fahren.
Wir anderen machten uns auf den Weg bis zum Teesta River hinunter.
Die meiste Zeit lief ich mit Dominik, wir tauschten wieder einige Sätze Deutsch und Nepali aus und sprachen über alle möglichen Bräuche, do’s and dont’s… es war sehr spannend.
Zwar schmerzten meine Beine sehr vom langen hinunter laufen, aber es war doch ein ganz spezielles Erlebnis, so weit zu laufen.
Gegen fünf Uhr erreichten wir dann endlich Teesta… ziemlich erschöpft! Wir waren 20 km hinunter gelaufen!!
In Teesta kaufte dann einer der Jugendlichen noch eine Süssigkeit namens „Pan“. Es sind alle möglichen süssen Dinge, Kokosnussraspeln, Nussstücke und Gewürze eingepackt in ein grünes Blatt. Dies isst man dann alles zusammen. Ich bekam auch ein solches Päckchen und wollte es unbedingt probieren. So liefen wir dann zur Teesta-Brücke hoch. Alle mit dicken Backen, wegen dem Pan… es war lustig!
Bei der Brücke versuchten wir dann eine Mitfahrgelegenheit zu finden, was gar nicht so einfach war, weil wir ja 14 Leute waren. Doch zum Glück fuhr dann der Bus vorbei, wir liefen alle rufend hinterher und konnten dann mitfahren.
Die Jugendlichen zwangen mich richtig dazu, den einzig freien Platz zu nehmen und ich war dann doch ganz froh, meine müden Beine etwas entlasten zu können und nicht den ganzen Weg nach Kalimpong hoch stehen zu müssen.
Gegen sechs Uhr waren wir dann heil zurück und ich war einfach nur noch froh, duschen zu können und mich auszuruhen….
Es war ein super Erlebnis, ich habe die Jugendlichen besser kennengelernt und fand das ganze Abenteuer richtig schön!!
Nun bin ich schon extrem gespannt, wie ich dann die mehrtägige Wanderung verkrafte.
Valerie wird wohl nicht mitkommen, weil sie sich noch nicht besser fühlt. Ich hoffe sie wird bald wieder richtig gesund!
Sunday, 17.10.10
Kein Wasser, kein Strom und Regen! Kein schöner Tagesstart.
Brother und ich haben zum Frühstück „French Toast“ zubereitet und sind dann, etwas spät, zur Kirche gegangen. Meine Knie schmerzen noch ziemlich beim hinunter laufen, sonst fühle ich mich aber fit.
Ich habe mich heute zum Chor, also zu den Jugendlichen, gesetzt, weil Valerie nicht dabei war.
Und ich bin zum ersten Mal mit zur Kommunion gegangen. Bisher hatte ich das ja immer vermieden, weil die Hostie direkt auf die Zunge gelegt wird. Aber heute habe mich überwunden und fand es dann gar nicht schlimm. Wieder ein kleiner Erfolg! J
Nach der Messe, die übrigens extrem lang war, weil ein uralter Priester eine nicht endend wollende Predigt gehalten hat, sind Father Patel und ich noch zu einem Kondolenzbesuch gegangen.
Kushmita’s, Roshmita’s und Ishmita’s Grossvater ist gestern gestorben und so haben wir ihr Haus besucht. Der Verstorbene war in einem Zimmer am Bogen aufgebahrt, die Leute legten die weissen Schals, die auch als Willkommensgeschenk gebraucht werden, auf ihn, sprachen ein kurzes Gebet und verliessen dann den Raum wieder.
Wir blieben noch einige Minuten draussen sitzen und verabschiedeten uns dann.
Nun fahre ich alleine in die Stadt, hole mein neues Kleid beim Schneider ab und werde wohl einige Zeit im Internet verbringen…
Sonst läuft heute nicht mehr viel. Ich werde aber früh zu Bett gehen, weil wir morgen um 4Uhr losfahren zu unserer grossen Wanderung…
Sa
09
Okt
2010
Sunday,03.10.10
Schon ist das Wochenende wieder fast vorbei und dabei habe ich gar nicht viel gemacht.
Gestern war ich alleine in der Stadt und bin sehr lange im Internetcafé gesessen.
Spannend war noch meine Fahrt in die Stadt. Weil ich nach den Tanzproben und den Übungsstunden mit Tika und Santosh möglichst schnell in die Stadt kommen wollte, nahm ich die erstbeste Mitfahrgelegenheit war, die sich mir bot.
Nachdem einige Autos an mir vorbei gefahren waren, hielt dann ein Gefährt an. Aber kein Auto, sondern ein Typ auf einem Motorrad. Ob ich in die Stadt wolle und ob ich mitfahren wolle? Ich war ganz überrascht und sagte dann ganz spontan ja. Ich setzte mich also im Damensitz hinter ihn auf die doch ziemlich schwere Maschine und schon fuhren wir auch schon los. Der Schal meiner Kurta wehte hinter mir her und ich hielt mich krampfhaft an meiner Tasche und gleichzeitig an der Schulter des Fahrers fest. Er fuhr schnell, aber wie mir schien, doch auch recht vernünftig. Ein paar Mal hüpften wir durch Schlaglöcher und einmal mussten wir scharf einem Auto ausweichen. Der Fahrer wollte sich die ganze Zeit mit mir unterhalten, was wegen des Fahrtwindes ziemlich schwierig war. Ich war mir auch all der Augen bewusst, die mich auf dem Weg musterten… mal schauen ob das noch Gerede gibt…
Schliesslich liess mich der freundliche Typ beim ersten Kreisel absteigen, verabschiedete sich und wollte auch die üblichen 10Rupien für die Fahrt nicht.
Eine rasante Fahrt, aber nicht die bequemste, weil ich die ganze Zeit mit meinen Bauchmuskeln ausbalancieren musste!
Sonst war dann aber am Samstag nicht mehr viel los und auch heute ist eher ein ruhiger Tag.
Ich bin morgens um kurz nach sechs Uhr zum Basketballfeld runter, weil wir uns für unser Sonntag-Morgen Training verabredet hatten. Aber: ausser mir war kein Mensch da!! Ich war ziemlich böse mit den Boarders, ging dann aber halt nochmals für eine halbe Stunde ins Bett.
Dann assen Valerie, Brother und ich ein gutes Frühstück und gingen in die Messe.
Danach übten wir nochmals gute zwei Stunden mit Tika und Santosh, assen Lunch und den Nachmittag verbrachten wir mit Zimmer putzen, Kleider waschen, etwas schlafen und ein wenig Nepali lernen.
Gegen halb sechs kamen Passang und Sunam vorbei, um uns auf einen Spaziergang mitzunehmen.
Wir schlenderten die Strasse entlang nach unten und trafen dann auf dem Weg noch Brother und Dominik. Wir liefen bis zum Tempel hinunter und dann den steilen Pfad zur Schule hoch. Es begann zu regnen und wir wurden ganz schön nass. Dominik hat sich dann ein wenig mit mir unterhalten. Er will unbedingt Deutsch lernen und nun haben wir uns für eine Unterrichtsstunde verabredet. Ich werde ihm Deutsch beibringen und im Gegenzug bringt er mir Nepali bei. Das wird sicher gut werden, weil er sehr seriös und gewissenhaft ist.
Monday, 04.10.10
Wie es eben so ist nach einem gemütlichen Wochenende, begann die Woche extrem anstrengend und chaotisch.
Valerie ist heute Morgen mit extrem roten, geschwollenen, tränenden Augen aufgewacht. Es sieht so aus als hätte sie das Gleiche wie Brother. Der hat diese roten Augen schon seit Samstag. Ob es ein Virus ist oder einfach vom Staub kommt, wissen wir nicht so genau. Es ist aber sehr schmerzhaft und sie kann die Augen kaum öffnen.
Dabei ist heute doch das Examen von Tika und Santosh und sie muss die Beiden auf dem Klavier begleiten!
Nach dem Frühstück hat sie sich dann gleich wieder hingelegt und ich ging alleine in die Schule runter.
Beim Assembly merkte ich dann gleich, dass ja Rudra heute den ganzen Tag nicht da sein wird, weil seine Schüler aus dem St.Josephs College auch Examen haben…
Und Mr. Kamal war auch nicht da, weil er krank ist. Das hiess also, dass ich mit allen Kindern alleine klarkommen musste.
27 Erstklässer, dann 36 Drittklässer und etwas später 30 Zweitklässler!!!
Bei den 1.Klässern blieb Father am Anfang noch mit in der Halle und half mir, die Kinder für die „Exercises“ aufzustellen. Dann ging die ganze Lektion ziemlich gut. Die Kinder sassen alle im Kreis, niemand tanzte aus der Reihe und sie machten auch ziemlich gut mit. Wir konnten einige Lieder singen und ein Rhythmusspiel machen.
Die Drittklässler waren dann schon etwas schwieriger, weil es einfach sooo viele sind. Aber auch sie brachte ich dazu, sich schön im Kreis aufzustellen und mit mir zu arbeiten. Ich hatte zwar nach der Lektion fast keine Stimme mehr, musste einen der Jungs immer bei mir haben und ganz genau im Auge behalten, aber so verlief die Stunde störungsfrei. Natürlich gibt es immer viele Ermahnungen, einige Male ein „please be quiet now“, „don’t fight“, aber auch hier schien mir alles schon viel einfacher als auch schon.
Beim Teabreak wurde dann noch besprochen, wann jetzt unser Schulkonzert wirklich stattfinden soll und wir einigten uns schliesslich auf den 12.Oktober, also den letzte Tag vor den Ferien.
Nach der Pause sollten eigentlich Spezialproben stattfinden, aber weil die Zweitklässler trotzdem kamen, habe ich dann halt mit ihnen ganz normal eine Lektion auf dem grossen Platz gemacht, während in der Halle das englische Theaterstück geprobt wurde.
Was mich sehr gefreut hat, war Anish, der sich sonst immer daneben benommen hat. Er hat mich die ganze Zeit aufmerksam beobachtet, genau das gemacht, was ich verlangt habe und dabei die ganze Zeit gelächelt. Eine echte 180Grad-Wende seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe! Echt erfreulich…
Vor dem Lunch machte ich dann noch eine Tanzprobe mit unserer Truppe.
Es funktioniert jetzt schon sehr gut. Nur der Schluss muss noch ausgefeilt werden und einige der Paare sind immer mal wieder ziemlich unkonzentriert.
Weil an diesem Nachmittag die Examen von Tika und Santosh stattfinden sollten, ging ich nach dem Lunch nicht mehr in die Schule runter. Ich duschte, machte mich frisch und dann machten wir uns um zwei Uhr auf den Weg zum St.Josephs College. Weil das Auto der Schule anderweitig gebraucht wurde, mussten wir ein Taxi nehmen. Also stellten wir uns an die Strasse und winkten allen vorüber fahrenden Autos zu. Endlich hielt dann auch ein Büsschen und wir kamen kurz nach halb drei beim College an. Des Campus dieser Schule ist riesig, was ich von der Strasse aus gesehen nie erwartet hätte! Die Gebäude sind im englischen Stil gebaut, mit vielen Türmchen und einigen Verzierungen. Sie umschliessen eine extrem grosse Rasenfläche, die als Laufbahn eingezeichnet ist.
Wir fanden dann schnell die Räumlichkeiten, wo das Examen stattfinden wird. Ich schickte die beiden Schüler in den Raum, wo sie einspielen konnten. Dann wollte ich ihnen mit Stimmen helfen, wir wurden aber informiert, dass das Klavier fast einen Halbton tiefer gestimmt sei. Eine Herausforderung! Für meine Ohren tönt das extrem falsch und es war schwierig, die Violinen so zu stimmen. Und für die Beiden war es schwierig mit der Intonation für die Tonleitern…
Nach einigem Warten, weil das ganze Programm im Verzug war, wurde schliesslich Santosh aufgerufen. Ich begleitete ihn und Valerie in den Prüfungsraum, weil ich die Noten für Valerie umblättern sollte.
Es gab nur eine Expertin und sie bedeutete uns, die Violine zu stimmen und dann mit den Stücken zu beginnen.
Santosh meisterte die drei Stücke ziemlich souverän, mit recht guter Intonation und vor allem sehr schönem Klang. Dann mussten Valerie und ich den Raum verlassen. Santosh spielte noch Tonleitern, dann musste er ab Blatt spielen und schliesslich kam noch der Theorieteil dran.
Gleich nach Santosh kam Tika dran. Das lief nicht annähernd so gut wie bei Santosh. Sie spielte schief, verlor einige Male den Faden, war rhythmisch unpräzis, und spielte die ganze Zeit mit einem stark gedrückten Ton.
Ich war froh, als ich dann das Zimmer verlassen konnte…
Nun hoffe ich einfach, dass die Beiden bestanden haben, trotz der fehlenden theoretischen Kenntnisse!!
Valerie und ich wurden dann noch von einer Nonne des Convents zum Tee eingeladen und sassen dann bei einer Tee und kleinen Sandwiches mit ihr und der Klavierlehrerin zusammen, plauderten und gingen dann aber bald zurück zur Gandhi Ashram School. Valerie hatte ihre Augen schon genug strapaziert und brauchte jetzt einfach nur noch Ruhe.
Zurück bei der Schule erzählten wir noch den beiden Fathers wie es gelaufen war und entspannten uns dann bis zum Dinner.
Tuesday, 05.10.10
Zum Glück war ich heute nicht mehr die einzige Musiklehrerin!!
Mr. Kamal war wieder da und auch Rudra Sir war wieder anwesend. So beschäftigte ich mich in der ersten Stunde mit den Mädchen der 1.Klasse. Das ging problemlos, wir konnten richtig viel machen, einige Lieder singen, Rhythmusübungen machen und ein paar „Action-Songs“ singen.
Der Rest des Tages war ziemlich chaotisch. Nun wird nämlich nicht nur in der letzten Stunde am Nachmittag für das Konzert geübt, sondern irgendwie andauernd wieder einmal.
Deshalb sind mir heute auch alle Klasse 7 Cello-Schüler abhanden gekommen. Sie wurden zu Proben für den Chor und das englische Theaterstück gerufen.
Und als eigentlich Klasse 2 für die Musikstunde kommen sollte, war auch der Chor am proben. Die Kinder sollten einfach dasitzen und zuhören. Weil es aber so langweilig war und der Chor ziemlich chaotisch probte, waren auch die Zweitklässler unruhig. Also nahm ich sie alle zusammen mit in den anderen Musikraum. Sie waren so dankbar, dass sie jetzt auch etwas machen konnten, dass sie ganz gut mitgemacht haben.
Dann hatte ich kurz vor dem Lunch noch eine kleine Auseinandersetzung mit Rudra Sir. In den Notenschränken herrscht so eine Unordnung, dass es unmöglich geworden ist, irgendetwas zu finden. Ich nahm also Stapel für Stapel raus und warf die Noten auf den Boden. Dann fing ich an, nach den Cellonoten zu suchen. Und schon stand Rudra neben mir. Was ich da mache? Ich sagte ihm dann, dass es einfach ein grosses „mess“ sei und man überhaupt nichts mehr finde. Er meinte dann, ich solle ihm sagen, was ich suche, er werde es schon finden. Doch ich sagte ihm, das ginge so nicht, ich müsse wissen, wo ich was finden kann, ohne dass wir jedes Mal eine halbe Stunde suchen müssten. Er liess mich dann arrangieren und meinte nur noch, falls ich Orchesternoten finden würde, sollte ich sie doch bitte ihm geben… Dann war er den ganzen Tag etwas komisch zu mir. Aber ich musste es einfach mal sagen, weil sich auch Kamal dauernd beschwert und Father Paul auch schon einige Bemerkungen gemacht hat.
Am Nachmittag probte ich dann wieder mit unserer Tanzgruppe. Dann half ich beim „Indian Classical Dance“ anschliessend überwachte ich die Probe einer Jungen-Tanzgruppe, die zu Michael Jacksons „Thriller“ tanzen werden. Und dann war es auch schon Zeit für das Senior Orchestra.
Danach war ich ziemlich geschafft, es war ein langer Tag!
Ich musste aber noch mein „Assembly“ vorbereiten, das morgen sein wird. Ich hatte es zwischenzeitlich ganz vergessen. Also stellte ich ungefähr 70 Fotos von unserer Reise nach Mumbai als Diashow zusammen und suchte Musik aus, die dazu passt.
Das Dinner war dann extrem gemütlich. Wir blieben noch sehr lange sitzen, Mrs. Way diskutierte mit Father Patel und ich sprach mit den Boarders, probierte einige Nepali-Sätze aus… Sie waren ganz erstaunt, wie viele Wörter ich schon kenne und haben mir dann ein paar neue Sätze beigebracht.
Wednesday, 06.10.10
„Assembly-Day“ für mich. Ich stand etwas früher als sonst auf und schloss mein Zimmer ab, als auch gerade Mrs. Way und Valerie auftauchten. Valerie hat zwar nicht mehr so geschwollene Augen, aber sie sind immer noch feuerrot!
Und: Mrs. Way hat es nun auch erwischt… ihr rechtes Auge ist ein bisschen geschwollen und ziemlich rot!!
Nach einem eher hastigen Frühstück ging ich schnell in die Halle um alles für die Diashow vorzubereiten. Anil Sir hatte mir zwar versprochen, früher zu kommen, um mir mit dem Beamer zu helfen. Er war aber nirgends zu sehen und so schickte ich einen Jungen los, der mir das weisse Leintuch für den Hintergrund bringen sollte. Und glücklicherweise kam dann auch Chogan Sir, der Computerlehrer, der mir gleich den Beamer brachte und mir half, diesen an meinen Laptop anzuschliessen.
Ich habe echt Glück: für das Konzert wurden nämlich gestern schon die Vorhänge vor alle Fenster gehängt, so dass es nun schön dunkel in der Halle ist. Perfekt für meine Präsentation.
Ein kleines Missverständnis gab es dann noch, weil Rudra Sir gemeint hat, er müsse heute das Assembly machen. Er hat dann aber gleich gesagt, es sei kein Problem, dann mache er eben morgen sein Assembly.
Die Bilderpräsentation war dann ein voller Erfolg. Die Schüler hatten viel zu lachen und die Lehrer kamen nachher alle zu mir und sagten, was für eine schöne Präsentation das gewesen sei.
Class 1 hatte ich dann heute die Jungs. Erst funktionierte es ganz gut. Sie kamen ruhig ins Zimmer und stellten sich im Kreis auf. Wir begannen mit den ersten Liedern, dann wurden sie irgendwann unruhig. Ich sagte ihnen, sie sollen ruhig sein, dann stellte ich mich einfach hin, starrte jeden einzelnen ernst an und sagte nichts mehr. Nach einigen Minuten, wurde ihnen das ungemütlich und sie wurden tatsächlich ruhiger… ein Erfolg!!
Am Schluss half mir dann Mrs. Way noch, dass sie sich wirklich schön aufstellen und ruhig raus gehen.
Auch in der 3.Klasse hatte ich heute die Jungs. Weil sie am Anfang nicht ruhig waren und rumkreischten und miteinander stritten, liess ich sie dreimal wieder aus dem Zimmer gehen und erneut reinkommen. Ich sagte ihnen, wir könnten das nun die ganze Stunde lang machen, was aber nicht sehr spannend sei. Beim dritten Mal klappte es dann und sie standen ruhig im Kreis. Von da an klappte die ganze Stunde gut. Als es etwas unruhiger wurde, probierte ich wieder meine sehr ernste Miene aus und es klappte!! Sie haben glaube ich auch begriffen, dass ich es wirklich ernst meinte.
Die zweite Klasse nahm ich wieder alle zusammen. Und auch hier musste ich nur einen Jungen rausstellen, der einfach die ganze Zeit störte. Alle anderen haben mit Eifer mitgemacht und auch ein neues Lied gelernt. Ich fühlte mich heute wirklich „confident“ und habe es genossen, dass ich die Kinder ganz alleine managen kann!!!
Ansonsten half ich wieder bei allen Tänzen, probte ein wenig mit dem Junior Orchestra und dann auch noch mit dem Senior Orchestra.
Wieder ein gut ausgefüllter Tag, aber ich fühle mich immer noch fit. Ein gutes Zeichen! Ich hoffe nur, dass ich nicht auch noch krank werde…
Nun gibt es dann gleich Supper und ich freue mich schon auf mein Bett. Ich habe eine gute Nachtruhe wirklich verdient und werde wohl tief und fest schlafen.
Gerade komme ich vom Essen zurück. Ich habe Father nach den Resultaten der Examen gefragt und er hatte Erfreuliches zu berichten:
Santosh hat mit 87 von 100 Punkten einen Grade A gemacht!! Und Tika hat auch bestanden, wenn auch nicht ganz so glanzvoll. Ich bin so erleichtert und auch stolz auf „meine und Valeries“ Schüler.
Die Gespräche bei Tisch waren wieder ganz anregend und die Boarders haben mich einige Phrasen Nepali abgefragt, die sie mir gestern beigebracht hatten. Es ist schon viel lebendiger mit mehreren Leuten am Tisch. Heute waren ausser den Boardern, Valerie, Brother, Father, Mrs. Way, ich und ausserdem Jon vom Parish da. So laufen auch mal mehrere Gespräche gleichzeitig: man hat nicht immer das Gefühl, sobald man den Mund öffnet, muss man etwas präsentieren, sondern man kann ganz entspannt „Small talk“ machen.
Friday, 08.10.10
Schon ist wieder eine Woche vergangen. Es war viel los, die Vorbereitungen für das Konzert nehmen nun fast die ganze Unterrichtszeit ein. Gestern war so ein langer Tag, dass ich nicht mal dazu gekommen bin zu schreiben. Und auch jetzt ist es schon wieder fast Mitternacht.
Der Unterrichtstag gestern war ziemlich chaotisch. Erst habe ich mit Rudra eine der Wiener Sonaten für zwei Geigen im Assembly gespielt. Das war ganz schön und es hat mich vor allem auch sehr gefreut, dass Rudra überhaupt gefragt hat, ob ich mit ihm spielen würde! Er hat mir auch ganz herzlich zu dem Erfolg von Tika und Santosh gratuliert und meinte, er wäre wirklich äusserst froh gewesen, dass ich mit ihnen geübt hätte.
Danach fanden den ganzen Tag hindurch in der Halle Proben für das Konzert statt. Darum nahm ich alle 1.Klässler mit auf de grossen Platz. Erst funktionierte es ziemlich gut und sie haben mitgemacht. Dann fingen aber einige an rumzublödeln, herumzuhampeln und schon war es um die Ruhe geschehen. Meine Versuche, sie wieder ruhig zu kriegen misslangen leider, es war auch rundherum viel zu viel Unruhe und schon nach einigen Minuten rief mich Rudra. Ich sollte bei einem Stück den Takt mit Schlaghölzern schlagen. Also habe ich die 1.Klässler mit in die Halle genommen, wo mir dann Miss Monika geholfen hat, sie ruhig hinzusetzen.
Den ganzen restlichen Tag war ich mit Helfen bei den Proben beschäftigt. Jetzt muss ich in einigen Stücken mitspielen: manchmal mit der Violine, dann mit dem Tambourin oder mit den Schlaghölzern…. Sehr abwechslungsreich J
Am Abend war ich dann ganz aufgeregt, weil ich wusste, dass an diesem Abend die Sendung im Fernsehen laufen würde, in der unsere Kinder in Mumbai aufgetreten sind.
Ich dachte eigentlich, dass alle unbedingt die Sendung würden sehen wollen. Aber beim Dinner merkte ich dann, dass Father Patel gar nicht vorhatte die Sendung zu sehen. Father Paul war mit Jon und Mrs. Way in Darjeeling und sie waren noch nicht zurück. Ich fragte Brother, ob er nicht Father Paul anrufen könnte und fragen, ob sie zur Zeit der Sendung zurück sein werden. Sie waren aber immer noch in Darjeeling und so gab ich die Hoffnung schon fast auf. Dann verriet Father aber über das Telefon den Platz, wo der Schlüssel zum Parrish versteckt ist.
Ich rannte zur Schule runter um die Boarders zu fragen, ob sie auch mitkommen wollen und schliesslich machten Brother, Valerie, die Boarders und ich uns auf den Weg die dunkle Strasse hinunter zum Parrish.
Wir kamen dort gerade zur Zeit der Show an, um halb zehn Uhr. Natürlich haben Valerie und ich eigentlich nichts von der Show verstanden, weil alle Hindi gesprochen haben. Für mich war es aber doch ein super Erlebnis, weil ich all die anderen Teilnehmer hinter den Kulissen und im Umkleideraum gesehen und kennengelernt hatte.
Und dann, nach einiger Zeit und viel Werbung kamen endlich unsere Kinder auf die Bühne. Sie sahen einfach „cute“ aus!!! Und es tönte gut, was wir da aufgenommen hatten. Die Kameraeinstellungen zeigten viele Nahaufnahmen von einzelnen Kindern, was super-schön aussieht! Und dann die grosse Überraschung: als die Verkündung des Gewinners gezeigt wurde, waren da auch Vivien Sir und ich zu sehen und ich wurde sogar einige Sekunden lang gezeigt, wie ich dem Juror zuhöre und dann „Thank you“ sage!!
Jetzt bin ich also sogar schon einmal im indischen nationalen Fernsehen aufgetreten J
Heute war dann der Start in den Tag schon speziell. Ich hatte Ajay gestern versprochen, dass ich ihm meine Kamera ausleihen würde, für seine Schulexkursion nach Darjeeling. Weil es aber gestern so spät geworden ist, bin ich heute etwas länger liegen geblieben als mein Wecker schon geklingelt hat. Plötzlich hat es dann an die Türe geklopft. Ajay! Ich öffnete mit verschlafenen Augen und völlig zerzaust die Türe, gab ihm die Kamera und torkelte zurück ins Bett…
Nach dem Assembly waren wieder ganz viele Spezialproben angesagt. Valerie ist das erste Mal diese Woche wieder mit hinunter in die Schule gekommen.
Wir hatten wieder unsere liebe Mühe mit den 1.Klässlern, und schliesslich liessen wir sie die ganze Stunde einfach im Kreis sitzen, bis sie ruhig wurden… sie wurden es bis zum Schluss nicht. Wir können nur hoffen, dass sie irgendwann merken, dass es für uns nicht ein Spiel ist, wenn wir so etwas mit ihnen machen.
Nach dieser nervenaufreibenden Stunde fühlte sich Valerie wieder ganz schlapp und ging hoch in ihr Zimmer. Ich blieb in der Halle und half wo ich konnte. Heute war der Ablauf der Proben nicht so gut strukturiert wie noch gestern. Ich weiss nicht wie das kam, aber plötzlich waren sehr viele Kinder aufs Mal bereit, um zu proben und niemand wusste, was als Nächstes geschehen soll.
Irgendwie gelang es dann aber doch, durch den Tag hindurch alle Stücke durchzuproben und nun hoffen wir das Beste, dass der Durchlauf am Montag gut und ohne grosse Störungen ablaufen kann!
Am Nachmittag half ich noch Mrs. Way den Tisch für den Nachmittagstee zu decken. Weil sie morgen wieder zurück nach England abreist, fand heute nach der Schule eine gemütliche Teestunde mit allen Lehrern statt. Wir arrangierten also Blumen, Gebäckteller und Chipsschüsselchen auf dem Tisch und stellten Apfelwein, Mangosaft und Tee bereit.
Am Ende dieser „Teatime“ kamen dann Gäste an. Es sind zwei Mitarbeiter von „Missio“ aus Deutschland angekommen, die eine Reportage über Gandhi Ashram machen werden. Sie haben auch einen Fotografen mitgebracht, der schon ein paar Fotos geschossen hat.
Gleich vom Aufräumen wurde ich zurück in die grosse Halle gerufen, um mit dem Senior Orchestra zu proben. Ich traf da auch Tika und Santosh, die mich beide anstrahlten, mir herzlichst für meine Hilfe bei der Vorbereitung zum Examen dankten und mich beide umarmten.
Das Dinner war dann heute sehr üppig und speziell. Einerseits weil neue Gäste angekommen sind, andererseits weil Mrs. Way morgen fährt.
Es gab Wein und Knabberzeug zum Aperitif und zum Dinner gab es dann Suppe, Tomaten, Gurken, Reis, Gemüse, Fisch, Poulet, „Roti“-Brot, … und dann noch ein ganz dickes Dessert aus Schokolade, Cornflakes und Rahm.
Wir assen bei Kerzenlicht, obwohl der Strom noch da war, ganz einfach deshalb weil es eine so gemütliche Atmosphäre schafft. Dafür war es aber ziemlich schwierig im Dämmerlicht zu sehen, was wir uns auf die Teller luden. Als ich dann mein Fischstück etwas näher betrachtete, merkte ich, dass es ganz hart war auf einer Seite. Dominik, der neben mir sass, sagte dann, kein Wunder, ich hätte ja auch den Kopf erwischt!
Und jetzt da er das sagte, sah ich es auch: der Kopf mitsamt Auge und allem starrte mich vom Teller an J.
Zum Glück hat Jon dann mit mir getauscht… einen Fischkopf muss ich nun wirklich nicht unbedingt probiert haben!!
Der Reporter aus Deutschland sprach sehr sehr viel und lange und wir hatten eine gemütliche, lustige Zeit am Tisch.
Und nach dem Geschirrspülen haben wir nun noch einen Film gekuckt, weil ja Freitag ist. Wir haben mit „Die Brücke am Kwai“ begonnen. Leider hat der Film aber in der Mitte aufgehört, wohl ein Fehler der DVD. Valerie und mir war aber so kalt und wir waren so müde, dass wir jetzt rauf auf unsere Zimmer gegangen sind, statt wie die anderen noch einen anderen Film zu sehen.
Und nun bin ich nicht direkt ins Bett gegangen sondern habe hier noch sooo viel geschrieben. Eigentlich fallen mir schon fast die Augen zu. Aber weil morgen Samstag ist und ich diesen Bericht ins Internet stellen will, musste ich ja jetzt noch fertig schreiben. J
Also dann gute Nacht!
Saturday, 09.10.10
Ich liege gerade auf meinem Bett, höre indische Musik und stelle alle Sachen zusammen, die ich heute in der Stadt im Internetcafé brauchen werde.
Mrs. Way ist abgereist und in der Schule unten findet ein Lehrer-Eltern-Meeting statt. Valerie und ich haben kurz reingeschaut, aber weil natürlich alles auf Nepali sein wird, ist es für uns nicht wirklich spannend und so sind wir bald wieder gegangen. Die Reporter aus Deutschland sind jetzt auch wieder gekommen, werden heute mit verschiedenen Kindern kleine Interviews führen und Dörfer besuchen. Um halb 11 Uhr findet noch ein Fussballtraining der Mädchen statt, wo ich sicher noch vorbei schaue und dann werden wir wohl, wie üblich, in die Stadt fahren.
Valerie kann heute ihren Sari abholen, den sie vor zwei Wochen bestellt hat. Ich bin ganz gespannt, wie er ist!!
Ich werde mir für das Schulkonzert wieder den Sari von Steffi ausleihen. Die Girls, mit denen ich in Mumbai war, haben mir auch schon versprochen, dass sie dann am Dienstag ganz früh kommen werden um mich zu kleiden und mir die Haare und das Make-up zu machen
Sa
02
Okt
2010
Tuesday, 21.09.10 Es ging alles so schnell, und jetzt sitze ich mit zehn Schülern und Vivien Sir im Zug nach Kalkota! Wie verrückt ist denn das?! Es ist abends um halb zehn und der Zug rattert durch die schwarze Nacht. Wie es dazu kam? Am Samstag war Father Patel ganz aufgeregt wegen einer möglichen Talentshow in Mumbai. Dann hörten wir aber nichts mehr davon. Sonntag war dann ein richtiger Abenteuer- und Crazyday. Morgens um sechs Uhr spielten wir mit Brother und den Boarders für eine Stunde Basketball. Wir spielten ziemlich heftig in Dreierteams gegeneinander, barfuss und alles… Dann gingen wir unter die Dusche, assen schnell etwas und gingen dann gemeinsam in die Kirche. Nach der Kirche war es ziemlich warm. Wir ruhten uns aus, assen Lunch, schliefen ein wenig und machten uns dann mit Brother und Passang auf zu einem „Spaziergang“. Wir wollten zu einem Viewpoint gehen, etwas weiter oben und auf dem Weg einige Schüler zu Hause besuchen. Erst war es fast unerträglich heiss, dann zogen aber Wolken auf und es begann zu regnen. Wir kehrten bei Mukesh, einem Cellisten, zum Tee ein und gingen dann trotz des Regens mit ihm gemeinsam zum Viewpoint. Es war kalt und nass, machte aber total Spass, durch den verregneten Wald und durch hüfthohes Farn zu laufen. Beim Viewpoint hatten wir dann eine steil abfallende Aussicht bis zum Teesta-River hinunter. Auf dem Rückweg schauten wir dann bei Jerry, dem Koch, vorbei und sassen etwas vor dem Fernseher herum. Er bewirtete uns mit Reisbier, was mir nicht wirklich schmeckte, und er meinte, wir dürften das aber Father nicht sagen… Als wir dann dort aufbrachen, passierte mir das Missgeschick. Ich weiss nicht, ob ich einen Moment unachtsam war oder ob ich das Loch einfach nicht gesehen habe. Auf jeden Fall fand ich mich plötzlich einen Meter tiefer wieder. Mein rechter Fuss schmerzte, mein Knie und meine Hand waren etwas aufgeschürft und ich war auch einfach geschockt. Zum Glück schien ich aber nicht ernsthaft verletzt und so liefen wir den Rest des Weges, schon fast im Dunkeln, zurück nach Hause. Der Weg führte über Brücken, die man kaum so nennen darf, mit fehlenden Brettern und wacklig-schlüpfrig. Nach diesem Tag fühlten Valerie und ich uns ganz schön ausgelaugt und tot müde. Am nächsten Morgen war mein Knie dann blau und mein ganzer Körper schmerzte vor Muskelkater. Wer geht auch in Flip-Flops auf Wanderungen… ?! Am Montag haben wir dann ganz normal zu unterrichten begonnen und irgendwann drang dann das Gerücht durch, dass das Junior Orchestra nach Mumbai fahren würde und ein Volunteer mitfahren werde. Etwas später hiess es dann, es könnten nur zehn Schüler fahren und nun werde ausgelesen. Als es dann Zeit fürs Junior Orchestra war, riefen Father Paul und Father Patel tatsächlich zehn SchülerInnen in den einen Musikraum. Wir probten verschiedene Stücke, dann hiess es, nach der Probe sollten die Schüler gemeinsam mit mir ins Parish zu Father Paul gehen. Wir waren echt gespannt, was jetzt kommen würde… Er sagte uns dann, die Sony Entertainment Firma, welche Fernsehshow mit Wettbewerb betreibe, habe ihn den ganzen Sonntag über bestürmt, dass wir unbedingt nach Mumbai kommen sollten. Er habe sich nun dafür entschieden und deshalb werden die zehn SchülerInnen gemeinsam mit mir und Vivien Sir nach Mumbai fahren. Da es eine weite Reise sei und wir mit dem Zug fahren werden, sollten wir darauf gefasst sein, schon am nächsten Tag abreisen zu müssen! Wow, was für News! Nicht nur, dass plötzlich alles so schnell ging… auch die Nachricht, dass Rudra Sir nicht mitkommen wird, hat mich etwas umgehauen. Das heisst nämlich, dass ich dirigieren werde! Nach diesem Gespräch schauten Father Patel und ich noch bei Jerome Sir und seiner Frau vorbei. Father meinte, dass sie mir gut zeigen könne, wie ich einen Sari tragen muss, und dass sie mir eventuell auch einen leihen könne. Zurück bei der Schule erzählte ich Valerie die Neuigkeiten und fing an zu packen. In dieser Nacht schlief ich dann ziemlich unruhig: kein Wunder! Dienstagmorgen übte ich dann gemeinsam mit Rudra und den zehn Schülern, traf mich nochmals mit Father Paul, wo Vivien und ich erfuhren, dass wir heute um vier Uhr nachmittags aufbrechen werden. Nach dem Lunch hatten wir also noch etwas Zeit, alles zu packen: 10 Instrumente und zwei extra Geigen, genug Bögen, Saiten und Kolophonium, … Alle persönlichen Dinge, inklusive traditionelle Nepali-Kleider für die Kinder und sechs Notenständer und Proviant für die Reise. Eine ganze Menge. Aufgeregt, aber reisefertig, warteten wir alle auf die zwei Jeeps, die uns nach Siliguri fahren sollten. Und schon waren sie auch schon da. Wir sagten unsere letzten „Goodbyes“, luden alles Gepäck ein und los ging’s. Das Wetter war nicht gerade berauschend schön. Es regnete, was die Strasse rutschig und gefährlich macht. Die Kinder sangen einige Zeit aus voller Kehle, wohl auch um ihre Angst zu überdecken. Eine Schülerin, Sangay, ist bisher in ihrem Leben nicht aus Kalimpong rausgekommen. Sie hat also noch nie eine andere Stadt gesehen, geschweige denn so was Bombastisches wie Mumbai! Wir passierten die Teesta-River-Bridge, wo wir alle eine 1-Rupien Münze rauswarfen und uns dafür etwas wünschen durften. Siliguri erreichten wir dann schon im Dunkeln nach sechs Uhr. Es gab noch eine kleine Verwirrung, wo wir eigentlich hingebracht werden sollten und schliesslich landeten wir in „Jesu Ashram“, wo wir auch sein sollten. Das Abendessen wurde dann kompliziert: Irgendwie war nur ein Auto da, um uns nachher zum Bahnhof zu bringen. Weil es doch ein ganzes Stück dahin ist, mussten die Jungs mit Vivien ohne Essen aufbrechen und schon voraus fahren. Wir anderen schlangen dann einen Teller Reis mit Daal und Gemüse hinunter, dann tauchte einer der Jungs wieder auf und meinte, wir müssten jetzt gleich aufbrechen. Es war anscheinend nicht mal ein Auto da, und so musste ein Taxi bestellt werden. Wir quetschen uns dann alle gemeinsam mit unserem Gepäck in das eher kleine Gefährt. Drei der Jungs fanden keinen Platz mehr und mussten sich nun eine halbe Stunde hinten anhängen und so mitfahren. Das ist Indien! Gemeinsam schoben wir uns dann beim Bahnhof in Richtung der Bahnsteige und hier erschlug mich dann zum ersten Mal DAS INDIEN wie man es aus „Slumdog Millionaire“ kennt. Ausgezerrte, schmuddelige Kinder mit starrem Blick stellten sich immer wieder vor und neben mich, mit ausgestreckter hohler Hand. Sie wichen auch nicht, als „meine“ Kinder sie auf Nepali ansprachen…. Zum Glück wurde ich dann vom einfahrenden Zug etwas abgelenkt. An jedem Wagen war eine Liste aufgehängt, wo man seinen Namen und somit seine Sitznummer ablesen konnte. Wir stiegen also ein und richteten uns ein. Ich lief einige Male im Wagen hin und her um sicher zu stellen, dass die Schüler klarkamen. Keiner von ihnen ist jemals zuvor in einem Zug gefahren und ausser dem Toy-Train von Darjeeling haben sie bisher auch noch niemals einen Zug gesehen! Dementsprechen spannend war dann auch die Abfahrt für sie. Sie fragten mich immer wieder: „Miss, are we moving now? We’re moving right?“ Und sie stellten erstaunt fest: „I can feel it moving in my stomach!“ Die erste halbe Stunde der Fahrt kamen immer wieder Bettler vorbei, auch ein bettelnder Transvestit im Sari, der ziemlich aufdringlich war und meinen Jungs Angst machte. Ausserdem liefen Händler mit Teekannen und Plastikbechern herum, die laut Chai und Kaffee anpriesen. Danach wurde es mit der Zeit etwas ruhiger. Viele der Reisenden richteten sich zum Schlafen ein. Der Wagen ist in Sechser-Abteile gegliedert, wie es auch in der Schweiz Schlafwagen gibt. Die Abteile sind aber nicht geschlossen. Stattdessen sind längs des schmalen Ganges jeweils nochmals zwei Betten angebracht. Wegen der Angst vor Dieben dachte ich zuerst, ich würde wohl die ganze Nacht gar nicht zum Schlafen kommen. Aber irgendwann um Mitternacht herum nahm ich dann einfach meine Tasche als Kopfkissen, schlüpfte aus meinen Schuhen, die ich auch zu mir auf die Liege nahm, „kuschelte“ mich an meine Geige und schlief doch ein paar unruhige Stunden lang. Wednesday, 22.09.10 0.09 Uhr im Bahnhof von Kalkota. Also eigentlich schon Donnerstag! Unser Zug nach Mumbai hat fünfeinhalb Stunden Verspätung. Er wird erst um 4.30 Uhr abfahren, deshalb sitzen wir nun schon seit Stunden rund um unser aufgetürmtes Gepäck auf Decken auf dem Boden. Wir waren schon um neun Uhr da und ich bin jetzt zwischendurch auch schon mal kurz eingedöst, immer mit ziemlicher Angst, dass etwas wegkommen könnte und seien es auch nur meine Schuhe! Der Zug hat deshalb seine Abfahrtszeit geändert, weil letztes Mal genau auf diesen Expresszug von Kalkota nach Mumbai ein Bombenanschlag verübt worden war. Jetzt ändern sie wohl willkürlich die Abfahrtszeiten, damit so was weniger wahrscheinlich wird. Jetzt habe ich einige Bisquits gegessen um meinen Zuckerspiegel etwas zu erhöhen und um mich so etwas zu wecken. Ausserdem lenke ich mich jetzt mit Schreiben von der Müdigkeit ab. Also, wo war ich das letzte Mal stehen geblieben? … bei heute Morgen. Unser Zug von Siliguri aus hatte zwei Stunden Verspätung und wir fuhren bei regnerischem Wetter um ca. neun Uhr in Kalkota ein. Aus dem Zug gestiegen, merkten wir, dass es hier in den Plains einiges wärmer als in den Hills ist. Wegen der Ventilatoren im Zug, war uns das noch gar nicht aufgefallen. Ein paar Kulis boten uns sofort ihre Dienste an und dann hatten uns die zwei Brothers, die uns abholen sollten, auch schon entdeckt. Wir wurden durch die geschäftige Ankunfshalle zum Parkplatz geschleust, wo uns ein Bus erwartete. Es dauerte einige Zeit, den Bus durch die verstopften Strasse von Kolkata zu steuern, aber schliesslich erreichten wir das Jesuitenhaus, wo wir erst unser Gepäck verstauten und dann ein verspätetes Frühstück bekamen. Nach einer kurzen Ruhezeit probte ich dann mit den Kindern. Wir waren alle müde und schwankten noch von der Zugfahrt. Trotzdem verlangte ich von allen Disziplin, Aufmerksamkeit und Sorgfalt. Nach ca. einer Stunde durften wir uns dann nochmals bis zum Lunch ausruhen. Kurz vor dem Essen gingen wir noch in die Kirche, sprachen ein kurzes Gebet und baten um eine sichere, ungestörte Reise. Gleich nach dem Essen probten wir nochmals eine Stunde. Danach gingen Vivien Sir, vier Kinder und ich etwas nach draussen. Wir wollten uns die Beine vertreten und etwas die Umgebung erkunden. Kalkota ist eine hässliche, dreckige, verwahrloste Stadt! Dort wo eigenlich breite Trottoirs wären, haben Leute Planen aufgespannt und hausen darunter. Überall liegt extrem viel Müll herum und es stinkt nach Kloake. Gleich unter dem Fenster des Zimmers, das wir für diesen Tag hatten, befindet sich ein öffentlicher Brunnen. Wir konnten beobachten, wie sich Männer von Kopf bis Fuss mit dem schmutzig aussehenden Wasser wuschen. Sie banden sich ein Tuch um den Bauch und seiften sich dann mitsamt dem Tuch ein. Ausserdem werden da auch Kleider gewaschen und Frauen „baden“ in ihren Saris. Spannend zu sehen! Wegen der Hitze und dem zu kurz gekommenen Schlaf von gestern Nacht döste ich bald nachdem wir von draussen zurück waren ein. Langsam wurde es ruhiger um mich herum und als ich um halb fünf wieder erwachte, schliefen alle Mädels um mich herum noch. Nach dem Dinner brachen wir gleich zum Bahnhof auf und da sitzen wir nun schon seit beinahe vier Stunden! Rundherum passiert nicht viel. Einige Leute schlafen auf dem Boden, andere wandern herum, ab und zu kommen Händler vorbei… Bettler sind bisher zum Glück noch keine aufgetaucht. Die weitere Reise wäre eigentlich so geplant gewesen: Um 22.55 Uhr hätten wir den Zug nach Mumbai nehmen müssen und dort wären wir dann bis Freitag-Morgen gesessen. Mehr als 24h im gleichen Zug! Nun werden wir also auch in Mumbai wieder mit Verspätung ankommen und was dann passiert steht noch in den Sternen. Wir wissen auf jeden Fall nicht mehr, als dass uns jemand vom „Sony Channel“ abholen wird und die dann alles Weitere organisieren… Ich bin ja mal gespannt! Übrigens, Anupa hat mir einen Sari mitgebracht, für den Auftritt im Fernsehen. Ich hoffe er passt und ich sehe darin gut aus… Thursday, 23.09.10 Es ist schon Abend, unsere Mädels singen seit ca. 1h Lieder, Nepali und Englische und mindestens vier Männer rundherum hören interessiert zu. Vorher habe ich fast den ganzen Tag geschlafen. Als der Zug heute Morgen früh endlich kam, hatte ich schon einige Stunden im Halbschlaf auf dem Fussboden dösend verbracht. Trotzdem war ich noch sehr müde, als wir dann endlich in den Zug einsteigen konnten. Auch die Mädchen waren müde und so schliefen wir eine Runde. Später schlief ich eher aus Langeweile weiter und weil mich das ewige Rattern und die Hitze einfach schläfrig machen. Die Landschaft draussen sieht immer etwa gleich aus. Trocken-grün mit roter, lehmiger Erde. Es ist flach, flach, flach! Nur ab und zu sieht man einige ganz niedrige Hügel. Selten sieht man Dörfer und Städte vorüberziehen. Etwas später: Jetzt ist gerade etwas Spannendes passiert. Der Mann der schon die ganze Fahrt über bei uns im Abteil sass und den Mädchen interessiert zugehört hatte beim Singen, ist ein Filmregisseur, der unter anderem auch schon mit dem „Sony Channel“ gearbeitet hat. Was für ein Zufall! Er hat uns Fotos und Zeitungsausschnitte gezeigt, die Kinder haben ein Autogramm bekommen und er hat einiges erzählt. Bald danach gab es Abendessen: Ein wahres Erlebnis! Das Essen wurde zwar in Alu-Behältern geliefert, weil wir aber nicht für alle ein volles Menü bestellt hatten und die Inder nicht gerne das Essen anderer Leute berühren, hat Bina für jeden eine Portion auf die Serviertabletts geschüttet. Es sah nicht sehr appetitlich aus und alles schwamm in Sauce! Schliesslich ass ich aber mit Heisshunger, mit den Händen, und es schmeckte auch ganz gut. Wir blieben dann noch ziemlich lange auf, schwatzten und die Mädchen sangen wieder… irgendwann hiess Vivien sie dann aber doch ruhig sein. Friday, 24.09.10 Aufgewacht bin ich vom lauten Geschnatter der Mädchen. Ich hatte ungestört bestimmt acht Stunden geschlafen und fühlte mich nun richtig ausgeruht. Der Filmregisseur bot mir einen Chai an, den ich gerne annahm. Ach ja, gestern Abend hatte ich noch meine Haare gewaschen. Im fahrenden Zug, über die Stehtoilette gebeugt, mit angehaltenem Atem und einer PET-Flasche voll Wasser… alles geht, wenn’s irgendwie gehen muss. Danach fühlte ich mich jedenfalls richtig frisch. Und heute Morgen machte ich dann Katzenwäsche, schlüpfte in neue Kleider und fühlte mich gleich nochmals besser. Den Morgen verbrachte ich dann damit, die vorüber ziehende Landschaft zu beobachten, mit den Mädchen „Mensch ärgere dich nicht“ zu spielen und einige Fotos zu machen. Auch ich wurde unzählige Male fotografiert. Gegen zwölf Uhr sahen wir draussen dann langsam hohe Häuser auftauchen, an den Gleisen entlang häuften sich die Müllberge, wir näherten uns Mumbai. Ja, diese Müllberge! Indien hat überhaupt kein Gefühl für Recycling oder auch nur für Müllsammlung. All die plastikverpackten Lebensmittel werden einfach ausgepackt und der Müll wird dort auf den Boden geschmissen, wo man gerade steht. Im Zug wird einfach alles zum Fenster rausgeschmissen, was nicht mehr gebraucht wird. In der Schweiz gibt es doch eine Plakatwerbung auf der steht: „Was im Schlafzimmer stört, stört auch auf der Strasse“. Und dann sieht man ein Schlafzimmer voll PET-Flaschen. Das Schlimme ist, die Inder stört der Müll auch nicht im Haus. Vorgestern in Kalkota bin ich dauernd den Kindern nachgesprungen, die Apfelkerne, Plastikfetzen und so weiter einfach im ganzen Zimmer verteilt haben… Heute sind wir also um ca. 13.00 Uhr in Mumbai angekommen. Mir boten sofort nach dem Aussteigen etliche Lastenträger ihre Dienste an, ich wurde mit Taxiangeboten überhäuft, doch als wir dann schliesslich das Perron verliessen, fanden wir bald unsere Driver und Autos vom „Sony Channel“. Während wir dann das Gepäck einluden, kam eine Bettlerin. Sie bedrängte mich, bis ich eingestiegen war und stand auch nachher noch am Fenster und schrie und bettelte weiter. Kaum waren wir abgefahren, mussten wir nochmals kurz halten. Der Fahrer hatte nämlich Vivien angewiesen, sich anzuschnallen. Dieser hatte noch nie einen Sicherheitsgurt benutzt und so musste der Fahrer halten und ihm den Gurt umlegen. Dann ging die Fahrt los, über viele Kilometer Autobahn, rund um die Stadt herum, dann mitten hinein. Die vielen Hochhäuser zeigten deutlich, dass wir nun in der Grossstadt gelandet sind. Aber so richtig deutlich wurde es für mich, als ich eine McDonald und eine „Costa Coffee“ Filiale sah. Die Driver fuhren uns in den komfortablen Toyota-Autos, die stark klimatisiert waren, direkt zu den Sony-Studios. Dort wurden wir in einen Raum voller Leute geführt, wo wir erst einmal bleiben sollten. Wir machten uns etwas frisch und warteten. Dann wurden wir angewiesen, zu essen und dann warteten wir erneut. Anschliessend kam der Music-Director der Show vorbei und wir spielten ihm einige Stücke vor. Gleich anschliessend probten wir noch etwas. Zuerst musste ich aber alle Instrumente ein paar Mal stimmen, weil sie durch die Reise doch sehr gelitten haben. Bei einem Cello ist sogar der Steg umgekippt… aber alles liess sich wieder richten! Dann musste ich mit den Kindern üben, dass sie auch ohne mein Dirigieren spielen können. Es ist mir nämlich sehr schnell klar geworden, was in dieser Show gewünscht ist. Sicher nicht mich auch im Bild… Es ist so eine Art „India sucht den nächsten Super Star“ oder „Indian Idol“. Die ganze Show ist als „Challenge“ aufgebaut. Unsere Kinder treten gegen eine Mädchentanzgruppe an und ihnen wurde genau gesagt, was sie wann sagen müssen und was die Anderen antworten werden. Meine Kinder, die sich so etwas nicht gewöhnt sind, nehmen das alles sehr ernst, dabei ist so viel davon einfach nur Fake. Da war zum Beispiel der Soundcheck: Nach dem Spielen winkte mich der Soundmanager zu sich und meinte, wir würden morgen in einem Studio alles Stimme für Stimme aufnehmen, damit das Studio und Gandhi Ashram gut dastehen werden und nichts schief gehen wird. Am Sonntag, in der Show, sollen sie dann nur noch Playback spielen. Und als wir der Kostümfrau die traditionellen Kleider zeigten, schaute sie ziemlich angewidert drein und meinte nur, die Kinder bekämen neue Kleider, weil eben im Fernsehen alles speziell gut aussehen müsse. Die Kinder müssen hier Hindi sprechen, weil die Zuschauer grösstenteils Hindi sprechen und Englisch gar nicht verstehen. Unsere Kinder verstehen zwar Hindi, aber nur Prabash kann es wirklich gut sprechen. Die ganze hektische Atmosphäre erinnert mich stark an Europa. Deshalb habe ich hier auch das Kommando übernommen. Selbst Vivien wirkt nämlich in diesem ganzen Trubel etwas hilflos und unbeholfen. So lastet zwar die ganze Spannung und Verantwortung auf mir – ich sollte den Kindern alles beantworten und erklären, dabei wusste ich die meiste Zeit selbst nicht, was eigentlich los war, und was als nächstes passieren würde… - aber wenigstens kamen wir mit meiner Aufmerksamkeit durch den Abend. Anupa packt zwar immer noch jedes Mal meine Hand, wenn wir im Lift fahren, aber sie finden sich doch einigermassen zurecht in dieser für sie total fremden Welt. Das mit dem Lift fahren hat noch eine kleine Vorgeschichte: Alle Kinder sind noch nie zuvor im Leben Lift gefahren. In Kalkota hatte es dann einen alten Lift mit Scherengittern. Vivien meinte, es wäre doch ein Erlebnis Lift zu fahren und so kletterten die Kinder hinein. Sie schrien und jauchzten als es dann langsam in die Höhe ging. Und nun hier in Mumbai ist alles im einiges moderner in den Liften, aber die Kinder fahren damit, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Nach der ermüdenden 1.Studioprobe brachten uns dann die Autos zum Hotel. Es dauerte ewig, weil auch noch viel Stau war. Hier hupen die Autos nicht endlos, wenn es mal nicht weitergeht. In Kalimpong wäre schon längst ein Hupkonzert ausgebrochen… Im Hotel angekommen mussten wir dann erst mal alle Namen eintragen und ich musste meinen Pass abgeben. Dann wurden wir in drei relativ kleine Zimmer mit je einem Doppelbett gebracht. Hier sollten wir also zu zwölft übernachten! Ich war so müde und wollte eigentlich einfach nur noch Ruhe haben, aber jetzt hiess es organisieren. Vivien und ich gingen zurück an die Rezeption um uns zu beschweren. Man sagte uns Extra-Betten würden noch gebracht werden. So richtete ich mich dann mit den vier Mädchen in einem der etwas grösseren Zimmer ein. Drei Mädchen sollten auf dem Bett schlafen, eine auf der Couch und ich werde auf den zwei übereinander gelegten Matratzen zu Füssen der Mädchen auf dem Boden schlafen. Etwas später wurde dann noch das Abendessen offeriert: Reis, Daal, Chicken, scharfes Gemüse, Chapattis und diese Chips, die ich nicht zu benennen weiss. Danach sank ich müde ins Bett und schlief… Saturday, 25.09.10 Wir wurden recht unsanft durch lautes Klopfen an der Tür geweckt. Einer der Jungs hatte seinen Rucksack in unserem Zimmer vergessen und brauchte ihn jetzt. Es war aber gut, dass er geklopft hatte. Mein Handy, mit Wecker, hat über Nacht den Geist aufgegeben, weil es keinen Akku mehr hatte… wir hätten wohl verschlafen. Im Zimmer war es sehr kalt, wegen der Klimaanlage, und als ich dann ins Bad trat, erschlug mich die Hitze, die durch das Fenster von draussen hereindrang, beinahe. Ich weckte die Mädchen und stellte fest, dass sie all in ihren Kleidern geschlafen hatten. Sie haben wohl gar keine Pijamas mitgebracht. Nun planschen sie im Bad, der Fernseher läuft und ich warte bis es acht Uhr und somit Zeit fürs Frühstück ist. Mal schauen, was der Tag bringt! Herumsitzen und warten, nichts passiert…. So sieht der Morgen aus. Irgendwann hatten wir dann aber genug, haben die Geigen ausgepackt und eines der Zimmer zum Üben eingerichtet. Ich war sehr streng mit ihnen, was Disziplin betrifft. Sie sollten absolut still sein, während ich die Violinen stimmte. Einerseits deshalb, weil es einfach meine Nerven zu sehr strapaziert, wenn sie immer rumfiddeln. Andererseits, und das habe ich ihnen auch erklärt, kann es gut sein, dass sie auch im Studio mal längere Zeit absolut ruhig sein müssen. Dann haben wir also etwas mehr als eine Stunde, ja wahrscheinlich beinah zwei Stunden geübt und nun warten wir wieder. Sobald die Mädchen ihr Zimmer betreten, stellen sie den Fernseher an. Dies scheint auch zu Hause ihre Dauerbeschäftigung zu sein… Gerade war ich im Bad, es sieht aus wie ein Überschwemmungsgebiet! Die Mädchen haben mit Duschen und Kleider waschen alles unter Wasser gesetzt. Was mir auch wieder auffällt ist der Umgang mit dem Abfall. Ich halte sie nun aber dazu an, allen Müll in den Abfalleimer zu entsorgen. Übrigens, das Hotel erscheint mir etwas herunter gekommen. Die Bett- und Frotteewäsche sieht nicht ganz sauber aus, das Treppenhaus bröckelt und der Raum, in dem wir essen ist vollgestellt mit kaputten Stühlen. Ich glaube wir essen nicht im echten Speisesaal sondern bekommen einfach „Buffet-Essen“ in diesem ausrangierten Raum. Es ist nicht schlecht, aber halt irgendwie typisch Unterhaltungsbranche. Vor der Kamera kann es nicht glamourös genug sein, dahinter ist es bestenfalls zweckmässig… Aber, den Kindern gefällt es. Sie sind zum ersten Mal in einem Hotel, probieren die Eisfächer der Minibar aus und lutschen auf Eiswürfeln herum. Das Wasser, finden sie, stinkt. Es ist, wie in vielen Grossstädten üblich, chloriert. Das sind sie sich natürlich nicht gewöhnt. Einer der Jungen, Prajual, hatte heute das gleiche T-Shirt wie gestern an, einfach von innen nach aussen gestülpt. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er, er wisse das schon, diese Seite sei aber halt noch die saubere Seite. Ich habe jetzt herausgefunden, warum wir in einer „Abstellkammer“ essen. Das ganze Hotel ist entweder total am auseinander fallen oder aber es wird gerade renoviert. Heute wurden wir zum Lunch in einen anderen Raum geführt. Schutt liegt überall herum, die Spiegel an den Wänden sind dreckig und halb blind. Als Tische wurden einfach ein paar Bretter aufgebockt. How nice!! Nun bei Tageslicht sieht man auch den Schmutz überall, nicht sehr angenehm! Nach dem Lunch wurden wir dann von zwei Autos abgeholt. Unser Fahrer fand Gefallen an mir und versuchte die ganze Zeit in einem Mix aus Hindi und ganz wenig Englisch mit mir zu plaudern. Er fuhr extra einen Umweg zum Studio, damit ich etwas mehr von der Stadt sehen konnte. Mumbai ist nicht gerade berauschend. Einige riesige, übertrieben wirkende Hochhäuser, viele zerfallende oder im Aufbau begriffene Gebäude und dann auch wieder die ganz armen Gebiete, wo Leute unter zerschlissenen Planen hausen. Nun sitzen wir wieder im second Floor herum und warten, warten, warten… So, jetzt ist es halb fünf abends und endlich passiert etwas. Die Kinder werden für ihre Kleider vermessen. Dann hiess es wieder warten. Wir beobachteten die Leute, die ein und aus gingen, gekleidet in die schrillsten Kostüme. Am meisten schmunzelten wir über die Männer in hautengen Glitzeranzügen… Plötzlich hiess es dann „Take your violins and come down“. Wir wurden wieder mal ins Auto verfrachtet und los ging es. Unser Fahrer fuhr direkt vom glamourösen Studio mitten hinein ins Elend. Riesige Haufen Müll, in Lumpen gekleidete Menschen und vor allem Kinder, schmutzig und bettelnd. Das Ganze malerisch vor den Hochhäusern mit der flirrenden Abendhitze und Dämmerungssonne im Hintergrund aufgebaut! Einfach nur krass und sprachlos machend… Wir wussten gar nicht, wo wir eigentlich hinfuhren. Schliesslich verliessen wir aber das eisgekühlte Auto und liefen ein Stück durch die brütende Hitze. Meine Brillengläser beschlugen von dem extremen Wärmeunterschied, dann betraten wir ein schmales Haus, stiegen eine steile Treppe hoch und fanden uns in einem Aufnahmestudio wieder. Erstmal musste ich alle Instrumente stimmen und mir tun jetzt noch die Finger weh vom vielen Drehen der verklemmten Feinstimmer. Dann durften die Kinder eine erste Kostprobe ihres Könnens geben. Nach einigen Aufnahmeversuchen entschied dann der Aufnahmeleiter, dass das Klicken in den Kopfhörern nicht ausreicht, damit die Kinder „in time“ bleiben. Also musste ich einen ganzen Durchlauf des Stückes einspielen. Anschliessend hörten die Kinder über die Kopfhörer meine eingespielte Stimme sowie das Klicken des Metronoms. Bei den weitern Aufnahmen habe ich dann die ganze Zeit dirigiert, Einsätze gegeben, animiert… halt einfach alles! In aller Bescheidenheit: es ist ein wahres Glück, dass ICH mitgefahren bin! Mit Mr. Rudra hätte das nie und nimmer funktioniert. Zuerst wurden dann die Violinen eingespielt, dann die Violas und schliesslich noch die Celli. Es dauerte lange, brauchte Nerven und war wirklich anstrengend für uns alle, aber zum Schluss ist eine ganz brauchbare Version entstanden. Wir haben auch noch etwas gemogelt bei einem besonders heiklen Violasolo. Der Aufnahmeleiter hiess mich diesen Part einspielen und so bin ich also auch noch erewigt auf diesem „Recording“. Nach den Aufnahmen durften wir dem Tontechniker noch über die Schulter schauen, der die Tracks am Computer zusammenfügte und ausbesserte. Dann waren die Wagen da um uns zurück zum Hotel zu bringen. Es war neun Uhr abends und immer noch 28 Grad draussen. Im Hotel rief ich dann alle Kinder in unser Mädchenzimmer. Ich wollte ihnen allen nochmals erklären, was wir da heute eigentlich gemacht haben und wofür. Auch habe ich ihnen jetzt schon gesagt, was dann morgen auf sie zukommen wird. Heute war alles für das Ohr wichtig, morgen wird es vor allem ums Aussehen gehen. Ich glaube, diese Zeit zum Erklären und Fragen beantworten ist sehr wichtig. Hier geht alles immer so schnell und man vergisst schnell, dass diese Kinder eine solch hektische Welt überhaupt nicht gewohnt sind. Jetzt haben wir gegessen, ich habe mich mit einem Komödianten aus Kalkota unterhalten, der auch gerade sein Studium beendet hat und wohl ungefähr in meinem Alter ist. Jetzt sitzen acht der zehn Kinder noch bei uns im Zimmer, schwatzen und schauen fern. Sunday, 26.09.10 Um 5.30 Uhr weckten uns die Jungs per Telefon. Eigentlich hätten wir erst um sechs Uhr aufstehen müssen, aber sie wollten Bina zum Geburtstag gratulieren. Um ca. 7 Uhr holte uns dann wieder ein Auto ab, um uns zum Studio zu bringen. Und nun sitzen wir wieder hier, warten was kommen mag und haben noch nicht einmal gefrühstückt. Gerade als ich das schrieb, ist das Frühstück gekommen. Die Mädchen der Tanzgruppe, also die direkte Konkurrenz, wollten sich vordrängen. Ich sagte aber meinen Kindern, sie sollen das auf keinen Fall zulassen. Wenig später richteten sich die Visagisten ein und wir zogen in einen anderen Raum um. Die Kleider für die Mädchen wurden gebracht. Eine Art Schuluniform im schottisch-englischen Stil. Sie waren aber noch überhaupt nicht passend und so wurden die Mädchen erst einmal zum Schminken geschickt. Das Make-up ist schön dezent, richtig gelungen. Und die Jungs sehen in ihren schwarzen Hosen, weissen Hemden und violettkarierten Chilets wie kleine Gentlemen aus! Die zweite Runde anprobieren der Kleider bei den Mädchen war dann sehr stressig. Nun waren alle Kleider viel zu eng, die Mädchen waren verzweifelt, fingen einen Streit an und es gab Tränen. Steffi und Sangay musste ich sogar richtig trennen, weil sie aufeinander losgegangen waren. Nach weiteren Malen Kleider an- und ausziehen waren schliesslich auch die Mädchen fertig gestylt. An die Kleider waren noch viele Glitzersteine aufgeklebt worden, die Mädchen tragen nun silberne Ballerinas und schwarze Strumpfhosen, für die Jungs sind Leinenschuhe schwarz eingesprayt worden. Den Jungen wurden die Haare mit viel Gel hochgekämmt, die Mädchen tragen ihre Haare alle offen. Irgendwann hatte ich dann eine einigermassen ruhige Minute um alle Instrumente zu stimmen. Zwar würden die Kinder Playback spielen, aber trotzdem ist es für das selbstbewusste Auftreten wichtig, dass sie mit gestimmten Instrumenten spielen. Als ich dann die Instrumente auspackte, war ich sehr froh, dass ich nachgeschaut hatte. Viele Violinen waren extrem verstimmt, eine der Ersatzgeigen hat sich hinten geöffnet und ein Steg ist umgefallen! Langsam werde ich aber sehr schnell im Flicken von solchen Kleinigkeiten. Als Nächstes überwachte ich dann den Lunch er Kids. Normalerweise kleckern sich nämlich bei jedem Essen mindestens zwei Kinder voll und mit den Kostümen war das nun echt eine Herausforderung. Mr. Vivien war lange Zeit verschwunden gewesen und nun tauchte er plötzlich wieder auf. Er sagte uns, er habe schon die Zugbillette für Dienstagmorgen gekriegt. So etwas hatte ich schon die ganze Zeit vermutet… Der Wettbewerb ist nicht echt, sonder es ist schon von Anfang an vorbestimmt, wer am Ende gewinnen wird. Bald danach wurden wir dann nach unten gebracht, wo wir in der Eingangshalle des Studios zusammen mit den Spider-Mädchen warten sollten. Dann ging alles zügig. Die Tanzmädchen wurden ins Studio geführt, Vivien und ich konnten hinter der Bühne an einem Bildschirm die Aufzeichnungen mitverfolgen. Es wurden viele „Cuts“ gemacht, dann wurden unsere Kinder auf die Bühne gerufen. Sie sahen einfach super-süss aus! Nach dem Auftritt durften Vivien und ich uns für die Verkündung, wer weiter kommt im Wettbewerb, auf eine Couch am Rand der Bühne setzen. Und schliesslich wurden wir sogar noch auf die Bühne gerufen und mussten ein paar Fragen beantworten. Ich bin ja mal gespannt, ob etwas davon im Fernsehen zu sehen sein wird… Ohne grosse Überraschung wurden die „Spider-Girls“ als Gewinner dieser Runde auserkoren. Was wir aber nicht wussten: unsere Kinder mussten nochmals auf die Bühne und ihnen wurde der „Spotless Performance of the Day“-Award verliehen, der mit 10000 Rupien datiert ist. Die Kinder waren soooo stolz und glücklich!! Wieder im zweiten Stock angelangt, mussten sie sich alle aufstellen für Fotos und kurze Interviews vor der Kamera. Dann hiess es alles zusammen packen und zurück ins Hotel fahren. Weil es erst sechs Uhr war und die Kinder sehr aufgedreht waren, beschloss ich, mit allen noch etwas nach draussen zu gehen. Wir liessen Vivien alleine im Hotel zurück und zogen gemeinsam los. Ein gutes Stück die Strasse hinunter bogen wir dann in eine Querstrasse ein, in der sich viele kleine Läden aneinander reihen. Die Kinder verschwanden gleich in einem schmalen Durchgang, wo sich eine Boutique verbarg. Ich hätte diese nicht einmal entdeckt! Auf der anderen Strassenseite war ein Obststand aufgebaut und Mukesh bot mir frische Kokosmilch an. Der Händler schnitt die Nuss oben auf, steckte Röhrchen hinein und schon konnten wir die lauwarme Köstlichkeit geniessen. Einen Laden weiter kaufte Sangay Glacé und Cola, das sie mit mir teilte. Die Kinder sind sehr freigebig, dabei wollte ich ihnen doch heute etwas spendieren, zur Feier des Tages! Ich liess sie dann einige verschiedene Snacks aussuchen und wir kauften eine Riesenflasche „Thumps up“, eine Art Cola. Weil es in der Zwischenzeit schon dunkel geworden war, kehrten wir dann um und auf dem Heimweg kauften wir noch Glacé. Es macht enorm Spass, mit den Kindern so durch die Stadt zu schlendern. Obwohl dies eine Riesenstadt ist, bewegen sie sich ganz natürlich, reden mit Leuten, handeln,… einfach schön zu sehen. Nach dem Abendessen machten wir dann eine kleine Party in unserem Zimmer mit den gekauften Snacks. Wir sangen nochmals Happy Birthday für Bina, assen und die Kinder schwatzten in Nepali munter drauflos. Nachdem die Jungs verschwunden waren, stellte ich sicher, dass nichts mehr auf dem Boden lag. Ich wollte die Kakerlaken, die sowieso schon in Überzahl herumkriechen nicht noch unnötig mit Essensresten ködern. Monday, 27.09.10 Es ist Mitternacht, die Mädchen schlafen, aber ich kann jetzt nicht schlafen. Es ist etwas Dummes passiert und ich weiss nicht, wie ich jetzt damit umgehen soll. Der ganze Tag war ruhig, ja sogar fast langweilig gewesen und als es dann gegen Abend etwas Abwechslung gab, überbordete es gleich… Wir sind heute spät aufgestanden, haben gefrühstückt und dann war nichts mehr los. Weil wir gedacht haben, dass „Sony Channel“ eventuell noch Programm mit uns vorhat, haben wir gewartet. Dann wurde es uns aber zu langweilig. Die Mädchen halfen mir, einen Sari anzuziehen und wir schminkten uns gegenseitig und machten Frisuren. Dann rief Vivien Sir. Wir sollten alle ein wenig nach draussen gehen, die Umgebung erkunden und alle Schüler dürfen sich dann ein neues T-Shirt kaufen. Wir liefen also in der brütenden Hitze los. Ich mit kleinen Trippel-Schritten, weil ich es ja nicht gewohnt war, im Sari zu laufen! Wir gingen in die gleiche „Einkaufsstrasse“, in der wir gestern schon waren. Nach einigem Hin und Her erstanden alle vier Mädchen je ein T-Shirt, von den Jungs kauften sich vier ein Hemd, die anderen zwei erstanden eine Uhr für jeweils nur 150 Rupien. Weil es so heiss war, gingen wir bald zum Hotel zurück, hatten Lunch und dann schlief ich ein wenig. Die Klimaanlage funktionierte nicht, deshalb wurde es bald unerträglich heiss im Zimmer. Den Nachmittag verbrachte ich also mit Schlafen, Sudokulösen mit Steffi, aufs Dach steigen mit Mukesh und Prajual und einfach mit Nichtstun. Gegen sieben Uhr kamen dann Father Pauls Bruder und seine Frau vorbei. Sie luden Vivien und mich zu sich nach Hause zum Dinner ein. Etwas übereilt verliessen wir also das Hotel. Die Kinder sollten dort bleiben, ganz normal Dinner haben und für sich selbst schauen. Wir fuhren also ca. 15min mit dem Auto Richtung Osten und schon waren wir da. Die Beiden besitzen eine Zweizimmer-Wohnung, wo sie mit ihren beiden Kindern und einem Hausmädchen wohnen. Sie arbeiten beide, er als Lehrer, sie bei Air India. Erst wurden wir mit Fanta, einer Süssspeise und scharfem Knabberzeug bewirtet. Dann kam eine Makrele dran, auch extrem scharf und dazu Grurken- und Tomatenscheiben. Die Männer tranken Scotch, wir Frauen einen sehr süssen Rotwein. Danach mussten Vivien und ich viele kleine Fleischbällchen essen. Nach einer kurzen Pause wurden wir an den Tisch gebeten fürs Abendessen. Zuvor hatten wir auf dem Sofa gesessen, jetzt wurde ein Klapptisch an der Wand hochgeklappt. Sehr platzsparend! Zum „richtigen“ Essen gab es dann Reis, Sauce, Fischcurry, Hühnerbällchen und nochmals Gurken und Tomaten. Eigentlich konnte ich da schon nicht mehr, liess mir aber eine grosszügige Portion aufdrängen. Vivien und ich mussten uns schliesslich fast schreiend wehren, damit uns nicht immer noch mehr aufgezwungen wurde. Es war sehr lecker, aber einfach viel zu viel!! Cyntia, die Frau, ass nach uns, ihr Mann hatte noch nichts gegessen, als sie uns wieder beim Hotel ablieferten. Das fand ich sehr komisch, dass wir nicht gemeinsam essen konnten. Zurück beim Hotel war es schon halb 12, die Kinder waren aber noch putzmunter und verschlangen die Sweets, die wir ihnen mitgebracht haben. Dann schickte ich die Jungen aus dem Zimmer und machte mich fertig zum Schlafen. Und dann entdeckte ich es: Ich war noch etwas am zusammen packen für die morgige Reise und wollte gerade den Plastiksack mit dem Shampoo verräumen. Darin hatte ich auch die Schokolade, ein Geschenk von Valerie, gepackt, weil sie auf der Reise weich geworden war. Es ist der einzige Luxus, den ich mir hier für mich alleine gönne, abends noch ein-zwei Ecken. Und jetzt musste ich feststellen, dass nur noch eine halbe Reihe übrig ist! Irgendjemand ist hinter meine Schokolade gegangen. Ich wusste im Moment nicht, was tun und versorgte das Päckchen kommentarlos. Dann wollte ich noch meine Tasche fertig packen. Es fiel mir zwar sofort auf, dass darin ziemliches Chaos herrschte, was so gar nicht meine Art ist, aber ich dachte mir nichts dabei. Doch dann checkte ich noch meinen Geldbeutel und ja, es ist Geld verschwunden! Ich weiss nicht genau wie viel, weil ich es nicht so genau gezählt habe. Es fehlen aber mindestens 40 Rupien, wenn nicht sogar über 150 Rupien… Ich bin einfach sprachlos! Das hätte ich mir nicht träumen lassen, ich bin sooooo enttäuscht!! Kein Wunder kann ich nicht schlafen… Morgen muss ich es Vivien sagen und ich muss die Kinder zur Rede stellen. Ich finde es einfach so extrem schade, dass unsere super tolle Reise nun davon überschattet wird. Das wäre echt nicht nötig gewesen! Tuesday, 28.09.10 Kaum war ich mit dem Schreiben vom Vortag fertig, klopfte es heftig an die Tür. Unsere zuständige Kontaktperson vom „Sony Channel“ wollte Vivien die Zugbillette überreichen: morgens um 1.00 Uhr! Ich versuchte danach etwas zu schlafen aber erneut wachte ich auf, weil mich die Mücken plagten. Meine beiden Armen waren von den Fingerspitzen bis unter die Achseln mit Stichen übersäht und die Arme waren ganz geschwollen. Kaum war ich danach eingedöst, klopfte es schon wieder an die Tür. Es war Vivien Sir und er sagte, wir müssten jetzt gleich aufbrechen, die Autos würden schon unten warten. Anscheinend soll es heute ab sechs Uhr einen Streik in ganz Indien geben und deshalb müssten wir sobald wie möglich den Bahnhof erreichen. Als wir dann um 5 Uhr alle unter bei der Rezeption waren, war von den Autos weit und breit nichts zu sehen. Dann kam ein Telefon, die Autos kämen erst um 6.30 Uhr. Also setzten wir uns alle in eines der Zimmer und warteten. Ich konfrontierte die Kinder mit den verschwundenen Dingen und sagte ihnen, ich müsse nicht jetzt gleich wissen, wer verantwortlich dafür ist, aber ich will eine Antwort bekommen. Bis jetzt hat sich niemand gemeldet. Ein oberdoofes Gefühl, ich fühle mich ausgeschlossen! Den Bahnhof erreichten wir dann um sieben Uhr, ohne Frühstück… Nun sitzen wir also wieder mal in einem Bahnhof, warten vier Stunden lang und müssen das Gepäck bewachen. Vivien und Prabash sind losgezogen um Frühstück zu kaufen. Es wird wohl Bisquits und Chiya geben. Ich fühle mich jetzt sehr alleine, mit dieser ungelösten Sache. Ich bin sehr, sehr enttäuscht und traurig und zeige das den Kindern auch. Sie sollen ruhig wissen, dass mich so was nicht einfach kalt lässt. Vivien meinte, ich soll es vergessen, so etwas passiere eben ab und zu in Gandhi Ashram. Aber wie soll ich es vergessen? Es geht ja überhaupt nicht um die Schokolade oder das Geld! Der Schaden ist dadurch entstanden, dass sie mein Vertrauen missbraucht haben. Und jetzt geht es damit weiter, dass niemand etwas sagt. Sie bieten mir ganz freundlich Brot und Tee an… aber mir ist der Appetit gründlich vergangen. Ich mag jetzt auch mit niemandem sprechen und würde eigentlich am liebsten alleine sein. Nur, rund um mich herum starren mich alle an und alleine herumspazieren, was mir jetzt sicher gut tun würde, ist wohl hier auch keine so gute Idee! Also schreibe ich einfach und fühle mich inmitten dieses Bahnhofgetümmels so einsam, wie auf einem fremden Stern. Später im Zug: Wir sind jetzt schon seit acht Stunden unterwegs. Ich glaube es wird sich niemand melden wegen den gestohlenen Sachen. Ich bin enttäuscht und es gibt der ganzen Reise wirklich einen schlechten Beigeschmack, aber was tun? Am Mittag haben wir Lunch bestellt. Bis das Essen kam, habe ich geschlafen und vor mich hin geträumt. Und dann war das Essen extremst scharf. Meine Lippen waren danach knallrot und ich konnte beinahe nicht mehr richtig atmen. Geschmeckt hat es aber sehr gut! Ab und zu mache ich Fotos aus dem Zugfenster hinaus; Landschaften, Ziegen- und Kuhherden und seltener auch mal Menschen. Jetzt ist es draussen aber schon dunkel und das ewige Geratter ist wird langsam eintönig. Das Abendessen, Reis, Sauce und Gemüse, war wieder sehr scharf. Gleich danach richteten wir uns zum Schlafen ein. In der Nacht wurde es dann ungemütlich kalt. Es zog vom einen Fenster zum anderen und weil ich keine Decke hatte, fror ich ziemlich und erkältete mich ein wenig. Wednesday, 29.09.10 Es ist sieben Uhr morgens und ich wurde gerade ziemlich grob von einer Bettlerin bedrängt. Sie hat mich sogar ans Knie geschlagen und mir einen Stoss an die Schulter gegeben. Wie unangenehm. Und alle haben gestarrt, ich habe ihr aber kein Geld gegeben. Der Bodenwischerin mit dem Baby auf dem Schoss habe ich gestern ein paar Münzen gegeben. Solch aufdringlichen, pöbelnden Bettlern gebe ich aber sicher nichts! Wir haben schon Chai getrunken, geniessen das Morgenlicht und den Bodennebel, der malerisch an den Zugfenstern vorbei zieht. Ab und zu laufen die Verkäufer laut rufend vorbei, sonst ist es noch ziemlich ruhig im Zug. Drei der Mädels schlafen auch noch. Später: Wir sitzen nun schon wieder seit Stunden da, haben nochmals Tee getrunken, ein neugewonnener Freund ist vorbei gekommen und alle plaudern angeregt in Nepali. Schade, dass ich dabei eigentlich fast nichts verstehe!! Draussen rauscht die Landschaft vorbei, Frauen in leuchtenden Saris in allen Farben laufen Sandpisten entlang, Männer pflügen mit Ochsen die Felder, andere fahren auf klapprigen Fahrrädern vorbei. An den Gleisen entlang stehen Leute mit riesigen Holzbündeln auf dem Rücken, andere treiben Ziegenherden über die Schienen. In der ganzen Aufgeregtheit gestern, wegen der gestohlenen Sachen, habe ich ganz vergessen, die Reaktionen auf mein „Saritragen“ aufzuschreiben. Als nämlich die Jungs in unser Zimmer kamen, prallten sie erst mal zurück und machten kugelrunde Augen. Die Mädchen hatte mir vorher schon die ganze Zeit immer wieder gesagt, „how very pretty“ ich jetzt aussehe. Nun begannen auch die Jungen mit „Daumen hoch“-Zeichen ihre Zustimmung zu geben. Und sie sagten mir, wie stolz sie seinen, eine so hübsche Lehrerin zu haben. Und ich fühlte mich auch wirklich ein bisschen wie eine Prinzessin… Wieder etwas später: Gerade eben ist der kleine Junge vom Abteil nebenan vorbeigekommen. Er ist zu mir auf den Schoss geklettert, hat mein ganzes Gesicht aufmerksam betrachtet und abgetastet, etwas mit meiner Brille gespielt und sich dann an meinen Hals gekuschelt. Auch mein Tagebuch und den Stift fand er sehr faszinierend und er hat mir auf die letzte Seite ein virtuoses Kunstwerk gemalt. Soooo süss! Als dann seine Mutter kam, um ihn zurück zu holen, wollte er gar nicht mehr von mir weg… Das Mittagessen war wieder extrem scharf, aber ich habe mich schon fast daran gewöhnt. Den Nachmittag habe ich grösstenteils verschlafen – was soll man auch anderes tun – oder ich habe im Liegen Musik gehört und die Landschaft betrachtet. Das speziell-leuchtende Grün der jungen Reisfelder, dicke Wasserbüffel die sich im Schlamm wälzen, Kinder, in Lumpen gekleidet, die Ziegenherden bewachen… und viele Brenntürme für Lehmziegel. Jetzt ist es gerade ein bisschen ungemütlich geworden im Abteil, weil viele Leute eingestiegen sind, die gar nicht in diesen Wagen gehören. Draussen spielt sich dafür ein umso schöneres Naturschauspiel ab: Die Sonne versinkt gerade als perfekt geformter roter Feuerball im Abenddunst. Genial schön!!! Diese Nacht schlief ich zwar gut, aber ich fühlte mich gar nicht wohl, einzuschlafen, während so viele Männer neugierig jede Bewegung von mir beobachteten. Zum Glück waren am nächsten Morgen schon einige verschwunden und ausgestiegen. Thursday, 30.09.10 Um neun Uhr morgens erreichten wir schliesslich wieder Siliguri. Der Zug hatte also ca. vier Stunden Verspätung, das war aber gerade gut, weil wir so gemütlich aufstehen konnten und alles Gepäck zusammensuchen konnten. Auf dem Bahnsteig fanden wir auf Anhieb zwei Wagen, die bereit waren uns nach Kalimpong zu bringen. Wir tranken noch schnell einen Becher Tee und assen ein paar Bisquits, dann ging es auch schon los. Die Fahrt war wieder einmal ziemlich spektakulär: Auf einigen Teilen der Strecke fühlt man sich im Auto wie auf hoher See. Der Wagen schleudert von einem Schlagloch ins nächste und man hüpft nur so auf und ab. Weiter oben war dann die Strasse an einigen Stellen prekär kaputt und vom vielen Regen in der letzten Zeit ausgewaschen. Dort fällt dann der Hang einfach senkrecht bis zum Teesta-River runter und ich war froh, dass wir jetzt da entlangfuhren und nicht gerade dann, als dieses Stück Strasse abgebrochen ist! Endlich, um genau zwölf Uhr erreichten wir Gandhi Ashram. Meine Beine waren ziemlich wacklig, alles schwankte und die Ohren waren vom Höhenunterschied ganz taub…. Aber wir waren zurück, wohlbehalten und sicher, und wurden von allen herzlichst begrüsst. Es gab einige Hallos und die kleineren Kinder rissen mir fast die Arme aus, so stürmisch zerrten sie mich in alle Richtungen. Viele kamen angerannt, umarmten mich und schrien „Miss, Miss, you are back, Miss…..“. Das war wirklich schön, zu hören, dass ich vermisst wurde. Speziell auch Shmita aus Klasse sieben ist gekommen und hat gesagt, sie habe mich so vermisst und sei froh, dass ich jetzt wieder mit ihr Cello spielen würde. Nach dem Lunch packte ich meinen Rucksack aus, wusch gleich ein paar der Kleider, weil es draussen so warm, ja heiss, war und duschte selbst auch. Danach fühlte ich mich schon wieder richtig frisch und munter. Als dann aber meine Class 4 Celloschüler zu meinem Zimmer hoch kamen und fragten wo ich bleibe für die Stunde, sagte ich ihnen, der Unterricht würde erst nächste Woche beginnen. Ich fand es schon etwas extrem von Rudra Sir, von mir zu verlangen, dass ich knapp eine Stunde nach meiner Ankunft schon wieder unterrichten sollte! Um drei Uhr ging ich dann aber herunter in die Schule um mir die Choreographie der Tanzgruppe anzusehen. Ab Morgen würde ich nämlich da gemeinsam mit Valerie wieder mit den Proben fortfahren. Das Stück sieht gut aus und es muss nur noch etwas am Gesamtbild gefeilt werden… ich bin froh, dass es schon so gut klappt! Dann nach der Schule kamen noch Santos und Tikka, um für das Examen zu proben. Die Prüfung wird schon am nächsten Montag stattfinden. Valerie hat gut mit ihnen geprobt. Aber Tikka ist trotzdem noch viel zu wenig vorbereitet. Ich arbeitete ungefähr eine Stunde mit ihnen und dann war ich aber doch ziemlich müde, von der Reise und all dem Ankunfts-Trubel hier. Ich hab auch noch erfahren, dass morgen neun männliche Lehrer und Misses Way (aus England) und Valerie auf einen Ausflug Richtung Buthan gehen werden. Man nennt das hier ein „Outing“ für die Lehrer. Sie werden also am Freitag in einem Hotel übernachten und irgendwann am Samstag zurück sein. Am Abend traf ich dann die Boarders wieder und auch sie haben mich wieder herzlich willkommen geheissen. Friday, 01.10.10 Der Morgen war ziemlich spannend, weil ich jetzt sehen konnte, was Valerie in der Zwischenzeit mit den kleineren Kindern gemacht hat. Wir werden von nun an immer die ganze Gruppe Mädchen oder Jungs einer Klasse gemeinsam unterrichten. Misses Way hat ihr geholfen eine Art Konzept zu machen, wie wir die Kinder einigermassen ruhig halten können. Bei den Jungs der ersten Klasse hat das heute nicht wirklich funktioniert. Aber es gibt doch schon viel mehr Struktur als vorher. Wer nicht mitmacht und unruhig ist, wird in eine Ecke gestellt. Die Kinder müssen sich vor und nach dem Unterricht einreihen und still den Raum betreten und verlassen. Ich glaube so werden wir mit der Zeit ein gutes Unterrichtsklima schaffen können… mal schauen wie es wird! Nach dem Lunch verabschiedete ich Valerie, Misses Way und die anderen Lehrer und ging dann in die grosse Halle. Weil heute Freitag war, ist der Nachmittag wie üblich für Spezialprogramm reserviert. Father Patel liess zuerst die Nepali-Dance-Gruppe vortanzen und korrigierte noch einige Sachen. Dann kam unser „Western Dance“ dran: ich liess die Kinder erst einmal das ganze Stück durchtanzen. Dann korrigierte ich hier und da noch die Tanzhaltung, gab einige Anweisungen wegen der Schritte und liess sie dann nochmals tanzen. Anschliessend musste jedes Paar einzeln vortanzen, wir wollten sehen, ob sie die Choreographie wirklich kennen oder immer bei den anderen abschauen. Das Ganze lief aber schon wirklich gut. Jetzt müssen wir nur noch am Schluss des Stückes arbeiten. Nach eineinhalb Stunden Tanzunterricht, zog ich mich um drei Uhr auf mein Zimmer zurück um zu schreiben. Kurz nach vier Uhr trank ich dann noch mit Father Patel eine Tasse Milch-Tee und ging dann wieder in die grosse Halle um mit Tikka und Santos zu proben. Es war aber nur Santos da und so unterrichtete ich ihn beinahe zwei Stunden alleine. Er ist wirklich gut, gibt sich Mühe, kann die Stücke nun mit viel Ausdruck vorspielen und kennt auch schon beinahe alle gefragten Tonleitern auswendig. Es hat Spass gemacht, ihn zu unterrichten. Ich hoffe wirklich, dass er das Examen bestehen wird! Für Tikka sehe ich aber schwarz… sie war gestern schon viel schlechter vorbereitet und ist nun gar nicht erschienen. Da kann ich auch nicht mehr helfen. Vor dem Abendessen ging ich dann zum ersten Mal mit den Boarders in die Kapelle und betete mit ihnen. Es war eine stille Gebetsrunde, jeder betete für sich, dann sangen sie noch ein Kirchenlied in Nepali und wir gingen gemeinsam nach unten in die Küche, um das Essen aufzuwärmen. Nun waren wir eine kleine Truppe, weil ja Valerie und Brother Ajay fehlten. Aber es war sehr gemütlich und wir plauderten noch ziemlich lange.
Sa
18
Sep
2010
Uiuiui, es ist schon Mittwochabend und ich habe diese Woche noch gar nichts geschrieben.
Es war einfach soviel los und statt, dass ich am Abend vor dem Essen geschrieben habe wie bisher immer, habe ich die meiste Zeit tanzend verbracht.
Also versuche ich jetzt einfach noch zu erzählen, was mir von diesen letzten drei Tagen geblieben ist.
Am Montag habe ich mit Tika wieder für das Examen geübt. Am Ende der Stunde spielte sie sogar schon eines der Stücke mit Valerie am Klavier zusammen. Es wird gut gehen, auch wenn wir nicht mehr so viel Zeit haben, da die Prüfung schon Anfangs Oktober ist.
Gestern, am Dienstag also, sind Santos und Tika zusammen in die Stunde gekommen. Santos ist sehr virtuos im Erfinden von Fingersätzen. Ihm fällt es überhaupt nicht schwer, nach Gehör eine Tonleiter zu spielen. Tika ist dafür sehr gewissenhaft und versucht alles was ich ihr beibringe auch wirklich so umzusetzen, wie ich es ihr zeige. Es ist interessant mit den beiden zu arbeiten. Es ist aber auch gut, dass ich die beiden jeweils alleine für eine Stunde unterrichten kann. So kann ich auf ihre jeweils speziellen Eigenheiten besser eingehen.
Heute kam dann der Schulbus viel später als üblich an und Santos wollte nicht mehr üben. Naja, ich werde die beiden ja morgen wieder sehen, und dann müssen sie auch unbedingt am Wochenende alleine üben.
Seit Montag hat der Stundenplan etwas umgestellt. Weil die Vorbereitungen für das jährliche Schulkonzert auf Hochtouren laufen, wurden alle Schulstunden um 5 Minuten gekürzt. Jetzt gibt es sechs Stunden à jeweils ca. 35 Minuten am Morgen, danach findet das Mittagessen statt. Dann sind nochmals zwei normale Stunden und die letzte Stunde am Nachmittag ist reserviert für die speziellen Aktivitäten, die Vorbereitung fürs Konzert.
Valerie und ich haben also jeden Nachmittag gute vierzig Minuten Zeit mit unserer Tanzgruppe zu proben.
Es macht uns beiden extrem Spass, mit den Kids zu tanzen. Erst haben wir mit Grundübungen begonnen und jetzt haben wir auch mit Figuren zum Swing angefangen.
Das war eine ganz lustige Stunde, als wir die Kinder zu Paaren zusammengestellt haben und sie dann in der klassischen Standart-Tanzhaltung tanzen sollten. Die Mädchen haben erst einmal begonnen zu kichern und die meisten waren soooo schüchtern.
Am Ende der ersten solchen Stunde waren gerade mal zwei Paare in der Lage wirklich miteinander zu tanzen. Jetzt wird es langsam besser, aber es ist für die Kinder hier halt schon eine ganz ungewohnte Sache, dass Jungs und Mädchen zusammen tanzen.
Weil aber Father Patel sein Einverständnis für diese Art von Tanz gegeben hat, werden wir keine Probleme kriegen, weil wir so was unterrichten. Und ich glaube, eigentlich macht es auch Allen enormen Spass. J
Gestern, nachdem ich die Stunde mit Tika und Santos beendet hatte, sind Valerie und ich noch in der grossen Halle geblieben und haben zusammen getanzt. Irgendwann ist dann Brother Ajay noch dazu gekommen und wollte auch lernen zu tanzen. Wir haben dann abwechslungsweise mit ihm getanzt und nach einer Stunde hat er die Grundschritte von Swing und Walzer gut begriffen und zum Swing auch schon eine Figur gelernt. Es war sehr lustig, wie ernsthaft er unsere Anweisungen befolgt hat!
Ganz zum Ende sind dann auch Ajay und Passang noch dazugekommen und haben mitgetanzt. Jetzt haben wir abgemacht, dass wir am Samstag eine Tanzstunde für die Boarders geben werden.
Was sonst noch so los war: Am Montag hat Father die Schlüssel für das Kindergartenzimmer sowie für den einen Musikraum verlegt. Die Kindergartentür wurde dann aufgebrochen, damit sie normal Unterricht haben können. Die Tür zum Musikraum blieb erst einmal verschlossen.
Das hiess aber auch, dass wir keinen Zugang zu den Celli hatten, die alle dort in den Schränken eingesperrt waren. Die Klassen vier und fünf schickte ich deshalb in den normalen Musikunterricht, weil ich ja keine Stunde mit ihnen machen konnte.
Mit meinen 7.Klässlern war es etwas speziell: sie wollten partout trotzdem etwas mit mir machen. Also hat mir Shmita ein Nepali-Lied beigebracht und ich habe dann ihr und Andreas ein deutsches Lied beigebracht. Dann haben wir noch ein paar Sätze in Deutsch und Nepali gelernt… es war eine gemütliche Stunde!
Weil wir durch den abgeschlossenen Musikraum auch keinen Zugang zu den Blockflöten hatten und einen Raum weniger zum Unterrichten, haben Valerie und ich die Teams der Klassen 1-3 zusammengenommen. Am Montag hat’s mit den Jungs der 1.Klasse noch nicht so toll geklappt. Viele von ihnen rannten immer noch die ganze Stunde herum und haben nicht mitgemacht. Heute aber ist es uns gelungen ALLE Jungs in den Kreis zu bringen!!!
Wir haben damit begonnen, sie zu Beginn der Stunde in Zweierpäärchen zusammenzustellen. Dann sind wir alle gemeinsam auf den grossen Platz hinunter gegangen. Erst waren drei Jungs noch ausserhalb des Kreises. Mit einem Rhythmus-Klopf-Spiel konnten wir sie dann aber auch noch zu uns locken. Und von da an ist die ganze Stunde praktisch reibungslos verlaufen. Ein echter Erfolg!!!!
Neben dem vielen Tanzen, den zusätzlichen Unterrichtsstunden mit Tika und Santos habe ich auch von Rudra noch Extra-Arbeit bekommen.
Als er gesehen hat, wie schön ich die Tonleiterübungen für die beiden Examensstudenten aufgeschrieben habe, hat er mir ein Stück gegeben, wo ich die dritte Geige in eine Bratschenstimme umwandeln soll.
Vier Seiten! Und das nun alles handgeschrieben wiedergeben. Schnell habe ich begriffen, dass er mir da einfach eine Aufgabe zugeschoben hat, auf die er keine Lust hat. Aber was soll ich machen… Jetzt habe ich schon zugesagt und ich habe heute auch die Arbeit beendet. Dabei habe ich auch wieder einmal eine Lektion gelernt: ich sollte wirklich nicht so schnell zu allem ja und amen sagen! J
Übrigens, was mir jetzt gerade auffällt, mit den Namen könnte es etwas verwirrend sein. Wenn man das so liest, ist nicht ganz klar ob Rudra nun ein Vor- oder Nachname ist.
Hier ist es so, dass eigentlich niemand mit dem Nachnamen angesprochen wird. Rudra ist also der Vorname und man sagt, wenn man jemanden anspricht z.B. „Rudra, Sir“.
Valerie und ich werden eigentlich generell nur mit „Miss“ angesprochen. Nur eine der weiblichen Lehrerinnen begrüsst uns mit Vornamen und die vier Boarder Boys sagen uns meisten auch nur Valerie und Rahel, ohne das übliche „Miss“.
Thursday, 16.09.10
Es ist erst Mittag, aber weil Donnerstag immer so voll ist, schreibe ich lieber jetzt schon, als dass ich dann wieder nicht dazu komme.
Gestern haben wir mit dem Junior Orchestra nicht geprobt, weil es zu fest geregnet hat. Da die grosse Halle ein Wellblechdach hat, hört man bei starkem Regen nur noch ohrenbetäubender Lärm und keine Musik mehr…
Das heisst jetzt aber auch, dass heute sowohl das Junior wie auch das Senior Orchestra proben.
Für mich bedeutet das ein Arbeitstag von 8.15 durchgehend bis mindestens 18.00 Uhr, mit einer kurzen Mittagspause von 12.30 bis 13.30. Der Morgen war schon sehr anstrengend.
Meine 1.Klässler Mädchen waren heute nur zu fünft statt zu sechst. Aber zwei davon haben gar nicht mitgemacht in der Stunde. Statt aber die anderen drei zu bestrafen, indem ich immer unterbreche und versuche die zwei anderen zum Mitmachen zu animieren, habe ich mich heute einfach den drei anderen Mädchen gewidmet.
Gleich anschliessend waren dann die Jungs der 2.Klasse dran. Wir nahmen sie alle zusammen und es war äusserst anstrengend. Wir wandten wieder mal unsere Methode vom „aus dem Zimmer gehen, bis sie einen Kreis gebildet haben“ an. Aber auch als das geklappt hat, war es die ganze Stunde über ziemlich unruhig, laut und immer wieder mussten wir Streit schlichten…
Die nächste Stunde mit den 3.Klasse Mädchen war dann schon eine gute Entspannung. Sie haben kräftig mitgesungen, eigene Ideen gehabt und es war viel los, aber in geordneten Bahnen.
Nach dem Teabreak musste ich für meine Examensschüler noch Fingersätze für die Tonleitern aufschreiben. Und dann stand Rudra wieder da, nochmals mit etwas Neuem, das die beiden Examensschüler an der Prüfung können müssen. Ich weiss nicht, was er sich dabei denkt!! Die Prüfung findet in etwas mehr als zwei Wochen statt und nun sollen sie noch damit beginnen, Kadenzen mit Ganzschluss, Plagalschluss, und Trugschluss zu lernen und andere Theoriesachen…
„Ich kriege die Krise, echt!!“ J
Einfach unmöglich. Das Examen ist eigentlich dafür gedacht, dass man nach einem Jahr, oder auch nach zwei Jahren zeigt, was man alles in dieser Zeit gelernt hat und nicht um in weniger als einem Monat schnell-schnell die Sachen fürs Examen zu büffeln.
Den rein geigerischen Teil kann ich ihnen gut in so kurzer Zeit beibringen, weil sie sowieso schon ziemlich fortgeschritten sind. Aber ob sie all die Tonleitern und die theoretischen Wissensdinge so schnell memorieren können… ich weiss es nicht!
Als wäre der Morgen bis dahin nicht schon genug streng gewesen, haben sich meine 5.Klässler Celloschüler auch ziemlich wild benommen. Ich weiss nicht ob es am Regen liegt, dass alle so unruhig sind…
Auf jeden Fall haben sie die ganze Zeit wild durcheinander gespielt. Ich bat sie dann, etwas ruhiger zu sein. Und gegen Ende der Stunde konnte ich mit Eric einigermassen konzentriert üben, weil die anderen beiden auf die Toilette verschwunden sind.
LaTshiring hatte heute übrigens Geburtstag. Das habe ich deshalb gemerkt, weil er mir zu Beginn der Stunde zwei Süssigkeiten geschenkt hat. So ist das hier Brauch. Die Kinder kriegen an ihrem Geburtstag Süssigkeiten und verteilen die dann an ihre Freunde und die Lehrer. Ausserdem hat er wohl neue Schuhe gekriegt, und er war mächtig stolz darauf und hat sie mir von allen Seiten vorgeführt!
Der Nachmittag war wirklich noch ziemlich anstrengend. Die Tanzlektion war sehr gut. Und auch die Stunde vorher mit den Viertklässlern war gut. Sie machen Fortschritte auf dem Cello!
Aber nachher das Junior Orchestra war wirklich mühsam. Weil ja heute auch das Senior Orchestra Probe hatte, war Rudra noch da. Und als wir gerade begonnen hatten mit dem Pachelbel Kanon, gesellte er sich dazu und schlug mit einem Tschinellen-Tambourin den Takt… einfach grässlich!!!
Als hätten die Schüler nicht sonst schon genug Lärmablenkung gehabt. Ausserdem war er ein bisschen zu langsam und so wurde das Stück gegen Ende immer langsamer und noch langsamer.
Und als er dann aufhörte mit dem ewigen Geklingel fing draussen eine nervige Zikade an zu zirpen. Es gibt hier eine Zikadenart, die einen Ton produzieren kann, der wie ein überlauter, anhaltender Tinnitus-Ton klingt, oder auch wie eine defekte elektrische Leitung…. Ganz ganz übel auf jeden Fall!!!
Meine Nerven lagen einen Moment wirklich blank und ich musste mich für ein paar Minuten in den Staff-Raum zurückziehen, bevor ich mit Tika und Santos üben konnte.
Diese Stunde war dann aber ganz interessant. Ich habe schon angefangen sie auswendig Tonleitern vorspielen zu lassen.
Und am Ende der Stunde probten sie noch mit Valerie am Klavier und ich habe ihre Bühnenpräsenz überwacht…
Friday, 17.09.10
Was für ein Chaostag!
Als wir gemütlich beim Frühstück sassen, hörte man draussen plötzlich Kindergeschrei und Weinen. Ein Junge kam mit einem anderen Jungen auf dem Arm angerannt.
Ich lief nach unten um zu schauen, was da los war. Der Junge hatte sich anscheinend gestern überschlagen, als er etwas zu schnell den steilen Pfad runtergerannt ist. Als er heute dann in die Schule gekommen ist, haben seine beiden Beine plötzlich extrem angefangen zu schmerzen. Er konnte nicht mehr auf den Beinen stehen und schrie bei jeder Berührung.
Father liess den grösseren Jungen dann den verletzten Jungen ins Krankenzimmer hochtragen und ich ging mit. Zum Glück war dieser grössere Junge dabei. Der Verletzte ist nämlich erst in der 1.Klasse und mit seinen Schmerzen konnte er mir nicht mehr auf Englisch antworten…
Wir haben ihn dann auf das Bett gelegt. Die Schulschwester war noch nicht da und so warteten wir einfach mal. Der Junge schrie immer wieder auf und dann begann er zu hyperventilieren. Wir versuchten ihn zu beruhigen und ich holte Aspirin aus meinem Zimmer. Ich konnte nicht mit ansehen, wie der Junge so litt und niemand, also kein Erwachsener ausser mir, war da. Ich habe ihm dann etwas weniger als eine halbe Tablette gegeben und nach einiger Zeit hat er sich etwas beruhigt.
Dann tauchte aber das nächste Problem auf: er musste auf die Toilette…. Was tun?
Ich habe ihn dann auf die Arme genommen und in mein Zimmer hoch getragen. Dort haben ihm zwei Jungen geholfen und ich habe ihn wieder herunter gebracht.
Dann tauchte Father auf, meinte, die Schwester käme bald und wir sollen alle in die Schule runter gehen. Die Jungen schickte er in die Klasse und auch ich sollte unterrichten gehen. Zu dem verletzten Jungen hat er erst einmal gesagt, er hätte gar nicht in die Schule kommen sollen und dann er solle einfach alleine hier auf die Schwester warten.
Ich fühlte mich richtig hilflos, habe dann aber den einen Jungen Father nachgeschickt um ihm zu erklären, dass der Junge unmöglich alleine sein kann, weil er sich ja kaum bewegen kann.
Ich blieb dann noch bei ihm, bis die Schwester kam. Die hat ihn auch erst mal zusammengestaucht. Sie hat ihm anscheinend gestern gesagt, er solle zu Hause bleiben.
Aber was hätte der Junge zu Hause gemacht? Die Eltern hätten ihn bestimmt nicht zu einem Arzt gebracht… Ich wusste in dem Moment wirklich nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Der Junge tat mir so leid, und ich hoffte einfach, dass sie nun wirklich etwas für ihn tun würden!
Etwas widerwillig ging ich also zurück zur Schule wo schon das nächste Problem wartete: die 1.Klasse Jungen. Sie haben sich wieder aufgeführt wie eine Horde wilder Affen.
Nachdem wir zwei der schlimmsten Streithähne getrennt hatten, sass Valerie die ganze Stunde über mit Joachim auf den Knien da. Sie musste ihn festhalten, weil er so voller Hass auf einen anderen Jungen war, der ihn vorher geschlagen hatte.
Mir taten die zwei-drei Jungen Leid, die eigentlich ganz gerne etwas lernen wollen und singen wollen. Meistens sind wir so beschäftigt, all die Querulanten zusammen zu bringen, dass wir gar nicht gross zum unterrichten kommen.
Also habe ich heute die Strategie geändert, bin mit den drei „Braven“ hingesessen und habe alle möglichen Lieder gesungen und Spiele gemacht. Die anderen liess ich einfach toben.
Nach diesem turbulenten Start in den Tag, war plötzlich gar nichts mehr los. In der Freistunde habe ich etwas Noten sortiert. Dann sollte eigentlich die dritte Klasse kommen. Als sie nach einer Viertelstunde noch nicht aufgetaucht waren, glaubten Valerie und ich sie würden gar nicht mehr kommen. Weil die Sonne hervorgekommen war und es nun schön warm war, beschlossen wir auf unsere Zimmer zu gehen und Wäsche zu waschen.
Von oben hörten wir dann, dass die dritte Klasse doch noch gekommen war. Aber weil von der Stunde nur noch knappe zehn Minuten übrig waren, überliessen wir Rudra und Kamal die Gruppe und wuschen fertig.
Mit der 2.Klasse hatten wir dann nichts zu tun, weil sie einen Gruppensong auf der Bühne übten.
So schlossen wir den Vormittag dann mit einem Gottesdienst ab, der heute für alle katholischen Kinder in einem der Musikräume abgehalten wurde.
Was mich sehr enttäuscht hat dabei: Da der Gottesdienst in Englisch abgehalten wurde, haben die Kinder sowieso sicher schon Mühe gehabt, den Worten zu folgen. Umso mühsamer muss es für sie gewesen sein, dass der Gottesdienst überhaupt nicht kinderfreundlich gestaltet war. Weder die Lesung noch die Predigt handelten von irgendwas Kindergerechtem… ich fand das wirklich sehr enttäuschend!!
Jetzt muss ich aufhören zu schreiben. Meine PC Batterie taugt gar nichts mehr und jetzt hat es gerade keinen Strom mehr.
Da bin ich wieder. Es ist halb zwölf Uhr nachts! So spät bin ich bisher nie aufgewesen. Wenn das Licht weg ist, bin ich meistens auch so müde, dass ich gleich schlafen gehe. Heute ist der Strom aber beim Abendessen erst so richtig gekommen.
Am Nachmittag hatte es zuerst ganz wenig Strom und dann gar keinen mehr, als unsere Tanzstunde war. Deshalb mussten wir eine spezielle Batterie holen für den CD-Player.
Valerie und ich haben uns einige Gedanken mehr zu unserer Choreographie für den Tanz am Schulkonzert gemacht. Da die Bühne nicht sehr gross ist, können maximal 8 Paare gleichzeitig darauf tanzen. In unserer Tanzgruppe sind aber 26… was sollten wir da tun?
Die Kinder meinten, wir sollten heute entscheiden, wer definitiv tanzen darf und wer nicht, damit die nicht Ausgewählten sich noch einer anderen Gruppe anschliessen können.
Also liessen wir sie ganz lange die verschiedenen bisher gelernten Sachen vortanzen. Wir konnten uns aber nicht entscheiden, und vor allem haben wir es nicht übers Herz gebracht irgendjemanden auszuschliessen.
Nun haben wir eine Kompromisslösung gefunden: Es werden sowieso zwei Konzerte stattfinden, eines für die Eltern und eines für Schüler aus einer anderen Schule. Wir werden weiterhin mit Allen proben und dann werden die einen nur an einem Konzert mittanzen und die ganz Guten dürfen an beiden Aufführungen dabei sein.
Nachdem wir diese Lösung präsentiert hatten, waren alle sichtlich erleichtert und die Stunde wurde wieder sehr spassig. Nach einer Lektion verliess uns Valerie, weil sie mit dem Chor proben musste. Ich habe dann alleine weitergemacht und zum Glück war Brother Ajay noch da, der mir assistieren konnte.
Weil wir ihm im Laufe der Woche die gleichen Schritte wie den Kindern beigebracht hatten, konnte ich nun mit ihm vortanzen. Wirklich amüsant! J
Beim Abendessen hat er mir dann gesagt, er sei sehr nervös gewesen, weil da ein paar der Lehrer auch zugeschaut haben.
Nach dem Tanzen wollte ich eigentlich mit Tika für ihr Examen üben. Aber sie war nicht in der Schule gewesen und tauchte auch jetzt nicht auf, weil sie krank ist.
Ich habe dann halt für mich und dann noch mit Valerie am Klavier geübt.
Dann sind wir in die Küche, haben Kartoffeln und Zwiebeln geholt, um Bratkartoffeln zu machen. Wir haben beschlossen, dass das von nun an unser Spezial-Freitag-Abend-Essen wird.
Im Frühstücksraum trafen wir neben Brother Ajay auch Father Paul an und es wurde eine ganz gemütliche Stunde. Erst rüsteten wir die Kartoffeln und liessen sie dann kochen. Währenddessen spielten wir mit Father Paul zwei Runden Kniffel. Brother Ajay bereitete ein Dessert aus Guavas zu, das extrem köstlich geschmeckt hat!!
Und nach dem Essen hiess es dann: Movie-Time!
Schon letzte Woche hatten uns die Boarders versprochen, dass wir diesen Freitag an ihrem Filmabend teilnehmen dürfen.
Normalerweise schauen die vier nämlich jeden Freitag (sofern Strom da ist) mit Brother Ajay in ihrem Schlafsaal einen Film. Da es für Valerie und mich tabu ist, diesen Schlafsaal zu betreten, mussten sie sich nun etwas anderes einfallen lassen.
Sie zügelten also Beamer, DVD-Player und eine Leinwand in einen der Musikräume und wir setzten uns auf den Boden, an die Wand gelehnt, und schauten „Twilight“.
Der Strom hat die ganze Zeit gehalten und wir mussten nicht einmal unterbrechen. Es war ganz schön, mal noch etwas länger in Gesellschaft zu verbringen, wenn es auch sehr unbequem war, auf dem nackten Fussboden, angelehnt an eine Betonwand, mehr als eine Stunde Film zu kucken.
Nun bin ich also noch etwas am schreiben und morgen werde ich dann diesen neuesten Bericht ins Internet stellen.
Erst werden wir aber noch einen Vormittag mit den Senior-Schülern verbringen. Wahrscheinlich werden wir etwas tanzen, vielleicht einige Arbeiten verrichten oder Spiele spielen… ich bin gespannt, was sie sich alles einfallen lassen.
So
12
Sep
2010
Saturday, 04.09.10 Nach dem sehr lockeren Schulwochenende erwartete uns hier ein eher anstrengendes Wochenende. Heute werden für den Abend über 50 Schüler des St.Joseph Northpoint College in Darjeeling erwartet. Diese Schüler sind mit ihrem Headmaster auf einem Wanderausflug und werden heute Abend mit uns essen und dann auch in der Schule übernachten. Deshalb durften die vier Boarder Schüler nicht heimgehen und mussten beim Vorbereiten, Essen kochen und Schlafgelegenheiten einrichten helfen. Valerie und ich klinkten uns für ein paar Stunden aus und fuhren in die Stadt. Langsam entwickelt sich ein richtiges Samstagmorgen-Ritual. Wir versuchen einen Wagen zu finden, der uns mitnimmt, wenn keiner kommt laufen wir etwas der Strasse entlang und versuchen unser Glück bei allen vorbeifahrenden Autos. In der Stadt angekommen, besuchen wir erst die Post und geben Briefe auf. Meist hat mindestens eine von uns einen Brief aufzugeben. Witzig ist jedes Mal die Markenansammlung, die wir irgendwie auf dem Briefumschlag platzieren müssen. Eigentlich ist es sehr billig einen Brief zu schicken, es kostet nur 25Rupien nach Europa. Aber diese 25Rupien müssen wir oft aus 2Rupien-Marken und 1Rupien-Marken zusammen bringen… das gibt einige Marken… Nach dem Brief-Aufgeben schlendern wir, immer den Bussen und Autos ausweichend, an der Hauptstrasse entlang vom 1.Kreisel zum 2.Kreisel. Dann biegen wir rechts ab und halten Ausschau nach Stoffen, Bisquits, Kleiderbügeln, einem Besen… oder was wir halt sonst gerade so brauchen… Diesen Samstag haben wir wieder eine Kurta beim Schneider in Auftrag gegeben. Meine wird purpurn und türkis sein, Valeries weiss und pink. Wir sind schon ganz gespannt auf das Ergebnis! Danach setzen wir uns immer ins Internet Café wo wir ca. 2-3 Stunden bleiben. Manchmal haben wir die Gelegenheit zu skypen, dann auch wieder nicht, weil nur einige Computer Skype eingerichtet haben. Nachdem wir alles am PC erledigt haben, treten wir wieder in den Trubel von Kalimpong raus. Es ist jedes Mal ein kleiner Schock aus der „europäischen“ Computerwelt aufzutauchen und wieder mitten im lebendig-farbigen, chaotischen, stark-riechenden Indien anzukommen! Danach erledigen wir die restlichen nötigen kleinen Einkäufe und gönnen uns eine Kleinigkeit in einem Restaurant, das wir vor ein paar Wochen entdeckt haben. Dort gibt es nicht nur köstliche chinesische Nudeln, sondern auch alle Arten von feinen Desserts. Unser Favorit: warmgemachtes Chocolate-Croissant!! Unglaublich gut!!! Hmmm….. Diesen Samstag waren wir gegen 4 Uhr wieder zurück in der Schule. Einige der Übernachtungsgäste waren schon eingetroffen. Die Gruppe war zum Teesta-River gelaufen und dann mit Autos zurückgekommen. Valerie und ich gingen nach unten, um uns irgendwie nützlich zu machen. Aber die Boarders liessen uns eigentlich nichts tun. Wir sassen also einfach ein bisschen herum, schwatzten und sahen den Jungs beim Kochen zu. Gegen sieben gab es dann für alle zu essen. Da es so viele Leute waren, hatte jemand Stühle entlang des überdachten Spielplatzes, der auch unter der Woche als Essensplatz dient, aufgestellt. Wie es die indische Höflichkeit verlangt, mussten Valerie und ich mit dem Essen beginnen. Uns ist das immer ein bisschen peinlich, immer als erste Essen fassen zu müssen, aber so ist das hier halt. Zuerst kommen die Frauen, dann die Gäste und so weiter… Heute Abend versuchten wir mit den Händen zu essen. Sonst wird eigentlich immer mit Löffeln gegessen, aber die Jungs sind sich gewohnt von Hand zu essen. Und heute wollten wir das also auch probieren. Es war richtig köstlich. Irgendwie bekommt alles mehr Geschmack und es ist ausserdem noch viel einfacher Fisch und Huhn von Hand statt mit dem Löffel zu essen. Die Inder kochen nämlich Fisch und Huhn ohne Gräte und Knochen zu entfernen. Speziell das Huhn wird einfach in Teile gehackt ohne Rücksicht auf Knochen. Isst man dann mit dem Löffel, muss man ständig auf der Hut sein und laufend Knochenteile und Gräten ausspucken. Nicht sehr angenehm! Von Hand kann man diese Teile schon entfernen, bevor man sich den nächsten Bissen in den Mund steckt. Irgendwie war es den „Einheimischen“ aber doch nicht ganz geheuer, dass wir ohne Besteck assen. Wir wurden im Verlaufe des Essens sicher 4-5mal darauf angesprochen, warum wir das machen und uns wurden die Löffel fast aufgezwungen…. Nach dem Essen sassen wir mit unseren Boarders noch etwas auf den Treppenstufen und träumten einfach vor uns hin. Die Elektrizität war schon weg, in der grossen Halle sangen die Gäste bei Kerzenlicht mehrstimmige Lieder (wunderschön) und am Himmel funkelten die Sterne zwischen den Wolken hervor. Ein perfekter Abend. Später begannen dann „unsere“ Boys auch noch zu singen: wir sassen im Stockdunkeln und um uns herum tönte es einfach… so schön!! Sunday, 05.09.10 Als ich um ca. halb sieben Uhr langsam aufwachte, hörte ich als Erstes Gesang. Es tönte wie die Lieder in der Kirche und ich fragte mich, warum. Eigentlich hatten Valerie und ich vorgehabt um 8 Uhr in die Messe zu gehen. Aber als wir herunter kamen, um vor dem Gottesdienst noch schnell was zu essen, sagte uns Father Patel, dass sie mit den Boarders die Messe schon gefeiert hätten, weil der Tag so ausgefüllt mit allem Möglichen sei. Heute wird nämlich auf dem Gandhi Ashram Gelände ein Medical Camp stattfinden. Da können alle Leute der Umgebung gratis einen medizinischen Check-up machen und es kommen auch Spezialisten wie zum Beispiel ein Augenarzt. Dieses Camp wurde vom Rotary Club Darjeeling organisiert, die Gandhi Ashram School hat einfach ihr Gelände zur Verfügung gestellt. Weil ja die Gäste noch da waren und verköstigt werden wollten, halfen Valerie und ich beim Frühstück machen. Wir bestrichen ca. 120 Scheiben Toastbrot mit Butter und Marmelade. Doch das genügte bei weitem nicht, wie sich dann herausstellte. Schliesslich mussten wir unseren Toast aus dem Kühlschrank auch noch abgeben und wir standen quasi ohne Frühstück da. Diese Schüler aus Darjeeling sind auch viel grösser und besser gefüttert als unsere Kids aus der Schule hier… Gegen neun Uhr hörten wir dann viele Autos ankommen und extrem viele Leute sammelten sich auf dem ganzen Schulgelände an. Zusammen mit Father Patel besichtigten wir dann die Einrichtungen. In der grossen Halle waren kleine Kabinen, abgetrennt mit aufgespannten Tüchern, eingerichtet worden. Auf dem grossen Platz fand die Registration statt und die Medikamentenausgabe hatte sich auch da eingerichtet. Auf dem Vorplatz fand die erste Voruntersuchung statt: Puls und Blutdruck messen, wiegen etc. Danach werden die Patienten zu den nötigen nächsten Stationen geschickt. Es kamen Menschen vom Säugling bis zum zittrigen Greis. Einigen sah man eine Krankheit an, andere waren einfach da um sicherzustellen, dass sie eben nicht krank waren. Am Abend haben wir dann erfahren, dass im Verlauf des Tages über 1000 Menschen das Camp besucht hatten. Die Leute des Rotary Clubs und die Mitglieder der Glenn Family Foundation stellten sicher, dass alle Leute wussten, wo sie hin mussten und halfen mit Rat und Tat. Ausserdem war ein Kamerateam da, das den Anlass filmte und einige Politiker sind auch gekommen. Als ich an der Strasse oben einen bewaffneten, grün angezogenen Mann entdeckte, fragte ich Father, ob Militär für die Verkehrsregelung angefordert worden war…. Weit gefehlt: es war ein Bodyguard eines hohen Politikers, der beim Auto Wache stand! Obwohl so viel los war, war dieser Sonntag für uns Volunteers eigentlich eher langweilig. Deshalb zogen wir uns zurück und suchten weitere Musik für den Tanzkurs heraus. Gegen Abend, als das Camp beendet war und all die vielen Leute verschwunden waren, hatten wir das dringende Bedürfnis uns noch etwas körperlich zu betätigen. Wir fragten Father und Brother nach einem Ball und bekamen gleich den Fussball und den Basketball ausgehändigt. Fussball in Flip-Flops funktioniert nicht so gut, deshalb haben wir bald auf barfuss umgestellt… Brother Ajay und Passang gesellten sich bald zu uns und wir spielten zwei gegen zwei zuerst Fussball, dann Basketball. Es war so heiss und feucht, dass uns bald der Schweiss nur so runter lief und wir ganz rot im Gesicht wurden. Ich habe auch noch nie vorher so lange in langen Hosen und beinahe langem Oberteil Sport gemacht. Nach einer kurzen Verschnaufpause spielte dann Valerie mit Sunam weiter Fussball und Brother zeigte mir, wie ich besser Körbe werfen kann. Er ist ein richtig guter Lehrer und liess nicht locker, bis ich die richtige Wurftechnik begriffen hatte. Dann zeigte er mir, Abwehrgesten und wir übten weiter werfen. Ajay kam dann noch dazu und nach etwa zweieinhalb Stunden ununterbrochenem Spiel musste ich dann schliesslich aufgeben. Ich war richtig erschöpft, verschwitzt und meine Füsse und Hände waren so schmutzig-schwarz, dass sie sich fast nicht mehr von der Hautfarbe unserer Freunde hier unterschieden. Zum ersten Mal habe ich die kalte Dusche richtig geschätzt und nach einigem Geschrubbe fühlte ich mich auch wieder halbwegs menschlich-sauber. Montag, 06.09.10 Heute hat das Junior Orchestra richtig Spass gemacht! Obwohl ich etwas Kopfschmerzen hatte, weil das Wetter heute die ganze Zeit gewechselt hat, war ich mit vollem Elan dabei. Mr. Kamal hat die Probe geleitet und wir haben erstmals nach mehr als einer Woche getrenntem Üben das ganze Orchester wieder zusammen genommen. So haben wir eine Stunde am Pachelbel Kanon gearbeitet. Kamal hat dirigiert und ich bin zwischen den einzelnen Gruppen hin und her gesprungen und habe versucht, alle gleichzeitig zu unterstützen. Bis zum Ende der Probe gelang es uns, einen Durchlauf ohne nennenswerte Fehler hinzukriegen. Nur der Schluss geriet etwas durcheinander, die schwierigsten Stellen meistern die Kinder nun aber gut. Ein schöner Erfolg und auch Kamal war ganz begeistert! Sonst war der Tag vollgepackt, hat aber auch viele schöne Momente gehabt. Was mir besonders gut gefallen hat, waren heute meine Klasse 7 Celloschüler. Wir haben nun schon einen guten Draht zueinander und sie akzeptieren, was ich ihnen zum Üben gebe. Es ist immer etwas schwierig, wenn vier Schüler im gleichen Raum verschiedene Stücke gleichzeitig üben, aber irgendwie kriegen wir das immer hin. Shmita, die am Anfang kein Wort mit mir gesprochen hat, ist richtig aufgetaut. Sie kommt jeweils zu Beginn der Stunde zu mir, ein breites Lächeln auf dem Gesicht, umarmt mich und fängt an zu reden…. Ein wirklich schönes Gefühl, dass es nun so gut klappt!! Ich habe auch gemerkt, dass ich nun in der zweiten Klasse schon alle Namen aus meinen Teams kenne. So jetzt höre ich aber auf zu schreiben, der Strom ist wieder mal weg und meine PC-Batterie hält nicht allzu lange. Tuesday, 07.09.10 In der achten Klasse übernahm ich heute die 2.Geige aus dem Junior Orchestra. Dies sind drei Jungs, Prabash, LaShering und Sujit. Sie haben alle wirklich aufmerksam zugehört, gut mitgemacht und haben auch nachgefragt, wenn sie etwas noch nicht verstanden haben. Eine richtig gute Lektion! Meine 7.Klässler Cello-Schüler haben mir heute auch viel Freude gemacht. Bevor die Stunde anfing, ich war gerade am Noten zusammen suchen, kam Shmita von hinten rangeschlichen und hielt mir die Augen zu. Ich habe dann gerufen „Shmita, I know it’s you“ und sie war so erfreut, dass ich es herausgefunden habe, dass sie ihre Wange an meine gedrückt hat und mich breit angestrahlt hat. Ich habe nun auch gute Stücke für die beiden grösseren Jungs gefunden… nun haben die vier Celloschüler zusammen drei verschiedene Stücke zu üben. Aber irgendwie schaffe ich es immer, mit jedem von ihnen einzeln hinzusitzen und ein wenig auf jeden einzugehen. In der 6.Klasse hat heute Anupa gefehlt, deshalb hatte ich ganze vierzig Minuten mit Sangay alleine. Wir haben erst den Pachelbel-Kanon geübt und dann habe ich mit ihr eines der Appenzeller-Stücke angeschaut. Sie lernt sehr schnell, ist aber mit der Intonation immer ein wenig ungenau. Deshalb beharre ich jetzt sehr darauf, dass sie auch immer gut zuhört und erst dann weiterspielt, wenn der Ton wirklich stimmt. In der letzten Stunde mussten Valerie und ich die Teilnehmer für die Tanzgruppe aussuchen. Wir waren beide ein wenig überfordert… wie sollten wir das anstellen? Wir nahmen Valeries Laptop mit in den Musikraum und versuchten, die Kinder in 5er Gruppen vortanzen zu lassen. Die Lautsprecher des Laptops sind aber bei weitem nicht gut genug, als dass man wirklich etwas hören kann. Deshalb mussten wir das Casting auf den nächsten Tag verschieben. Die über dreissig Kinder, welche fürs Tanzen vorsprechen wollen, waren enttäuscht, aber wir konnten leider nichts machen! Nach einer kurzen Verschaufpause, war es dann auch schon Zeit fürs Senior Orchestra. Rudra nahm mich gleich beiseite und gab mir den Auftrag, mit einer Schülerin in einen anderen Raum zu gehen und dort für ein Violinexamen zu üben. Erst kam ich gar nicht draus, was das soll… Es handelt sich hierbei um das sogenannte Trinity Guildhall Exam, das in verschiedenen Levels absolviert werden kann. Im Oktober findet die Prüfung statt und bis dahin sollte die Schülerin also für den Violin Grade 6 bereit sein. Ich habe die Schülerin noch etwas ausgefragt und erfahren, dass für die Prüfung Experten aus Kalkutta extra nach Kalimpong kommen werden. Es ist also eine ziemlich ernste Sache! Verlangt sind drei Stücke aus verschiedenen Epochen. Mr. Rudra hat mir schnell-schnell gezeigt, welche drei Stücke wir üben sollen. Tika, die Schülerin, ist recht fortgeschritten und meisterte die Stücke schon ab Blatt sehr gut. Trotzdem werde ich noch viel zu üben haben mit ihr, weil der Klang und auch Intonation und Bogenführung noch sehr verbessert werden können. Die Stunde war unglaublich toll und ich habe gemerkt, wie sehr mir doch das individuelle Unterrichten fehlt. Hier habe ich nun die Chance!! Wednesday, 08.09.10 Happy Birthday my dear Mama!! An solchen Tagen vermisse ich meine Familie schon sehr! Ich denke aber ganz fest an euch alle!! Klasse 1, die Mädchengruppe, hat ganz gut mitgemacht in der Stunde. Ich habe einfach ein paar Plappermäulchen dabei und so bin ich ständig dabei, Tricks herauszufinden, wie ich ihre gute Energie und Redseligkeit in die richtigen Bahnen lenken kann. Der Rest des Tages war dann extrem locker. Zwar kam die zweite Klasse in unserer Freistunde, um ein Gruppenlied zu üben und ich musste mit den Schlaghölzern den Takt angeben, aber danach war beinahe den ganzen Morgen nichts mehr los. Klasse 3 ist gar nicht aufgetaucht, der Klassenlehrer liess sie aus irgendeinem Grund nicht gehen. Klasse 4 hatte Theorie und Klasse 2 kam dann nochmals für den Group-Song. Am Nachmittag kamen dann erst meine 5.Klässler Cello-Schüler. Sie wollen morgen im Assembly spielen und hatten die zusätzliche Stunde Training dringend nötig. Danach hatten Valerie und ich Zeit, das Casting für die Tanzgruppe vorzubereiten. Wir hatten eine CD-Player gefunden und hofften, dass der Strom nicht weggehen würde. Um halb drei tauchten dann alle Tanzwilligen auf. Wir liessen sie draussen vor der Türe warten und baten jeweils fünf Schüler in den Raum. Dort liessen wir sie zu „I will survive“ tanzen. Zuerst haben alle ziemlich komisch aus der Wäsche gekuckt. Sie wussten gar nicht, was sie machen sollten. Also haben Valerie und ich angefangen zu tanzen, mit ihnen ein paar Drehungen gemacht und so weiter… Es war gar nicht so einfach zu sehen, wer wohl geeignet wäre und wer nicht. Nur bei einigen zeigte sich klar ein natürliches Talent sich zu bewegen, oder eben auch nicht. Die Auswahl hat einige Zeit gebraucht, hat aber auch viele lustige Momente dabei gehabt. Zum Beispiel als ein kleines Mädchen Brother Ajay aufgefordert hat, mit ihr zu tanzen und dann eine Drehung mit ihm probiert hat… das sah so süss aus! Dann musste ich gleich zum Junior Orchestra stressen, wo Mr. Kamal und ich nochmals Pachelbel Kanon mit den Kindern übten. Zuerst liessen wir sie zur CD-Musik die Noten mitverfolgen, dann liessen wir sie spielen. Es funktionierte schon wieder ein Stückchen besser. Und nachdem wir nochmals den letzten Teil genau unter die Lupe genommen hatten, gelang sogar ein ganzer Durchlauf! Um halb fünf lief ich schnell in mein Zimmer hoch, packte mein Unterrichtmaterial aus, Regenschirm, Fotoapparat und Taschenlampe ein und traf Father Patel unten bei der Schule. Wir wollten einige Familien besuchen und machten uns gemeinsam mit Valerie auf den Weg. Diesmal führte unsere „Wanderung“ gleich neben der Schule einen steilen Weg hinunter. Wir kamen recht bald am Haus von Prena vorbei, die uns schon lange einmal eingeladen hat. Die kleine 2.Klässlerin war aber leider gar nicht zu Hause und so liefen wir weiter den Berg hinunter. Wir besuchten zuerst zwei Familien, wo ich die Kinder noch nicht persönlich kennen gelernt hatte. Bewirtet wurden wir mit Orangen-Bisquits und Tee, der mit vielen Gewürzen präpariert worden war und ganz scharf schmeckte. Sobald wir das erste Haus betreten hatten, hatte es angefangen zu regnen. So warteten wir, bis es aufhörte, und selbst dann war der Weg beinahe unbegehbar. Wir rutschten in unseren Flip-Flops nur so herum, kamen aber sicher auf der Strasse unten an. Als nächstes schauten wir schnell bei Pranay aus Klasse 8 vorbei. Dort blieben wir aber nicht lange und wanderten dann der Strasse entlang wieder ein Stück hoch. Die nächste Station war das Haus von Simon, einem 1.Klässler. Wir dachten erst, wir würden einen Stall besichtigen, doch dem war nicht so. Diese lottrige, windschiefe, niedrige Blechhütte war tatsächlich das „Haus“ von Simon. Diese Familie scheint wirklich zu den Ärmsten der Umgebung zu gehören. Ich war wirklich etwas geschockt, weil wir bis anhin niemals eine dermassen einfache Behausung betreten hatten. Die Hütte besteht aus einem Raum, kaum hoch genug um darin aufrecht zu stehen. Am Eingang kauerte sich Simons Mutter vor einen Holzherd und war dabei, das Abendessen zu kochen. Wir wurden eingeladen auf einem der zwei Betten zu sitzen. Weil es mittlerweile schon dunkel geworden war, sahen wir fast nichts, weil es in dem Raum keinen Strom gibt. Father zündete dann seine Taschenlampe an und es wurde eine Kerze aufgestellt, damit wir wenigstens ein bisschen etwas sahen. Hier leben, soviel ich mitbekommen hatte, Simons Eltern, seine kleine Schwester und er und vielleicht sogar noch seine Grossmutter. Auf ca. 10 Quadratmetern mit zwei relativ schmalen Betten!!! Normalerweise sehen die Häuser hier so aus: ein Holzgerüst (ähnlich wie Fachwerkbau, nur nicht mit ganz so dicken Holzstangen) wird in den Zwischenräumen mit Lehm und Dreck gefüllt. Diese Wände werden dann meist farbig angemalt, der Fussboden bleibt oft einfach nackt gestampfte Erde. Die Räume sind oft sehr klein und niedrig und werden von draussen betreten. Das heisst, es werden keine Flure im Innern eines Hauses gebaut, sondern jedes Zimmer ist von draussen erreichbar. Das nächste Haus, das wir besuchten, war dann im Vergleich zu Simons Heim geradezu luxuriös. Zwar einfach eingerichtet, aber doch mit elektrischem Licht ausgestattet und sauber verputzt. Es war das Haus von Anupa, meiner 6.Klasse Violinschülerin. Sie war sehr erfreut über unseren Besuch und auch ihre Mutter, die gerade aus dem Spital zurück gekommen war, hat sich gefreut, dass Father sie besucht. Lange blieben wir nicht und machten als Letztes Halt bei Stellas und Steffis Haus. Die beiden Schwestern gehören anscheinend zu den Reicheren der Armen. Die Möbel sind aus schwerem Holz geschnitzt und überall hängen schöne Bilder und kleiner Schnickschnack ist aufgestellt. Und der Boden ist sogar mit einer Plastiktapete ausgelegt. Der kleine Bruder der beiden ist ein sehr unterhaltsames Kerlchen, er spricht schon ziemlich gut Englisch, hat uns etwas vorgesungen und vorgetanzt. Ganz allerliebst! Nochmals wurden wir mit scharfem Tee bewirtet, langsam konnten wir fast nicht mehr. Bald machten wir uns dann auch auf den Heimweg, weil es doch schon spät geworden war und wir um Dunkeln den Rückweg suchen mussten. Erst liefen wir die Strasse entlang, mussten ab und zu grossen Lastwagen ausweichen und an bösen Hunden vorbeikommen. Dann ging es, wie hier üblich, einen „Shortcut“ fast senkrecht den Hang hinauf. Auf halben Weg legten wir dann nochmals eine kurze Verschnaufpause ein. Das Haus, wo wir noch Halt machten, ist ein Prachtsbau. Father unterhielt sich mit dem Grossvater einer Schülerin auf Nepali und dann kam auch noch die kleine Schwester dazu, die unbedingt in die Gandhi Ashram School gehen wollte. Weil diese Familie sichtlich aber zu „reich“ ist, muss sie jetzt eine andere Schule besuchen. Zur Abendessenszeit kamen wir dann wieder bei der Schule an. Hungrig, durstig und müde waren wir froh zurück zu sein. Thursday, 09.09.10 Der strengste Tag der Woche hat auch schon etwas stressig begonnen. Weil mein Handy keinen Akku mehr hatte, hat der Wecker nicht geklingelt und ich habe länger als sonst geschlafen. Das Frühstück nahm ich dann quasi im Stehen ein, weil ich so schnell wie möglich in die Halle hinunter musste, um nochmals mit meinen 5.Klässlern zu proben, bevor sie im Assembly spielen werden. Als ich dann in der Halle ankam, war nur LaShering da. Anil war gar nicht in die Schule gekommen und Eric hatte wohl vergessen, dass wir nochmals proben wollten. Also hat LaShering gesagt, er werde alleine spielen. Und so haben wir dann auch geprobt. Kurz vor dem Assembly kam Eric doch noch und wollte mitspielen. Ich blieb aber hart und sagte ihm, wenn er nicht proben kommt, kann er auch nicht vorspielen. LaShering war dann sehr nervös, als er wirklich ganz alleine vor der ganzen Schule vorspielen musste. Das ist aber ein ganz gutes Training für ihn… und nächstes Mal wird es noch besser klappen, da bin ich ganz sicher! Klasse 1-3 nacheinander war anstrengend wie immer, aber es zeigen sich langsam und stetig auch gute Fortschritte. Darum lohnt es sich auch, wirklich vollen Einsatz zu geben: die Schüler anleiten, Streit schlichten, immer wieder neue Versuche wagen, loben, ermahnen… das ganze Programm eben! Meine 7.Klässler kamen dann auch wieder in die Theoriestunde zu mir. Wir machten Singübungen, Rhythmustraining und gleichzeitiges Singen und Cellospielen. Falls ich dieses Wochenende dazukomme, muss ich unbedingt mal ein paar Übungen für sie vorbereiten…. Aber es gibt sooo viel zu tun!! Am Nachmittag hatten Valerie und ich eine Stunde Zeit uns zu entscheiden, wer nun in der Tanzgruppe mitmachen kann, bevor wir dann in der letzten Unterrichtstunde schon mit dem Training anfangen sollten. Es fiel uns gar nicht einfach eine Auswahl zu treffen und so beschlossen wir, 26 Kinder am Übungsprogramm teilnehmen zu lassen. Das sind zwar ziemlich viele, aber wir brachten es nicht übers Herz noch mehr Kinder auszuschliessen. Schon so mussten wir ca. 12 Kindern eine Absage erteilen. Und was sollten wir jetzt vierzig Minuten lang mit diesen Kindern machen, so ganz spontan? Sie standen alle schon da, ganz aufgeregt, was sie nun in diesem „Western Dance“-Kurs lernen werden. Also haben wir mit Grundübungen begonnen. Da es keinen Strom gab, war es eine echte Trockenübung, aber die Kinder haben begeistern mitgemacht und einige sind wirklich gut und die meisten lernen sehr schnell. Es hat extrem Spass gemacht!!! Am Ende waren Valerie und ich ganz erschöpft, aber auch glücklich. Und die Kinder verabschiedeten sich mit fröhlichen Worten und breiten Lächeln auf dem Gesicht. Dann hiess es für mich „An die Arbeit“: Rudra hatte mir so zwischen Tür und Angel noch gesagt, dass die zwei Examenskandidaten auch Tonleiterübungen und technische Fertigkeiten am Trinity Examen zeigen müssen. Also musste ich die gewünschten Tonleitern aufschreiben, damit wir sie auch wirklich üben können. Ausserdem hat mir Rudra eins der drei Stücke falsch angegeben. Also muss ich nun noch ein anderes Stück bezeichnen… Von halb fünf bis ca. viertel vor sechs übte ich dann mit Tika und Santos die Examensstücke und technische Etüden. Im Notenlernen und ab Blatt spielen sind die zwei sehr geübt. Wo wir wohl noch am meisten herausholen können ist der Klang. Für meinen Geschmack spielen beide noch zu „kämperisch“, manchmal fast etwas grob. Hier kann ich ihnen sicher noch viel zeigen. Ich hoffe sie sind dann auch gewillt, es umzusetzen. Beide waren sehr froh, dass ich ihnen die Tonleitern aufgeschrieben habe und haben sich überschwänglich bedankt. Ich werde nun noch eine Kopie anfertigen, damit beide das auch zu Hause üben können. Damit sie wirklich gut vorbereitet sind für die Prüfung haben wir nun abgemacht, dass beide jeweils dienstags und donnerstags in die Stunde kommen, Tika wird ausserdem am Montag kommen und Santos am Mittwoch. Ich werde also einiges mehr zu tun haben! Beim Abendessen hat einer der Boarders dann noch einen guten Spruch gesagt, der mir geblieben ist. Es hat bis jetzt noch nicht wieder fliessendes Trinkwasser, was wirklich mühsam ist, weil wir immer Wasser abkochen müssen. Er hat dann gemeint: “Water, water everywhere, but not a drop to drink!” Und das stimmt wirklich. Jetzt in der Monsunzeit hat es wirklich mehr als genug Wasser. Alle Flüsse führen Hochwasser, in einigen Gebieten gibt es Überschwemmungen und Erdrutsche, aber beinahe nichts von all dem Wasser ist sauber genug, um es trinken zu können. Bedenklich!! Friday, 10.09.10 Zum Frühstück gab es heute etwas Neues. Kleine im Fett heraus gebackene, gefüllte Teigtaschen. Gefüllt mit extrem scharfer Kartoffel-Gemüse-Curry-Paste… für ein Mittagessen wäre das ja ganz gut, aber zum Frühstück war’s mir dann doch etwas zu scharf. Gut dass auch noch etwas Toast da war und unser Peanut Butter, den wir letztes Wochenende in der Stadt gekauft hatten. Im Assembly habe ich dann zusammen mit Valerie gespielt. Es war ihr „Turn“ für eine Rede und sie hat ganz gut darüber gesprochen, dass man alles was man tut, möglichst gut machen soll. Nicht nur die Dinge, die man gerne macht, sondern eben auch Dinge die man einfach tun muss. Danach haben wir ein Duo von Telemann gespielt. Den Kindern und Lehrern hat es gefallen, gemessen am Applaus den wir bekamen. Sonst war der Tag ziemlich ruhig. Nach dem Assembly mussten alle Kinder ihre Hände vorzeigen. Es wurde kontrolliert, ob die Nägel kurz genug waren und sauber. Die Kinder mit zu langen und dreckigen Nägeln mussten zum Essensplatz hinunter gehen und sich dort von den ältesten Schülern die Nägel schneiden und putzen lassen. Ausserdem wurde geschaut, ob die Haare zu lang sind bei den Jungs und dann wurde ihnen ein Haarschnitt empfohlen oder vielleicht sogar befohlen… Zu diesem Zweck ist extra ein Coiffure in die Schule gekommen und hat das Haare schneiden übernommen. Auch einige Lehrer liessen sich einen Gratishaarschnitt nicht entgehen und so sassen wir beim Lunch plötzlich einer ganzen Flotte frisch-getrimmter männlicher Lehrer gegenüber. Nach dem Lunch hatten alle Kinder „social work“ zu tun. Das heisst sie haben verschiedene Aufgaben: die Räume wischen, Geigen putzen und richtig versorgen, Fenster putzen, Unkraut jäten etc. So tragen alle Schüler gemeinsam dazu bei, dass das Schulgelände sauber und gut aufgeräumt bleibt. Ab viertel vor Zwei waren dann alle Schüler unserer Tanzgruppe wieder in der Halle versammelt. Wir übten die gleichen Grundschritte wie gestern und hatten diesmal auch Musik. Es ist erstaunlich wie ausdauernd diese Kinder sind. Als wir schon aufhören wollten, verlangten sie immer noch einen Durchgang! Gegen Ende hatten wir dann auch noch Publikum, weil einige Lehrer ihre Stunden wohl etwas abgekürzt hatten und nun am Rand der Halle standen und zukuckten. „Unsere“ Kinder legten sich ganz schön ins Zeug, um zu zeigen, was sie seit gestern schon gelernt haben. Den Rest des Nachmittags haben Valerie und ich uns jetzt für uns genommen. Erst haben wir im Frühstücksraum einen Milchtee getrunken und Kekse gegessen. Nun habe ich einige Briefe geschrieben und auch mein Tagebuch für die Homepage auf den neuesten Stand gebracht. Nun werden Valerie und ich dann gleich runter gehen und fragen, ob wir für das Abendessen etwas Eigenes zubereiten dürfen. Ich bin gespannt, wie Father reagieren wird… Als wir um sechs Uhr hinunter gingen, um eben das Essen zu kochen, waren Father Paul, Brother Jon, Father Patel und Brother Ajay um den Tisch versammelt und tranken Tee. Wir setzten uns zu ihnen und brachten dann unseren Vorschlag auf den Tisch. Father Patel meinte nur, wir müssten uns aber sputen, wenn wir bis viertel nach sieben fertig sein wollen. Also machten wir uns gleich auf in die Küche, wo wir Kartoffeln aussuchten. Dann gingen wir zurück zum Frühstücksraum und fingen an, die Kartoffeln zu rüsten. Brother Ajay half uns zum Glück, sonst wären wir niemals fertig geworden… Unsere Bratkartoffeln mit Zwiebeln schmeckten dann super lecker und alle fanden sie gut. Ich glaube, wir dürfen uns wieder mal in der Küche betätigen. Saturday, 11.09.10 Die ganze Nacht hatte es geregnet und auch am Morgen sah es einfach trüb draussen aus. Ausserdem hatte es über Nacht abgekühlt und nun war es eher frisch. Gegen halb Acht gingen wir zum Frühstück runter, etwas verschlafen, weil wir gestern noch bis ziemlich spät aufgeblieben sind. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Rühreiern, Kartoffeln von gestern und indischem roti (Brot), stellten wir uns dann gegen acht Uhr mit Father Paul an die Strasse, um nach Darjeeling zu fahren. Der Fahrer liess sich Zeit und tauchte erst nach halb neun auf. Etwas weiter die Strasse runter gesellte sich dann noch Brother Jon zu unserer Reisegruppe. So ging es also erst die kurvige Strasse von Kalimpong zum Teesta-River runter, über die Brücke und durch Teesta Dorf hindurch. Soweit kannten wir ja die Umgebung noch. Dann fing das grosse Unbekannte an. Erst fuhren wir über eine wackelige Holzbrücke, sie sah vertrauensunwürdig aus und fühlte sich sehr prekär an! Danach schlängelte sich die Strasse am anderen Flussufer wieder die Hügel hoch. Weil das Wetter so trüb war, sah man kaum ein paar Meter weit, was sehr schade war. Denn die Aussicht muss spektakulär sein. Je weiter rauf wir kamen umso mehr veränderte sich die Vegetation um uns herum. Erst fuhren wir durch einen Laubwald mit extrem hohen, dünnen Bäumen. Dann wechselten sich die Bäume mit Nadelbäumen ab, zum Teil so dick wie sonst drei Bäume zusammen. An den Strassenrändern wuchsen riesige Farne oder hingen von Felswänden wie grosse Vorhänge hinunter. Die Strasse schlängelte sich in unzähligen Kurven den Hang hoch, zweimal fuhren wir sogar mehr als 360 Grad um Kurven, welche sich wie eine Schraube oder ein Trichter nach oben schrauben. Als wir schon eine ganze Weile gefahren waren, zeigte uns Jon auf einem Feld neben der Strasse Teesträucher. Diese wachsen etwa kniehoch und sehen sehr gedrungen, dunkelgrün und verknorrt aus. Etwas weiter oben mündete unsere Strasse in eine andere Strasse, wo parallel dazu die schmalen Schienen des „Toy-Train“ verlaufen. Im dichten Nebel konnten wir auch die Bahnstation „Ghum“ sehen. Wenn ich Father Paul richtig verstanden habe, war sie sehr lange Zeit der höchst gelegene Bahnhof der ganzen Welt. Nun steht sie noch an zweiter oder dritter Stelle. Wir hatten dann auch noch das Glück, den Zug zu sehen. Die Lokomotive wird immer noch mit Kohle beheizt, es sah richtig nostalgisch aus: ein vom Kohleschippen schwarzer Lokomotivführer auf der Lok, im Einfeuerkamin das rot-golden zwinkernde Feuer… richtig romantisch und auch irgendwie absurd für Indien. Darjeeling sah im Regen überhaupt nicht ansprechend aus. Die Strasse ist viel schlechter als die nach Kalimpong rein und überall fliessen richtige Bäche durch die vielen Schlaglöcher und ausgelaugten Strassengraben. Irgendwo im Zentrum stiegen wir dann aus und betraten erst ein Mal ein Haus, das den Jesuiten gehört. Hier gibt es verschiedene Workshops, wo Taschen, Teppiche und andere Waren hergestellt werden, die dann für einen guten Zweck verkauft werden. Es war niemand zu Hause und so verliessen wir das Haus schon nach einigen Minuten wieder und machten uns zu einem Shop auf, wo Valerie Passfotos machen musste. Hier merkte man, dass Darjeeling touristischer ist als Kalimpong. Es war ein richtiger „Bookshop“, schön aufgeräumt, mit allen möglichen aktuellen Bestsellern zu kaufen. Was uns schockiert hat: man kann auch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler kaufen!! Wie kommt das nur? Ausserdem gab es da auch Postkarten, doch der Preis schien uns überrissen. Für eine Postkarte zahlte man 20 Rupien, wo wir doch in Kalimpong für 10 Briefumschläge 10 Rupien bezahlen. Solche „Wucherpreise“ zahlen wir nicht! Da sind wir schon ganz indisch geworden… Nach dem Passfoto machen, hetzte uns Father Paul schnell weiter zum Gebäude, wo sich Valerie registrieren musste. Während Father Paul und Valerie den Papierkram ausfüllten, quetschten sich Jon und ich auf ein kleines Sofa und warteten. Leider befand sich gleich neben dem Sofa der Kamin, wo jemand Dufträucherstäbchen angezündet hatten. So wurden wir eine halbe Stunde lang eingeräuchert und fühlten uns danach ganz benebelt… Father Paul fragte dann den Beamten auch gleich noch wegen meiner Visa-Verlängerung und nach einem längeren Gespräch, halb in Nepali und halb in Englisch geführt, war klar: es ist praktisch unmöglich, eine Visaverlängerung zu bekommen. Der Beamte meinte, es sei viel zu kompliziert, langwierig und am Ende bekomme man es dann doch nicht… Nachdem wir also alle Formalitäten erledigt hatten, fuhren wir mit dem Auto durch Darjeeling zur North Point School. Wir kamen am Taxistandort vorbei, wo sich die Wagen so dicht drängen, dass man als Fussgänger überhaupt keine Chance auf ein Durchkommen hat. Selbst mit dem Auto ist es schwierig und nervig! Links und rechts der Strasse reihen sich Läden an Läden. Da gibt es alles zu kaufen: von den unmöglichsten Plastikwaren, über Hartholzmöbel bis zu Fleisch aller Art. Draussen stehen zum Beispiel Käfige, wo sich dicht gedrängt Hühner zusammenglucken, in der Auslage liegen Eier und etwas weiter hinten sieht man die frisch gerupften Poulets liegen. Da weiss man noch, woher unser Essen kommt!! Die North Point Schule hat mich dann ganz schön beeindruckt. Zwar war im Nebel nicht allzu viel zu sehen, aber was wir sehen konnten war ganz schön pompös. Die Schule ist um 1880 von einem dänischen Architekten gebaut worden und sieht aus wie ein englisches Schloss. Oder wie uns Ajay am Abend dann gesagt hat, wie Hogwarts. Auch innen drin erwarten einen extrem hohe Räume, prunkvoll eingerichtet und einfach beeindruckend. Die Schule beherbergt über 500 Internatschüler (alles Jungen) und ist sehr bekannt. Es studieren hier auch viele Schüler aus Buthan, Sikkim, Nepal und China. Nach einem feinen Mittagessen in einem gediegenen Speisesaal, hatten wir noch Gelegenheit das Schulgelände zu besichtigen. Danach gab es noch Kaffee mit dem Schulvorsteher, der uns einlud, bei besserem Wetter wieder zu kommen und auch für ein paar Tage zu bleiben. Das werden Valerie und ich sicher einmal machen. Dann machten wir uns auch schon wieder auf den Heimweg. Wir wollten nicht zu spät nach Hause kommen. Und ausserdem war es ziemlich ungemütlich kalt bei diesem Wetter auf 2134m.ü.M. Die Rückfahrt verlief dann ziemlich erreignislos, mal abgesehen von all den Hunden, Hühnern und Ziegen, die uns immer wieder vors Auto liefen.
Sa
04
Sep
2010
Dinge, die ich liebe, hier in Kalimpong:
Als Erstes: Die frischen Früchte, die immer mal wieder als Dessert nach dem Essen gereicht werden. Am Anfang waren es saftige Mangos, doch jetzt ist die Mango-Saison leider schon vorbei. Mal sind es Bananen, so fruchtig-„tasty“ wie man sie niemals in Europa finden wird. Diese Bananen sind aus den Dörfern der Umgebung, sie sind dicker und fleischiger als die uns bekannten Bananen und schmecken einfach unvergleichlich gut.
Dann gibt es auch frische Ananas, manchmal schon etwas überreif, aber als Erfrischung nach dem scharfen Essen genau richtig. Und eine Frucht, die bei uns fast nicht bekannt ist, die aber köstlich schmeckt: die Guava. Sie hilft ausserdem der Verdauung, weil sie viele Kerne im Innern birgt. Wenn die Guavas richtig reif sind, kann man sie mitsamt der Schale essen. Sonst nagt man die Schale einfach ab und isst das rote, saftige Innere der Frucht. Hmmmm soooo fein!!!
Zweitens: der Sternenhimmel, der sich bei guter Witterung aufspannt. So viele Sterne habe ich selten in der Schweiz je gesehen. Und wenn, dann war es so kalt, dass man es nicht ganz so geniessen konnte. Hier aber können Valerie und ich gemütlich im T-Shirt auf dem Dach sitzen und rund um uns herum funkeln abermillionen von Sternen. Man sieht den grossen Wagen, die Casiopeia, die Venus und sicher noch viel mehr Sternbilder, die ich aber leider nicht benennen kann… ausserdem schimmert die Milchstrasse weisslich-hell und zieht eine Bahn mitten über den Himmel.
Ich fühle mich jedes Mal richtig klein und doch irgendwie so, als ob ich mitten im Himmel sitzen würde. Die Sterne glitzern nämlich so intensiv, dass sie viel näher scheinen als sie wirklich sind.
Drittens: Das Grün! Alles hier ist grün, wir sitzen sozusagen mitten im Dschungel. Die Schule ist an einem Abhang gelegen und im Schulgelände sowie ringsherum blüht und grünt alles Mögliche. Es gibt hohe Bäume, Sträucher, Blumen, Gebüsche und Nutzpflanzen. Der anhaltende Monsunregen hilft, dass die Pflanzen täglich ihre Ration Wasser bekommen und wohin das Auge schaut, sieht man unzählige Abstufungen verschiedenen Grüns. Das helle Grün der jungen Reispflanzen, das kräftige Grün der Bananenstauden, das satt-dunkle Grün der hohen dickblättrigen Bäume… einfach ein schöner Anblick!!
Viertens: Die Kinder, wenn sie zwischen den Stunden oder nach der Schule auf mich zu gerannt kommen, meine Hände packen und drauflos plaudern. Oder sie kommen angerannt und umarmen mich einfach ganz fest, klettern auf meinen Schoss, halten mir von hinten mit ihren kleinen Patschhänden die Augen zu…
Es gibt so viele schöne Augenblicke mit den Kindern! Sie geben mir das Gefühl, gemocht und gebraucht zu werden und suchen auch Geborgenheit und etwas Aufmerksamkeit für sich selbst und sei es nur für ein paar Minuten.
Sunday, 29.08.10
Morgens um halb Acht haben Valerie und ich schnell eine Tasse heisse Milch getrunken und eine Scheibe Toast gegessen, um uns für den Gottesdienst zu stärken.
Dann sind wir zur 5th Mile gelaufen, wo die Kirche und die dazugehörenden Gebäude sind.
Zuerst muss man der Strasse entlang bergab laufen und dann auf der linken Strassenseite steil einen Pfad hinauf zum Pfarreigelände.
Der Kirchenchor, die Jugendgruppe der Pfarrei, war schon am proben und in der Kirche selbst wurde Rosenkranz gebetet, als wir ankamen.
Wir standen zuerst noch etwas in der Morgensonne, dann zogen wir unsere Flip-Flops aus, wie das üblich ist, und betraten die Kirche.
Um acht Uhr begann der Gottesdienst. Erst wurde hinten im Kirchenraum ein Segen für das Kind gesprochen, das heute getauft werden sollte. Die Eltern, beide Grosselternpaare, Father Paul und Father Patel standen dabei und kamen dann gemeinsam mit den Ministranten den Mittelgang entlang nach vorne.
Hier in der Kirche sitzen die Frauen rechts, die Männer links. Die meisten Frauen drapieren sich während des Gottesdienstes den Schal ihres Saris, oder ihrer Kurta als Kopftuch um den Kopf. Wer keinen Schal dabei hat, legt sich ein aufgefaltetes Taschentuch auf den Kopf.
Der ganze Gottesdienst wird auf Nepali gesprochen. Dem Ablauf kann ich ziemlich gut folgen, weil es ein katholischer Gottesdienst ist, und die zeremoniellen Teile überall auf der Welt gleich sind.
Ich versuche einige Wörter herauszuhören die ich schon kenne und manchmal gelingt mir das auch.
Weil die Taufe im Gottesdienst integriert war, dauerte es diesen Sonntag gute zwei Stunden. Davon wird viel im Stehen verbracht, entweder mit Beten oder mit Lieder-Singen, die schön sind, aber auch sehr lange dauern.
Ach ja, die Kinder sitzen übrigens auf der rechten Seite vorne am Boden und der Chor ist links vorne platziert. Begleitet wird er von einem kleinen Harmonium, Gitarre und Trommeln.
Die Kommunion wird im „alten Stil“ eingenommen, die Hostie wird direkt vom Pfarrer auf die Zunge gelegt… deshalb bin ich die beiden letzten Male auch nicht zur Kommunion gegangen.
Nach der Messe haben wir draussen noch mit einigen kleinen Schülern gesprochen und sind dann zurück zur Schule gelaufen, wo uns Father Patel zu Toast und Marmelade noch je ein Spiegelei gebraten hat.
Nach diesem späten Frühstück habe ich etwas Wäsche gewaschen, weil es so schönes Wetter war, dann haben Valerie und ich zusammen einige Appenzeller Stücke gespielt und nach zwölf Uhr haben wir versucht, eine Mitfahrgelegenheit für in die Stadt zu finden.
Das war dieses Mal gar nicht einfach. Entweder waren die Autos schon voll oder sie haben einfach nicht angehalten. Doch schliesslich hielt jemand an. Ein ganz „normales“ Auto… gewöhnlich nehmen diese Leute niemanden mit. Diese hier waren aber sehr nett, eine wohl etwas reichere Familie, die einen Ausflug in die Stadt machte. Sie liessen uns dann beim zweiten Kreisel aussteigen und wir mussten nichts für die Fahrt bezahlen.
Nach einiger Zeit im Internetcafe schlenderten wir noch durch den Markt, der am Sonntag ziemlich ausgestorben wirkte. Es fiel uns sowieso auf, dass die Stadt am Sonntag ziemlich leer scheint. Mir war das eher unangenehm: Zwar hat man so mehr Platz um sich frei zu bewegen, es hupen nicht so viele Autos und alles ist etwas relaxter. Aber ich spürte auch überdeutlich, dass uns ALLE Leute musterten. Daran kann ich mich, glaube ich, nie ganz gewöhnen!!
Der Rest des Sonntags war ganz gemütlich mit Vorbereitungen für die nächste Woche, lesen, Musik hören, etwas üben und einfach das Nichts tun geniessen.
Monday, 30.08.10
Es ist verrückt, wie viele Feiertage es hier in Indien gibt! Keine Woche ist einfach nur „normal“… diese Woche wird der Teachers-Day gefeiert. Da das Datum dieses Jahr auf Sonntag fällt, werden wir es vorziehen und am Freitag feiern.
Der Teachers-Day ist also den Lehrern gewidmet. An diesem Tag zeigen die Schüler ihre Dankbarkeit für die erhaltene Bildung. Es werden Lieder vorgesungen, die Lehrer werden mit Blumen, evt. Süssigkeiten beschenkt und vielleicht führt die Schule die Lehrer zum Lunch aus, irgendwohin in ein Restaurant…
Ich bin gespannt, wie es schliesslich werden wird. Heute hat Father Patel nach dem Assembly die jeweiligen Klassensprecher für eine Besprechung zu sich geholt, jetzt liegt es in der Hand der Schüler den Event vorzubereiten.
Ich habe heute mal zusammengerechnet, wie viele Namen ich fürs Erste lernen muss, damit ich alle meine jetzigen Schüler aus allen Klassen kenne. In den Klassen 1-3 habe ich jeweils ein Knabenteam und ein Mädchenteam, in den Klassen 4,5 und 7 unterrichte ich Cello und in den Klassen 6 und 8 habe ich jeweils kleine Grüppchen mit Violineschülern.
Zusammen sind es 70 Schüler! Dank einer Fotogalerie, die ich mir auf dem Laptop eingerichtet habe, kann ich die Namen lernen und mit einem Gesicht verbinden. In einigen Klassen gelingt es mir schneller, in anderen verwechsle ich immer wieder einige Schüler, oder ich weiss die Namen wirklich noch nicht.
Was gemein ist: die Namen der Schüler die negativ auffallen, lernt man gezwungenermassen am schnellsten, weil man sie immer wieder ermahnen muss.
Ich gebe mir aber Mühe immer wieder neue Namen zu lernen und langsam bildet sich in meinem Kopf eine Bibliothek der Namen, von denen viele für mich sehr ungewöhnlich klingen.
Heute nach der Schule und nach dem Junior Orchestra hatte ich Sangay versprochen, zu ihr nach Hause zu kommen. Erst sah es aber nicht so aus, als würde das klappen. Gegen drei Uhr fing es nämlich heftigst an zu regnen. Da gleichzeitig auch die Sonne schien, bildeten sich wunderschöne Regenbogen, einer davon ganz nah und tief unten… es war ein richtiges Farbenspektakel und alle legten ihre Instrumente nieder um dieses Wunder zu geniessen.
Gegen halb Fünf hatte sich das Wetter dann aber beruhigt und ich machte mich mit Sangay und drei weiteren Mädchen auf den Weg, die Strasse runter.
Sie hatte mir gesagt, sie wohne an der 5th Mile. Ich habe extra gefragt, weil ich nicht Lust hatte, zum Beispiel bis zur dritten Meile runter zu laufen, weil ich dann ja auch den ganzen Weg wieder hoch laufen müsste.
Für die Zukunft weiss ich aber, dass die Angabe 5th Mile sehr trügerisch sein kann….
Wir liefen nämlich zuerst eine Meile der Strasse entlang, eben bis zur 5th Mile. Dann bogen wir bei einem kleinen Shop links auf einen Feldweg ab.
Diese Shops kann man sich übrigens wie Kioske vorstellen. An Schnüren hängen Chipspackungen von der Decke, es hat viele Gläser mit allen möglichen Süssigkeiten und ausserdem wird alles verkauft, was man so zum Leben braucht…J
Wir bogen also von der Hauptstrasse ab und ab da ging es erstmal steil den Hang hinunter. Einige Meter weiter überquerten wir auf einer schmalen Holzbrücke einen Fluss, der gleich nach der Brücke sicher zehn Meter in die Tiefe stürzte. Weiter ging’s den Hügel wieder etwas hinauf, durch ein Stück Wald, an Reisfeldern entlang, an einigen Häusern vorbei, einige davon sehr schmuck, andere halb zerfallen, aber bewohnt. Die ganze Zeit liefen wir eigentlich parallel zur 5th Mile am Hügelkamm entlang. Wenn wir an Reisfeldern entlang liefen bewegten wir uns auf den 1Fuss-breiten Aufschüttungen die jeweils als Abgrenzung eines Reisfeldes dienen. Wir balancierten also quasi, und dabei muss man immer sehr vorsichtig sein, weil sich unter dem Unkraut, das diese schmalen Wege überwuchert, manchmal auch Löcher verbergen, oder die Wege vom Regen zu Schlamm aufgeweicht sind.
Auf dem Weg boten mir Sangay und ihre Freundin immer wieder Guavas direkt ab dem Baum an und so liefen wir essend und plaudernd durch den Nachmittag.
Nach der Überquerung weiterer Bäche und Flüsse, immer ohne Brücke und nur von einem Stein zum nächsten springend, erreichten wir schliesslich nach gut 40min Weg Sangays Haus.
Die Familie besitzt einige Kühe, die unter niedrig aufgespannten Planen angebunden Heu frassen. Mit dabei war auch ein relativ frisch geborenes Kälbchen, weiss-gelblich gescheckt, ein niedlicher Anblick.
Dann betraten wir einen Raum, wo sich die Frau von Sangays Bruder, ihre kleine Tochter, Sangays Vater und noch einige andere Leute auf engstem Raum zusammendrängten. Ich sagte „Naamaaste“, dann verliessen wir diesen Raum auch schon wieder. Im zweiten Gebäude, musste ich mich auf ein steinhartes Bett setzen und Sangay hat mir ihr Fotoalbum gezeigt. Dann holte sie etwas zu trinken: ein warmes Glas Milch, vielleicht sogar frisch „ab Kuh“, es war gar nicht schlecht… J…
Nach einigem Sitzen verliessen wir das Haus und machten draussen noch Fotos. Sangay mit ihrem Vater, mit ihrer Freundin, mit mir. Dann auch die Frau von Sangays Bruder mit ihrem Baby… ich habe einige Fotos gemacht!
Ich bewunderte noch die vielen Ziegen, Hühner und Hunde, die herumliefen, dann schleppten mich die zwei Mädchen weiter den Hügel wieder hinunter zu anderen Häusern des Dorfes. Wir besuchten das Haus der Freundin von Sangay, ich wurde mit einer Tasse sehr süssen Tees bewirtet, machte wieder viele Fotos und wurde dann von einer ganzen Horde von Kindern noch weiter den Hang hinunter gebracht, zu ihrem „Spiel-Garten“. Eine in den Boden gerammte hohe Bambusstange dient als Kletterbaum, etwas weiter unten sind einige Bambusstäbe wie Reckstangen zurechtgemacht, wo die Kinder herumturnen und –hangeln.
In einem Baumloch zeigte mir Sangay eine Schlange, die sich im Wasser suhlte.
Von hier hatte man auch eine atemberaubende Aussicht auf den Teesta River. Dieser Spielgarten liegt nämlich am äussersten Ende der einigermassen flachen Ebene. Danach geht es beinahe senkrecht hinunter bis zum Teesta River. Und das sind bestimmt über 150 Höhenmeter. Ich konnte nicht zu lange da runterschauen, ohne dass es mir schwindlig wurde.
Gegen sechs Uhr liefen wir dann wieder zu Sangays Haus hoch, ich holte meine Tasche und vier Kinder begleiteten mich zurück nach Hause. Auf dem Weg wurde es dann schon dunkel, ich musste aufpassen, dass ich mir bei diesem unebenen Gelände keinen Knöchel verstauchte. Die Kinder sind viel geübter sich im Dunkeln in Flip-Flops über alles Mögliche zu klettern.
Bei der Strasse vorne sagte ich Sangay, dass ich nun gut den Weg alleine finden würde. Bis hierher war ich sehr froh um die Gesellschaft gewesen, weil ich im Dunkeln den Weg zum Teil sicher fast nicht gefunden hätte. Nun wollte ich aber die Kinder zurückschicken, weil sie ja den ganzen Weg nochmals machen mussten… aber sie liessen sich nicht beirren und begleiteten mich bis zur Schule zurück.
Dieser Hausbesuch war ein sehr schönes Erlebnis… ich freue mich schon darauf, andere Kinder zu Hause zu besuchen. Anfragen habe ich schon mehr als genug bekommen.
Tuesday, 31.08.10
Über den Dienstag habe ich nicht viel zu berichten. Im Unterricht ist nichts Aussergewöhnliches passiert. Bei den 1.Klässlern haben wir erneut versucht, gleich zu Beginn der Lektion etwas Struktur zu schaffen, indem wir sie in einer Reihe aufstellten und dann alle gemeinsam zum Unterricht gelaufen sind.
Es hat schon etwas besser geklappt als gestern, ein kleiner Erfolg…
In meiner Zwischenstunde habe ich dann versucht, mein Visumproblem anzugehen. Ich habe mir überlegt, dass wohl die Schweizerische Botschaft in Delhi am ehesten weiterhelfen kann. Schliesslich sind sie für die Schweizer in Indien zuständig. Also habe ich angerufen. Was für ein abschreckendes Erlebnis!!!
Erst musste ich gegen eine Stille anreden, weil der Mensch am anderen Ende mit keiner Silbe zum Ausdruck brachte, dass er noch am Telefon war. Dann hiess es plötzlich „Lady, wait, a minute…“ und dann musste ich grässliche Computermusik anhören… Danach war eine Frau am Telefon, die wohl nur Visa verstanden hat und mir eine Nummer genannt hat, so schnell, dass ich unmöglich Zeit hatte mitzuschreiben. Ich habe dann nochmals nachgefragt und sie hat völlig genervt die Ziffern wiederholt und dann war die Leitung auch schon tot, ohne irgendeinen Abschiedsgruss oder eine Höflichkeitsfloskel.
Ich war richtig verzweifelt. Was sollte ich tun? Die Nerven für ein weiteres solches Telefon hatte ich wirklich nicht, und so habe ich es fürs Erste dabei belassen.
In der nächsten Stunde schaute Father Paul vorbei und kündigte mir den Besuch von Pater Toni Kurmann aus der Schweiz für den nächsten Tag an. Eine schöne Überraschung und genau zum richtigen Zeitpunkt.
Beim Abendessen liessen Valerie und ich uns zwei erste Sätze in Nepali von Brother Ajay beibringen. Wir haben jetzt ernsthaft vor, mit Lernen zu beginnen. Leider ist die Zeit sehr beschränkt, aber wir werden es wohl irgendwie schaffen.
Wednesday, 01.09.10
Ein ereignisreicher Tag!
Angefangen hat es damit, dass Rudra und Kamal uns nach dem Assembly mitgeteilt haben, dass sie „Paperwork“ zu tun hätten und wir alle 1.Klässler unterrichten müssten.
Dies sind 27 Kinder und wie ihr vielleicht aus meinen Schilderungen entnehmen konntet, sind es nicht gerade die bravsten Lämmer…
Es war uns unmöglich irgendwie Ruhe herzustellen oder überhaupt etwas Vernünftiges zu tun. Am Anfang schaute Rudra noch schnell vorbei und sah, dass wir verzweifelt versuchten, die Kinder in einen Kreis zu bringen. Er schrie etwas auf Nepali und die Kinder waren plötzlich ruhig und standen brav im Kreis.
Dies hilft aber nicht gerade, uns als Respektpersonen zu manifestieren. Für die Kinder muss es genau den gegenteiligen Eindruck gemacht haben. Mr. Rudra und Mr. Kamal sind die respektierten Lehrer, wir sind die Witzfiguren, wo sie sich benehmen können wie sie wollen.
Wir waren frustriert und wussten nicht recht, wie wir nun mit dieser Situation umgehen sollten. Als wir es dann Rudra erzählt haben, hat er nur gelacht, was uns erst recht nicht weitergeholfen hat…
Zum Glück war dann der Rest der Stunden ganz angenehm. Mit den 3.Klasse Mädchen habe ich nun schon eine wirklich gute Beziehung. Sie fragen, spielen vor, wollen Neues lernen. Es ist wirklich leicht sie zu unterrichten und gleichzeitig herausfordernd, weil ich viel Stoff bereithalten muss.
Für unsere Freistunden am Mittwoch (weil Theorietag ist) haben Valerie und ich heute gute Verwendung gefunden.
Im Oktober wird nämlich das jährliche Schulkonzert stattfinden und aus irgendeinem Grund bildet sich Father Patel ein, dass ich weiss, wie man Schottische Tänze tanzen und unterrichten kann. Ich habe keine Ahnung wie er darauf gekommen ist, und obwohl ich versucht habe, zu erklären, dass ich das nicht kann, beharrt er darauf, dass ich die Tanzgruppe für das Konzert vorbereiten soll. Und er ist absolut davon überzeugt, dass ich die best geeignete Person dafür bin. J
Also habe ich mich in mein Schicksal als Tanzlehrerin gefügt und Valerie um Unterstützung gebeten. Nun sieht es so aus: Mit den kleineren Schülern sollen wir einen witzig-herzigen „Actionsong“ einstudieren. Also ein Lied mit Bewegungen dazu. Mit den älteren Schülern soll es dann etwas „Schottisches“ sein. Da werden wir uns wohl selbst eine Choreographie zu einem lüpfigen irischen oder schottischen Fiddlestück ausdenken. Und dann kam noch die Anfrage, mit den Boarder Schülern einen „Western Dance“ einzustudieren.
Da haben Valerie und ich uns entschlossen, eine Art Kombination aus freier Choreographie und Standarttänzen zu kreieren. Wir sind beide begeistert von der Aussicht, hier auf einem uns bisher wenig bekannten Feld, experimentieren zu können.
So haben wir in unseren Freistunden mögliche Musikstücke gesucht und hatten plötzlich auch das Gefühl, dass es wohl richtig Spass machen könnte, wenn wir samstags für die Boarder Schüler einen Standart-Tanzkurs anbieten könnten.
Ich glaube uns und auch den Schülern würde eine solche vergnügliche Stunde einmal in der Woche gut tun.
Gegen Abend, wir waren gerade draussen und beobachteten etwas das Geschehen im Schulgelände unten, riefen uns Brother Jon und Pasang zu, ob wir mit ihnen auf einen Spaziergang kommen wollten. Wir liefen also runter und machten uns dann zu viert auf den Weg die Strasse entlang den Hügel hinauf. Die zwei waren losgeschickt worden, um in den Läden nach Toastbrot zu fragen. Wir klapperten einige Läden ab und liefen ein ganzes Stück, doch nirgends gab es Toastbrot…
Auf dem Weg pflückte Valerie viele schöne Blüten und wir unterhielten uns ganz gut. Es tat gut, die Beine zu vertreten und die gute Abendluft zu atmen.
Kaum zurück rief mich Father Patel nach unten, weil ein kleines „Gathering“ mit den Gästen stattfand. Toni Kurmann war also angekommen.
Ausserdem war auch die Sekretärin aus der Jesuitenmission in Zürich mit dabei und ein Architekt aus Sikkim schloss sich der Runde an. Er wird die neue Gandhi Ashram School auf dem neuen Gelände bauen.
Weil deutschsprachige Gäste da waren, gab es Bier. Sonst trinken die Leute hier eigentlich nie Bier, aber deutsch wird hier gleichgesetzt mit bier-liebhabend… J
Nach dieser Plauderrunde, gingen wir runter um mit den Boarder Schülern zu essen. Zur Feier des Tages gab es Fleisch und etwas anderes Gemüse als sonst. Und es gab Basmatireis, nicht nur den üblichen dickkörnigen Reis.
Nach dem Essen setzte ich mich noch mit Toni Kurmann zusammen und ich erzählte wie es mir hier so geht und wir dachten uns eine Strategie für meine Visa-Beschaffung aus.
Thursday, 02.09.10
Die Schweizer Gäste sind genau zur rechten Zeit gekommen. Heute Morgen war ich nämlich dran, im Assembly einen Beitrag zu leisten. Jeden Monat kommt jeder Lehrer einmal dran.
Ich hatte für diese Gelegenheit mit Valerie zusammen zwei Appenzeller Duostücke eingeübt und hatte eigentlich nicht vor, viel zu sagen. Da nun aber Gäste da waren, die extra auch ins Assembly kommen würden, um mich reden zu hören, bereitete ich am Mittwochabend noch eine kleine Rede vor. Und hier ist sie nun, für diejenigen die es interessiert:
Good morning fathers, teachers, my dear students and my dear friends from Switzerland.
As you all know, the theme of the week is relationships. But how do you build new relationships?
When I arrived here, one month ago, I was really glad, that I could talk to you in English and we are able to understand each other. But, what is even more important to me is the language of music. No matter which country you are from or what native language you speak, through music we can connect with people all over the world. You can understand each other through music and therefore build relationships.
So I hope that you understand what precious gift music is. Being able to create music really means a lot to me and I am happy that I can share my knowledge and my experiences with you and, in return, learn a lot from you all.
So, today Miss Valerie and I are going to play two pieces for you. They are traditional Swiss Music written for two violins. So there you can also experience a kind of relationship: the relationship between two interacting musicians.
The first piece is called Waltz and the second one is called Scottish. I hope you’ll enjoy our playing.
Viele Lehrer und einige Schüler kamen im Laufe des Tages zu uns und sagten wie schön sie die Musik gefunden hätten. Ich denke, wenn wir unseren Beitrag mit Musik aus aller Welt leisten können, kann sich der musikalische Horizont der Schüler innerhalb eines Jahres um einiges vergrössern…
Die Unterrichtsstunden waren dann wie üblich am Donnerstag sehr ermüdend. Bei den 1.Klässlern hatten wir alle Jungs. Weil nicht mehr viel Zeit übrig war nach den „Exercises“ haben wir die ganze Gruppe zusammen genommen. Und nach einigen Minuten ist es uns dann auch gelungen ziemlich alle um uns im Kreis zu versammeln. Nur zwei haben sich die ganze Stunde über abgesondert, sind herumgerannt und haben gestört. Ich habe sie dann rausgestellt und am Ende der Stunde haben wir sie noch dabehalten. Weil sie sonst in meiner Gruppe sind, habe ich es dann übernommen mit ihnen zu sprechen. Ich sagte ihnen, dass ihr Verhalten heute wirklich nicht akzeptabel war und dass sie sich sehr schlecht benommen hätten. Die beiden sassen auf dem Boden und waren ziemlich verschämt. Nach meiner kleinen Standpauke ist der eine gleich verschwunden, der andere (Sugam) sass immer noch zusammengerollt auf dem Boden und sah sehr geknickt aus. Ich nahm ihn in die Arme und sagte ihm, er solle einfach versuchen nächstes Mal mitzumachen, auf mich hören und wir würden das gemeinsam schon hinkriegen. Dann hat er genickt und ist gegangen.
Bis zur Teepause war ich schon ziemlich heiser, vom vielen reden und singen und durch den Tag hindurch wurde es immer schlimmer. Nach der Pause hätte ich eigentlich Freistunde gehabt, weil die 7.Klasse Theorie hat, aber meine Celloschüler sind trotzdem gekommen. Eigentlich hatte ich gedacht, sie wollten üben, aber ihre Idee war es, dass ich sie von nun an in Theorie unterrichten soll. Also habe ich eine „Theoriestunde“ improvisiert. Zuerst wollte ich herausfinden, ob sie alle Notennamen kennen und habe Tonleitern über mehrere Oktaven aufgeschrieben. Dann haben wir den Unterschied zwischen 2. und 3.Finger besprochen und an mehreren Beispielen deutlich gemacht. Fürs Cello wirklich wichtig, dass sie auch beim Spielen gleich wissen, ob nun zweiter oder dritter Finger gefragt ist.
Anschliessend habe ich eine Rhythmusübung gemacht, 4/4 Takt und ¾ Takt geübt und sie selbst auch Rhythmen erfinden lassen.
Weil noch Zeit war, habe ich zum Schluss noch eine Melodie aufgeschrieben und sie singen lassen. Dabei war mir vor allem wichtig, dass sie den Unterschied zwischen Tonsprüngen und Tonschritten sehen, hören und auch singen können. Nach einigen Runden konnten sie alle die Melodie gut singen. Also liess ich einen der Schüler die Melodie auf dem Cello spielen. Erst war sie wegen ungenauer Intonation fast nicht erkennbar, nach einigem Ausprobieren und der Unterstützung durch das Singen der anderen klappte es dann aber immer besser.
Vielleicht ist es gar keine so schlechte Idee, die paar Schüler abzusondern von der grossen Gruppe für die Theorie und mit ihnen vor allem auch Gehörtraining zu machen… wir werden sehen wie es nächste Woche ist.
Den ganzen Nachmittag über hatte ich auch Schüler: Cello und Violine. Nach der Schule wollten einige Mädchen noch Hilfe bei einem Stück auf der Blockflöte, das sie morgen am Teachers Day vorspielen wollen. Also bin ich mit ihnen draussen noch eine halbe Stunde hingesessen und habe das Stück geübt.
Im Senior Orchestra war ich dann so müde, dass ich eigentlich nicht mehr die Nerven hatte, viel beizutragen. Rudra hatte wieder einmal mit den Noten ein Chaos und so begann die Probe statt um halb fünf erst um zehn vor fünf. Und dann waren es auch noch Nepali-Stücke, die Rudra von Hand aufgeschrieben hatte. Das wäre ja nicht schlecht, wenn sie korrekt notiert wären. So aber muss man die Stücke kennen um sie spielen zu können. Ich finde es nicht gut, wenn die Schüler so Rhythmen einüben, die auf eine Art notiert sind, aber ganz anders gespielt werden. Sie lernen die Rhythmik falsch, was für andere Musik nur hinderlich ist… ich weiss nicht ob und wie ich da etwas machen kann, ich werde aber sicher versuchen, dies irgendwie zu verbessern.
Nach diesem anstrengenden Tag war ich zum ersten Mal so richtig fix und fertig. Ich mochte gar nichts mehr machen, habe mich einfach aufs Dach gesetzt und vor mich hin geträumt, zu müde um auch nur einen klaren Gedanken zu fassen…
Friday, 03.09.10
Happy Teacher’s Day!!
Eigentlich wäre der Feiertag erst am Sonntag, aber logischerweise wurde er auf Freitag verschoben, damit die Lehrer auch wirklich etwas davon haben.
In einer lehrreichen Ansprache des Headboy’s haben wir erfahren, dass der Teacher’s Day dank eines früheren Präsidenten Indiens existiert. Er war anscheinend ein ganz guter Lehrer gewesen und als man ihn fragte, ob man seinen Geburtstag (5.September) zu einem Feiertag zu seinen Ehren machen könnte, hat er vorgeschlagen, den Tag den Lehrern zu widmen.
Die Schüler hatten sich wirklich ins Zeug gelegt und alles beinahe selbständig vorbereitet.
Unser Frühstück dehnte sich etwas aus, die Schüler waren fleissig am Vorbereiten und wir Lehrer versammelten uns dann um halb neun im Lehrerzimmer unten in der Schule, wo Father Paul eine kleine Rede hielt und dann noch verschiedene wichtige Themen besprochen wurden. Die Lehrer hatten Gelegenheit, Anliegen vorzutragen, die dann auch diskutiert wurden.
Etwas später wurden wir ins Schulzimmer der 5.Klasse geführt, wo einige Schüler die Tische mit Zeitungspapier abgedeckt und mit Papptellern und Gläsern gedeckt hatten. Drei Mädchen der 8.Klasse, alle gekleidet in Saris, geschminkt und frisiert, servierten Tee und Momos (gefüllte Teigtaschen, im heissen Wasser gekocht).
Dann war es Zeit um Richtung grosse Halle hinauf zu gehen, weil nun ein „Programm“ aufgeführt werden sollte. Am Ausgang des Schulgebäudes erwarteten uns schon weitere Schüler, die uns eine Happy Teacher’s Day Plakette an die Kleider hefteten. Eine andere Schülerin stand mit roter Farbe bereit um uns einen roten Punkt auf die Stirn zu malen. Dies bedeutet hier „Willkommen“.
Alle Schüler der Schule hatten sich auf beiden Seiten entlang des Weges bis zur Halle aufgestellt und klatschten nun, als wir Lehrer zwischen ihnen hindurch liefen. Viele wollten auch unsere Hände schütteln und „Happy Teacher’s Day“ wünschen.
In der Halle mussten wir dann auf der Bühne Platz nehmen und zwei Schülerinnen eröffneten die Feier mit einer kleinen Ansprache. Dann folgte eine Darbietung einiger Blockflötenspieler und anschliessend wurden wir mit vielen Schals behängt, bekamen Briefe, zum Teil Blumen und Stifte geschenkt.
Dann durften wir uns in den hinteren Teil der Halle setzen und die Schüler überraschten noch mit einigen Darbietungen: Tänze, ein kleines Theaterstück in Nepali, Lieder, Musikstücke… es war alles ganz gut vorbereitet und vorgetragen! Wir Lehrer wurden dann auch noch auf die Bühne gebeten für ein Spiel: Zur Musik mussten wir einen Ball herumreichen und wenn die Musik stoppt, scheidet derjenige, welcher gerade den Ball hat, aus. Ich war ziemlich schnell draussen… J
Nach dem Ende des Programms gingen wir alle gemeinsam, Lehrer und Schüler, zum Platz wo das Mittagessen jeweils stattfindet. Die Schüler beteten wie üblich und fingen an zu essen.
Für uns Lehrer war der Zeitplan heute etwas anders. Wir sollten uns alle kurz nach zwölf bei der Strasse versammeln und zu einem Restaurant in der Nähe der Stadt fahren. Zu vierzehnt pferchten wir uns in den Jeep der Schule und fuhren zur 8th Mile. Das Restaurant, gleichzeitig auch ein Hotel, ist traumhaft gelegen. Man fühlt sich zwischen den vielen Blumen und anderen Pflanzen wie in einem Garten Eden. Es ist ruhig, etwas abseits der Strasse, eine gemütliche Oase. Auf der Grünfläche zwischen den Wegen laufen Hühner, Perlhühner und Tauben frei herum.
Erst sassen wir etwas im Garten, tranken Cola und Sprite und zwei Lehrer sangen einige Lieder und dann wurden wir ins Haus gebeten fürs Essen.
Father Patel hatte ein einfaches Essen angekündigt, aber ganz so einfach war es gar nicht. Es gab Karottensuppe, Reis, Chapattis, frittierten Fisch, Bohnen, noch ein anderes Gemüse und Salat. Alles schmeckte echt lecker und war vor allem eine grosse Abwechslung zum üblichen Essen.
Als Dessert gab es ganz dünne, kurze Nudeln an einer Milch-Zuckersauce. Es sah komisch aus, schmeckte nicht schlecht, hatte aber die Konsistenz von dünnen Würmern… irgendwie sehr speziell J
Nach dem Essen erkundeten wir noch etwas die umliegenden Pfade, kamen an einem Hasen- und Meerschweinchengehege vorbei und entdeckten etliche Gewächshäuser für Orchideen.
Zurück zur Schule konnten Brother Ajay, Mr. Kamal, Valerie und ich dann mit einem kleinen Lastwagen fahren, zu fünft in der Fahrerkabine, ein Erlebnis!! Ich sass nämlich mit jeweils einem Bein links und rechts vom Steuerknüppel und wir wurden alle ganz schön zusammengedrückt und durchgeschüttelt.
So
29
Aug
2010
Hier mal ein paar ganz allgemeine Dinge, die mir auffallen:
Da wäre zum Beispiel das Essen.
Gestern Abend sind wir Volunteers fast ausgeflippt, weil es statt dem üblichen Reis chinesische Nudeln mit Ei, Zwiebeln und ein wenig Gemüse gab. Ansonsten gibt es nämlich wirklich zweimal täglich Reis, dazu ein immer gleich schmeckendes Gemisch von verschiedenem Gemüse und Kartoffeln (schwankend zwischen scharf und unerträglich scharf) und dazu eine gelbe Sauce mit Zwiebeln. Ich habe mich jetzt nach diesen zwei Wochen schon dabei ertappt, wie ich reichlich frühstücke, damit ich dann beim Mittag- und Abendessen nicht allzu viel Hunger habe. Beim Frühstück gibt es nämlich immerhin etwa vier verschiedene Varianten. Entweder kleine Fladen mit scharfer Kichererbsen-Beilage, oder im Fett herausgebackene Küchlein mit Kichererbsen- oder auch Linsengemisch. Oder das absolute Highlight: Omeletten!! Sehr süss und fettig, aber als Abwechslung einfach köstlich…
Ich hätte niemals gedacht, dass ich mir je in meinem Leben gross Gedanken über das Essen machen würde, aber nun wurde ich eines Besseren belehrt.
Eine andere Sache, die ich nun schon ein paar Mal hautnah erleben durfte, ist „Geduld haben“. Da ist zum Beispiel der Unterricht, der in meinen Augen alles andere als effizient abläuft. Ich bin am Abend eher müde vom warten, abwarten was geschieht und nochmals warten, als vom wirklichen Arbeiten.
Das Junior Orchestra hat von halb vier bis halb fünf Probe: um halb vier sind zwar wahrscheinlich alle da, dann wird aber erst mal ausgepackt, rumgefiedelt und die Lehrer suchen im „Chaosschrank“ nach Noten die gespielt werden könnten. Schliesslich wird dann doch noch etwas geprobt, dazwischen müssen immer wieder einige Geigen gestimmt werden, schön untermalt von ewigem Übgefiedel der Anderen. Alles sehr anstrengend fürs Gehör und die Nerven, aber so läuft es nun mal hier.
Ein anderes Beispiel, wo man einfach Geduld haben muss, ist, wenn man eine direkte Frage stellt. Da kann ich mich schon mal drauf einstellen, dass ich vielleicht ein freundliches Kopfwiegen kriege und eine wage Antwort, oder eine Antwort auf eine ganz andere Frage.
So lief es auch ab bei der Planung für die Dekoration der Halle für den Talent Contest letzten Freitag. Wir Volunteers waren beauftragt worden, die Dekoration zu übernehmen. Also haben wir schüchtern im Lehrerzimmer rumgefragt, ob irgendwelches Dekomaterial vorhanden sei, vielleicht Tücher, um die Bühne einzukleiden. Wir wurden auf Father Patel verwiesen, dieser wiederum hat auf die organisierenden Lehrer gezeigt. Wir brachten dann unsere Idee mit den Tüchern aufs Tapet und es hiess: „Oh ja Tücher, sehr schön, eine gute Idee…“ mehr war aber nicht zu bekommen.
Also beschlossen wir kurzerhand die Vorhänge aus unseren Zimmern zu verwenden… An besagtem Freitag waren wir also gerade dabei, die Vorhänge zu drapieren, als Father Patel auftauchte und meinte, für die Abdeckung der Bühne gebe es extra ein grosses Stück Tuch. J
Wir machten dann aber trotzdem mit den Vorhängen weiter und es wurde dank der vielen Pflanzen, die die Schüler von überall her anschleppten eine ganz wunderbare Dekoration.
Der Talent Contest war sowieso ein ganz spezielles Erlebnis.
In Vorrunden waren die Teilnehmer aussortiert worden, so dass nur die „Besten“ am Freitag auftreten durften und sich so nochmals messen konnten. Es gab die Kategorien Musik, Gesang, Schauspiel und Tanz. In den Pausen und nach der Schule konnte ich ein paar Mal ein paar der Kinder üben sehen, das war schon beeindruckend.
Am Freitag hatten wir den ganzen Tag nur mit dem Contest zu tun. Die Zweitklasse-Lehrerin hatte uns von den 1.Klässlern befreit, damit wir in aller Ruhe die Halle dekorieren konnten. Dabei half auch die ganze 8.Klasse. Alle waren eifrig bemüht eine Arbeit zu finden und so wurde uns jede noch so kleine Aufgabe richtig aus den Händen gerissen. Ich beschränkte mich dann darauf, hier und da Hinweise und Ratschläge zu geben und viele Fotos zu machen. Neben der Dekoration wurde die Soundanlage aufgebaut, die erstaunlich gut war. Zwei riesige Lautsprecher, ein gutes Mischpult und der Laptop des Computer-Lehrers ergaben eine ausgezeichnete Installation.
Witzig war, dass extra für diesen Anlass die schon lange defekten Neonröhren an den Wänden ausgewechselt wurden. Ausserdem wurden blaue Teppiche ausgerollt, wo die Kinder der unteren Stufen dann praktisch den ganzen Tag über sassen.
Für die acht Juroren wurden Tische aufgestellt, mit Tischtüchern überspannt und mit Blumen, Wassergläsern und Krügen richtig schön hergerichtet. Die ganze Halle sah feierlich aus, frisch geputzt und hübsch gemacht…
Um halb elf versammelten sich alle Lehrer für eine kurze Teepause im Lehrerzimmer, dann begann auch schon der erste Teil des Wettbewerbs. Hier massen sich die Kinder der dritten und vierten Klasse. Es waren einige wirklich gute Tänze zu sehen, ein paar herzige Theater-Sketche wurden aufgeführt (weil in Nepali, gingen für mich leider die Witze verloren), ausserdem sangen ein paar kleine Jungs mit klaren glockenhellen Stimmen volkstümliche Nepali-Lieder.
Nach einer raschen Mittagspause wurde der eigentliche Contest erröffnet. Dies lief sehr feierlich ab. Da ein Gast (ein Father) da war, wurde er und Father Patel mit einem Willkommensschal begrüsst. Dann wurden die beiden Fathers und ich aufgefordert nach vorne zu kommen und das Licht des Wettbewerbs anzuzünden. Dies war eine Öllampe mit drei Dochten.
Danach wurden die Judges mit Namen einzelnen aufgefordert ihre Plätze einzunehmen und sie wurden mit riesigem Applaus begrüsst.
Bei diesem Teil des Wettbewerbs gab es auch wieder zwei Kategorien: zuerst die Juniors, die Klasse 5 und 6 und dann die Seniors aus den Klassen 7 und 8.
Das Ganze dauerte extrem lange und es war für mich eindrücklich zu sehen, wie lange die Kinder der unteren Stufen relativ still auf den Boden gekauert aushielten.
Fast am Ende der ganzen Show setzte dann die Elektrizität aus und es musste für eine Viertelstunde eine Übergangslösung gefunden werden. Also hat die zweite Klasse ihr lange einstudiertes Lied vorgetragen, es war soooo süss anzusehen, wie diese kleinen Knirpse in unverständlichem Englisch mit vielen gestischen Bewegungen ihr Lied vortrugen, alle herausgeputzt in Kleidchen und Hemd und Faltenhosen.
Weil der Strom immer noch nicht zurück war, haben dann einige Schüler mit Mr. Rudra, dem Musiklehrer, eine Nepali-Weise vorgetragen.
Dann konnte der Event noch zu Ende gebracht werden. Die Urkundenübergabe wurde auch sehr feierlich abhalten. Jeder von uns Volunteers wurde einmal auf die Bühne gebeten um einer Kategorie die Urkunden für den 1. bis 3. Preis zu übergeben.
Nach dem Wettbewerb haben wir aufgeräumt und dann zusammen mit den Lehrern noch Tee getrunken und Bisquits gegessen.
Geschafft von dem vielen Trubel, sank ich abends erschöpft, aber glücklich ins Bett und schlief wie narkotisiert bestimmt neun Stunden durch.
Saturday, 21.08.10
Wochenende: frei… oder zumindest fast!
Am Morgen hat das Junior Orchestra geprobt, weil sie gegen Abend eingeladen waren, für einen General der Armee zu spielen. Um 9 Uhr war die Probe ausgemacht… dann hiess es aber mal wieder warten. Die meisten Schüler waren pünktlich da, aber von beiden Lehrern fehlte jede Spur. Da ich die Schlüssel für die Geigenschränke nicht fand, konnten die Kinder nicht mal anfangen zu spielen. Also haben wir einfach gewartet. Draussen war ganz komisches Wetter, neblig, warm und man hatte das Gefühl jeden Moment würde es anfangen zu regnen.
Endlich kam dann Kamal und wir begannen zu proben. Ich schaute allen ein wenig über die Schultern, half hier und da mit einem Tipp zu den Fingersätzen oder wurde aufgefordert ganze Passagen vorzuspielen. Bei den Celli war die Intonation noch sehr im Argen, also versuchte ich durch Mitspielen auszubessern, was oft, aber natürlich nicht immer geklappt hat. Mit einer kurzen Pause probten wir bis kurz nach 12 und dann gab es für alle Lunch.
Zwischendurch musste ich noch ein Cello „flicken“. Irgendwann im Verlauf der letzten Woche war die A-Saite gerissen und hatte dabei auch gleich den Steg umgelegt. Ein Schüler hat den Steg dann wieder eingesetzt, nur leider falsch herum. Es hiess also eine einigermassen intakte Saite finden, dann alle Saiten ziemlich lockern, den Steg umdrehen und dann alle Saiten wieder anziehen. Langsam bekomme ich Übung im Stimmen von Celli. Es ist richtig harte Arbeit, besonders wenn das Holz der Wirbel durch die ewige Feuchtigkeit aufgeschwemmt ist und klemmt.
Ich bot dann nach dem Lunch an, mit dem Orchester mitzukommen und beim Konzert zu helfen. Eigentlich hatte ich mit Sarah und Valerie abgemacht, mich mit ihnen in der Stadt zu treffen, aber wenn die Schüler und Lehrer gerne Unterstützung beim Konzert gehabt hätten, wäre ich natürlich mitgegangen.
Rudra und Kamal hätten mich gerne beim Konzert mit dabei gehabt, aber es fand auf Militärgelände statt und so wäre es schwierig geworden mich mit rein zu nehmen. Hier in Indien dürfen Ausländer kein Militärgelände betreten.
Also machte ich mich bereit um in die Stadt zu fahren und schrieb ein SMS an Valerie, dass sie mich am 1.Kreisel treffen sollten. Da gerade keine Mitfahrgelegenheit vorbeifuhr, lief ich Richtung Stadt los und bald schon hörte ich hinter mir ein Büsschen den Hügel heraufschnaufen. Total cool, als hätte ich das schon tausend Mal so gemacht, streckte ich meine Hand aus und machte die typische Hand-rauf-und-runter-Bewegung mit der man hier signalisiert, dass man mitfahren möchte. Ich hatte Glück und das Auto war noch ziemlich leer.
Am Kreisel angekommen bezahlte ich meine 10 Rupien und da die beiden Anderen noch nirgends zu sehen waren und ich keine Lust hatte einfach dazustehen und begafft zu werden, schlenderte ich die Hauptstrasse entlang. Schon nach wenigen Schritten sah ich etwas entfernt die beiden auf mich zukommen, nicht schwierig einen Rotschopf und eine Blonde in all den Schwarzhaarigen ausfindig zu machen. J
Während ich im Internet Café meine Korrespondenz erledigte, durchstöberten die anderen die Läden in der Nähe. Danach machten wir uns gemeinsam auf den Weg zum Markt und fanden ihn auch auf Anhieb. Wir liefen einfach ziellos darin herum, bewunderten die vielen verschiedenen Gewürze, passierten Stände mit tausenden von Flip-Flops, Kleidern, Gartenwerkzeugen, Ramsch-Krims-Krams und dann verliessen wir das Marktgelände wieder auf der anderen Seite bergauf.
Zurück bei der Hauptstrasse holte ich beim Schneider meine Kleider ab und wir besuchten noch ein Restaurant, weil die beiden noch nichts gegessen hatten. Hier werden wir sicher wieder mal einkehren. Es gab gute chinesische Nudeln, auch Pizza ist zu haben und die Auswahl an Desserts lässt sich auch sehen. Einfach zur Abwechslung am Wochenende ist das sicher nicht verkehrt.
Gegen drei Uhr bestiegen wir dann ein Auto zurück zur Schule und komischerweise bezahlte ich 15 Rupien, während die anderen nur je 10 Rupien zahlen mussten. Nächstes Mal werde ich es auch mit einer 10 Rupien Note, statt einer 20 Rupien Note probieren… andererseits ist es ja so wenig Geld, dass ich dem Fahrer die 5 Rupien eigentlich gegönnt habe…
Ich probierte natürlich gleich meine neuen Kleider aus. Sie sind wunderschön! Die Hosen sind zwar etwas gewöhnungsbedürftig, weil sie extrem viel zu weit sind und man sie ungefähr auf Bauchnabelhöhe zusammenschnüren muss. Dafür sind sie sehr leicht und luftig. Und das Oberteil ist einfach nur schön!! Leicht tailliert, auf der Seite geschlitzt, reicht es bis zu den Knien.
Kurz nachdem wir zurück gekommen waren, tauchten Anil und LaThiring auf, meine beiden Cello Schüler. Sie wollten uns so spät am Nachmittag noch mit zum grossen Fluss im Tal mitnehmen. Das wäre aber sicher eine Dummheit gewesen. Darum haben wir uns jetzt mit ihnen für morgen um 9 Uhr verabredet.
Sie blieben lange, wollten alles Mögliche anschauen, ausprobieren, erklärt bekommen… Irgendwann mussten wir sie fast drängen zu gehen, weil wir ein bisschen Ruhe für uns selbst wollten.
Später, bevor es dunkel wurde, gingen wir drei noch durch das Schulgelände runter bis zum Wasserfall. Diesen Teil des Geländes hatten Valerie und ich bisher noch nie betreten. Es ist wie mitten im Dschungel, so grün, alle möglichen exotischen Pflanzen blühen ringsherum, der Bambus steht ca. 10m hoch,… traumhaft schön. Bald stiegen wir aber wieder hinauf, weil der Weg in der Dunkelheit nicht so gut zu begehen ist.
Nun warte ich, bis es Zeit ist fürs Dinner runter zu gehen, schreibe, höre etwas Musik und bin einfach froh, dass es Wochenende ist und ich etwas Zeit für mich habe.
Auf das Abendessen mussten wir noch lange warten. Die „Youth Organisation“, also die Jugendlichen der Kirche, hatten ein Meeting, mit Essen, Messe und Gesprächen. Als wir zur üblichen Dinner-Time nach unten kamen, waren sie erst dabei das Essen vorzubereiten. Etwas später gingen wir alle gemeinsam in den einen Musikraum runter, wo wir im Kreis Platz nahmen. Dann begannen alle in Nepali zu sprechen. Ich habe von der ganzen Gesprächsrunde nur gerade mitbekommen, dass sich alle einzeln vorgestellt haben und irgendetwas erzählt haben. Einige waren sehr witzig und es gab viel Gelächter. Dann in einer zweiten Runde musste jeder einen Zettel ziehen und eine hypothetische Frage zum Thema Kirche und Engagement beantworten.
Es stellte sich als ziemlich anstrengend raus, so lange Nepali zu hören. Mein Gehör versuchte andauernd die hereinkommenden Laute zu verarbeiten, leider kam dabei aber nichts Brauchbares heraus, was irgendwie frustrierend ist.
Nach einer kurzen Spielrunde, die jäh vom ausfallenden Strom unterbrochen wurde, gab es dann endlich das Essen. Es war sehr schön, mal mit ein paar mehr Leuten zu essen, obwohl wir immer noch nicht viel verstanden, haben die freundlich, aufgeregten Stimmen eine gute Hintergrundsmusik abgegeben.
Sunday, 22.08.10
Ein Abenteuertag und dabei hat er so schläfrig und unbedeutend begonnen!!
Eigentlich wollten wir ja heute um 9 Uhr mit Anil und LaThering zum Teesta River fahren. Also haben wir um ca. 8.15 Uhr Frühstück gemacht. Father und Brother waren schon in der Messe, die wir für diesen Sonntag ausfallen liessen. Schon bald zeichnete sich ab, dass der Tag sehr trüb, neblig und eifach extrem feucht-gruslig werden würde. Schweren Herzens haben wir Anil, der schon auf uns wartete, gesagt, dass wir an einem anderen Tag fahren müssten, weil es bei diesem Wetter einfach keinen Sinn macht. Wir hätten keinen Meter weit gesehen.
Ich fühlte mich wirklich schlecht, weil Anil so traurig ausgesehen hat, als wir in schon wieder enttäuscht haben… Es war mir überhaupt nicht recht, aber jeder hätte uns verrückt genannt, wenn wir bei diesem Wetter die weite Strecke gemacht hätten, nur um nass-kalt und mit ganz feuchten Kleidern wieder zu kommen.
Den Morgen habe ich dann damit verbracht, ein wenig Tagebuch zu schreiben und Lieder für die 1.-3. Klasse heraus zu suchen, die ich mit ihnen singen und auch auf der Blockflöte spielen kann.
Den Lunch nahmen wir gemeinsam mit drei der Boarder Boys zusammen ein, es waren die Reste von gestern Abend, weil sie da viel zu viel gekocht hatten. Brother Ajay und Father Patel tauchten gegen Ende der Mahlzeit auf und wir machten uns noch einen Tee. Dann spielten wir mit Brother „Uno“ und später noch „Set!“. Das war sehr lustig und hat die trübe Stimmung von draussen etwas vertrieben.
Um zwei Uhr stürmte plötzlich Anil in den Raum und verkündete: „Miss, Miss, see, you can see now… we go now, ok? We go Teesta river?“
Sein strahlendes Gesicht war Argument genug, und obwohl wir uns gerade so richtig faul und wohlig fühlten, konnten wir ihm nicht schon wieder eine Absage erteilen.
Also zog ich meine Turnschuhe an, schnappte mir meinen Fotoapparat und etwas Geld und schon ging’s los. Eigentlich hatten wir gedacht, dass wir ein Auto nehmen würden, weil es doch eine weite Strecke ist bis zum Fluss runter. Aber Anil lief munter voraus, die Strasse runter.
Einige Biegungen weiter unten nahmen wir einen „Shortcut“, der wie alle Abkürzungen hier, ziemlich steil abwärts führte. Ich bewunderte wieder einmal das üppige Grün, die vielfältige Vegetation, die saftigen Reisfelder und die hohen, früchtetragenden Bananenstauden. Anil hüpfte voraus, schnell und wendig, wir haben einfach viel weniger Übung, uns in diesem Gelände flink zu bewegen.
Nachdem wir zwei verschiedene Tempel passiert hatten, meinte Anil, wir würden nun eine Mitfahrgelegenheit suchen. Den nächsten Lastwagen stoppte er und tatsächlich, wir konnten mitfahren. So zwängten sich Sarah, Valerie und ich zu den zwei Männern in der Fahrerkabine und Anil kletterte auf die Ladefläche zu einem anderen Jungen. So ging’s mit viel ohrenbetäubendem Gehupe die steile, eng-kurvige Strasse Richtung Teesta runter. Bei der Weggabelung Siliguri-Gangtok stiegen wir aus, weil der Transporter weiter Richtung Gangtok wollte und wir die andere Richtung einschlugen. Für diese Mitfahrt mussten wir nicht mal etwas bezahlen, also bedankten wir uns und machten uns auf den Weg. Entlang der Strasse, die wir nun nahmen, gab es viel Sehenswertes. Da war zum Beispiel der hohe Wasserfall auf der einen Seite und auf der anderen 100m abfallendes Gelände, fast bis zum Teesta-Fluss runter.
Auf der anderen Flussseite sahen wir kleine Dörfer mit zum Teil sehr verfallen wirkenden Häusern. Weiter vorne konnten wir die grosse Brücke sehen, die den Teesta River überspannt. Dort wollten wir hin und schon bald standen wir auch schon auf der Brücke. Von hier aus liessen sich die gewaltigen Wassermassen die um diese Jahreszeit ihren Weg durch das Flussdelta bahnen, sehr eindrucksvoll beobachten. Entlang des Geländers flatterten Fähnchen und ein Bettler drehte seine Runden. Er sprach uns nicht an, aber aus einem fahrenden Auto wurde ihm etwas Geld zugeworfen und Anil meinte, das sei, weil er keine Familie und keine Unterkunft hat.
Auf der anderen Seite des Flusses angekommen liefen wir noch durch das kleine Dorf. Es war aber schon beinahe vier Uhr, für uns ein Warnsignal, weil wir wussten, dass irgendwann die Autos aufhören nach Kalimpong hoch zu fahren. Ausserdem wurden wir in diesem Dorf von etwas zu vielen Leuten angestarrt und wir fühlten uns nicht mehr so wohl.
Wir baten Anil also umzukehren und versuchten dann eine Mitfahrgelegenheit zu kriegen.
Fast alle Autos fuhren aber vorüber und die, welche anhielten waren auf dem Weg nach Gangtok, also nicht unsere Richtung.
Schliesslich, als wir schon wieder ein ganzes Stück zurück gelaufen waren, hielt doch noch ein Auto. Sie mussten zwar auch Richtung Gangtok, nahmen uns aber wenigstens bis zur Kreuzung mit. Wir waren sehr dankbar und die Herren in diesem Auto äusserst freundlich. Wiederum haben wir nichts für die Fahrt bezahlt und Anil erhielt sogar eine kleine Süssigkeit.
Bei der Kreuzung war es dann ein leichtes, ein Auto zu finden und so waren wir schneller zurück als wir erst gedacht hatten. Wir bezahlten je 20 Rupien für die 6 Meilen bis zur Gandhi Ashram School und waren glücklich wieder wohlbehalten zurück zu sein.
Ich habe mir noch einige Gedanken zur Art des Reisens hier gemacht:
In der Schweiz würde ich niemals Autostopp machen, weil ich es einfach zu gefährlich finde. Und hier in diesem mir eigentlich völlig fremden Land, steige ich in Autos, Lastwagen und verstehe noch nicht einmal, was die Fahrer sprechen. Aber so macht man das hier halt einfach. Es ist eine einfache, billige Art von einem Ort zum anderen zu kommen und auf dieser Strecke anscheinend unproblematisch.
Alleine würde ich trotzdem in kein Auto steigen. Ich meine, die Strecke von der Gandhi Ashram School bis Kalimpong Zentrum schon, weil uns hier die Leute kennen. Weitere Strecken mache ich aber doch lieber in Gesellschaft!
Monday, 23.08.10
Streiktag! Das heisst, die ganze Stadt streikt, die Boarder-Schüler haben frei, aber Gandhi Ashram bleibt trotzdem offen und macht Schule wie üblich.
Der einzige Unterschied war, dass einige Lehrer nicht gekommen sind, weil sie in der Stadt wohnen und keine Fahrgelegenheit hatten. Wenn Streik ist, fährt nämlich kein Auto, ausser vielleicht Lastwagen des Militärs.
Mit LaTshiring habe ich heute ganz gut Cello geübt. Er war sehr lernbegierig und hat die Stücke nur so in sich aufgesogen. Es hat sehr Spass gemacht, mal einzeln unterrichten zu können(die beiden anderen waren abwesend)! Sonst weiss ich nicht mehr viel über diesen Tag, ausser, dass der Monsun anhält, es regnet dauernd, ist neblig und eher kühl.
Tuesday, 24.08.10
Nun hat auch Gandhi Ashram kapituliert und wegen des Streiks einen „Holiday“ ausgerufen. Die Schüler assen also einfach Frühstück und gingen dann wieder nach Hause.
Der Streik hat übrigens einen politischen Hintergrund: Soviel ich verstanden habe, ist im Mai ein wichtiger Politiker mitten am Tag auf der Strasse erstochen worden. Es wurden verschiedene Verdächtige festgenommen. Unter ihnen auch ein Mann, dessen Handy am Schauplatz gefunden worden war. Er stand ausserdem anscheinend in Verbindung mit dem indischen Geheimdienst. Dann einige Zeit später, gelang es ihm aus dem Gefängnis zu fliehen. Das konnte nicht einfach so geschehen und war sicher mit Korruption vonstatten gegangen. Nun hat die stärkste Partei in den „Hills“ Streik ausgerufen, und zwar „indefiniv strike“ also unbegrenzt, bis der Mann zum Vorschein kommt, tot oder lebendig.
Der Streik wird überall in den „Hillstations“ abgehalten, das heisst in allen Gebirgsstädten, nicht aber in den „Plains“=Ebenen.
Dies bedeutet: es haben keine Läden offen, die Schulen schliessen, es gibt keine medizinische Versorgung, es gibt keine Möglichkeit in die Ebene runter zu kommen, ausser man läuft, weil auch kein Mensch Auto fährt. Ich glaube sogar, dass es verboten ist, bei Streik mit dem Auto auf der Strasse zu sein.
Für uns bedeutete dieser Streik also ein Tag ohne Schule, ohne Verpflichtungen. Wir dehnten unser Frühstück etwas aus, und dann als wir gerade beschlossen hatten auf unsere Zimmer zu gehen, kam Father Paul und schlug vor ein Spiel zu spielen. So haben wir eine weitere gemütliche Stunde damit verbracht, „Kniffel“, ein deutsches Würfelspiel zu spielen.
Danach wollte ich in die Halle gehen, etwas nach Noten stöbern und dann ein paar Stunden üben.
In der Halle traf ich Pasan, der dabei war etwas zu üben. Er beklagte sich, das was er spiele sei gar keine gute Musik. Kein Wunder, er spielte die zweite Violinstimme aus einem Mozartquartett… das kann ja alleine nicht gerade gut tönen!
Ich suchte also einige Noten und schlug ihm vor, Duos zu spielen. Er war sofort begeistert bei der Sache und so spielten wir uns durch ein ganzes Heft mit Mozart-Duos. Danach holte ich noch die „Appenzeller Duos“ und Irische Musik aus meinem Zimmer und wir verbrachten fast den ganzen Morgen mit spielen. Pasan spielt sehr gut, nicht immer ganz rein, aber doch sehr fortgeschritten. Nun hat er die irischen Noten mitgenommen und versprochen zu üben, damit wir bald mal wieder eine Duo-Lektion machen können.
Zurück in meinem Zimmer habe ich noch für mich geübt, bis es Zeit war zum Lunch runter zu gehen. Der Tag war so trüb, dass ich ihn am liebsten so, übend, verbracht habe.
Am Nachmittag habe ich wieder geübt und ausserdem Stücke für die Klassen 1-3 gesucht.
Die Nacht war so ruhig, dass ich zuerst gar nicht einschlafen konnte. Die Hunde waren für einmal ruhig und keine grossen Lastwagen fuhren vorbei, niemand hupte, es war wirklich mäuschenstill…
Wednesday, 25.08.10
Der Streik ist vorbei… und aus welchem Grund? Weil heute Markttag in Darjeeling ist!!
Mit den Mädchen habe ich heute richtig gut arbeiten können. Ich weiss nicht ob es daran lag, dass ich nach diesem Frei-Tag speziell ausgeruht war, oder ob sie besser zuhörten als sonst.
Meine Drittklässlerinnen können nun schon „Mary had a little lamb“ ganz spielen und haben neu ein kurzes Sing-Spiel-und Musizierstück gelernt.
Mittwoch ist immer der Theorietag für die Klassen 4-8. Wenn die Schüler aber etwas Spezielles üben wollen, dürfen sie die Theorie ausfallen lassen.
Ich war in meinem Zimmer und habe irische Stücke von Sarah auf meinen Computer übertragen. Da tauchte plötzlich LaThiring auf. Er wollte unbedingt eine extra Stunde Cello.
Also hatte ich richtig Muse mit ihm einige Stücke zu üben und an seiner Intonation zu arbeiten. Sehr konzentriert, mit herausgestreckter Zungenspitze hat er immer und immer wieder versucht eine besonders schwierige Passage zu spielen. J
Eine so erfolgreiche Stunde hatte ich bisher noch nie!!
Den Rest des Nachmittags haben Valerie und ich damit verbracht ein Liederbuch am Klavier durchzuspielen, auf der Suche nach gutem Material für die Schüler… einige Ideen habe ich wieder sammeln können.
Was mir noch fehlt sind gute Lieder, zu denen man Bewegungen machen kann. Es ist nämlich immer die grösste Herausforderung diese lebhaften Kinder genug zu beschäftigen, dass sie neben dem Singen nicht zu unruhig herumzappeln oder gar nicht mehr zuhören.
Falls also jemand gute Singspiele (am besten natürlich schon in Englisch, sonst muss ich viel übersetzen) kennt, ich bin für jede Hilfe/Inspiration dankbar!!!
Als wir zum Dinner nach unten gingen, gab es noch eine Überraschung. Weil Sarah morgen abreisen wird, haben Father Patel und Brother Ajay uns in den Frühstücksraum bestellt, wo sie schon Bier und Erdnüsse bereit gestellt hatten.
Zum Abschied tranken wir also mit den beiden ein Glas Bier. Da weder Sarah, noch Valerie oder ich grosse Biertrinker sind, blieb für Father und Brother viel übrig…
Die Boarders waren schon am warten und weil wir uns Zeit liessen, fingen sie unter unserem Fenster an zu singen. Eine schöne Untermalung zu dieser gemütlichen Stunde. J
Thusday, 26.08.10
Heute Morgen gab es sogar schon zum Frühstück das übliche Kartoffel-Gemüse-Gemisch, das es schon immer zum Mittag- und Abendessen gibt. Zu viel für mich… ich beschränkte mich auf Chapattis mit etwa Butter und Konfitüre, auch gut…
Beim Assembly wurde Sarah verabschiedet und sie hat zum Abschied noch zwei Fiddlestücke vorgetragen.
Im Verlauf des Tages kriegte sie noch enorm viele Briefchen, von vielen der Schüler.
Diese waren ganz herzig geschrieben und enthielten einige echt süsse Schreibfehler. Zum Beispiel: „I’m so sad, you’re living today…“ was soll man dazu sagen? J
Donnerstagmorgen ist übrigens extremst ermüdend, wenn wie heute die Jungs dran sind.
Es bedeutet nämlich, dass die Klassen 1-3 ohne Unterbruch nacheinander Stunde haben.
Mit Class 1 war es heute besonders schlimm. Wir drei konnten die ca. 20 Jungs nicht bändigen. Sie liefen schreiend im Zimmer herum, kämpften miteinander, versteckten sich… es war einfach unglaublich!! Plötzlich lag Edwin auf dem Boden und weinte. Jemand hatte ihn wohl heftig geschlagen. Ich nahm ihn in die Arme und wiegte ihn ein wenig hin und her. Es gefiel ihm wohl ganz gut auf meinem Schoss, denn er kuschelte sich richtig an mich und wollte gar nicht mehr weg. Ich beschränkte mich also in dieser Stunde hauptsächlich darauf, diesem kleinen Jungen etwas Aufmerksamkeit und Geborgenheit zu geben.
Am Ende der Stunde schaffte ich es dann irgendwie, die Jungs alle in der Mitte des Zimmers zu versammeln und ich hielt ihnen eine kleine Standpauke. Es geht einfach nicht, dass sie vor Mr. Rudra und Mr. Kamal kuschen, weil sie dort ab und zu einen Klaps bekommen, wenn sie nicht parieren und bei uns ist dann die Hölle los, weil wir sie nicht schlagen und sie so keinerlei Respekt vor uns haben.
Ich hoffe meine Ermahnungen nützen… wir werden es nächsten Montag sehen.
Klasse 2, und Klasse 3 waren dann nicht ganz so schlimm. Ich muss zwar dauernd wiederholen: „be quiet, listen, be quiet… last warning for you… please sing with us… come here, we make a circle… no now, hurry up…“ und bis zur Tee-Pause war ich geschafft, aber sie haben doch einigermassen gut mitgemacht und einiges gelernt.
Heute hatte ich in der vierten Klasse überraschenderweise plötzlich vier Cello-Schüler. Hier hat sich die Anzahl von zwei auf vier gesteigert.
Also habe ich nicht mit allen gleichzeitig geübt, sondern jeden einzeln drangenommen. Die anderen hatten zwar so in der übrigen Zeit nichts zu tun und haben gespielt oder gezeichnet. Aber wenn ich das jetzt weiss, werde ich jeweils Notenübblätter vorbereiten oder etwas anderes womit sie sich still beschäftigen können.
Jetzt nach dem Senior Orchestra bin ich total geschafft… Donnerstag ist einfach ein strenger Tag! Aber ich habe gerade erfahren, dass es heute Abend Spaghetti mit Tomatensauce geben wird… was für ein Aufsteller! J
Morgen wird der Streik wahrscheinlich fortgeführt, ich hoffe, dass er nicht das ganze Wochenende andauern wird, dann könnte ich nämlich nicht in die Stadt fahren, kein Internet, kein herumschlendern und nach Stoff suchen… kein Shopping, kein Shampoo und keine Seife…
Auch wenn Streik ist, wird morgen wahrscheinlich Schule sein. Gandhi Ashram hält sich meistens nicht an den Streik. Die Schulen in der Stadt müssen mitmachen. Selbst die, welche von Ordensschwestern geführt werden. In einer Schule haben nämlich Mütter von Schülern gedroht, wenn die Schule während des Streiks öffnet, brennen sie die Schule nieder. Ja, die lokale Bevölkerung nimmt den Streik wirklich sehr, sehr ernst!!!
Das Abendessen war ganz speziell: Weil Sarah jetzt trotzdem erst morgen abreist, haben wir noch mal Abschied gefeiert. Father Paul und Brother Jon waren vom Parish gekommen. Es gab Snacks, Softdrinks und Valerie und ich wurden in die Küche bestellt, um Spaghetti zu kochen. Die anderen hatten sich nicht getraut so etwas „Exotisches“ zu wagen, obwohl auf der Packung auf Englisch die genauen Anweisungen zur Zubereitung aufgeführt waren… boil 7minutes in hot water… „How hard can it be!!“ J
Wir haben also geschlemmt wie die Könige und vergnüglich geplaudert, länger als üblich.
Friday, 27.08.10
Kein Streik!! Aber auch kein Strom und kein Trinkwasser mehr… das ist nicht so gut. Wenn es nämlich Strom hätte, aber kein Wasser, könnten wir das „schlechte Wasser“ kochen und dann trinken. So aber sitzen wir durstig im Dunkeln, um es mal drastisch auszudrücken. J
Der Morgen war sehr gemütlich, die Mädchen waren meist sehr aufmerksam und haben gut mitgemacht. Ich habe jetzt beschlossen mit den 1.Klässlern bis auf weiteres nicht mit den Blockflöten zu arbeiten. So lernen sie erst mal ein paar Lieder, ich bringe ihnen die Noten bei und dann, wenn sie gelernt haben auch ruhig zu sein, beginnen wir, die schon gelernten Lieder mit der Blockflöte zu spielen.
Mit den Dritte-Klasse-Mädchen zu arbeiten macht richtig Spass: für sie muss ich einige Lieder pro Stunde vorbereiten, weil sie so schnell vorwärts kommen. Ich repetiere das schon gelernte, dann übe ich etwas Notenlesen mit ihnen, zwischendurch singen wir, meist Lieder zu denen wir auch etwas „tanzen“ können und dann spielen wir wieder Blockflöte. Am Freitag haben wirklich alle Mädchen, ausser einem, gut mitgemacht, mir auch geantwortet, waren freiwillig bereit etwas vorzuspielen, es war wirklich sehr schön!!
Am Freitagmorgen ist es im Vergleich zum Donnerstag richtig ruhig. Ich habe zwei Freistunden und so also nur drei Klassen bis zum Mittagessen.
Nach dem Essen ist freitags immer Spezialprogramm. Bis jetzt war jeder Freitag anders, deshalb habe ich noch nicht beschlossen, was ich „normalerweise“ am Freitag jeweils machen werde.
Heute hatten Valerie, Brother Ajay und ich die Gelegenheit, zusammen mit 110 unserer Schüler das jährliche Konzert der St.Augustines School zu besuchen. Nachdem ich mein indisches Kleid angezogen hatte, machten wir uns alle gemeinsam auf den Weg. Die hundertzehn Schüler, in Zweierreihe, schlängelten sich wie eine überdimensionierte Schlange die Strasse entlang. Am Anfang war es ganz amüsant, wir plauderten, scherzten und waren richtig vergnügt. Aber die Sonne hat gerade heute entschieden, sich wieder mal kräftig zu zeigen und so wurde es mit der Zeit sehr, sehr heiss! Da wir fast kein Trinkwasser mehr hatten, und dementsprechend wenig mitgenommen hatten, waren wir bald sehr durstig. Die Kinder spritzten sich an einem Brunnen kaltes Wasser ins Gesicht und tranken auch von dem Wasser. Sie boten auch uns an, zu trinken und was hätten wir auch anderes tun sollen… so haben wir also ein paar Schlucke von dem „schlechten Wasser“ getrunken.
Die St.Augustines School, die sehr schön gelegen ist, erreichten wir nach etwa 40min Marsch, etwas verspätet.
Die riesige Halle ist sehr beeindruckend, es waren viele Schüler aus verschiedenen Schulen da. Alle in ihren schmucken Schuluniformen. Gandhi Ashram fällt da schon sehr auf, weil wir keine Schuluniform haben. Die Kinder benahmen sich aber vorbildlich und setzten sich ruhig auf die ihnen zugeteilten Stühle. Brother Ajay und ich wurden in die erste Reihe geleitet. Valerie hatte sich schon mit den Kindern weiter hinten hingesetzt.
Dann begann die Show: Dank eines ausgeklügelten Soundsystems, konnte man wohl in der ganzen Halle deutlich jedes gesprochene und gesungene Wort verstehen. Dafür hatte die Schule extra ein Team aus Darjeeling engagiert. Es wurden verschiedene Gesangsdarbietungen in Englisch, Nepali und Hindi dargeboten, dazu ein Musical der Primarstufe, und drei Theaterstücke (jeweils eines in Englisch, Nepali und Hindi). Daneben wurden auch noch Tänze aufgeführt.
Wer jetzt denkt, „das ist aber eine ganze Menge“, hat durchaus recht… es dauerte ganze vier Stunden…. Kein Wunder, wollte ausser uns kein einziger Lehrer mitkommen. Die hatten alle gehört, dass es „etwas Überlänge“ haben wird.
Ein ganz besonderer Spektakel war es aber und deshalb auch eigentlich ein gutes Erlebnis.
Hier nur einige Auszüge:
Die St.Augustines School ist eine reine „Männerschule“. Vom Kindergarten bis zur Matura werden hier die Schüler ausgebildet, anscheinend ist es eine der besten Schulen (der ganzen Welt, wenn man einigen Lehrern Glauben schenken will…).
Die erste Darbietung war ein Lied des Kindergartens. Kleine Mini-Gentlemen in Faltenhosen, weissen Hemden und roten Fliegen stellten sich brav auf die Tribünen, wackelten mit ihren Köpfen und sangen kräftig drauf los. Und wie entzückt war ich erst, als sich der Vorhang öffnete und eine Reihe kleiner Mädchen in Rüschchen-Röcken dastanden und herzige Bewegungen zum Lied machten.
Dann fiel mir aber plötzlich etwas Seltsames auf…. Einige der Mädchen hatten blondes, oder hellbraunes Lockenhaar! ....Dabei gibt es doch hier nur schwarzhaarige Kinder…
….Richtig geraten: diese süssen kleinen „Mädchen“ waren eigentlich alles verkleidete Jungen!!! Nun verstand ich auch das Gelächter des Publikums, das eingesetzt hatte, sobald sich der Vorhang gehoben hatte.
So ging es dann auch weiter: für die Nepali-Tänze brauchte es sowohl Mädchen wie auch Jungen. Also mussten sich die Hälfte der Tänzer als traditionell gekleidete Nepali-Mädchen verkleiden. Es sah täuschend echt aus, weil diese jungen Burschen (ca.10Jahre alt) noch so weiche Züge haben. Brother Ajay neben mir meinte, diese Jungen würden die Bewegungen sogar eleganter ausführen als manche Mädchen und das stimmte wirklich!
Eine Klosterfrau, die gleich neben uns sass, meinte mit schelmischen Augenzwinkern: „Once a year, boys get to be girls here at St.Augustine’s“.
Mir kam das Buch „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner in den Sinn… Jungeninternat, Theaterstücke die gespielt werden, wo die Mädchen hernehmen…
Die Darbietungen der älteren Oberstufenschülern hatten dann neben einigen miserabel misstönenden Liedern auch einige wirklich beeindruckende Leistungen dabei.
Am meisten hat mir der Solosänger gefallen, der kräftig volltönend „Have I told you lately that I love you“ vortrug. Ich habe Hühnerhaut bekommen, so schön war es.
Auch sein Englisch war völlig ohne den hier typischen „Indian accent“.
Eine weitere gute Darbietung war der Western Dance. Darunter hatte ich mir natürlich eine Art amerikanischer Folkdance vorgestellt. Irgendwas mit Cowboys oder dergleichen. Es waren aber Tänzer, die schwarz gekleidet, mit weissen Masken und weissen Handschuhen zu Hip-Hop Musik tanzten. Ihre Koordination sowie die Kreativität der Choreographie waren beeindruckend.
Brother hat uns dann erklärt, dass hier alles was nicht indisch ist „western“ also einfach westlich genannt wird, egal ob das nun europäisch oder amerikanisch ist… J
Sa
21
Aug
2010
Monday, 16.08.10
Heute war ein wunderbarer Tag!
Ich sitze wieder einmal auf dem Dach, geniesse das „Nichtstun“ und lese ein wenig.
Weil die Fahrt nach Darjeeling (ca. 7h insgesamt) zu viel für uns frisch Genesene gewesen wäre, beschlossen wir drei Volunteers stattdessen in die Stadt zu fahren. Um ca. 10 Uhr standen wir vor der Gandhi Ashram School und winkten jedem Wagen, der vorbeifuhr. So heuert man hier ein „Taxi“ an. Nach ein paar vergeblichen Versuchen hielt schliesslich ein Büsschen und wir quetschten uns zusammen mit einem fremden Mädchen zu viert auf den Rücksitz. Etwas weiter die Strasse hoch gesellten sich noch drei weitere Mädels dazu und zusammen mit dem Fahrer und den zwei Leuten auf dem Beifahrersitz quälte sich das Vehikel also gefüllt mit zehn Leuten den Hang hoch.
Beim ersten Kreisel stiegen wir aus, bezahlten je 10 Rupien und machten uns auf den Weg zum Postamt. Nachdem es einige Verwirrung wegen der Warteschlangen gegeben hat, gab ich einen Brief auf, der mich gerade mal 25 Rupien kostete nach Europa!
Dann führte uns Sarah zu einem Internet Café, wir schlängelten uns durch die stark befahrenen Strassen an vielen Menschen vorbei. Die Trottoire sind meist überfüllt, die Strassen von stehenden und laut hupenden Wagen verstopft. Über unseren Köpfen hängen viele bunte Fahnen, die im Wind flattern. Beim Gehen muss man ziemlich vorsichtig sein, weil die Wege uneben und holprig sind, manchmal von undefinierbaren Flüssigkeiten überspült und weil man auch jederzeit von einem Fahrzeug touchiert werden könnte.
Im Internet Café, das sehr gut mit Skype, Headsets und sogar Webcams ausgestattet ist, haben wir dann ungefähr anderthalb Stunden Mails geschrieben und gelesen und ich habe meine Berichte auf die Homepage gestellt.
Als der Strom aussetzte, haben die Betreiber sofort den Benzingenerator angestellt und so konnten wir ohne Unterbrechung weiter arbeiten; allerdings hing ab da ein penetranter Abgasgestank in der Luft… J
Später sind wir dann durch die Strassen geschlendert, auf der Suche nach schönen Stoffen. Bald wurden wir fündig und schwelgten in verschiedensten Farb- und Musterkombinationen. Schliesslich entschied ich mich für eine rot-schwarze Kombination mit aufgestickten Blumen.
Weiter ging es dann also zum Schneider. Dieser begutachtete den Stoff und fragte, was für eine Art Halsausschnitt ich haben wolle. Dies geschah, indem ich diverse aus Zeitschriften ausgeschnittene Frauenfotos betrachten konnte und dann einfach auf eines gezeigt habe. Anschliessend nahm der Schneider meine Masse, fragte nach Länge des Oberkleids, Höhe des Seitenschlitzes und Ärmellänge…. Und so kann ich nun in einer Woche mein erstes echt indisches Kleid abholen. Ich freue mich schon sooo drauf!!
In einem kleinen Laden kaufte ich noch eine praktische Umhängetasche, die ich auch gleich in Betrieb nahm. In der Zwischenzeit war es Nachmittag geworden. Wir erfragten bei zwei Polizisten den Weg zum Fussballstadion, weil uns Father Jon gesagt hatte, dass dort heute alle möglichen Performances sowie ein Match stattfinden sollten.
Schon bald drängten wir uns zusammen mit hunderten anderen Leuten auf den „Tribünen“. Wir wurden angestarrt und schauten selbst fasziniert dem Treiben um uns herum zu. Das Fussballfeld selbst ist mit Sand ausgestreut und eine Gruppe Kinder und Jugendliche zeigten ganz in Weiss gekleidet verschiedene Karate-Übungen. Auf dem Dach eines der umliegenden Häuser sassen viele rot gekleidete Mönche und beobachteten wie wir das Geschehen.
Rund ums Spielfeld herum sassen und standen enorm viele Leute, diejenigen welche an der prallen Sonne standen, schützten sich mit Regenschirmen vor der Hitze.
Wir standen also eine ziemliche Weile lang einfach da und genossen die Atmosphäre. Einmal kam mein Celloschüler Eric vorbei und plauderte ein wenig, dann konnten wir noch ein Pärchen beobachten, das sich bei der Hand hielt. Eine echte Seltenheit hier, man sieht nämlich eigentlich nie Frauen und Männer zusammen!
Nachdem sich Sarah und Valerie ein Eis gekauft hatten, machten wir uns auf den Heimweg und fanden auch bald ein Auto, das uns zurück zur Schule brachte.
Weil es wirklich ein extrem sonniger Tag war, habe ich wieder mal Wäsche gewaschen… das geht hier alles immer von Hand, waschen einlegen, auswaschen, auswringen und aufhängen.
Leider war die Wäsche am Abend noch nicht trocken und so musste ich einige Wäsche in meinem Zimmer improvisieren.
Ich freue mich schon sehr auf morgen, wenn die Schule wieder beginnt und ich hoffe, dass meine überstandene „Illness“ nun in eine lange „Gesundheitsphase“ übergehen wird!
Tuesday, 17.08.10
Heute war irgendwie ein komischer Tag. Ich habe mich sehr gefreut, die Schüler wieder zu sehen, aber es war auch sehr anstrengend.
Father P’tel hat im Assembly über Disziplin geredet und ich habe mir auch vorgenommen, wenigstens ein bisschen eine Struktur in die Lektionen zu bringen. Das verlangt aber sehr viel Kraft von meiner Seite…
Die 1.Klasse Mädchen haben zwar beim Singen gut mitgemacht, ich muss sie aber am laufenden Band zur Ruhe ermahnen.
Die zweite Stunde habe ich damit zugebracht, ein paar Fiddletunes von Sarah zu erlernen.
Mit der achten Klasse haben wir heute alle gemeinsam den Pachelbel Kanon begonnen zu proben. Gar nicht einfach, das muss sicher noch in kleinen Gruppen geübt werden!
Meine vier 7.Klässler Cello-Schüler üben alle an etwas Anderem. So bin ich hin und her gependelt und habe versucht, allen etwa gleich viel zu helfen.
Mit den Mädchen der 2.Klasse haben wir heute nochmals Teams gebildet und auch hier war das Thema der Stunde Disziplin. Speziell das immer dazwischen spielen kann ich nicht lange aushalten. Hier muss sich bald Besserung zeigen!!
Am Nachmittag war zuerst die fünfte Klasse Cello dran. Wir haben neu „Alle meine Entchen“ geprobt und verschiedene Übungen gemacht.
Mit Anupa und Sangay habe ich auch Pachelbel geprobt. Und anschliessend mit Jenny, Shahil und Ashish aus der vierten Klasse verschiedene leere Saiten Stücke, Vor- und Nachmachen und diverse Rhythmusübungen.
Während der Pause, bis das Senior Orchestra kam, haben Rudra und ich ein paar Stücke gespielt, er am Klavier und ich an der Violine. Wir haben einfach alle Stücke aus einem Heft durchgespielt und dabei war auch „Stille Nacht“. Ich habe ihm zwar erklärt, dass man dieses Stück nur an Weihnachten spielt, aber er wollte es partout auch proben… So sass ich also bei grösster Augusthitze in einer Halle in Kalimpong und spielte „Stille Nacht“ J
Bei den Seniors habe ich wieder nett mit dem Bratschisten geplaudert, ab und zu bei den Celli geholfen und am Anfang das Einspielen mit Tonleitern übernommen.
Am Abend war ich zwar müde, doch Valerie und ich spielten in meinem Zimmer noch Bach Doppelkonzert und probierten einige irische Stücke aus. Dann hat es heftig zu regnen begonnen, so stark wie bisher noch nie!
Am Nachmittag hat es noch ein „Ereignis“ gegeben: Der Gärtner und ein paar Jungs haben Vorhänge für den Talentwettbewerb am Freitag in der Halle aufgehängt. Ich konnte fast nicht zusehen… Der Gärtner und ein Junge kletterten nacheinander eine schmale Bambusleiter hoch und hielten sich dann oben einfach an den Fensterverstrebungen fest. Diese Fenster liegen aber nicht etwa auf normaler Höhe sondern ungefähr in 3m Höhe und für die Füsse gibt es nur einen ganz schmalen Sims!!
Seit Dienstag habe ich nicht mehr so Lust gehabt, zu schreiben, ich war einfach immer ziemlich geschafft nach der Arbeit....
Der Monsun hat sich mit ziemlich heftigen Regenschauern zurueck gemeldet und es hat auch etwas abgekuehlt, was aber ganz gut tut....
Am Donnerstag habe ich uebrigens die Probe des Senior Orchestras geleitet, weil beide Musiklehrer nicht mehr da waren und die Studenten trotzdem gekommen sind. Wir haben die Schraenke mit den Geigen aufgeschlossen, und ich habe zusammen mit dem Boarder Boy Dominic Noten gesucht. Was fuer ein Durcheinander!!! Sobald ich dazu komme, muss ich da mal gruendlich aufraeumen... Das Einzige, was wir fanden, war der Pachelbel Kanon. Also habe ich ein paar Tonleitern spielen lassen und dann versucht, indem ich mitgespielt habe, das Ganze zu leiten. Dies hat aber nicht gut funktioniert, weil alle dauernd noch langsamer wurden. Also habe ich halt zum Dirigentenstock gegriffen und dann gings erstaunlich gut. Ich als Dirigentin, ein komisches, aber auch gutes Gefuehl :-)
Gestern war in der Schule noch der Talent Contest 2010. Hier konnten alle Schueler, die die Vorrunde bestanden hatten ihr Koennen zeigen. Ich werde naechste Woche mehr davon berichten... es gibt einiges dazu zu schreiben, dafuer brauche ich etwas mehr Ruhe als ich hier im Internet Cafe finden kann.
Jetzt hole ich mein erstes indisches Kleid beim Schneider ab und bin schon ganz gespannt, ob es so schoen sein wird, wie ich es mir vorstelle...
Bis bald wieder mal, und alles Liebe aus Kalimpong. Rahel
Mo
16
Aug
2010
Ich sitze gerade in einem Internet Cafe mitten in Kalimpong, hoere viele Autos hupen und einfach den ueblichen Krach der Stadt... Musik, Leute, Motoren...
Es ist Montag Morgen und ich habe ausnahmsweise frei, weil gestern Independence Day war und die Schule fuer einen Tag frei gemacht hat.
Zum Glueck haben wir Sara, die Amerikanische Volunteer bei uns, die uns nicht nur gezeigt hat, wo das Internet Cafe ist, sie wird uns auch zum Schneider fuehren, damit wir unsere ersten indischen Kleider naehen lassen koennen.
Sobald hier nun ein Computer frei wird, der auch einen funtionierenden USB Anschluss hat, werde ich ein paar Bilder hochladen und die Berichte, welche ich im Verlauf der letzten Woche geschrieben habe.
Bis dahin, alles gute, heisse Gruesse aus Kalimpong, Rahel
Do
05
Aug
2010
Nun ist es also soweit! In ca. 5h werde ich im Flieger nach München sitzen... und München ist nur ein Meilenstein auf meiner Reise nach Kalimpong.
Hier in Rickenbach ist es gerade erschreckende 15 Grad kalt und es regnet, als hätte es seit Monaten keinen Tropfen gegeben. Nicht gerade ideales Flugwetter, aber vielleicht ist das einfach die Einstimmung auf Indien. Dort ist nämlich im Moment Monsunzeit, das heisst regnen wird es auch nicht gerade zu knapp.
Seit heute Morgen fühle ich mich richtig bereit, diese grosse Reise anzutreten.
Der Abschied am Flughafen wird sicher nochmals sehr schwer und traurig. Trotzdem, jetzt bin ich bereit für mein Abenteuer!
Hallo Welt, ich komme!!! ;-)
In München werde ich meine Mitreisende Valerie Tobergte treffen, die auch für ein Jahr an der Gandhi Ashram School mit mir zusammen unterrichten wird. Ich bin sehr gespannt.
In Bagdogra, nach ca.24h Reisezeit und ein paar Zwischenstopps wird uns hoffentlich der Fahrer der Schule schon erwarten. Dann gehts noch 70km in die Berge hinauf, was bei Monsunregen gar nicht so einfach sein wird (mir wurden da schon allerlei Geschichten erzählt...)
Irgendwann in den nächsten Tagen, wenn ich so richtig angekommen bin werde ich dann meinen ersten Indienbericht schreiben.
Bis dahin, tschüüüüs und auf Wiedersehen in Indien!
Naamaaste in India,
Nun bin ich also schon fast 24h in Indien. Der Abschied gestern aus der Schweiz fiel mir sehr schwer! Und als hätte der Himmel auch etwas dazu beizutragen, hat es as am Morgen wie in Strömen geregnet.
Mein Flug nach München verlief reibungslos, abgesehen davon, dass bei der Kontrollstelle der Alarm losging, weil ich noch meinen metallenen Glücksbringer umhatte und den kleinen Plüsch-Elefanten mit den Magneten in der Hosentasche… naja für später habe ich etwas dazu gelernt.
In München angekommen, lief ich direkt zum Gate des Fluges nach Delhi und ich musste nicht lange suchen, da hatten Valerie und ich uns schon entdeckt. Valerie ist eine deutsche Volunteer, die auch ein Jahr in Kalimpong bleiben wird. Gleich fingen wir an zu plaudern und so vergingen die knapp 2h bis zum Start wie im Flug.
Der Flug selbst kam mir sehr kurz und ereignislos vor (wenn man in den Osten fliegt, ist die Nacht fast nicht vorhanden. Kaum wird es dunkel, sieht man am anderen Ende des Himmels schon wieder einen rötlich-goldenen Streifen Sonnenlicht).
In Delhi landeten wir sogar etwas verfrüht. Mein Sitznachbar, ein Geschäftsmann aus Neu-Delhi, erzählte mir, der Flughafen sei erst vor zehn Tagen neu eröffnet worden. Nachdem wir ziemlich lange auf unser Gepäck gewartet hatten, mussten wir den Transfer zum „Domestic flights“ Flughafen finden. Gar nicht so einfach! Der Angestellte am Schalter schickte uns in eine Richtung und dort hiess es „no no miss, no domestic flight!“. Nach mehrmaligem Nachfragen bestiegen wir dann doch diesen Bus und hofften am richtigen Ort anzukommen.
Der Bus verliess das Flughafengelände und ratterte über die Autobahn, irgendwohin.
Erst als ich draussen ein Schild sah auf dem „Domestic flight terminals“ stand, konnte ich etwas aufatmen.
Gerade rechtzeitig zur Boarding-Time checkten Valerie und ich dann unser Gepäck bei Jet Airways wieder ein und bestiegen das Flugzeug via Guwahati nach Bagdogra. Die Maschine war nicht einmal halb gefüllt und kaum in der Luft, schlief ich zu den immer wieder abgespielten Klängen von Richard Clayderman ein.
Auf diesem Flug wurden alle Ankündigungen immer zuerst auf Hindi/Nepali gesprochen und dann auf English. Voller Stolz merkte ich, dass ich ein paar Brocken verstand, vor allem das „dhaanyaabaad“ jeweils am Ende der Ansprache, was Danke heisst.
In Bagdogra angekommen, mussten wir nur unser Gepäck vom Band nehmen und zum Exit rausmarschieren. Es gab keine Pass- und keine Sicherheitskontrollen mehr. Irgendwie komisch.
Dann erschlug uns erst einmal die Hitze. Feucht-warme mindestens 32 Grad umhüllten uns und dazu kamen noch die zig tausend fremden Gerüche.
Wir hielten Ausschau nach einem Schild mit unseren Namen drauf und wurden auch schon mit Angeboten von Taxifahrern überhäuft. Doch zum Glück hatte uns Father Jon schon gesichtet und stellte sich uns vor.
In der humiden Hitze marschierten wir also hinter ihm her zum Parkplatz und fanden auch bald den Jeep der Gandhi Ashram School.
Sobald die Parkgebühr bezahlt worden war, ging es los. Erst durch Bagdogra und dann ohne dass eine Stadtgrenze zu sehen gewesen wäre quer durch Siliguri. Wegen der Hitze hatten wir alle Fenster im Jeep geöffnet und so waren wir schnell mit einer klebrig staubigen Schicht überzogen, zwischen den Zähnen knirschte der Sand und die Augen wurden stark strapaziert. Die vielen Eindrücke waren einfach überwältigend!!
Da standen ein paar Ziegen am Strassenrand und meckerten vor sich hin, dort trotteten Kühe zwischen den Autos und Lastwagen über die Strasse. Alle hupten die ganze Zeit wie verrückt, farbig gekleidete Leute wanderten entlang der Strasse dahin, manche mit schwerem Gepäck beladen. Ausserdem gab es Rikschas die entweder 1-4 Leute transportierten oder mit hoch aufgetürmten Waren beladen waren.
Aus manchen Sammeltaxis quollen die Leute nur so heraus, sassen auf dem Dach oder hielten sich hinten am Trittbrett fest.
Entlang der Strasse konnten wir auch verschiedene Viertel ausmachen. Da gab es zum Beispiel einen Abschnitt, wo praktisch nur Schreiner ihre Geschäfte aneinander reihten und so weiter.
Die Strasse nach Kalimpong schlängelt sich, nachdem wir Siliguri verlassen haben, in mehr oder weniger engen Kurven die Hügel hinauf. Im Tal fliesst der grosse Fluss durch und manchmal passieren wir den Strassenrand so knapp, dass ich auf meiner Seite gut hundert Meter oder mehr unter mir den Fluss durchfliessen sehe… schon ein wenig beängstigend!!
Immer wieder sehen wir Affen am Strassenrand hocken, einige schauen uns ziemlich frech an, andere haben ihre Babys dabei oder sind sich gerade am lausen.
Ab und zu flattert ein grosser Schmetterling majestätisch vorüber und es ist heiss, feucht und staubig.
Nach ca. 3h erreichen wir dann die Gandhi Ashram School. Gleich am Eingang befinden sich auch unsere Zimmer. Father Jon trägt meinen Koffer die Stufen hoch und schon stehen wir vor unseren künftigen Herbergen. Aus dem dritten Zimmer kommt eine junge Frau mit langen rötlich-blonden Haaren auf uns zu. Die dritte Volunteer Sara, die jedoch nur noch bis Ende August bleiben wird. Sie ist aus den USA und wir werden noch sehr dankbar für ihre Hilfe bei allem Möglichen sein.
Mein Zimmer liegt zur Strasse hin und hat auf zwei Seiten Fenster. Es ist hellblau gestrichen und beinhaltet zwei kleine Tischchen, einen Schrank, ein Büchergestell und einen Waschtrog. Ausserdem haben auch alle Zimmer ihr eigenes kleines Bad mit Lavabo, WC und Duschbrause. Will man duschen stellt man sich einfach unter die Brause und das ganze Bad steht nachher unter Wasser… aber das ist ja halb so schlimm, wenn man es nur vorher weiss und nicht versehentlich die Kleider am Boden liegen lässt. ;-)
Nachdem wir uns etwas eingerichtet haben, besichtigen wir mit Father P’tel, der hier zuständig ist, das Schulgelände.
Da ist der überdachte grosse Platz mit Basketball-Körben. Hier können die Kinder in den Pausen spielen, gleichzeitig dient er aber auch als Aufenthaltsort für das Frühstück und den Lunch.
Nebenan befindet sich die grosse Halle. Hier gibt es eine Bühne mit einem Klavier und viele Schränke, wo die Geigen verstaut sind.
Weiter zum Schulgebäude geht es steil bergab. Dort befinden sich alle Klassenräume, das Lehrerzimmer und im obersten Stock der Schlafsaal der Boarder Boys. Zurzeit wohnen nur vier Jungs in der Schule selbst, mit ihnen werden wir auch jeweils das Nachtessen zusammen einnehmen.
Nach dieser Besichtigungstour hatten wir etwas Zeit uns in unserem neuen Zuhause einzurichten und zu duschen, bevor es das Nachtessen gab. Das „Supper“ wurde dann bei Kerzenlicht serviert, weil um diese Zeit der Strom schon abgestellt wurde. Dies, so wurde uns gesagt, passiert fast jeden Abend so um 19.00 Uhr.
Nach dem Nachtessen verzogen wir uns alle auf unsere Zimmer. Ich habe auf meinem steinharten Bett noch etwas Tagebuch geschrieben. Da dies bei Taschenlampenlicht aber ziemlich mühsam ist, gab ich bald auf und schlief ein.
Saturday, 07.08.10
Schon wieder Taschenlampenlicht, dabei ist es noch nicht einmal Abendessens-Zeit.
Heute habe ich vier Tees und ein Glas Wasser in fünf verschiedenen Familien getrunken. Es war sehr viel los, obwohl es Wochenende ist, wo normalerweise keine Schule stattfindet.
Am Morgen hat uns Father Paul mit in die Stadt genommen, weil wir uns auf der Police-Station registrieren mussten.
Bis man wirklich in Kalimpong ist, geht’s noch ein ganzes Stück den Berg hinauf um viel Kurven und immer wieder an Häusern vorbei. Zum Glück konnten wir im Jeep der Schule mitfahren.
Beim ersten Kreisel stiegen wir dann aus. Die Police-Station ist ein unscheinbares normales Gebäude und alle Korrespondenz wird von Hand geschrieben. Wir mussten uns hinsetzen und unsere Pässe wurden genauestens begutachtet. Nachdem Valerie und ich beide einen Stempel bekommen hatten, liefen wir noch etwas durch die Stadt. Gar nicht so einfach, mit Father Paul Schritt zu halten, der sich geschickt zwischen hupenden Autos und Massen von Menschen durchschlängelt. Er zeigte uns kurz den riesigen Markt, der immer samstags stattfindet. Hier mixten sich die Düfte vieler Gewürze und etliche andere Aromen in de feucht-warmen Luft.
Danach zeigte uns Father Paul wo wir Geld wechseln können. Erst betraten wir ein Geschäft, wo viele Antiquitäten und religiöse Artefakte verkauft wurden. Weil ihm dieser Händler aber beim letzten Mal keinen guten Preis gemacht hatte, verliessen wir das Geschäft gleich wieder und gingen ein Haus weiter. Nach einigen weiteren Einkäufen fuhren wir aber ziemlich bald zur Schule zurück.
Wir beiden „weissen“, blonden Mädchen waren die ganze Zeit über von allen Leuten angestarrt worden, einige hatten uns sogar fotografiert. Daran muss ich mich wohl noch gewöhnen.
Was mir ausserdem in der Stadt auffiel: Trotz meiner eher geringen Grösse von 1.61m gehöre ich hier zu den Grösseren und kann praktisch über alle hinwegsehen. Ein wirklich komisches Gefühl! J
Nach dem Lunch und einer Siesta, weil es einfach zu heiss war, gingen wir mit Father P’tel das neue Schulgelände besichtigen, wo in einigen Jahren die neue Gandhi Ashram School entstehen wird. Dies ist deshalb nötig, weil das alte Gelände langsam abrutscht. An einigen Stellen ist es wirklich gut sichtbar wie der Boden langsam den Hang hinunter rutscht.
Father kraxelte flink Hügel um Hügel hinauf und ich kam ziemlich ins Schwitzen.
Das neue Gelände ist sehr schön gelegen und bietet viel Platz. Momentan gibt es noch einige Reisfelder da, diese werden aber bald aufgeschüttet und bieten dann eine ideale Fläche für einen grossen Platz.
Nach dieser Begehung besuchten wir eine erste Familie, die gleich neben dem Gelände wohnt. Vor dem Eintreten ins Haus, ziehen hier alle ihre Schuhe aus. Hier habe ich auch zum ersten Mal gemerkt, warum es so praktisch ist, Flip-Flops zu tragen: es erleichtert das An- und Ausziehen enorm, wenn man die „Schuhe“ einfach abstreifen kann!
Dieses Haus war sehr spärlich möbliert. Als wir eintraten, mussten wir über einen kleinen Jungen steigen, der auf dem Boden schlief. Zwei weitere Kinder starrten fasziniert auf den Fernseher. Uns hat man gleich Plastikstühle angeboten, während alle anderen auf dem Boden kauerten.
Das mit dem Fernseher ist so eine Sache: Egal, wie arm die Familie ist, sobald Strom da ist, gibt es auch einen Fernseher. Mit dem Handy ist es ähnlich. Weil es eigentlich kein Festnetz gibt, das wirklich gut funktioniert, hat hier jede Familie mindestens ein Handy.
Bei diesem Besuch sassen wir also da, lauschten den Gesprächen auf Nepali, liessen uns anstarren und bekamen dann ein Glas lauwarmes Wasser serviert. Dieses schmeckte ziemlich stark nach Rauch und Feuer, es war also sicher umaleko = abgekocht. So besuchten wir noch weitere vier Familien, wo wir schon mal ein paar unserer zukünftigen Schüler kennen lernen konnten. Alle fragten uns nach unseren Namen und wir hörten viele fremd klingende Namen. In allen Familien lief der Fernseher und überall wurden wir mit stark gesüsstem Tee bewirtet.
An einem Ort lernten wir eine sehr aufgeweckte 4.Klässlerin kennen, Supriya. Sie spricht schon sehr gut Englisch, nahm uns einfach bei der Hand und schwatzte munter drauf los.
Dinner, wie immer sehr scharf gewürzt, gab es um 19.15 wieder bei Kerzenlicht. Vorher zeigte uns Sara aber noch die absolut traumhafte Aussicht vom Dach unseres Hauses aus. Weil die Elektrizität ausgefallen war, konnte man wunderbar den Sternenhimmel sehen. Drüben in Sikkim glitzerten die Lampen (kein Stromausfall) und in der Luft schwirrten Glühwürmchen herum. Einfach bezaubernd!
Das Essen ist übrigens sehr schmackhaft aber auch meistens ziemlich bis sehr scharf. Es gibt eigentlich immer mittags und abends Reis, Gemüse und manchmal Fleisch.
Um ca. 20.30 Uhr nach dem Abwaschen verzogen wir uns dann alle auf unsere Zimmer. Und dann fiel ich auch schon bald in den Schlaf.
Ab und zu höre ich nachts die Lastwagen vorbeidonnern, Autos gefüllt mit Hindus vorbeirattern, die laut singen und Parolen schreien, Hunde streiten, bellen und jaulen oder Leute keifen miteinander. Die Zikaden zirpen durchdringend und andauernd, doch trotz alldem und der Hitze schlafe ich friedlich und lange.
Sunday, 08.08.10
Eigentlich wollten wir die Messe besuchen, doch wir haben dem Boarder Boy Sunaam auch versprochen in seine Schule zu kommen und das Musical zu sehen, in dem er gerade mitspielt.
Da er schon um 10.00 Uhr losgehen wollte und die Messe um 8.00 Uhr gewesen wäre und wohl länger gedauert hätte, haben wir uns am Morgen Zeit gelassen und sind nicht allzu früh aufgestanden.
Valerie ist ein wenig erkältet und hat leicht erhöhte Temperatur, trotzdem ist sie auf und will unbedingt mitkommen in die Schule.
Zusammen mit Sara haben wir gefrühstückt. Da es keinen Strom gab, habe ich Porridge auf dem Gasherd improvisiert. Das stellte sich als gar nicht so schwierig heraus und hat auch noch gut geschmeckt.
Um 10 Uhr hat uns Sunaam dann abgeholt und wir sind losgelaufen, alles bergauf. Gandhi Ashram befindet sich an der 6th Mile, die Schule an der 8th Mile, das heisst sie ist zwei Meilen weiter den Berg hinauf. Trotz Abkürzungen, die alle beinahe senkrecht irgendwo hinaufführten, brauchten wir für die Strecke gute anderthalb Stunden und es war sonnig heiss und dazu auch noch feucht. Ein wirklich anstrengender Marsch!
Wir kamen ganz verschwitzt und durstig in der Schule an und wurden dann in einen Raum geführt, der zum Glück mit einem Ventilator ausgestattet war.
Hier trafen wir dann auch vier irische Volunteers die über den Sommer für zwei Monate an verschiedenen Schulen hier in Kalimpong gearbeitet haben. Sie luden uns gleich zum Lunch mit den Schwestern der Schule ein.
Das Musical startete dann um zwei Uhr und handelte von Daniel in der Löwengrube. Es wurde auf English aufgeführt und obwohl die Schüler nur gerade zwei Wochen Zeit gehabt hatten um es einzustudieren, haben sie es hervorragend gemeistert. Besonders beeindruckt war ich vom Stimmvolumen dieser Jugendlichen!
Nach der Aufführung bekamen wir nochmals etwas zu essen und dann machten wir Volunteers uns auf den Heimweg.
Total erschöpft kamen wir um ca. fünf Uhr nachmittags an, ich legte mich hin und döste ein wenig. Noch nie zuvor in meinem Leben bin ich drei Stunden in Flip-Flops herumgewandert J !!
Jetzt nach dem Supper hat es erstaunlicherweise immer noch Licht und so schreibe ich noch ein wenig, aber nicht mehr allzu lange, denn morgen will ich fit sein für unseren ersten Tag mit allen Schülern. „How exciting“!! Ich freue mich sehr darauf.
Monday, 09.08.10
Wow, was für ein Tag! Es ist nach sechs Uhr abends, die Zikaden zirpen wie verrückt, ich sitze auf dem Dach und höre rund um mich viele Alltagsgeräusche, die mir schon sehr vertraut sind.
In meinem Zimmer ist es stickig heiss, deshalb geniesse ich das wenigstens ein bisschen frische Lüftchen, das hier oben weht. Es riecht nach Räucherstäbchen und die Luft ist so feucht, dass man meint, Regentröpfchen mit der Hand fangen zu können.
Heute war also der erste Unterrichtstag. Begonnen hat es damit, dass ich von den vielen Autos und Lastwagen aufgewacht bin, die an meinem Zimmer hupend vorbeiziehen. Ausserdem haben die Hunde die ganze Nacht verrückt gespielt. Noch im Halbschlaf hörte ich dann das Trappeln von vielen kleinen Füssen, Gelächter und Gekreische; die Schüler trafen langsam ein.
Um 7.15 Uhr waren Valerie und ich dann unten in der Schule und konnten mit ansehen wie alle schön aufgereiht zuerst beteten und dann ihren Frühstücksbrei kriegten. Vorher hatten wir schon ungefähr hundertmal mit „good morning“ auf die vielen „good morning miss“ geantwortet.
Während die Kinder frühstückten, gingen auch wir hinauf in den Staff-Room um etwas zu essen. Es gab scharfen Kichererbsenbrei und Chappatis.
Um 8.15 Uhr fand dann die „Assembly“ in der grossen Halle statt. Das heisst, alle Schüler ausser die achte Klasse und der Kindergarten treffen sich hier, aufgereiht nach Klassen und jeweils in Jungen- und Mädchenreihen unterteilt. Fast etwas militärisch erschien mir das kleine Exerzitium von „Habachtstellung – stand at ease – hab acht – etc.“. Danach wird das „Vater unser“ gebetet und gleich anschliessend die Nationalhymne gesungen. Danach hielt Father P’tel eine kurze Ansprache über „Honesty“ = Ehrlichkeit und anschliessend wurden wir vorgestellt und uns wurde beiden ein Willkommensschal um den Hals gelegt.
Dann konnten wir uns auch selbst noch kurz vorstellen und anschliessend wurden alle Schüler in die Klassen geschickt.
In der ersten Stunde begleitete ich Sara, die alle kleinen Jungs dieser Klasse zu betreuen hatte. Was für ein Flohzirkus! Beim Singen ging es ja noch einigermassen, aber nachher mit den Blockflöten… no way!!
Die Jungs tanzten uns einfach auf der Nase herum und waren nicht zu bändigen.
In der zweiten Lektion trafen wir uns mit Father Paul um ein wenig zu besprechen, was wir machen sollen. Ich habe vorgeschlagen die riesigen Klassen zu unterteilen, damit wir den einzelnen Kindern mehr Aufmerksamkeit schenken können. Dies werden wir in den kommenden Wochen ausprobieren.
Der Rest des Tages erscheint mir nun etwas „blurry“, also irgendwie verschwommen und undefiniert.
Ich weiss nur noch, dass ich etlichen Kindern gesagt habe, sie sollen ihre „Recorders“ = Blockflöten waschen, dass ich die ersten paar Töne auf der Blockflöte ungefähr tausend Mal gezeigt habe und dass ich viel Cello-Unterricht gegeben habe.
Ausserdem hatten wir Tea-Break und Lunch mit den Lehrern und später Supper mit den Boarder Boys.
Vor dem Nachtessen war ich sogar noch so fit, dass ich Lust hatte etwas für mich zu üben. So habe ich mir eine Violine geschnappt und habe ungefähr eine Stunde vor mich hin geübt.
In der Nacht gab es ein schweres Gewitter, mit richtig heftigem Gedonner.
Tuesday, 10.08.10
Oh mein Schreck! Ich habe mich gerade dabei erwischt, wie ich geschlagene fünf Minuten an eine Wand gestarrt habe, ohne wirklich etwas zu sehen. J
Der Morgen fing schon sehr ermüdend an, weil ein Lehrer beim Assembly eine nicht enden wollende Geschichte erzählt hat. Draussen war es zur Abwechslung mal etwas kühler aber sehr diesig.
Was ich vom Rest des Tages noch weiss?
Ich habe wohl noch NIE so viele Stunden am Stück Musik gemacht! Singen, Rhythmus, Blockflöte, Cello, Violine und Viola.
Das heisst, ich habe in drei verschiedenen Schlüsseln Musik gespielt und zwei Instrumente unterrichtet, die ich selbst erst gestern gelernt habe J. How strange!
Ich habe, so glaube ich zumindest, das System der Lektionen begriffen, habe mir viele Namen der Kinder aufgeschrieben und versuche, auch hier etwas Ordnung zu halten.
Heute hat ausser dem Junior Orchestra auch das Senior Orchestra geprobt. Weil keine Bratsche da war, habe ich diesen Part übernommen. Vom ersten Stück gab es pro Stimme nur ein Notenblatt. Also starrten in der ersten und zweiten Violine jeweils ca. zwölf Leute ins gleiche Blatt, das erst noch handgeschrieben war! Aber es hat geklungen, und wie.
Nun zu etwas ganz Anderem: Heute nach dem Lunch kam ein kleines Mädchen ganz aufgebracht zu mir: „Miss, miss, I waited you yesterday! Where were you? You come my house, yes? Today 5 o’clock, yes”?
Und gerade jetzt als ich das schrieb kam sie auch wieder um die Ecke, um mich zu fragen. Was für ein lustiger Zufall! Sie will mich unbedingt zu sich nach Hause mitnehmen und ich werde wohl auch mal mitgehen, wenn ich mich etwas besser im Stundenplan auskenne und nicht mehr jeden Abend so erschlagen bin.
Valerie hat übrigens einen sehr talentierten Klavierschüler, Jerome. Gestern hat er zum ersten Mal überhaupt Klavier gespielt und gleich die C-Dur Tonleiter beidhändig gelernt. Heute hat er dann gleich ein ganzes Klavierstück beidhändig gelernt und kann es schon fast auswendig spielen.
Drei meiner Cello Schüler waren heute auch ganz entzückend. Wir haben „Twinkle, twinkle little star“ geprobt und sie wollen es mal beim Assembly vorspielen. Deshalb wollen sie auch zusätzlich proben kommen. Mal sehen wie sich das ergibt.
Jetzt sitze ich übrigens gerade wieder auf dem Dach. Es ist halb sieben und es wird langsam dunkel. Im Moment gibt es keinen Strom und so ist das Dach der angenehmste Ort. Genug hell um zu schreiben und dazu etwas windig, um sich abzukühlen… wären da nur nicht die Moskitos, die gerade meine Füsse auffressen!
Links von mir am Himmel sehe ich die Venus hell leuchten, rund um mich herum ragen die Armierungseisen hervor: Man kann ja schliesslich nie wissen, wann mal noch einen Stock auf das Haus draufsetzen will… J Hinter mir plätschert das Wasser aus den grossen, schwarzen Tanks hinunter zu Valerie, die wohl gerade duscht. Ich gehe jetzt auch rein, wasche meine Füsse und dann gibt es wohl bald Dinner: Reis! What else…
Nachtrag zu heute Abend: Überraschung! Es gab gar nicht Reis, wie üblich, sondern Nudeln J!!
Wednesday, 11.08.10
Gerade konnte ich beobachten, wie ca. 20 Kinder in einen Jeep reinkletterten. Es ist ein Teil der vierten Klasse, die heute Nachmittag ein Spezialprogramm in einer anderen Schule mitmachen kann.
Heute ist es mir ausserdem geglückt, während der Teepause den Stundenplan im Lehrerzimmer abzuschreiben. So langsam bekomme ich eine Ahnung, wie es hier läuft. In den Klassen 1-3 haben wir Teams gebildet, „Team Valerie“ und „Team Rahel“. So habe ich jetzt schon Namenslisten der Boys von Class 3 and 2. Cello habe ich heute noch nicht unterrichtet, weil die vierte Klasse Theorie hatte.
Diese Freistunde gab Valerie und mir Gelegenheit, im kleinen Shop, gleich neben der Schule, einzukaufen. Ich erstand zwei Rollen WC-Papier und ein Pack Waschmittel für 50 Rupien, es hat also etwas mehr als einen Franken gekostet. WC-Papier ist hier Luxus und ich glaube ausser uns „Foreigners“ benutzt es fast niemand.
Übrigens, nach der ersten Stunde am Morgen ist meistens eine Freistunde, was ich wirklich gut brauchen kann. Die Boys der ersten Klasse führen sich nämlich auch in den unterteilten Gruppen wie ein Haufen Flöhe auf!
In Class 3 habe ich „meinen“ Jungs heute ein neues Lied beigebracht. Ich habe es gestern selbst komponiert. Erstaunlich wie schnell sie lernen, wenn sie mitmachen! Sie schauen und hören zu und machen gleich mit, bis es funktioniert.
Am Nachmittag hatte ich nicht so viel zu tun, weil anscheinend alle Klassen am Mittwoch Theorie haben. Meine Class 5 Celloschüler sind trotzdem zum Üben gekommen, weil sie morgen im Assembly spielen wollen. Leider ist von drei Schülern einer nicht gekommen.
Also habe ich mit Anil und Layshering „Twinkle, twinkle“ geprobt. Layshering ist schon sehr geübt, er findet die Töne gut und hat auch sehr kreative Ideen. Anil rutscht oft noch mit der linken Hand Richtung Schnecke, wenn er sich aber richtig Mühe gibt, klappt es auch ganz gut. Eigentlich wollten die beiden nach der Schule nochmals kommen und proben. Dann war aber das Fussball spielen doch interessanter.
Mit der achten Klasse ist uns heute noch ein Faux-pas passiert. Da wir nicht wussten, dass sie eigentlich Theorie haben, dachten wir uns nichts dabei, als sie ihre Instrumente auspackten. Die beiden Musiklehrer waren nirgends zu sehen und so fing ich halt an, mit ihnen für das Junior Orchestra zu proben. Plötzlich tauchte dann Mr. Rudra doch noch auf und schimpfte mit den Schülern. Sie dürfen schon proben, statt in die Theorie zu gehen, aber sie müssen es vorher sagen. So standen an diesem Nachmittag die beiden Musiklehrer ohne Schüler da, warteten vergeblich und waren natürlich etwas böse.
Es wurde dann aber trotz Allem noch eine erfolgreiche Probe, die ich grösstenteils alleine leiten konnte.
In der Pause, bevor das Junior Orchestra probte, konnte ich ein paar Mädchen beobachten, die indische Tänze probten für den Talent-Wettbewerb nächsten Freitag. Schön anzusehen!
Heute hat mir das scharfe Essen zum ersten Mal etwas zugesetzt. Beim Mittagessen habe ich irgendwie nicht aufgepasst und plötzlich brannte mein Mundwinkel wie verrückt. Glücklicherweise ist das Brennen jetzt am Abend schon fast verschwunden. Father P’tel hat uns erklärt, dass mit den scharfen Gewürzen der Geschmack des Essens verstärkt wird. Deshalb essen die Inder zusätzlich zum sowieso schon scharf gewürzten Essen meist eine Chilischote noch extra mit.
Viele Kinder bringen solche Chilischoten von zu Hause mit für das Mittagessen. So hat mein Celloschüler mir heute erzählt, er habe eine Chilischote in die hintere Hosentasche gesteckt. Leider ist sie geplatzt und ihn hat es den ganzen Nachmittag lang gejuckt und gebrannt. J
Um halb fünf heute Nachmittag waren wir mit dem Junior Orchestra fertig und ich hatte frei. Also habe ich meine Noten geholt und noch ein Stündchen geübt. Es tut gut auch etwas für mich zu machen und es ist ein super-gutes Gefühl Bach mitten in den indischen Bergen bei feucht-heissem Nachmittagsklima und offenen Fenstern zu spielen. Die Geige ist nicht wirklich gut, der Notenständer hat genau eine Höhe, aber es geht auch so. Obwohl alles klebt, ich total verschwitzt bin und müde von der Arbeit, macht es richtig Spass zu üben! Ein echt tolles Gefühl!
Der Tagesrhythmus der sich langsam einpendelt gefällt mir auch sehr: Um ca. 6.45 Uhr stehe ich auf, schreibe Noten, wasche Kleider oder dusche eiskalt. Gegen halb acht Uhr gehe ich dann zum Frühstücksraum. Falls es Strom hat, gibt es Tee mit Milch, sonst heisse Milch mit einem Teebeutel drin und stark gezuckert.
Um 8.15 Uhr ist Assembly, dann beginnen die Klassen. Lunch ist von 12 bis 13 Uhr, am Nachmittag arbeite ich bis halb fünf, oder wenn das Senior Orchester auch Probe hat, bis halb sechs. Um 19.15 Uhr ist dann Dinner mit den Boarder Boys.
Danach lese ich noch etwas oder schreibe, ordne Noten und so um halb Zehn schlafe ich, weil dann spätestens der Strom weg ist.
Bis jetzt waren die Nächte so genug lang, aber nicht wirklich ruhig. Die Jeeps und Lastwagen hupen andauernd, immer wenn sie um eine Kurve fahren… das habe ich zum Glück aber schon gelernt, weitgehendst auszublenden. Aber anscheinend ist gerade Dog-Season. Diese dummen Viecher spielen wirklich jede Nacht verrückt, bellen und jaulen in den höchsten Tönen, kämpfen um die Weibchen, beissen und jagen sich wie toll. Ich hoffe das geht bald vorbei!!
Thursday, 12.08.10
Taschenlampe! Wenigstens habe ich es geschafft, noch bei Licht zu duschen. Das war heute sehr nötig, weil es unvorstellbar heiss war.
Ich bin heute früh um sieben schon runter in die Schule gelaufen, weil ich nicht genau wusste, ob meine Cello-Jungs jetzt wirklich im Assembly spielen wollten.
Anil und Layshering haben mich auch sofort gesehen und kamen angerannt: „Miss, Miss we can’t play today, Eric is here again and he wants to play too. We have to practice, Miss, …”
Also werden wir das Vorspiel wohl noch etwas verschieben.
Nach dem Assembly haben wir erst mit den 1.Klässlern eingeturnt, wie jeden Morgen. Dann haben wir Teams der Mädchen gebildet und ich bin mit meiner Gruppe in den unteren Musikraum gegangen. Wir haben einige Lieder gesungen, dann war die Stunde auch schon wieder um.
Mit der zweiten Klasse beschäftigten wir uns heute nicht, weil die Klassenlehrerin ein Lied einstudieren wollte.
Da aber gerade heute Saiten eingetroffen sind, hatten wir auch so mehr als genug zu tun. Statt „nur“ neue Saiten aufzuziehen wo nötig, beschlossen wir, gleich auch alle Geigen zu putzen und durch zu checken. Was für eine Arbeit!
Meine Finger waren anschliessend ganz dreckig, sowie rau und aufgeschürft vom vielen Wirbel und Feinstimmer drehen. Wir haben insgesamt sicher über 40 E-Saiten neu aufgezogen und ein paar andere dazu.
Als ich bei einer Violine gerade die Saiten stimmen wollte, hatte ich plötzlich das Griffbrett in der Hand! Es hat sich einfach gelöst und ist abgerutscht!
Die dritte Klasse, welche als nächste an der Reihe gewesen wäre, probte für den Talentwettbewerb, so haben wir bis zur Tee-Pause weiter geputzt. Und da Class 7 heute Theorie hatte ging das Putzen munter weiter.
Als wir dann fertig waren, beschloss ich duschen zu gehen und vor dem Lunch noch Wäsche zu waschen, weil diese bei dem unerbittlich heiss-sonnigen Wetter sicher gut trocknen wird.
Nach dem Lunch kam ich etwas früher wieder herunter und Anupa und Sangay, zwei 6.Klässlerinnen aus dem Junior Orchestra, nahmen mich auch gleich in Beschlag. Ich übte also mit den beiden die Orchesterstücke. Meine Energie hielt sich wegen der Hitze in Grenzen, den beiden ging es ganz ähnlich, doch sie spielten trotzdem wirklich gut und versuchten auch meine Anmerkungen möglichst genau umzusetzen.
Die siebte Lektion war frei. Ich plauderte etwas mit Mr. Kalam, dem einen Musiklehrer und tat auch einfach mal nichts.
Diese alles erdrückende Hitze ist für August überhaupt nicht normal. Eigentlich sollte es um diese Jahreszeit regnen!!
In der letzten Stunde sollte ich mit zwei Viertklässlern Cello üben. Ausserdem tauchten aber auch die 5.Klässler Eric, Anil und Layshering auf, um „Twinkle, twinkle“ zu proben. Ich schickte alle in den Kindergartenraum. Da liess ich dann Jenny in der einen Ecke für sich üben und probte mit den anderen Dreien „Twinkle“. Eric hat Violine gespielt, die anderen Beiden Cello. Bald merkte ich, dass Jenny uns genau beobachtete und auch Twinkle spielte. Also fragte ich sie, ob sie morgen auch mitspielen wolle, beim Assembly.
Jenny spricht überhaupt nicht. Die einzige Reaktion, die ich von ihr bekomme ist ein Kopfschütteln für Nein und ein sehr sanft anmutendes ‚Kopf von der einen Seite auf die andere wiegen’ für Ja.
Diesmal hat sie gar nicht reagiert. Dafür haben die Jungs umso mehr auf sie eingeschwatzt, und zwar auf Nepali. Ich habe sie sofort aufgefordert Englisch zu sprechen und mir zu sagen, was sie da gerade zu Jenny gesagt haben.
Erst wollten sie Jenny nicht dabei haben, sagten, sie müsse sich dann aber auch hübsch anziehen und eine Schleife ins Haar binden etc…. Doch schliesslich willigten alle, einschliesslich Jenny, ein und so werden wir wohl morgen beim Assembly spielen.
Diese Geschichte hatte übrigens noch ein Vorspiel:
Father P’tel hatte mir nämlich gerade heute Morgen von Jenny erzählt. Seit ihre Grossmutter gestorben ist, lebt Jenny anscheinend in verschiedenen Häusern. Sowohl ihre Mutter, wie auch ihr Vater „wechseln“ oft die Häuser, wie es Father umschrieb. Mit ihrer Stiefmutter hat sie sich überhaupt nicht verstanden und nur gestritten. Deshalb schauen nun Verwandte zu ihr.
Anscheinend kleidet sie sich oft etwas eigenartig, trägt z.B. drei T-Shirts übereinander. Das haben ihr die Lehrer nun aber langsam abgewöhnt.
Weil sie etwas langsam ist und sich eben manchmal unpassend kleidet, wird sie von den anderen Kindern gehänselt. Die zwei Cellostunden, die ich bisher mit ihr hatte, haben mir aber gezeigt, dass Jenny sehr aufmerksam zuhören kann, ein feines Gehör hat und die Musik schnell begreift.
Gerade wegen der ganzen Geschichte war es mir deshalb heute besonders wichtig, Jenny mit einbeziehen zu können.
Nach der halbstündigen Pause von drei Uhr bis halb vier hat das Junior Orchestra wieder geprobt. In der Pause hat Mr. Rudra ein paar Schüler ums Klavier geschart und sie haben eine nepalische Volksweise einstudiert.
Nach der Stunde mit dem Junior Orchestra waren heute auch wieder die Seniors dran. Ich spielte wieder Bratsche und hatte heute auch einen Bratschenkollegen, der sehr aktiv spielt und sich auch gerne unterhalten hat. Es war sehr unterhaltsam, um halb sechs bin ich dann aber zu meinem Zimmer mehr geschlichen als gelaufen, weil ich so kaputt von dem Tag war. Das Licht hat dauernd an- und abgestellt und ein Gewitter zog auf. Die gelblich-dunklen Wolken sahen echt spektakulär aus!
Bald fing es dann auch zu regnen an und so wird es wohl die ganze Nacht weitergehen.
Nachtessen hatten wir wieder zur Hälfte bei Kerzenlicht, doch jetzt ist die Elektrizität komischerweise wieder da.
Anscheinend hängt das mit einer politischen Geschichte zusammen: Hier in den „Hills“ wollen die Gurkhas autonom werden und Gurkhaland gründen. Deshalb bezahlen sie seit zwei Jahren keine Steuern mehr, also auch nicht mehr für die Elektrizität. Um dies zu bestrafen, stellt die Regierung regelmässig so zwischen sieben und neun Uhr abends den Strom ab, meist für die ganze Nacht. Manchmal gibt es auch am Morgen oder mitten am Tag kein Licht.
Man gewöhnt sich aber an alles und schliesslich gibt es ja Taschenlampen, Kerzen und Gasherde… so ist für alles gesorgt.
Friday, 13.08.10
Heute habe ich zum Frühstück nur zwei Scheiben Toastbrot runtergeschlungen, weil ich mit meinen Cello-Schülern noch vor dem Assembly üben musste. Die Kinder haben sich dann bei der Probe auch wirklich Mühe gegeben und immer wieder einen Durchgang spielen wollen.
Jenny war etwas spät aufgetaucht und so habe ich sie ermahnt, sich mit dem Frühstück zu beeilen, damit sie dann bald zur Probe kommen kann.
In der Probe war sie dann die Erste, was mich erstaunt hat, bis ich merkte, dass sie immer wieder verstohlen etwas in den Mund schob. Sie hat gar nichts zum Frühstück gegessen und stattdessen nur ein wenig an ihren Maiscrackern geknabbert. So wichtig war es ihr, mit dabei zu sein!
Der Auftritt selbst war dann einigermassen gut. Nicht immer lupenrein in der Intonation, doch Layshering hat vor dem Spielen eine schöne Ansprache gehalten und wir konnten alle drei abgemachten Durchgänge ohne Unterbrechung spielen.
Mit meinen Class 1 Jungs habe ich heute schön gesungen, und als sie auch mit Bewegungs-Gesangsspielen nicht mehr ruhig zu halten waren und nur noch rumgezappelt haben, liess ich sie mit Rasseldöschen spielen. Da konnten sie sich auch gegenseitig etwas vorrasseln und dann erraten was in den einzelnen Döschen war.
Die zweite Stunde war frei. Sara hat nach Valerie gesehen, die mit Fieber und Durchfall im Bett liegt.
In der dritten Stunde haben wir mit den Mädchen der dritten Klasse Teams gebildet. Diese sind sehr lernwillig und können schon gut Blockflöte spielen und auch Noten lesen.
Ich habe ihnen ein kleines Lied an die Wandtafel geschrieben und bis zum Ende der Stunde konnten sie es alle ganz gut zusammen spielen.
Nach dem Tea-Break hatten wir wieder eine Freistunde und ich hörte erst zu wie Mr. Rudra wieder mit einigen Schülern das Nepali-Stück übte und spielte dann gleich selbst mit. In der fünften Stunde wollte er noch etwas weiter an besagtem Stück proben und so haben Sara und ich alle Zweitklässler auf dem grossen Platz vereint. Die erste grosse Aufgabe war es nun, diese Kinder einigermassen geordnet hinzustellen und sie irgendwie ruhig zu bekommen. Dann haben wir verschiedene Lieder gesungen, Klatschspielen gemacht und einige andere Spiele ausprobiert bis zum Lunch. Das hat Spass gemacht!
Freitagnachmittag finden immer spezielle Kurse statt. In der grossen Halle fand die letzte Auslese für den Talentwettbewerb statt. Ich ging deshalb mit Sara mit zur Zeichenklasse.
Heute war das Thema „Quick Portraits“. Die Schüler hatten jeweils zwischen 30sec. und 5min. Zeit um eine bestimmte Pose zu zeichnen. Der Lehrer, Sara und ich standen Modell und es war zum Teil ganz erstaunlich, was die Schüler da aufs Papier zu bannen wussten.
Um halb vier hat wieder das Junior Orchestra geprobt. Sie üben nun jeden Tag, weil sie am Sonntag in Sikkim spielen werden. Gegen Ende der Probe kamen noch die irischen Volunteers der anderen Schule vorbei, sahen etwas zu und tranken anschliessend mit uns eine Tasse Tee. Viel mehr habe ich an diesem Abend nicht mehr gemacht und nach dem Supper verabschiedete ich mich auch ziemlich schnell um schlafen zu gehen.
Saturday, 14.08.10
Jetzt hat es mich also auch erwischt!! Mitten in der Nacht fing es an mit extremen Bauchkrämpfen… den ganzen Samstag habe ich im Bett verbracht. Ab und zu hatte ich Fieber und ansonsten sind die Bauchschmerzen immer wieder wellenartig gekommen und gegangen.
Mehr gibt es also zum Samstag nicht zu berichten…
Sunday, 15.08.10
Happy Independence Day India!!
Heute ist der Unabhängigkeitstag Indiens, deshalb haben auch die meisten Kinder am Freitagnachmittag kleine Indien-Flaggen gebastelt und auf ihre T-Shirts geklebt.
Ich fühlte mich heute Morgen fit genug um die Kirche zu besuchen.
Wir drei Volunteers haben uns um ca. 7.50 Uhr auf den Weg die Strasse runter zum Parish gemacht. Beim Laufen spürte ich die Bauchschmerzen wieder, es ging aber gerade noch so…
Die Messe war ziemlich lang, vor allem weil sie auf Nepali gehalten wurde und wir darum so ziemlich nichts verstanden. Es waren nicht so viele Leute da, weil viele in die Stadt gegangen waren, um die Paraden der Schulen zu sehen, die heute alle von verschiedenen Seiten der Stadt ins Zentrum einmarschiert sind.
Nach der Messe assen wir mit Father Paul, Father P’tel, Brother Ashee und Brother Jon Frühstück. Ich hatte erstaunlicherweise wieder Appetit und ass ein wenig mit.
Danach gingen wir zurück zur Schule. Wegen der Hitze und auch wegen unserer „Illness“ fühlten wir uns alle ziemlich schlapp und legten uns hin.
Und da liege ich nun immer noch. Leider sind die Schmerzen stärker wieder zurückgekommen und nun hat sich auch noch Durchfall dazugesellt. Somit bekomme ich vom Independence Day nicht allzu viel mit über. Ich hoffe aber, dass ich morgen wieder auf den Beinen bin, oder dann spätestens am Dienstag, wenn der Schulalltag wieder beginnt.
Wegen dem Feiertag haben die Schüler nämlich morgen frei bekommen.
Wenn es uns besser geht, werden wir wohl nach Darjeeling fahren, Valerie weil sie sich dort registrieren muss, Sara und ich einfach so zum Vergnügen. Also mal sehen….